Bardinale 2006

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Bardinale 2006

Bardinale 2006

COMETE

In Melbourne spazierte an einem herrlichen Tag
eine Frau den Hang hinauf, hinter sich ihr Haar.
Weich geölt wie Teakholz, daß es sich brach und
aaaaawogte,
hing es ihr bis zur Ferse und verdoppelte die Frau
wie ein gezeichnetes Gefolge, eine wallende
aaaaaBesitzurkunde
für Ackerland, umgeben von den reifen Reihen ihres Kleides,
ein umhüllender Flügel, der sie gar nicht fliegen konnte,
nur sich selbst, lose, und ihre Lebensgeister.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaEine Großzügigkeit
aus Leben und Selbst, ganz ruhig nach außen gebürstet,
seine zerstreuten Bemühungen um ihren Mund ungesehen,
auch nicht sein Fließen, sein Bauschen. Nur das Detail,
das in seinen Wellenlinien schwamm und blitzte –
während sie weiterschritt, kometenhaft, das Gesicht zur Sonne.

Les Murray
Übertragen von Margitt Lehbert

 

 

 

Der Dresdner Lyrikpreis

als Beispiel für kulturpolitische Offenheit

Die Welt ist immer neu und gierig
leistet sich auch Platz für Lyrik
und während an der Börse tut sich Baisse
blüht in Dresden zart ein Lyrikpreis
doch es reimt sich: Press und Stress

Eines sollte gleich zu Anfang klargestellt werden. Es besteht zweifellos eine gewisse Verbindung zwischen Ästhetik und Kulturpolitik. Damit sei aber keineswegs gesagt, dass die Kulturpolitik an sich unbedingt eine ästhetische Dimension haben sollte. Es trifft eher das Gegenteil zu. Die Praxis hat uns schon mehrmals des Besseren belehrt. Denn je eher sich die Kulturpolitik selbst ästhetisch geben möchte, desto früher unterliegt sie dem Trugschluss, dass sie schon irgendwie alleine durchkäme. Als ob der gute Geschmack der Kulturpolitiker bereits eine Garantie für eine gute, zweckvolle oder schlicht ausgewogene Kulturpolitik abgeben würde! Nein und abermals nein: so einfach ist es nicht und soll es eigentlich, vorsichtshalber, nie kommen.
Der gute Geschmack ist selbstverständlich immer willkommen, doch man sollte die Kulturpolitik lieber in einem etwas verunsicherten Zustand halten. Nur so kann sie der Versuchung widerstehen, an dem guten Geschmack auch andere Mitbürger partizipieren zu lassen. Je weniger sich diese Mitbürger durch die vermeintlichen Vorbilder in den Reihen der Kulturpolitiker oder gar Kulturträger positiv oder auch negativ bevormundet fühlen werden, desto leichter dürften sie sich auf den Weg zu ihrer eigenen Ästhetik wagen und damit den Kulturpolitikern neuen Mut geben. Es gibt für die zeitgemäße Ästhetik kaum eine ergiebigere Runderneuerungsquelle als eben die Neugierde!
Wie kann man aber solche symbiotischen Zusammenkünfte von Ästhetik, Kulturpolitik und gutem (oder zumindest bewusst gelebtem) Geschmack ermöglichen? Mit dieser oder einer ähnlich gestellten Frage müssen sich wohl vor mehr als 10 Jahren das Kulturdezernat in Dresden, das örtliche Literaturbüro und noch dazu viele andere Kulturverantwortliche beschäftigt haben, als sie Schritt für Schritt die Entscheidung, einen besonderen Literaturpreis der Stadt Dresden ins Leben zu rufen, reifen ließen.
Solche Überlegungen werden schnell angeregt, nicht selten der Logik zufolge, dass, wenn alles schon seinen Preis haben muss, warum denn wir nicht auch?
Doch die anfängliche Begeisterung weicht meistens ziemlich schnell der obligatorischen Ernüchterung: Warum, um Himmels willen, sollten ausgerechnet wir einen neuen Preis fördern, wenn dies am Ende fast genauso obligatorisch als eine neue soziale Lebenshilfe für den, in seiner Allgemeinheit immer bedürftigeren literarischen Betrieb verspottet werden dürfte? Außerdem wird es wohl unumgänglich auch Geld kosten…

Die Dresdner Preisdenker haben allerdings nicht so schnell aufgegeben. Und das ist gut so! Denn dank ihrer Beharrlichkeit, ihres Mutes und nicht zuletzt ihrer finanziellen Entschlossenheit schafften sie es, einen neuen Typus des Literaturpreises zu etablieren, welcher, so wage ich zu behaupten, wirklich alles andere als redundant daherkommt. Es geht um den Dresdner Lyrikpreis, um den sich deutsch- und tschechischsprachige Lyriker alle zwei Jahre bewerben können. Die Spannung kehrt dabei jedes Mal allein wegen der wiederholt sich stellenden Frage ein, ob es politisch korrekt sei, Lyriker zweier „Zungen“ im quasi „einzüngigen“ Wettbewerb miteinander wetteifern zu lassen. Es wäre, wie man auch zu hören bekommt, sicherlich gerechter, wenn der Preis irgendwie zweigeteilt werden könnte. Auf diese Weise müsste bei der Vergabe auch niemand ein schlechtes Gewissen bekommen. Die Einwände werden traditionell – nicht zuletzt durch mich als einen der gerne teilnehmenden Juroren – mit dem Hinweis bekämpft, dass die Lyrik – und somit auch ein zu ihren Ehren gestifteter Preis – nicht vom guten Gewissen lebt, sondern von der Chance, sich im Idealfall sogar heute, wo jedermann tendiert zu glauben, dass man ohnehin schon alles kennt, doch noch ein bisschen faszinieren zu lassen. Eine ungerecht daherkommende sprachliche Melange im poetischen Gewand kann dabei Wunder bewirken.
Der Preis selber hat bisher all diese richtungsbestimmenden Diskussionen glimpflich überstanden. Ja, er ist manchmal unausgewogen, und manche Lyriker können sich missverstanden oder gar verkannt fühlen. Aber mit Verlaub, eben hier, liegt einer der Reize des ganzen Vorhabens. Alle Beteiligten sind im Prinzip mehr oder minder unsicher und das bedeutet auch offen und geladen, dies zu tun, wozu schließlich der Wettbewerb auch dienen sollte: wetteifern. Nicht zuletzt mit sich selbst.
Glaubt man etwa zu wissen, welche Ästhetik „in“ ist? Dann sollte man sich bewusst werden, dass die Ästhetik – solange sie Gott sei Dank nicht mehr durch vermeintliche gesellschaftliche Vorbilder vorgelebt wird – ziemlich ort- und zeitspezifisch gebunden ist. Und in Dresden stoßen bei der Vergabe des Lyrikpreises unterschiedliche Orte und Zeiten aufeinander.
Oder glaubt man gar schon alles zu wissen? Nun gut, dann setzt man es hier einer Form aus, von der niemand hundertprozentig überzeugt sein mag. Der Grund dafür liegt auf der Hand; das ganze Konzept ist zu offen und kann daher nicht vollkommen geformt werden. Die Ästhetik des Offenen mag unter den Politikern – die Kulturpolitiker inklusive – nicht gerade beliebt sein. Sie lässt aber partizipieren und weiter wachsen. Ein Glücksfall, dass das Objekt, um welches sich das Ganze schart, eben die Lyrik ist. Die Lyrik tendiert bekanntlich zu einer gewissen Komprimiertheit und nicht selten auch Geregeltheit. Damit kann der Preis in seiner Wirkungskraft zugleich wachsen und pressen, verunsichern und regeln.
Nichts braucht der vermeintlich allwissende Bildungsmensch mehr als solche Zustände zu erleben. Sie tun gut – sowohl den Autoren, als auch den Juroren, den Besuchern und überhaupt jedem, der sich eines Tages den Luxus erlaubt, die Welt etwas anders erleben zu wollen und sich dabei vorübergehend auf die Macht der Lyrik zu verlassen. Dresden bietet dazu einen nahezu perfekten Anlass. Und die Lyrik hier, die ist auch meistens inspirierend! Und wer könnte das von sich mit einer zweijährigen Periodizität behaupten? Man kann daher den Initiatoren und Stiftern des Preises nur danken. Für ihre kulturpolitische Weitsicht und geschmackneutrale Ästhetik.
Wer weiß, vielleicht werden wir eines Tages, wenn unsere Sprachgewohnheiten allzu weit gediehen sein sollten, zum Beispiel ein paar Chinesen – dem globalen Trend folgend – mit an Bord haben müssen… Man kann jedenfalls neugierig bleiben.

Tomáš Kafka, Vorwort

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