Arno Reinfrank: Poesiealbum 211

Reinfrank/Sandberg-Poesiealbum 211

POET DER FAKTEN

Beäugen mich die Wissenschaftler nicht
wie einen Ankömmling von einem anderen Planeten?
So fern verstehen sie die Welt,
in der sie täglich handeln, von der Welt,
in der Poeten handeln. Denn es heißt,
daß diese einem sonderlichen Zoo entstammten
mit Rilke vorn am Kassenhäuschen,
mit Goethe/Schiller im Gehege
für Elefanten. Ringelnatzen turnt
mit Heine auf den Kletterstangen.
Im Tropenhaus, wo man sein Gähnen nicht verbirgt,
bibbern Nobelpreisträger.
Für andre Spezies ist man viel zu müde,
worauf man sich im Restaurant
ein Bier bestellt – der Sonntagsausflug
der Wissenschaftler durch die Poesie
ist schon zu Ende. Bis man an mir
den Fuß sich stößt  und stehenbleibt
und sich verwundert: es gibt einen,
der plastisch nach dem Unerforschten zielt.
So nah verstehe ich die Welt,
in der sie täglich handeln, zu der Welt,
in der die Fakten eine eigne Poesie entwickeln.

 

 

Arno Reinfranks Dichtung

− eine Poesie der Fakten. Gewachsen aus den Traditionen Heines und Brechts, verwurzelt im kämpferischen Antifaschismus, beschwörend die Stimme der Vernunft und des Friedens, läßt sie uns teilhaben an seiner hoffnungsvollen Entdeckung der Welt. Er schreibt Mutgedichte – für sich und seine Leser.

Klaus Walther, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1985

 

Gegen Levjatan

Seine ersten Gedichtbände, die in der DDR erschienen, hießen Pfennigweisheiten (Aufbau-Verlag, Berlin 1959) und „Fleischlicher Erlaß“ (Aufbau-Verlag, Berlin 1961). In beiden Büchern erwies sich sein „rheinisch-jüdischer Humor der Überlebenskunst“ ebenso wie eine Affinität zu Heinrich Heine als fruchtbar. Zu diesem zog es Arno Reinfrank auch aus sozusagen historischer Sympathie. In der BRD – so schreibt er 1985 (Tatarische Liebe) von sich – „rückte mich mein gesellschaftspolitisches Engagement in behördliche Verdächtigungskreise, denen ich mich durch meine Auswanderung nach London vor 30 Jahren entzog“. 1982 wurde Arno Reinfrank zum Sekretär des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland gewählt.
Viel von seinem Wesen bekundet der „Kaddisch für Paul Celan“ in dem Band Die Totgesagten (Relief-Verlag, München 1973):

Paul Celan, neben Nelly Sachs der größte Gestalter jüdischer Leiderfahrung in der zeitgenössischen Lyrik, setzte seinem beinahe fünfzigjährigen Leben freiwillig ein Ende. Freiwillig? Er ist ein Opfer der Barbarei, obwohl er 1945 aus deren innerstem Ring… befreit wurde… Wir saßen im Arbeitszimmer der Ecole Normale Superieure, wo er Doktoranden die geliebte, zu Hause gesprochene und poetisch nicht verlassene deutsche Sprache anhand deutscher Dichter lehrte… Die Bemerkung von Adorno „nach Auschwitz kann man keine Gedichte mehr schreiben“ konsequent zu Ende gedacht, hätte bedeuten müssen, die Gefühle, die Gedanken und dann deutsche Worte werden, nachträglich einzuäschern. Mit der „Todesfuge“, diesem in alle Kultursprachen übersetzten Gedicht von Celan, und mit allen seinen anderen wurde Adorno widerlegt. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, heißt es darin. Darüber wurden die Kritiker lebhaft! Man kann gewiß sagen, Schmerz sei kein Programm. Aber die Anlässe für Celans Schmerzen, die entstammten einem Programm. Um das Ganze des Todes und des Lebens poetisch verdichten zu können, muß man das Ganze sehen.

Mit dem letzten Satz kehrt Reinfrank zu sich zurück. Eine aufs Ganze zielende Auskunft über ihn gibt der jetzt bei uns herausgekommene Gedichtzyklus Babylonische Lieder (Union Verlag, Berlin 1985). Man muß die Gestaltung des Bandes mit den Illustrationen von Harry Jürgens (die im Stil an Botticellis Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie erinnern) geschmackvoll nennen. Ein Gespräch, das Dorothea von Törne mit dem Autor führte, rundet die Ausgabe ab: „Waffen des Geistes gegen Levjatan.“
Die Waffen des Geistes aber haben „auch mit Humor, Lebensfreude, dem Strotzenden aller Genüsse des Lebens zu tun“.
Die Gedichte nehmen Tiere, die im Alten Testament auf verschiedene Weise erwähnt werden, als Anlaß oder als Ausgangspunkt für die freie Assoziation von Gedanken. So wird vom „Klippdachs“ oder Kaninchen des 104. Psalms zu Dachshaarpinseln übergegangen, die in den „Lagermuseen bei Brillen, Prothesen und Schuhen“ zuhauf liegen, und dann von einem Bittbrief berichtet:

Einen Juden, er überlebte in England,
erreichte 1945 ein Bittbrief.
Aus München kam die Klage
über unglaubliche Not im Land:
Es fehle an Dachshaarpinseln.
Es gäbe keine mehr.

Die Methode der scheinbar absurden poetischen Assoziation führt zu immer neuen, überraschenden Lösungen. Ein Vers aus dem Hohelied Salomos weckt den Gedanken daran, daß die Mörder nicht mehr die Beweise fälschen, sondern in Treue ihre Sache zu Ende bringen und nur die Erinnerungen fälschen. Mit hintergründiger Leichtigkeit wird dem phönizisch-biblischen Ungeheuer Levjatan (Leviathan) ein neuer Symbolgehalt unterlegt, die Vernichtungsdrohung von heute:

Vergraben im Sand und mit Tarnung benetzt,
liegt er vor uns und lauert.
Die Händler verschleppen ihm alles Gut,
er feilscht mit ihnen um Waffen.
Groß ist er und nicht groß:
Die Faust ihm auf die Stirn!

Das Gedicht „Der Madensack“ ist eine Paraphrase auf das alte Vanitas-Thema und wendet es ganz ins Diesseitige – da unsere Tage eilen, „warum da Askese und dem Tod einen Tanz“. Der „rätselhafte Beweis“, der im Überleben des Straußes liegt, gibt uns zu denken. Und der Stoßseufzer, wann das Gebot des Friedens „in das Gen programmiert“ werde, schlägt die Brücke zur „Poesie der Fakten“, der Reinfrank in vier Gedichtbänden nachhing, Mythen rationalisierend und wissenschaftliche Erkenntnisse poetisierend.
Ich entsinne mich, wie ich einmal Arno Reinfrank, als wir beide aus der Buchhandlung am Berliner Alexanderplatz kamen, entgegenhielt, daß Poesie nicht primär von den „Fakten“ der Wissenschaft, sondern von der Fülle und dem Wesen der Wirklichkeit ausgehe. Trotz unterschiedlicher Ansätze verstanden wir uns. Denn auch ich weiß wissenschaftliche Erkenntnisse zu schätzen. Denn auch Reinfrank zielt auf die Realität, was mir seine Babylonischen Lieder auf nachdrückliche, schöne Weise wieder vor Augen rücken.
Dasselbe tun seine Gedichte über die Sowjetunion, die in dem Band Tatarische Liebe (Asso Verlag, Oberhausen 1985) vereint sind. Fasziniert zeigt sich der Autor von der Natur und den Landschaften im Hohen Norden und im Fernen Osten, vom Alltag der Menschen in der Ukraine und in Sibirien, am Schwarzmeer und in Dagestan:

Wenn sie hier singen, lockt ihre Stimme
die Schlangen aus den Spalten im Stein.
Wenn sie fabulieren, reiten Nacht und die Sterne
auf goldgesattelten Rappen ein.

Oftmals folgen auf farbige Impressionen Wendungen von der Art:

Nein, darauf schießen wir nicht.

Dieses Stereotype hat zweifellos seine Berechtigung. Die darin liegende künstlerische Vereinfachung ist ebenfalls offenkundig. Ohne die gleichförmige Wiederholung des Grundgedankens könnte jedes der hier versammelten Gedichte noch individueller, konkreter, wirksamer sein. Sicher streift manches nur die Oberfläche; die Sicht auf Probleme ist nicht immer unvoreingenommen. Aber das humanistische Grundanliegen bleibt immer deutlich. Es ist wohl erst richtig zu ermessen, wenn man das gesellschaftliche Umfeld bedenkt, in das Autor und Verlag eine solche Publikation über Landschaft und Menschen in der Sowjetunion stellen:

Das sind ein paar Krümel
zerriebener Machorka
aus dem Bauernalltag.
Dort stünde dein Feind?
Glaub ihnen nicht.

Ich sehe es nicht als Zufall an, daß Reinfrank als Titelbild für die „Tatarische Liebe“ – ebenso wie ich als Titelbild für zwei meiner Bücher – ein Werk des weltberühmten Armeniers Minas Awetisjan gewählt hat. Es kann Gemeinsamkeiten unter den Autoren einer Generation geben, die auf gemeinsamer Erfahrung und nicht nur auf abstrakter Erkenntnis beruhen, auch wenn diese Autoren unterschiedliche Wege gegangen sind.
Befragt nach dem wichtigsten Anliegen seiner Arbeit als Schriftsteller, antwortet Arno Reinfrank in dem Gespräch mit Dorothea von Törne:

Wenn Haman Eichmann heißt, und wenn Esther – wie im Falle Dr. Kastner/Ungarn – erfolglos bleibt, wenn niemand ihren Vater Moderchai rächt, niemand die Mörder vor Gericht zieht oder wenn, dann in kaum verhohlener Freundschaft, wie schreibt man da? Wie malt man da? Man schreibt in der Nähe von Apitz, bildhauert wie die Schöpfer der Gedenkstätte Buchenwald. Und das alles geschah in Deutschland. Und wen und was ich eben nannte mit dem Anliegen des Erinnerns, des Mahnens, wo finden sich die Zeugnisse dafür? In der Deutschen Demokratischen Republik. Zwar bin ich kein Bürger dieser Republik, aber ich bin ihr bleibender Freund.

Uwe Berger, neue deutsche literatur, Heft 413, Mai 1987

Arno Reinfrank Leben in der Kultur der Emigration

Wenn ich meine Rede (gehalten auf der Gedenkfeier zu Reinfranks 70. Geburtstag am 6. Juli 2004 in der Stadtbibliothek Ludwigshafen) zu Arno Reinfrank damit beginne, dass ich über einige Erfahrungen aus meiner Schulzeit spreche, so hat das nur scheinbar nichts mit Arno Reinfrank zu tun. Was waren wir doch brave Schüler! Wir saßen da, mucksten uns nicht und hatten Angst. Wir hatten Lehrer (es waren nur Männer), die einen Blick dafür besaßen, wann man seine Lateinvokabeln nicht gelernt hatte. Nur dann wurde man aufgerufen und bekam die entsprechend schlechte Note. Alle unsere Lehrer waren im Krieg oder zumindest entnazifiziert. Von manchen erfuhr man erst später etwas über ihre Nazi-Karriere vor 1945. Sie quälten und demütigten uns und verloren natürlich über die Nazizeit von der Sexta bis zum Abitur kein Wort. Dennoch oder gerade deshalb glaubten wir, niemand von ihnen sei einst dem Rattenfänger aus Braunau gefolgt…
Erst 1974, als ich nach Mainz zog, lernte ich mit dem Dichter Kurt Mautz, Jahrgang 1911, jemanden aus der Generation unserer Lehrer kennen, der auch in der Nazizeit erklärter Antifaschist war und alles auf sich nahm, der braunen Pest zu entgehen.
Kurz davor, am 14. Oktober 1973, traf ich mit Arno Reinfrank erstmals einen jungen Autor, der aus ähnlichen und sicher schlimmeren Erfahrungen mit der Generation unserer Väter, die einstmals Täter waren, die Konsequenzen gezogen hatte und Deutschland verließ, à la recherche du temps perdu, in diesem Fall wohl: auf der Suche nach Anknüpfungspunkten an die Zeit, als man in Deutschland noch Kultur finden konnte.
Diese Kultur, so sie überlebte, lebte jetzt außerhalb Deutschlands, Arno Reinfrank lebte in ihr, und nach und nach lernte ich einen Teil davon durch ihn kennen.
Am 14. Oktober 1973 widmete mir Arno Reinfrank seinen eben erschienenen Gedichtband Die Totgesagten. Damals wohnte ich mit meiner jungen Familie in Trier, ich unterrichtete und legte mich mit meinen erzkonservativen Vorgesetzten an, ich wollte die Welt verändern. Arno Reinfrank trug indirekt dazu bei, mir den Rücken zu stärken, durch seine Bücher, durch seine Briefe.
Er war ein fleißiger Briefeschreiber! Und wenn nicht bald meine Antwort kam, wurde nachgehakt. Mancher Brief steckt noch in seinen Büchern, die in meinen Billy-Bücherregalen ein gesamtes Brett füllen, aus denen ich Zufälliges herausfische, so eine Postkarte aus New York, auf der es lapidar heißt:

Im übrigen: wer hier nicht verrückt wird, der wird es nie!

Muss man mehr Worte machen, um alles über New York sagen? Das war im August 1974.
Ein wiederum zufällig herausgegriffener Brief, zehn Jahre später; Klagen über Verleger, Pläne für neue Buchprojekte, eine Mahnung an den zwischenzeitlich an den Rhein gezogenen säumigen Beantworter:

Was in Mainz los ist, werde ich somit nie erfahren, schade.

Dann immer wieder die Anteilnahme am Leben anderer, an unserem zum Beispiel:

Euer Schuldienst wackelt weiter, ja? Und die Töchter können inzwischen ja auch schon mit den Hüften. Junge, ich ergraue am Schnorres und werde Punk: derart geschoren gehört mir die ewige Jugend.

Dann folgt wie üblich sein Terminkalender:

Nun sitzen wir wieder (seit ner Woche) am Berlinbuch, und nächste Woche ich 18 Stunden in der Maschine nach Tokyo, zum Internationalen PEN Kongress. Gerade für eine Woche, auch Wahnsinn. Aber absolut nicht mehr möglich, finanziell (man hätte noch 1 Woche Japan, 1 Woche China anhängen können ich weiß noch nicht mal, wie Billigheim in der Pfalz aussieht…).

Natürlich sind seine Briefe stets auch gespickt mit politischen Analysen, frechen Spotlights auf das politische Tagesgeschehen und die liebe Kollegenschaft. Oder mit handfesten Klagen, so über die Nazivergangenheit eines Chefredakteurs einer Tageszeitung, der seine Artikel ablehnte:

Alle waren sie Nazis, und mein Leben halfen sie ruinieren: ich verdiene z.Zt. (seit 2 Jahren!) 500 DM pro Monat, Stimmung entsprechend, o du fröhliche!

Oder verbale Rundumschläge, so von 1989, verbunden mit dem Ratschlag, ich möge mir auch im Ministerium Zeit nehmen zum Schreiben:

Besorge dir Zeit, Zeit und noch mal Zeit, immer legal natürlich, ich fordere nicht zum Diebstahl auf, es genügt, wenn der Ober-Moslem in Teheran zum Mord auffordert, und der Freie Westen die Klappe hält. Mensch, wenn wieder ein Hitler käme, der ginge durch diese Gesellschaft mit seiner Braunhemdhorde wie eine heiße Messerklinge durch Butter. An solchen Vorfällen bemerkt man das. Die Geschäftche im Hintergrund zählen, sonst nichts. Literatur? Kunstwerke? Sofern sie einen guten Handelspreis bringen, zählen die.

Gesellschaftskritik auf den Punkt gebracht. Und nie das Augenzwinkern dabei vergessen:

Könnte man auswandern aber wohin? Zwischen den Sternen ist die Luft nicht nur dünn, sondern gar nicht vorhanden. Da bleibt ein Seufzer deinem armen Lungenatmer Arno.

Er hat mit vollen Lungen geatmet, auch da, wo die Luft immer dünner wurde und schließlich ausblieb. Aber er hat für Sauerstoff gesorgt, und ich gehörte zu den jungen Autoren, die davon profitiert hatten, deren Lungen sich füllten und die bereit waren, laut zu sagen, was zu sagen war.
In dieser Zeit unseres Kennenlernens wurde seine Stimme in Deutschland sehr aufmerksam wahrgenommen. Leider habe ich das Heft 9/9a von Text + Kritik aus dem Jahr 1973 verliehen und der Entleiher findet es in seinem Bücherschrank nicht mehr. Der Sonderband Politische Lyrik enthielt Gedichte von Volker Braun, Wolf Biermann, Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger, Günter Kunert, Franz-Josef Degenhardt, Yaak Karsunke und Arno Reinfrank. Wie Goethe seine „Farbenlehre“ mehr schätzte als seinen Faust, so hat Arno Reinfrank dem kein großes Gewicht beigemessen. „Politische Gedichte in dieser Art mache ich ein halbes Dutzend in einer Stunde“, sagte er, als ich ihm zu dieser Publikation gratulierte. Für mich gehören sie aber zu den wichtigen Texten dieser Zeit, nicht nur für uns junge Autoren, sondern für unsere Generation.
Ganz zerfleddert ist deshalb mein Exemplar von Reinfranks Buch Die Totgesagten aus dem gleichen Jahr, das in diesen Kontekt gehört. In Gedichten und kurzer Prosa enthält es „Moderne jüdische Schicksalsdichtung“, wie der Untertitel sagt. Biografisches und Autobiografisches vermischen sich, immer auch schlüpft der Dichter in den Texten in die Haut eines Anderen, aber immer ist dies auch seine eigene Haut.

… das ist mein Land mein Land ist das nicht
das ist mein Kreuz mein Kreuz ist das nicht
das ist mein Gott mein Gott ist das nicht

heißt es in einem Gedicht, das so unversöhnlich beginnt wie es endet. Die Stimme des Dichters ist meist verzweifelt:

Will ich zurück ins deutsche Land,
das flüchtend ich verlassen?
Bedeutet Draußenbleiben nicht
den eignen Schatten hassen?

Auch diese Verse enden unversöhnlich mit den Worten:

Ich liebe dieses Land und kann
doch nicht auf Gräbern tanzen.

Noch einmal gesagt: so autobiografisch der Grundton dieser Dichtungen ist, so leihen sie doch einem anderen, einem Sprachlosen ihre Stimme und erzählen von den vielen, vielen jüdischen Schicksalen in der Emigration. Es sind Schicksale wie das von Mendele, das Reinfrank in diesem Buch anrührend in der Erzählung „Mendele ist tot“ beschreibt.
Durch Arno Reinfrank habe ich etliche dieser jüdischen Emigranten in England kennen gelernt. Die Autorin Gabriele Tergit zum Beispiel, nach der jetzt eine Straße am Potsdamer Platz in Berlin benannt ist. 1978 entdeckte man ihre Romane wieder, druckte sie nach und druckt sie bis heute nach. Damals, 45 Jahre nach der Flucht vor Hitler, baten sie viele Medien erstmals um Interviews, aber sie sagte mir mit einem Lächeln, nicht frei von Resignation:

Vor zehn Jahren wäre mir dies noch sehr wichtig gewesen, aber jetzt kommt es zu spät.

Alle Emigranten antworteten auf die meist stumme Frage, warum sie nicht in das Land ihrer Kindheit zurückkehren wollten, wie es in Die Totgesagten an einer Stelle heißt:

Lass Zeit, lass dich und mich und nochmals Zeit vergehen,
in der die Liebe neu auf einen Anfang sinnt.

Arno Reinfrank war auch als Dichter immer ein kritischer Beobachter und Kommentator der Wirklichkeit. Und ein Helfer, ein Helfer zum Guten. Der Titel dieses Buches sagt es ja schon: Die Totgesagten sind tot gesagt, aber sie sind ja gar nicht tot, sie leben ja weiter. Und wenn auch nur noch in einem Gedicht wie Rabbi Max Katten in „Bilder im Regen“:

Mit bunter weicher Kreide
zeichne ich euch aufs Pflaster,
was ihr wollt.

Badende Mädchen,
Rennpferde, Schiffe
und Gehenkte am Galgen.

Ich zeichne nicht mich,
denn was ich bin,
sagt keine Kreide.

Gebt mir die Münze bald,
bevor der Regen
mich und die Bilder verwischt.

In diesem kleinen Gedicht zeigt sich die Stärke der Lyrik Arno Reinfranks: in die zarte melodisch klingende Idylle bricht unvermittelt die schreckliche Wirklichkeit herein, deren physische und psychische Folgen für die Überlebenden unsagbar, unvermittelbar sind. Die Mahnung an die Nachgeborenen ist sehr, sehr leise und so besteht die reale Gefahr, dass die Erinnerung sehr bald schon verblasst wenn nicht ein Dichter dies aufgreift und festhält. Nur so überleben die Totgesagten.
Und so überlebt Arno Reinfrank, der Dichter, der Mahner, der immer auch an das andere, das bessere Deutschland erinnern wollte, an die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die von den Nazis ermordet oder ins Exil getrieben und danach von der Bundesrepublik schlicht vergessen wurden, so überlebt Arno Reinfrank in seiner Dichtung, er, der anderen noch Luft zum Atmen verschaffte, als seine Lungen bereits schwächer und schwächer wurden. Ein vierseitiger Brief vom 4. November 2000 beginnt mit dem Satz „Morgen darf ich das Spital verlassen“, und von der gerade überstandenen Anus-praeter-Operation schreibt er unverblümt-verblümt:

Nun bin ich mit einem Extra-Türl versehen, selbstverständlich nicht geheilt, aber ungebrochenen Mutes.

Er baue auf die Heilkraft von „nur noch besten Weinsorten“, heißt es dann im typisch pfälzischen Galgenhumor der Maffenbeiers, denn aller Alkohol war ihm verboten… Doch dann ist ihm die Politik wieder wichtiger als seine Krankheit, „Hoffentlich öffnet nicht ,demokratische‘ Selbstzufriedenheit den Extremen die Tür“, schreibt er, und anschließend an einige Hiebe gegen die Tagespolitik notiert er einen Traum:

Gegen diesen Hintergrund formiert mein Gehirn sonderliche Gedanken. Fahr aus dem Schlaf hoch träumte: um mehr Aufmerksamkeit für meine Literatur zu gewinnen, hatte ich Kittel und Hose mit bunten Läppchen über Sicherheitsnadeln voll gesteckt. Alle gafften mich sofort an! Mein Erwachen war minutenlang mit schlechtem Gewissen gefüllt, ich könnte das wirklich getan haben!!!

„Wirklich“ ist unterstrichen, der Satz endet mit drei Ausrufezeichen.
Nein, Arno Reinfrank hat es nicht wirklich getan. Auch dort, wo er sich bunte Läppchen angesteckt hat, in seinen Mundarttexten, in seinen Glossen, überall da, wo er die Lacher auf seiner Seite haben will oder wo er schreibt, um Geld zu verdienen, sind zugleich Nachdenklichkeit und Melancholie nicht fern, aber auch nicht der ungebrochene Wille, mehr Freundlichkeit und Menschlichkeit in eine Welt zu bringen, in der immer noch gefoltert wird, in der Unschuldigen der Kopf vor laufender Kamera abgeschnitten wird und in der junge Palästinenser derart verblendet, ja geblendet sind, dass sie sich und jüdische Frauen und Kinder und Holocaust-Überlebende mit in die Luft sprengen.
Dies beim Namen zu nennen, hat sich Arno Reinfrank nie gescheut, und er hat stets die Brücke gefunden zwischen der knallharten Analyse und der Hoffnung auf eine bessere Welt. So auch in den beiden letzten Sätzen seines Abschiedsbriefes, den er am 27. Mai 2001 an Heide und mich schrieb, in dessen kaum entzifferbaren kleinen Zeichen noch einmal der typische Arno Reinfrank vorkommt, der ein (sehr pessimistisches) Kommunique seines Zustandes gibt, Freundliches, Persönliches zu uns sagt, sich echauffiert über ignorante Zeitschriftenredakteure und dann fast in einem Atemzug hinkritzelt:

Die Welt 10000 Jahre nix wie Ärger!

und daran anschließend:

alles Gute Euch, Euer Arno

Um „Arno“ ist ein zittriger Kreis gemalt, wie er manchmal signierte: Unterschrift und karikiertes Selbstporträt in einem.
Wieder einmal der ganze Arno Reinfrank in wenigen Worten. Totgesagt? Bestimmt nicht, denn die Totgesagten leben ja in der Dichtung weiter.

Sigfrid Gauch, aus Arno Reinfrank 1934–2001 Rückblick auf ein Schriftstellerleben. Begleitheft zur Ausstellung im Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/Pfälzische Landesbibliothek vom 13.11.2004 bis 15.1.2005, 2004

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt
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