SCHUMMER———————————–
es ersteht, wenn die zeit hoch ist
im hort des untergangs, & die weile lang
ein sagenhaft’ geschelcht erqueckend
auf, aus verwobener zwiesprache, & ab-
lebt’s biegsam in gefühlen & ungebeugt
im s o w i e s o , nicht jedoch im joch
hat’s keine träume, frisst kein fleisch
schwelgt noch überschäumend im schwange
frauen, die rausrennen in’s moos, wenn
die liebe sie überkommt lauern liebste
scheppern masken, entkleiden sich selbste
wo man nur innehält, tempelprostitution
gruppenehen, betrügereien& verzeihen
mutter gottes, & hinter all dem steckt
keine frau, wenn’s waser uns überkommt
können wir noch blasen werfen; am ende
eines langen traumes tritt die tod ein
& zählt mit ihrem messer ganz genau aus
was in erinnerung eingeht & was abgeht
-Zu Bert Papenfuß-Goreks Gedichtband dreizehntanz.-
Kein Wunder, daß der Lyriker Karl Mickel ihn schätzt und in Sinn und Form vor einigen Jahren sich zu ihm bekannte; kein Wunder auch, daß er einem in der DDR – neben Elke Erb und Jan Faktor – als einer der wenigen genannt wurde, die dort schrieben, was „experimentelle Literatur“ zu nennen sich eingebürgert hat. Bert Papenfuß-Gorek, Jahrgang 1956, in Berlin lebend, vertrat seit etwa 1973 in der DDR jene Literatur, die dort bis kurz vor der „Wende“ sprich: dem Zusammenbruch, öffentlich fast gar nicht vorkam, nicht vorkommen durfte, jenen Typus von Literatur, welche die klassische Moderne rezipiert und weitergegeben hat. Gegen deren Förderungen oder Verbreitung mußte natürlich eine Literaturpolitik sich wenden, die für viele Jahre ja schon ihre Schwierigkeiten mit der doch schon ‚ungefährlich‘ gewordenen klassischen Moderne hatte – es war schließlich erst in der Schlußphase der DDR möglich, einigermaßen hinreichende Publikationen von Texten Dadas und des Surrealismus auf den Markt zu bringen: Dem Verlag Reclam in Leipzig sei hier für seine Hartnäckigkeit einmal intensiv gedankt!
Bert Papenfuß-Goreks Gedichtband dreizehntanz erschien 1989 zugleich in der DDR wie auch in der BRD, und das markiert den Punkt, wo – nachträglich kann man es fast nur noch hochironisch finden und fast wehmütig registrieren – Lyrik öffentlich wurde, die jahrelang zum DDR-Underground gehörte und eigentlich genau darauf angelegt war (oder doch ein entscheidendes Ingrediens von Wirkung dazugewonnen hätte), innerhalb der DDR, bei fortbestehender und sich allmählich liberalisierender DDR öffentlich zu werden. Papenfuß-Goreks Lyrik entsprach und entspricht dem und ist in einem Atemzug zu nennen mit dem, was Reinhard Prießnitz und Franz Mon, Oskar Pastior, Paul Wühr oder Felix Philipp Ingold, Urs Allemann oder Thomas Kling (gerade zu letzterem besteht eine intensive poetische Verwandtschaft Papenfuß-Goreks!) geschrieben haben oder schreiben. Bert Papenfuß-Gorek hält sich zwar, was seine poetische Herkunft angeht, auch in den Anmerkungen zu seinem Band auf eine erheiternde Weise sorgfältig bedeckt, gibt bisweilen sogar geradezu irreführende Erläuterungen zu seinen Gedichten, aber aus der Faktur seiner Poeme geht eindeutig hervor, daß sie zu jenen Texten zu rechnen sind, die Helmut Heissenbüttel „antigrammatisch“ genannt hat, die also grundsätzlich und systematisch von der alten poetischen Lizenz Gebrach machen, Wörter, Satzteile, Bilder, Sprachklänge, auch Bedeutungsebenen von Wörtern anders miteinander zu verknüpfen und aufeinanderzubeziehen, als dies in der Regelgrammatik in der Alltagskommunikation vorgeschrieben oder in der klassischen Poesie erlaubt ist. Wortspiele der verschiedensten Art bis zum ganz ‚wurschtig‘ hingehauenen Kalauer, Verkettungen von Wörtern über Assonanzen, Neubildung von Wörtern durch Hybridisierung zweier bekannter Wörter, Veränderung der Orthographie zum Zweck der Erzeugung von Verblüffung bis Wut und veränderter Optik auf Sprache und überhaupt als Ohrfeige für Dogmatiker und Feinsinnige (Letztere gab es ja auch in der DDR auf spezifische Weise), Einbeziehung der Fläche der Buchseite in die Strukturierung des Gedichts durch andere als lineare Anordnung der Wörter, durchgehende Groß- oder Kleinschreibung – bei Papenfuß-Gorek wurde mit völliger Freiheit angewendet, was wir aus der Konkreten Poesie, der Neuen Poesie, der literarischen (Neo-)Avantgarde vor allem der westdeutschen und der österreichischen Literatur kennen, und, würde ich heute hinzusetzen, was sich bei Papenfuß-Gorek auch rückblickend nicht einfach unter „Wortkunst der Prenzlauer-Berg-Szene“ abheften läßt. dreizehntanz enthält Gedichte aus den Jahren 1973 bis 1988, und gleich eines der am frühesten entstandenen der abgedruckten Gedichte, das komische wustsein im unterwolz, ist auf der Höhe der experimentellen Poesie jener Jahre, sagen wir zum Beispiel: Reinhard Prießnitz’:
mit dem harlekönig vom uhlenkamp
im unterwust
sich unstet durchtasten
s irgendwie lebenshof zu nennen
triebelei und erdschleifen sein lassen
s todschön finden und
rauskrauchen
währ andre s laut rausschreien
von den kriegen
Es muß eine ingrimmige Dickköpfigkeit dazugehört haben – vornehmer gesagt: ein enormes Durchhaltevermögen −, gegen die offizielle Literaturpolitik der DDR und auch bei schwierigem Zugang zu den modernen Texten, an denen überhaupt fruchtbar sich Poetisches lernen ließ, an denen man in Radikales sich einüben konnte, solche Schreibweisen zu entwickeln und an ihnen festzuhalten, die der realsozialistischen Obrigkeit und Kulturbürokratie einen verwerflichen Anarchismus signalisieren mußten. Und so, wie diese Obrigkeit dachte, muß man sagen: Die roch ja doch zu Recht, daß hier etwas passierte, was ihr wesentlich widersprach, auch wenn es nicht offen widerständig formuliert und gar nicht recht greifbar war. Den Gedichten merkte und merkt man – schon durch den häufigen Ton von Zorn, böser Wurschtigkeit und halb unterdrückter, halb ’rausgelassener Aufsässigkeit – an, daß sie im Bewußtsein einer Sondersituation geschrieben sind, deren Ende gar nicht abzusehen ist bzw. eben damals nicht abzusehen war: der Vereinzelung dessen, der höchstens ab und zu mal ein Gedicht in einer Anthologie unterbringen oder es in Abschriften zirkulieren lassen konnte. Papenfuß-Gorek spricht im und aus dem „hinterhalt der anstößigen grazie, ,ddr-underground‘ genannt“, wie er selbst mißgelaunt spottet; denn natürlich stimmt das einerseits, während er doch andererseits darunter nicht verrechnet oder dergestalt abgestempelt werden möchte: „bezugslos scheiden“ will er sich von den Verhältnissen, was auch heißt, daß er anarchisch in dem Sinn sein will, daß er eben auch nicht einfach als „Oppositioneller“ rubriziert werden möchte. Aber aus diesem Dilemma kam er wohl zunächst kaum heraus, wobei man sagen muß, daß dieser Trotz, dieser Ingrimm, diese Wut der Gedichte ihnen durchaus zum Guten anschlugen; man merkt auf jeden Fall, daß es hier um etwas geht, und eben nicht nur um Literatur. Papenfuß-Gorek ließ sich den Nacken nicht beugen, und etwas von diesem Untersetzt-Unbeugsamen haben die Gedichte auch.
Wer mit der Literatur der erwähnten westdeutschen und österreichischen Autoren vertraut ist, wird im allgemeinen keine Schwierigkeiten haben, Gedichte von Papenfuß-Gorek zu lesen, beispielsweise dieses mit dem titel reißaus:
geschmähte angeflehte, flieht
eh’ sie euch entdek-ken, keck vollstrek-ken
& euch fosen zecken in die schmacht
bitt’ ich euch; nehmt eure flucht auf/euch
: seid gerissen & wie immer – ridikül
verbleibe ich zwar im engeren sinne
aber erweitertem einvernehmen
zwischendurch schrei’ ich euch
das neuro-mantische gedichtfragment
„reizend nahm sie reißaus“
& schmeiß’s euch hinter
Wenn aber viele seiner Texte dennoch schwierig zu lesen sind, dann, speziell für den Westler, wohl nicht so sehr wegen unerwarteter poetischer Verfahren, sondern weil eine Menge DDR-Realität, sprachlichredensartliche, bis in den Jargon des ‚Underground‘ reichende, in die Gedichte eingewandert ist, als Material, als Angespieltes, als Atmosphäre, vom Wortlaut der staatlichen Hymne der DDR (die man in den achtziger Jahren bekanntlich gar nicht mehr laut singen, sondern nur mitsummen durfte, weil Johannes R. Becher darin das heute sprichwörtliche „Deutschland, einig Vaterland“ noch beschworen hatte) bis zu Alltäglichkeiten des Milieus vom Prenzlauer Berg. Hier steckt übrigens eine genuin philologische Aufgabe für dermaleinst: eine bestimmte Art von Verstehbarkeit dieser Gedichte zu erhalten, indem diese Realia verzeichnet werden, die demnächst wohl keiner mehr erinnern kann oder will.
Wie für viele andere hat sich auch für Bert Papenfuß-Gorek die Ausgangssituation seiner Schriftstellerei jetzt entscheidend geändert, indem er nun nach dem Herbst 1989 vieles nicht mehr andeuten und für den Kundigen halbverstecken muß, vielmehr ‚alles‘ frei sagen kann, was er sagen möchte. Mit anderen Worten, der Druck, der zu erfindungsreichen Verbiegungen des Gesagten führte, um dennoch das Intendierte zu retten, das Element ‚Sklavensprache‘, das ja durchaus zu den in verschiedenster Weise prägenden Faktoren der Sprache dieser Gedichte gehört, ist weggefallen, und in der Zukunft werden wohl Erörterungen von der Art des Literaturstreites um Christa Wolf noch viel weniger interessant und fruchtbar sein: Spannend wird es viel eher sein wahrzunehmen, welche Sprache die Literatur der fünf neuen Länder – einschließlich der Papenfuß-Goreks – entwickeln wird, wenn sie die Sprache der DDR nun sozusagen in sich aufheben, aber ihr nicht mehr unmittelbar opponieren oder sie vermeiden muß. Jedenfalls ist der DDR-Barde – so nennt Papenfuß-Gorek sich übrigens auch selbst einmal, und bisweilen hat er auch im Ton etwas an den anderen Barden, den Großstadt-Barden Peter Rühmkorf Erinnerndes – eine ganz außerordentliche Entdeckung, und mir scheint er im sprachlichen und affektiven Reichtum, auch in der Reichweite der Geste fast vitaler, gelöster, kräftiger als Karl Mickel, sein Lobredner. Seine Textarten, seine Techniken der Verkettung der Wörter sind vielfältig, unvorhersehbar und voller blitzschneller Hakenschlägereien. Ich habe dabei den Eindruck, daß Papenfuß-Goreks kürzere Gedichte die dichteren und disziplinierteren sind; bei umfangreicheren Gedichten scheint er mir bisweilen etwas geschwätzig und fast von sich selbst besoffen zu werden, manchmal auch wie überwältigt von dem Vergnügen, eine ganz andere Sprache als die DDR-Sprache gefunden zu haben: grob, aggressiv, raffiniert, einerseits (wenn die Saloppheit erlaubt ist) springerstiefelmäßig, andererseits aber in „meistertitelnaehe im zweischichtsistem“ – da wird dann die Länge des Gedichts zum Problem für die innere Ökonomie, die Proportion des Textes.
Aber das sind geringe Einschränkungen gegenüber einem Autor, der als und in „erewhon“ – was ‚everyone’ ebenso wie ‚nowhere’ und ‚Eriwan’ heißen bzw. andeuten kann – einen verblüffenden sprachlichen drei-zehen-tanz, hinlegen kann, und von seinen Vorbehalten möchte ich speziell ausnehmen das letzte Gedicht des Bandes, einen ausladenden „song of myself“, über den sich Walt Whitman freuen müßte, und Walter HölIerer auch – der eine, weil da ein Bruder im Geiste, dem Leben zugewandt und absolut nicht kleinlich, mit großem Atem und in unbekümmertem Ton spricht, der signalisiert: Bange machen gilt nicht, und der andere, weil diese 18 Seiten und 26 Abschnitte lange krampf-kampf-tanz-saga, die beginnt mit
gedanken stellen sich ein, lassen sich nicht aus
man strebt zu erblicken, stagna’, steigert sich
sträubt in unumgänglichkeit, in gemeinheit hinein
mit nichts an warten heidnische fräulein
mit nichts auf an ungedeckten tischen
reißen wir unser leben aus gewohnheit – ab
- und in Abschnitt 26 mit einer Doppelcoda endet:
das ungeduldige trappeln ömilliger urmuttis, op’ster oberdaddis
bevor sie sonstwohin abdrehen ist die brunst der eitelkeit
aus’m schuß, auf’n grund gekomm’, ein verschämtes strampeln
aus wesentlichem herrührend, zukünftiges schon berührend
wo sie auch herkommen mögen, aus bussen der volkssolidarrität
aus’m zoo, aus omaha, sonstwoher, einige aufgeräumt, andere
schusseln klamm verstohlen in handtaschen, hosentaschen
mit abgerubbelten fetischen dreister triebe erwiesener liebe
brabbeln sie vor sich hin & einander ergänzend z
die erkennbare wahrheit, ihre intoleranz die summe
aufoktroyierten was-weiß-ich, sträuben sie sich tupfend
gleitend, flatternd, schwebend coda I
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawir hingehend wringend
peitschend, drückend, stoßend, zu erschöpft zu verenden
lassen’s damit bewenden,
coda II
aaaaaaaaaaaaauns geht’s zu gut, was wollen wir mehr
- weil dieses über 18 Seiten sich hinziehende, spuckende; und dröhnende und mäandrierende Gedicht ein überzeugendes, wenn auch sehr spätes Beispiel für die welthaltigen Möglichkeiten des vor vielen Jahren schon von ihm, nämlich: Walter Höllerer – propagierten „Langen Gedichts“ ist. Da bringt einer die versteinerten Verhältnisse poetisch zum Tanzen, indem er ihnen rücksichtslos seine und ihre Melodie vorspielt; daß man diesen Eindruck einer geradezu ansteckenden Bewegtheit dieses Textes auch jetzt noch hat, da die Verhältnisse, die da in Veitstanz versetzt werden, längst ihr Leben ausgehaucht haben, scheint mir doch auch ein Indiz dafür zu sein, daß diese Gedichte sich auch ohne den Gegner Staat DDR halten können; anders formuliert, mit den Worten Heinrich Vormwegs: Bert Papenfuß-Goreks höchste Fähigkeit ist eine außerordentliche, über alles Kalkül hinaus durchgehaItene „Spontaneität beim Zugriff auf die Realien“, und dies gibt den Gedichten eine – da hat Heinrich Vormweg recht – „erstaunliche Kraft“. Bert Papenfuß-Gorek hat so sehr gegen die „wucht der wichte“ in seinem Staat ansingen müssen, daß er sich eine Stimmkraft dabei erwarb, die ihm in Zukunft wahrscheinlich die Notwendigkeit solcher Gegner erspart: Die Stimme ist selbsttragend geworden.
Jörg Drews
„Wer Lyrik schreibt, ist verrückt“: Ich möchte Peter Rühmkorfs These nicht widersprechen. Verrückt ist der Dichter nicht nur in dem soziologischen Sinn, daß er eine marginale Existenz in der Gesellschaft fristet, und daß – um bei Rühmkorf zu bleiben – die öffentliche Nachfrage nach Gedichten „geringer ist als bei Nadelkissen, Katzenfallen oder anderen Auslaufproduktionen“. Wer Lyrik schreibt, ist auch in einem existenziellen Sinn verrückt: Wer sich ein Leben lang mit dem Abfassen von Gedichten beschäftigt, muß verrückt sein auf Sprache; verrückt auf die Sabotage der herrschenden Sprachregelungen, die – frei nach Brecht – auch die Sprachregelungen der Herrschenden sind.
Auch der DDR-Lyriker Bert Papenfuß-Gorek zählt zu diesem sonderbaren Clan der Verrückten und Sprachbesessenen, die ihr Leben aufs Wort-Spiel setzen. Seine Gedichte machen es sich zur Aufgabe, Chaos in die Ordnung zu bringen: Chaos nicht nur in die Ordnung der gesprochenen Sprache und der Grammatik, sondern Chaos auch in die scheinbar unfehlbaren Ordnungen der Ideologie und der Politik. Acht Gedichtbände hat der 33jährige Papenfuß-Gorek in Kleinst- und Selbstverlagen schon veröffentlicht – alle unter Ausschluß einer größeren Öffentlichkeit. Passionierte Lyrik-Leser im Westen wurden auf diesen Autor aufmerksam, als 1985 der kleine Westberliner KULTuhr Verlag den Gedichtband harm publizierte – ein lyrisches „Popalbum”, wie es Papenfuß-Gorek rückblickend nennt.
Eine Auswahl all dieser Texte, die lange im Verborgenen blühten und in Szene-Magazinen, Anthologien und subkulturellen Cliquen zirkulierten, legt nun der Luchterhand Literaturverlag in einer Lizenzausgabe des Ostberliner Aufbau Verlags vor: Der Gedichtband dreizehntanz präsentiert Texte, die zwischen 1975 und 1988 geschrieben worden sind. Im Aufbau Verlag ist das Buch in einer neu geschaffenen Edition mit dem sinnigen Titel Außer der Reihe erschienen. Tatsächlich liest sich die Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek wie ein Negativ dessen, was in der DDR staatlich favorisierte Kunstideologie ist. „Papenfuß ist ein Meister nicht-syntaktischer Grammatik … Seine Wörter sind nicht dudenkonform geschrieben”: So pries der Freund und Förderer Karl Mickel 1986 in der Literaturzeitschrift Sinn und Form das sprachschöpferische Verfahren des poetischen Nachgeborenen Papenfuß-Gorek, um ihn gleich in eine ehrwürdige Reihe poetischer Modernisten zu stellen: von Quirinus Kuhlmann, über Hugo Ball und August Stramm, bis zu Ernst Jandl und Helmut Heissenbüttel reiche die literarische Ahnengalerie. Auch auf die Gefahr hin, des literaturhistorischen Verweisungsgefuchtels bezichtigt zu werden, nenne ich einen weiteren Namen: Arno Holz. Wie Arno Holz in der „Phantasus”-Dichtung entwickelt Papenfuß-Gorek eine Vorliebe für bizarre Wortbildungen, die meistens nach dem Gesetz der Klangassoziation gebildet sind. Wort- und Reimspiele, Assoziationsketten, expressive Wortzusammenballungen, Variationsreihen und pure Klangeffekte bestimmen beträchtliche Partien sowohl im Phantasus als auch im dreizehntanz. Die partielle Auflösung der Syntax führt jedoch nicht zur vollständigen Liquidierung der grammatischen Ordnung. Der intakte umgangssprachliche Satz mit Subjekt, Prädikat und Objekt bildet stets den Rohstoff und den formalen Grundriß von Papenfuß-Goreks Verszeile. Nur durch die zahlreichen Verfremdungsprozeduren, denen er Wörter und Sätze unterwirft, entsteht dann jener eigentümliche Wirbel, der den Sinn oft im Buchstaben-Gestöber untergehen läßt. Der poetische Alchemist Papenfuß-Gorek spielt mit der Etymologie der Wörter, verballhornt Redewendungen und Sprichwörter, vertauscht und verdreht, montiert und collagiert. Die Lust an der Buchstabenbastelei bringt die Gedichte zuweilen in die Nähe des Kalauers:
du hast die schmarren geramscht
hast die sau in saudiarabien begrabien
wassermolochs augen gossen tränen flutengleich
eich euch männern und eichenlaubern.
Papenfuß-Goreks Gedichte wollen die sterilen sprachlichen Verhältnisse in einer Gesellschaft der vorgestanzten Resolutionen, Dekrete und Verlautbarungen zum Tanzen bringen. „krampf-kampf-tanz-saga” ist der lange Gedichtzyklus überschrieben, der den Band beschließt. Dieser Titel kann auch als poetologische Selbstbeschreibung gelesen werden. Denn der Kampf, die Attacke gegen poetische und gesellschaftliche Konventionen, der wilde Tanz der Sprach-Zeichen, endet nicht selten in vokabulärer Verkrampfung. Dem „wortüberfall”, den Papenfuß-Gorek auf den 200 Seiten seines Gedichtbands inszeniert, steht man am Ende ziemlich wehrlos gegenüber. Obwohl schon längst der Faden gerissen ist, der einen durch das komplizierte Gewebe des Textes führt, läßt man sich doch in den Sog der Wortkunststücke von Bert Papenfuß-Gorek hineinziehen. Ich fürchte Peter Rühmkorf: Auch wer Lyrik liest, muß verrückt sein.
Michael Braun, Deutschlandfunk, 14.3.1989
Ich kann mir nicht versagen, über das Buch zu schreiben, obwohl ich es einem verständnisvollen Rezensenten geben könnte. Ich möchte meine Meinung dazu sagen. Ich bin bemüht. Ich lese. Laut, leise geht’s sowieso nicht. Mit Synthesizer-Untermalung und Papenfuß’ gedämpfter Stimme klingen diese Sprachgebilde anders. Aber wer hat schon solche Bänder? Der lyrikfreundliche Leser, ich meine den aufgeschlossenen, am Experiment interessierten, normal- oder darüber gebildeten (nicht die Fans von Modernismen aller und jeglicher Art) liest, er liest freundlich, aufnahme- und verständnisbereit.
Zum Buch haben Karl Mickel und der Nestor des Sprachexperiments Ernst Jandl Voten gegeben, abgedruckt im Buch, positive in guten Worten, in literarischer Form. Der alte Herr aus Wien beschaut sein „Kind“ und siehe es war gut…
Ich finde es nicht so gut – vor allem gibt es da inhaltlich nicht mehr viel Gutes. Das Ganze beginnt mit „notdurft“ (na ja, ist menschlich). Daß die Welt nicht heil ist, wissen wir seit Adams Zeiten, daß das letzte Jahrhundert so unheilvoll war, davon sagt auch die Lyrik, aber nicht nur sie. Es waren die Verhältnisse („und die Verhältnisse, die waren nicht so…“) Aber bei Papenfuß gibt’s gar keine Verhältnisse mehr – allenfalls das Verhältnis Papenfuß zu Papenfuß, aber auch das scheint recht gebrochen. Wenigstens aber ist da die Suche und Ansätze, wieder ins Verhältnis zu den Werten zu kommen. Manche Sätze oder Wortgebilde zeugen schon vom Bemühen.
Ich sage nichts zur Form, die wenigsten schreiben heute noch im klassischen Versmaß. Da gibt es auch Reime die Fülle: „wir fliegen an einen strandt / liegen in einem heissen sand“ (Ich will nicht gleich mit „mein freier wille lokusbrille“ beginnen.) Es gibt diverse Sprach-Bilder. Aber wir hatten das doch schon und nicht nur einmal, von Majakowski bis Morgenstern, mit klarer Absicht und wichtig. Der Leser findet Dreiecke, Kegel, Verschobenes, Schnecke usw. Gewiß kein Argument gegen. Und da findet er auch Neues. Es mangelt nicht an Experiment oder Provokationen. Aber Wort- oder Lautspiele mit ernstem oder witzigem Hintergrund, Stammelei oder Aufschrei gab es in hoher Qualität (von Rimbaud über Arp, Schwitters bis zu Jandl). Gegen oder für dies sei nichts gesagt. Man kann nicht mehr alles neu machen. Form und Inhalt müssen stimmen und etwas aussagen. Das verlange ich auch von den &s, vielerorts schon zu finden und von Papenfuß reichlich verwendet, rote Taste auf Papenfuß’ Schreibmaschine? Oder die Groß- und Kleinschreibung. Gewiß, sie ist deutsche Art, jeder halte es bei Lyrik, wie er wolle. Aber kennen nicht viele von uns die kleingeschriebenen Substantive aus Briefen der lieben, intellektuellen Freunde? (Man schreibt und denkt wie George.)
Ich verweigere Bert Papenfuß-Gorek die Achtung nicht. Er hat eine reiche, sich leider vielfach in Kraftausdrücken Luft machende Phantasie, er weiß auch in Geschichte, Kunst, Philosophie Bescheid und läßt das durchblicken. Es gibt bessere Verse und weniger gute nebeneinander. Beispiel:
1 jeden tag ein streit
und es hat uns sehr gereut
wir liebten uns wohl leer
ich mag die tage nicht mehr
− das ist stimmig, aber dann 3:
hau ab
du bist so schoen
& lass dich mal wieder sehn
− das ist schlecht. Wo der Blick sich weitet, wird die Sprache auch besser, etwa im Poem ab S. 184. In Pompeji fand man bekanntlich Toilettensprüche und machte hübsche Bücher davon, nicht generell etwas gegen diese Sprache, sie sagt etwas über die Schreiber, über Zeiten und Sitten. Aber hier wird sie zur „Antikunst um der Antikunst willen“.
Der Verlag betrieb für die neue Reihe Außer der Reihe viel Aufwand (Auffällige Ausstattung, gutes Papier), Gerhard Wolf betreut die Jungen, die in der mit dem Band begonnenen Reihe zu Wort kommen. Neuen Versuchen wird reichlich Raum gegeben. Deshalb ist der hohe Anspruch des Lesers gerechtfertigt. Und Papenfuß’ Ansätze sind bemüht, aber sein Kosmos bleibt letztlich nur der kleine von Papenfuß & Co.
Zu wenig kommt rüber von individueller Not. Sprache als Ausdruck von Sprachlosigkeit. Schade, daß nicht sorgfältiger ausgewählt wurde, weniger wäre mehr gewesen. So aber kann ich (frei nach Papenfuß) nur sagen:
Ich hab mich
aaaaaaaaaaafon papenfuß
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaverspottet gefuehlt.
Sabine Neubert, Neue Zeit, 2.5.1989
Lesung 1: und wie steht’s mit der Rechtschreibung?
Da ärgert man sich wieder ordentlich, daß man nix kapiert von der scheiß-modernen Lyrik … Das fängt schon beim Titel an: dreizehntanz. Was soll denn das heißen? Jetzt schlägt’s aber dreizehn? Na, und dann dauert’s ein wenig und dann kommt man drauf – drei-zehen-tanz. Aha. Der ist wohl eher ein Experimenteller, ein Sprachkünstler? Lustige Sachen stehen da drin: „mir grünt saulieb ein todestrieb“. Das ist halt Dichtersprach’, das muß man dem schon zugestehen, auch wenn er die Hälfte von allem falsch schreibt:
lieber
mich selbst zu be- & ent-
haupten wie’s mir gefühlt!
als beherrscht zu werden
oder selbst zu herrschen.
Gefällt, heißt das natürlich, nicht gefühlt. Oder war’s ein Dreckfehler? Dann sind die aber ein bißchen häufig in dem Band:
auf wiedersehen faterland
ich such das meuterland.
Dabei lernen wir in der Grundschule schon den Unterschied zwischen Fenster-Ef und Vogel-Vau, nicht wahr?
Einmal schreibt er alles klein, dann wieder gesperrt, ein andermal nur die Anfangsbuchstaben groß, auf einmal aber alle:
Das wissen
um eine schiere fuelle fon
e r s c h e I n u n g e n
Die Ich Nicht Wahrnehmen Kann
IST EMPFINDEN UNERFUELLBAR
Und prompt vergißt er das Fragezeichen. Der macht wirklich was er will.
Kein Wunder, daß sie ihm in der DDR „Sinnverweigerung“ vorgeworfen haben, obwohl der Pappenheimer selber schreibt: „Du Fermaledeist Den Ernst / Zur Komik Des Oeffentlichen Lebens (…) Was Ich Tu Recht Tu Ich Doch Recht & Manchmal Ess Ich Den Ernst Ernsthaft“. Der scheint ein rechter Schelm zu sein, und einen Lebenswandel muß der haben: „ein saufen findet for der buehne statt“, nicht nur da, nehme ich an, denn von sich selbst sagt er ja: „Mit Mir Herum Trag Ich Strohhut & Freibier“. Das find ich prima. Muß ein rechter Säufer sein und zugehen tut’s bei dem:
außen – nettonett, innen – bruttobrutal
strotzten meine gedichte von votzen, wimmeln
von pimmeln, schwänzen & gespensten – kopf-
tripper!
Wenn das nicht skandalös ist! Aber das „antlitz der poesie ist gräßlich“. Nun will ich’s gern glauben. Nur gegen mein geliebtes Bayern wenn er nochmal was sagt – etwa “freistaats an freiheits statt” – dann sei er förmlich „fersichert dessen dass ein arschloch das andere beisst“.
Lesung 2: „so betrieben sie lieben“?
Papenfuß-Goreks Verunsinnigungen, seine ansteckenden Wortkrankheiten und frechen Wortbrüche stamen aus keinem postmodernen Signifikantenspiel, sondern stecken in der Eigendynamik der Sprache selbst. Sicherlich hat solche ein diegetisches Verfahren etwas von Willkür, doch zeugt es eher von zutrauen in die Sprache, denn von Mißtrauen ihr gegenüber – solange es sich nicht damit begnügt, gefällig zu sein oder herrschende Codes nachzuplappern, was aufs gleiche rausläuft. Von Liebesgedichten z.B. erwarten die meisten, daß sie „schön“ sein sollen, was heißen mag, daß man die Liebe nicht ungestraft verunglimpft. So ein zustand ist natürlich unerträglich, den „gunst hat nicht nur mit wohlgefallen zu tun“ und Kunst schon gar nicht. Daher
betreten wir
eine revolutionäre situation & trampeln
darauf bloß auf unseren genitalien herum
die liebe bleibt unüberholbar zurück
Schön gesagt: „gerinne mine verebbe liebe fließe strom“. So mancher wird nämlich “gleich gluekklich gleich gueltig”. Wie viele aber würden sich durch so ein Liebesgeständnis betören lassen: „Maedchen Ich Lade Dich Ein Bei Mir Zu Sterben“? Nun ja, alle Lust will Ewigkeit, das hat er wohl gemeint und immerhin kommt’s dann halb so schlimm:
Hier Kannst Du guten Muts Abhauen & Sakkpfeifen (…)
Was Immer Du fuer Mich Kochst Werde Ich Essen
Ich Werde Cigaretten Drehen Von Unserem Tabak
Wir Werden Die Bis Jetzt Foellig Zu Unrecht Gueltige
Mutter Erde Eine Natter Schimpfen & Was Darauf Keucht
& Fleucht Kann Uns Foellig Zu Unrecht Am Arsch Lekken
Aber wie eine „entliebung“ (bestens als Epitaph geeignet) vonstatten geht, läßt sich natürlich vorm Traualtar der kollektiven Liebesmühen nicht ohne Weiteres aufsagen:
nun ist ein saftarsch
nicht natuerlich das
was das herz bekehrt
aber auch aufs gesicht
wie ueblich geschissen
so bleibt also uebrigens
selbstgeil sterben lernen
fiehisch wie die foegeln
Lesung 3: „um mit dem folksmut zu sprechen: der ofen ist aus“
Ob sich die DDR-Regierung nicht lieber nach einem anderen Volk umsehen sollte? Mit dem momentanen scheint sie sich nicht so gut zu verstehen, wenn denn die Dichter & Denker schon zu so argem Fatalismus neigen müssen: „wenns haupt foller gedanken stekkt will mans auch los sein“. Nicht erst Papenfuß-Gorek weiß: „wer das wort hat, hat die macht“, die Frage wird sein, wer den längeren Atem hat (Renè Char) oder das schnellere Einsehen. Immerhin ist es nicht so, daß die jungen Motzer statt einer linken nun eine geschlichtliche Rechtschreibung wollen, vielmehr „dass kommunismus / kommen muss“. Wenn aber gilt: „mit der gegenwart als gegenwert / bist du stets uebers ohr gehaun“, sollte man vielleicht lieber auf Zukunftsperspektiven setzen. An alle diejenigen, die aufgebrochen sind „fuer neue ire laender“, ergehe die Bitte, sich auch nicht nicht „einkeufern“ zu lassen.
Manfred Ratzenböck, Konzepte
René Kegelmann: „wortflug“.
Listen, 1989, Heft 15
Sabine Kebir: „Ich hab mich fon der zeit ferspottet gefuehlt.“
Deutsche Volkszeitung / die tat, 14.4.1989
Wulf Segebrecht: Vom Lottern des Wortes. Bert Papenfuß-Gorek ist ein „Neuer Wilder“ der DDR-Lyrik.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.5.1989
Michael Braun: Sabotage der Grammatik.
Frankfurter Rundschau, 8.7.1989
Jörg Drews: „mir grünt saulieb ein todestrieb“. Bert Papenfuß-Goreks deutsch-deutsche Buchpremiere.
Süddeutsche Zeitung, 30.8.1989.
Auch in: Basler Zeitung, 1.9.1989
Nicolai Riedel: Bert Papenfuß-Gorek: dreizehntanz.
Passauer Pegasus, 1989, Heft 14
Mathilde Dau: Von poetischer Weltaneignung. Eine Reihe Außer der Reihe im Aufbau-Verlag.
Berliner Zeitung, 14./15.10.1989
Matthias Biskupek: Bert Papenfuß-Gorek. dreizehntanz.
Eulenspiegel, 1989, Heft 20
Peter Böthig: „fertonung des orts & der zeit“.
Temperamente, 1989, Heft 3
Michael Gratz: Schreiben gegen Verfestigungen.
Neue Deutsche Literatur, 1989, Heft 11
Antonia Grunenberg: Frontlos. Über Bert Papenfuß-Gorek.
Die Zeit, 8.12.1989
Alexander von Bormann: Ins freie Feld der Sprache.
Der Tagesspiegel, 11.3.1990
TIP: Bist du ein politischer Poet?
PAPENFUSS: Angesichts der jetzigen, unerhörten Verhältnisse in der DDR würde ich das lieber verneinen.
TIP: Du fährst seit Jahren von Ost nach West und umgekehrt. Welche Richtung bevorzugst du?
PAPENFUSS: „Führt nicht jeder Weg doch immer nur nach Haus?“ (Enno P. Gramberg)
TIP: Gibt es noch immer den Ost-Bonus für DDR-Künstler?
PAPENFUSS: Im Zuge der grasierenden Liberalisierung der „DDDR“ geht der natürlich langsam gegen Null. Biermann z.B. hat noch voll abgefaßt. Sascha Anderson schon weniger, ich eher mau, und die neu einreisenden Paßgänger werden richtig arbeiten müssen wie alle anderen auch.
TIP: „DDDR“
PAPENFUSS: Weiß ich auch nicht, aber das ist irgend so ein Witz. Man findet ja kaum noch Zeit dem Volk richtig aufs Maul zu schauen.
TIP: Arbeitest du noch mit Malern und Musikern zusammen?
PAPENFUSS: Ja, und zwar richtiggehend flächendeckend.
TIP: Verstehst du dich als „Oppositioneller“?
PAPENFUSS: Nein, als „Gegner“ im Franz Jungschen Sinne.
TIP: hast du Pläne für deine Vergangenheit?
PAPENFUSS: Gegenwartsbewältigung, auf der Hut sein, alle Ironie könnte wahr gewesen werden.
Dieses Gespräch wurde vor dem 9. November 1989 geführt.
Sprachgewand(t) – Sprachkritische Schreibweisen in der DDR-Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring.
Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.
Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.
morderne lyrik ist schon komplex genug. wenn in der erklärung dann “nicht-syntaktischer Grammatik” erscheint, führt man keine neuen leser ran