Bert Papenfuß: routine in die romantik des alltags

Papenfuß/Leiberg-routine in die romantik des alltags

DIE BEGRÜSSUNG DES GELDES ALS HEISSES EISEN

tach geld, unser aller wichtigstes substitut
der exkremente; hart, weich & flüssig bis zum hals
paß bloß auf, daß du, gerade man aus die penunsen
gekommen, dich nicht gleich unter die radatten
buttern läßt; lüpf die hufe, schwing die stelzen
du kleinliches äquivalentum des warenaustausches
mit maßlosen selbstvermehrungsansprüchen im nu
jetzt gibt’s was aus der armenkasse, im namen
des HANG SENG-ISEQ, des DOW „FTSE“ JONES
& des heiligen DAXes; „der Kapitalismus
sei hierbei nur ein Symptom, in welchem der wirk-
liche Mehrwert seinen Schatten vorauswerfe“
jede erstbeste währungseinheit ist durch sich
selbst teilbar, jede nächstbeste ist sozusagen
gerade, jede drittliebige gerade man noch so
ungerade, jede viertfernste ist schon in sich
selbst verliebt, jede fünftwegste – piep, piep
der lack, des lack, dem lack; & du, HEX General
lautmalerisch unterholfen vom alexandrow-ensemble
nimm dein’ kuhfuß & sock ab; klasse gegen klasse
versicherung gegen versicherung, sozialamt
gegen sozialamt; schein um schein, hacke um
hacke; mittelklasse gegen mittelklasse, meine
liebe mittelklasse, mit dem zinsfuß im nacken
ist nicht gut kötel kacken, autorität wird nicht
so heiß gegessen, wie ausgekocht, aber ein bißchen
flott; loë Bsaffot, fressen ihre gören richtigrum
„Stadt gegen Stadt, Beruf gegen Beruf, Volksstamm
gegen Volksstamm, Norden gegen Süden, Gläubiger
gegen Schuldner, Festbesoldete gegen Lohnarbeiter,
bis schließlich Arbeiterbataillone gegen Arbeiter-
bataillone marschieren.“ versanden wir gesell recht
zahlten mit unserer konvertierbaren tracht schacht
akzeptierten das uns als wechselgeld angebotene
roggengeld des mickrigen bahnknotenpunktes hassloch
aaaaa& machten uns auf den weg in eine bessere welt
aaaaajenseits des uns umzingelnden sonnensytems
aaaaader gute barschel strahlte uns als leitstern voran

 

 

Leibergs Sommeratelier auf der Insel Föhr

wurde abgerissen. Ein farbiges Leporello dokumentiert seine unwiederbringlichen Wandbemalungen, deren Figurationen sich in seinen Zeichnungen widerspiegeln. 
In Versen nimmt Papenfuß aktuelle Reiz-Worte und -Zustände aufs Korn – Grundrisse des Unterdrusses – mit ihrer paradoxen Romantik aus der Perspektive des under- und overdogs…

Janus Press Verlag, Ankündigung, 1995

 

Über ein verschwundenes Wandbild und Zeichnungen zu Texten

− Helge Leiberg im Gespräch mit Gerhard Wolf. −

Wolf: Ein Anlaß zu diesem Buch war, seltsamerweise, daß wir davon hörten, daß Dein Atelier auf der Insel Föhr abgerissen wird, daß dort aber die Wände bemalt waren, und wir wollten, daß diese Bilder erhalten blieben, aber wie kam es dazu, daß Du die Wände bemalt hast?

Leiberg: Ich wußte, als ich das Atelier dort bekam, daß es abgerissen werden sollte, und im zweiten Sommer habe ich die Wände einfach hemmungslos als Skizzenbuch verwendet; die Vergänglichkeit war in der Arbeit eigentlich mit drin, daß es dann zerstört wird…

Wolf: Du wolltest mit den Bildern leben, schmerzt dann nicht der Verlust?

LEIBERG: Das habe ich in Kauf genommen. Für mich war es die ideale Möglichkeit, Notizen auf die Wände zu machen, denn auf Wände zu malen ist ja was ganz anderes als auf Leinwand oder Papier.

Wolf: Du bemalst in Deinen Ateliers die Wände?

Leiberg: Nein, wenn ich die Wände bemale, legt es mich ja fest. In der Regel muß ein Atelier ein offener Rahmen sein für immer neue Bilder. Wenn Du ein Wandbild malst, was ich auch schon gemacht habe, da geht man mit einer ganz anderen Idee an die Sache und mit anderem Erfolgszwang, als wenn Du frei die Wände bemalst und weißt, Du kannst es wieder zerstören oder es wird sowieso abgerissen. Das bedeutet nicht, daß man sich da keine Mühe gibt, oder sagt, es ist alles egal … aber man hat eine andere Freiheit, und diese Freiheit hat mich vor allem gereizt…

Wolf: Und wir sind froh, diese Freiheit nun wenigstens im Foto erhalten zu können. Gibt es Wandbilder von Dir an öffentlichen Bauten?

Leiberg: Ja, damals in Dresden als Auftrag, in einer Kneipe, das ist teilweise erhalten, und ich finde es nach wie vor ganz gut, meinem damaligen Entwicklungsstand entsprechend, und künstlerisch hat sich da inzwischen einiges getan. Aber ich habs mir neulich mal angeguckt, ich kann dazu stehen.

Wolf: Das Buch entstand ja so, daß Bert Papenfuß von diesen Vorgängen erfuhr und dazu einen Text versprach, aber er hat nun ganz neue Zyklen geschrieben. Siehst Du noch eine Beziehung zu Deinen Bildern und jetzt zu den neuen Zeichnungen, die ja wiederum zu den Texten entstanden?

Leiberg: Die Zeichnungen sind für mich ein Bindeglied zwischen dem Wandbild und den Texten. Denn meine Zeichnungen beziehen sich zwar auf die Texte, aber relativ frei, ich reagiere darauf. Ich habe z.B. die einzelnen Kapitel mit verschiedenen grafischen Techniken bearbeitet, mit verschiedenem Duktus, bedingt durch die Materialien (Pinsel, Rohrfeder, Kreide) und mich auf die Texte bezogen, aber nicht im Sinne einer Illustration, weil ich das ohnehin ablehne, sondern als Inspiration, das ist ja ein wesentlicher Unterschied: Illustration oder Bilder zum Text…

Wolf: Das war auch bei den früheren Maler-Büchern, die ihr mit Dichtern zusammen gemacht habt, nie der Fall. Und wenn ich manche davon heute wieder angucke, sage ich, in dem einen Fall sind die Zeichnungen stärker als die Texte, manchmal sind es die Verse, die sich behaupten…

Leiberg: Ich habe die illustrative Haltung zwischen den Künsten immer abgelehnt, also wenn man Text zu Musik macht oder Musik zu Texten. Das ist ja ein Bereich, in dem ich mich immer bewegt habe und noch bewege, und ich fand es furchtbar, wenn das voneinander abhängig ist, sich gegenseitig bedingt…

Wolf: Ich hoffe, daß wir bei der Buchpremiere gerade dieses Gegen- und Miteinander wieder erleben, wenn wir die Texte hören, die Bilder dazu sehen, ganz frische Zeichnungen der Vorzugsausgabe, und ihr macht dazu Musik…

Aus dem Buch, 1995

In der Arena des Sprachakrobaten

Bert Papenfuß-Gorek (Jahrgang 1956) hatte in der DDR mit der Vorzensur Ärger. Von einigen Gedichten in Anthologien abgesehen, erschien sein erstes Buch dreizehntanz erst 1988 im Aufbau-Verlag. Inzwischen hat der damalige Herausgeber Gerhard Wolf mit janus press seinen eigenen Verlag und ediert die Dichter, denen er sich couragiert einst in dem verdienstvollen Forum Außer der Reihe zuwandte.
Karl Mickel hat, das sprachakrobatische Talent dieses Dichters früh erkennend, Papenfuß einen „Meister nicht-syntaktischer Grammatik“ genannt, und der Wiener Ernst Jandl rühmte vor Jahren, hier ist einer, „der die Düsterkeit unseres historischen Augenblicks in Versen von hoher Originalität festhält, einschneidend und herausfordernd wie experimentelle Poesie“.
Wer den opulenten Band routine in die romantik des alltags in die Hand nimmt, muß erst einmal den schwarz-roten Pinselhieben Helge Leibergs ausweichen, um an die vergleichsweise verschwindend klein gedruckten Gedichte zu gelangen. Alles ist Absicht, alles ist anders. Das Schriftbild: nicht dudenkonform, die Syntax: wie von gewittrigen Winden zerborsten. Auch die Grammatik will in andere Richtungen: Schon im Titel vermutet der flüchtige, der herkömmliche Leser statt des „die“ ein „der“. Doch der Leser irrt, wenn er glaubt, er werde hier in die Irre geführt. Es muß nicht gelesen und gleich verstanden werden, was gedruckt vorliegt. Der Leser muß aktiver Teilnehmer sein. Und was bei ihm aktiviert wird, schreibt der Dichter Papenfuß nur unvollständig vor. Sein sprechen ist frech, gewiß noch frecher, als es einst die Szene am Prenzlauer Berg sein wollte. In der Zentrifuge des Wort-Artisten wird „Sinn“ zu Un-Sinn, aber: Es zerplatzt hier der Schein-Sinn vergeblicher Realität. Und das kann ganz schön heftig knallen. Feuerwerke leuchten auf, Umgangssprache und Jargon, Kürzel aus Politik und Reklame brechen als provokante Partikel in den Vers ein, der eigentlich mehr entsteht, als daß er „fertig“ wäre. Die fünf Kapitel des Buches geben die Montiermethode des Dichters vor, es beginnt mit „tendenzlyrik“, geht zu „finanzlyrik“ und „brisanzlyrik“, landet bei „militanzlyrik“ und endet mit „bilanzlyrik“.
Reiz- und Schlagwörter stehen fremd und neu zwischen verbrauchten, abgenutzten Floskeln, die durch veränderte Buchstaben an etwas erinnern und auf eine neue Seite des Textes gerichtet sind. Nichts soll erkannt oder benannt werden, aber im Hintergrund schimmert doch „alte“ Bedeutung durch. Der Stotterklang klingt so:

glättechaos
börsenverlust
faustfeuerwaffen
gewaltüberschattung
drastische wetterwende
operation, dann gesund.

Im nächsten Vers prallen Kleinbürgermief und politische Phrasen aufeinander:

reifes mädel, eingeschlagene schädel
schwippschwager, schweigende mehrheit
konterpropagandist, eherner kolumnist.

Im letzten Vers wird die Art der verschobenen Bedeutungen in diesem lyrischen Verfahren, das mit Willkür arbeitet, am deutlichsten:

ich erfahre, indem ich gestört werde
dann lege ich hand an & erfülle das buch
& dann kommt der böse gott & macht daraus
kompost.

Kompost, ein Wort, das mehrfach vorkommt, und an dessen Erzeugung der Leser hier unmittelbar teilnehmen kann. Doch was auf diesem Kompost einst blühen wird, bleibt ungesagt, denn, ramponiert von reichlich erlittenen Entbindungen, sucht die durch die Arena des Akrobaten gehetzte Sprache nach Haltepunkten. Sie tut das vielleicht sogar gegen den Willen des Dichters, der nicht wissen kann, wie dem Leser zumute ist, der ja zumeist auch ein Leser seiner Erfahrungen und Assoziationen ist. Es gibt aber auch leichtere Texte. Der Band beginnt überhaupt sehr vertraut mit einem „durchknall“. Es tönt nach üblicher Weise: geflissentlich pistolenschüsse / an der DeMarkationslinie“, denn hier „geht es doch wohl darum / einen möglichst saftigen / kompost abzugeben allhier“.
Selbstredent ist auch Ironie im Spiel, im Gedicht „breites volk auf schmalem grat“ heißt es:

was texten wir einander zu
ausgekaspert & abgekanzelt
seid ihr denn homosexuell
mach hinne, jetzt aba schnell
ohm aufm roß & hinten im troß.

Die Texte erinnern an heftige Filmausschnitte, an überlagerte Bilder, der Ton stammt aus einer anderen Gegend, während die „börse knickt, DAX runter, waffen schweigen / von den tätern in NVA-kampfanzügen / & clownsmasken fehlt jede spur“. Auch der „einheitsbrei“ breitet sich aus und im Gedicht „woher & wie weiter“ schleicht sich eine Art Selbstzweifel ein:

nirgendwoher – nirgendwohin
genausoviel wie: daher – dorthin
ebensoviel wie: dorther – hinfort
werde ich verloren gehen, oder verlustig
schreibe ich die gedichte, oder die gedichte mich

die poesie: versetzt fühle ich mich
verloren bin ich
& aufgehoben
das entsetzen zieht sich hin
dranbleiben muß ich schon.

Der Leser wird nicht an jeder artifiziellen Sprach-Blase dranbleiben, denn die Gedichte drehen sich in konzentrischen Figuren um ihre eigenen Reizwörter. Spielen auch ganz banal gegen eine Erfahrung den strapazierten Nonsens heraus: „warten macht frei“ oder „der himmel hängt voller quitten“.
Was gibt es noch? Guten Rat für alle Zeiten:

von der größe & macht seines gefoppten geistes
kann der genarrte mensch nicht groß genug denken.

Helmut Hirsch, Berliner Lesezeichen, September 1996

Weitere Rezension zu diesem Buch:

Wilhelm Pauli: Routine im Witztum
der Freitag, 18.8.1995

 

ZUGABE (FÜR BERT)

ich würde gern noch ein paar songs schreiben, die so
gut sind, daß keiner sie versteht, nicht einmal ich selbst.
townes van zandt

statt stahlgewitter wüstenblei der tanz der vokale (zeitzünder zeitzuender) (das anagramm schlägt durch den gram) trifft weder katzen (dem fall nach unempfindlich) noch gemüt aus der höhe (aufs tapet) wer klaut der klaubt rasterworte schleusen die fahndung entern (außerhalb außer haupt) auf den grund
(kanister kanaster) die gefahr (der ausdrücklich inneren emigration) an den schritten (abwärts) werdet ihr sie kennen flüssig zwischen abgang und laufpaß in der sprache der keller (versteht sich) wartet die meute (ab) in der form des kehrreims (blindfänger doppelgänger streuender flitze)
stillgestellt die finderlohnblicke ohne anspruch (auf beute) den kehricht schwarz weiß zahlen wir heim zeugen der front (stein schere papier) führen die verlustrechnung (an wirten und wärtern) aus und vorbei (die brunnen geebnet)
neige leeren fülle stillen (nachschenken durchwinken) und von den wünschen (die unbedachten)

Kristin Schulz

 

Sprachgewand(t) – Ilona Schäkel: Sprachkritische Schreibweisen in der DDR-Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring

 

Beitrag zum 60. Geburtstag von Bert Papenfuß:

Lorenz Jäger: ich such das meuterland
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
Porträtgalerie
shi 詩 yan 言 kou 口

 

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Bert Papenfuß

 

Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

 

Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

1 Antwort : Bert Papenfuß: routine in die romantik des alltags”

  1. laika sagt:

    DIE BEGRÜSSUNG DES GELDES ALS HEISSES EISEN

    linksrealstisch deprimiert mit gelegentlichem endreim- like it!

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