Carlos Rincón & Gerda Schattenberg-Rincón (Hrsg.): Moderne Lyrik aus Nikaragua

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Carlos Rincón & Gerda Schattenberg-Rincón (Hrsg.): Moderne Lyrik aus Nikaragua

Rincón & Schattenberg-Rincón (Hrsg.)-Moderne Lyrik aus Nikaragua

JA, DU WEISST, DASS ER STARB

Ja, du weißt, daß er starb,
und kennst auch das Grab jenes Bruders,
des Bruders, den man verscharrte.
Du weißt es,
dein Herz, es ist diese Erde, ihn bettend,
und unsere Tage sind Blumen, einzig erblüht für sein Grab.

Michèle Najlis
übersetzt von Uwe Kolbe

 

 

Vorbemerkung

Diese Anthologie wurde von den Herausgebern in den letzten anderthalb Jahren in Nikaragua erarbeitet. Sie versucht, die Wege nachzugehen, die von der nikaraguanischen Dichtung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beschritten worden sind. Der Anfang ist mit Rubén Daríos überragender Dichterpersönlichkeit gesetzt, auf die sich alle nachfolgenden Lyrikergenerationen beziehen. Die Sammlung schließt mit Gedichten, die nach der Revolution, also in den letzten zwei Jahren, entstanden sind. Die chronologische Abfolge wird dem Leser ermöglichen, Berührungspunkte mit der Lyrikentwicklung verschiedener Länder Europas und Amerikas zu entdecken (Berührungspunkte, die schon allein durch die Exilsituation einer Vielzahl von Autoren gegeben sind), aber auch die relative Eigenständigkeit der hier vorgestellten Dichtung zu erkennen. Er wird sich von dem hohen kulturellen Niveau eines Volkes überzeugen können, das am 19. Juli den 2. Jahrestag seiner Revolution begeht.
Der Verlag dankt allen Autoren, die ihre Texte für diesen Band zur Verfügung stellten, insbesondere Ernesto Cardenal, der uns zu unserer Publikation, mit der wir international verlegerisches Neuland erschließen, ermutigte. In einem Brief vom Januar 1980 würdigte er die Bedeutung dieser Anthologie für sein Land: „Im Namen des Volkes von Nikaragua danke ich Ihnen für Ihre Geste der Solidarität in jenen Stunden der Bedürftigkeit, da wir große Anstrengungen unternehmen, um die Situation der Zerrüttung, in die wir gebracht worden sind, zu überwinden.“

Der Verlag, April 1981

 

Nachwort

… Nachdem die Poesie mit Rubén Darío und den Dichtern, die innerhalb der von ihm abgesteckten Grenzen der ästhetischen Möglichkeiten blieben (Cortés, Salomón de la Selva), an der Wiege des Erwachens des nikaraguanischen Nationalbewußtseins gestanden hat, begleitet sie als Bewegung der Avantgarde die Festigung dieses Bewußtseins in einer Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität, des Sich-Verlierens und Sich-Findens. Kopf dieser Bewegung wurde 1927 José Coronel Urtecho, und ihr schließen sich andere Poeten mit eigenen Zielen an, angefangen bei dem proletarischen Dichter Manolo Cuadra. Die Einsicht, daß die Suche nach einer kulturellen Identität eine Illusion bleibt, wenn man diese nicht gleichzeitig als politische Befreieridentität sucht, bringt der nikaraguanischen Lyrik (und der Lyrik des Kontinents) Ernesto Cardenal. Er ist die herausragende Gestalt einer bedeutenden Gruppe von Schriftstellern (Carios Martínez Rivas, Ernesto Mejía Sánchez, Ernesto Gutiérrez), die zu Beginn der fünfziger Jahre anfangen zu publizieren. Wichtiger Tatbestand: Anfang der sechziger Jahre münden das Werk von Cardenal und die Dichtung von Coronel Urtecho in die von ihnen so benannte „exteriotistische Poesie“, die den Hauptentwicklungsweg der nikaraguanischen Lyrik und generell, unter anderen Bezeichnungen, der zeitgenössischen lateinamerikanischen, Lyrik darstellt. Als gemeinsamer Nenner bleibt sie auch für die spätere Dichtung bestehen, bei der ich auf folgendes hinweisen möchte: Da war ein großes Talent, Leonel Rugama, der mit 21 Jahren, am 15. Januar 1970, als er einer Übermacht von 200 Soldaten der Nationalgarde, Panzern und Flugzeugen gegenüberstand, ermordet wurde und damit ein exemplarisches Schicksal erlitt. Zweitens wäre hervorzuheben, daß gegenwärtig in Nikaragua eine Dichtergruppe sehr junger Frauen existiert, von denen die Mehrzahl an entscheidenden Ereignissen des revolutionären Kampfes beteiligt ist.
Wenn wir die „exterioristische Dichtung“ zu charakterisieren hätten, müßten wir folgendes herausstellen: Bei ihr entzog sich der Vers endgültig allen Normen, und seine Gliederung folgt inneren Gesetzen. Parallel dazu ist zu beobachten, wie die Einbeziehung aller Formen von sprachlichen Äußerungen zunimmt: Presse, Film, Rundfunk, Vortrag usw. Daraus ergibt sich ein ständiges Ineinander von Texten (literarischen, historischen, politischen, ökonomischen) und Einschnitten, Abschnitten und Unterbrechungen, wie sie in der gesprochenen Sprache und im Gespräch vorkommen. Die Gründe dafür legt Cardenal so dar:

Ich ziehe den Vers vor, wie Sie wissen, denn er ist leichter und kürzer
und das Volk nimmt ihn besser auf, genau wie ein Poster.
Ohne zu vergessen, daß
die revolutionäre Kunst ohne künstlerischen Wert
keinen revolutionären Wert hat.

(Epistel an José Coronel Urtecho)

Weil die Gedichtauswahl, die wir hier vorlegen, zwangsläufig klein ausfallen mußte, konzentrieren wir uns auf drei Repräsentanten, wenn wir ein Panorama der nikaraguanischen Lyrik geben wollen: auf Rubén Darío, José Coronel Urtecho und Ernesto Cardenal.
Félix Rubén García Sarmiento (Rubén Darío) wurde 1867 in Metepe, heute Ciudad Darío, geboren. Seine Bildung erhält durch seine Übersiedlung nach Chile im Jahr 1886 die Breite, die ihm ermöglicht, Azul (1888) zu schreiben, ein Buch, das den Beginn einer neuen Etappe im kulturellen Leben Lateinamerikas markiert und dessen Ausstrahlung bis zu uns reicht. Schon in Azul und später noch mehr in Prosas profanas (1896) und in Cantos de vida y esperanza (1905) offenbart sich die Unabhängigkeit Lateinamerikas von Sparien und überhaupt von Europa auf literarischem Gebiet, und zur gleichen Zeit formt sich das poetische Werk Daríos und mit ihm die Bewegung, der er den Boden bereitet, auf der Grundlage eines modernen Verständnisses der Kunst und ihrer Techniken. Das Werk von Darío, Auftakt des lateinamerikanischen Modernismus, entsteht als eine Antwort auf den Übergang der lateinamerikanischen Gesellschaftsordnungen zu einer neuen geschichtlichen Etappe und als Antwort auf das Eindringen der Moderne ins lateinamerikanische Leben. Die Lösung aus den Bindungen einer der halbfeudalen Welt unterworfenen Existenz im Namen der Aufrichtigkeit, der Originalität und der Suche nach Neuem, läßt sich in spanischer Sprache dank der Tatsache artikulieren, daß ihr Darío den Duktus verliehen hat, den das Französische seit Baudelaire und Verlaine, Bezugspunkte seines Schaffens, schon hatte. Obwohl der Künstler mit dem Modernismus den Marktgesetzen der kapitalistischen Gesellschaft unterworfen wird und ihm dies eine Freiheit bringt, die er vorher nicht kannte, führt gerade diese unsichere und ständig bedrohte Existenz dazu, daß er die bürgerliche Welt ablehnt. In der französischen Poetik lernte Darío den Wert der Musik des Wortes kennen, seinen Klang und seinen Rhythmus als signifikante Merkmale von neuer und beträchtlicher Wirkung zur Erhöhung der Expressivität des literarischen Zeichens. Von den Franzosen hat er auch die ersten Formulierungen einer Ästhetik der Kunst um der Kunst willen: Der Schwan ist das Symbol der neuen Poesie, die mit dem Modernismus aufkommt, ein Symbol mit prophetischer Mission, die neue Quellen der Inspiration verlangt. Doch bleibt diese Auffassung von der Dichtung eng; ihre Grenzen werden erst von der Kraft des Pantheismus gesprengt, von der Liebe zur Natur, von der Wichtigkeit des Elements der Liebe und von Daríos Sorge um die amerikanische Welt, was, verbunden mit einer tragischen Lebenssicht in seinem Band Gedicht vom Herbst und andere Gedichte (1910) zum Tragen kommt.
Die Last Daríos wog so schwer für alles künftige poetische Schaffen, daß der junge José Coronel Urtecho (1906) die Ära des Avantgardismus zwangsläufig mit einem Gedicht gegen Dario einleiten mußte. Das Gedicht beginnt mit einer notwendigen Profanierung:

Deinen Löwen aus Zement hab ich verspottet.

Das heiligste nationale Denkmal in Nikaragua war das Grabmal Daríos in Leon, das als Symbol einen mehr als geschmacklosen Löwen aus Zement zur Schau stellt. Die Rebellion der Avantgarde richtete sich deutlich gegen das provinzielle Bürgertum, das Nikaragua in seiner ökonomischen, politischen und sozialen Rückständigkeit einer patriarchalischen und halbfeudalen Gesellschaft für die Herrschaft der USA offenhält. So muß man zwei charakteristische Merkmale für die Entwicklung der nikaraguanischen Avantgarde und, innerhalb dieser Bewegung, im Schaffen Coronels hervorheben: die Fähigkeit, die Dichtung der nordamerikanischen Avantgarde (Pound, Eliot und später Autoren wie William Carlos Williams) zu rezipieren und gleichzeitig die nationalen Themen zu entdecken. Dennoch paktierte nach dem Mord an Sandino in der neuen internationalen geschichtlichen Konstellation, die vom Aufkommen des Faschismus gekennzeichnet ist, ein Teil dieser Avantgarde mit dem, der in den vierziger Jahren die Politik der Alliierten in Nikaragua verkörperte: Anastasio Somoza García. Als ablehnende Reaktion auf die Wirklichkeit, die dem Land auferlegt war, entscheidet sich José Coronel Urtecho als einer der ersten nikaraguanischen Dichter für eine extreme Lösung. Er will nicht Mönch sein, nicht Heiliger und nicht Guerillero, er zieht sich nur von der Welt zurück: Mit seiner Familie läßt er sich mitten im Urwald, am Rio San Juan nieder. Von „Las Brisas“ aus, dem Haus, das seine Frau, die Deutsche Maria Kautz, erbaute, spielt er bis heute die Rolle des Nestors der nikaraguanischen Lyrik. Seine politischen Positionen nähern sich Ende der sechziger Jahre endgültig den demokratischen Kräften des Landes an, und heute steht er in den Reihen der revolutionären Bewegung, wie sein Gedicht „Das Vergangne kehrt nicht wieder“ bezeugt. In diesem Gedicht verbindet sich der Mythos eines völligen Bruchs mit der Vergangenheit, die sich immer zu wiederholen schien, mit dem Mythos des Kratylos: dem Ziel, den wahren Namen der Dinge zu finden, ein Ziel, das von aller modernen Poesie verfolgt wird. Dieser wahre Name kann in Nikaragua nach der Meinung Coronels erst dank der Sandinistischen Revolution gefunden werden.
Ernesto Cardenal wurde im aristokratischen Granada der zwanziger Jahre geboren. Seine Ausbildung erhielt er, im Jesuitenkolleg in León. 1947 schloß er sein Philosophie- und Literaturstudium an der Autonomen Universität von Mexiko mit dem Diplom ab. Später, zwischen 1948 und 1949 studierte er an der Columbia University in New York. 1950 reiste er nach Madrid und Paris, wo er mit zwei Büchern ankam: Proclama del Conquistador und La ciudad deshabitada. Die nordamerikanische Poesie (vor allem Pound) und Dichter wie Césaire und Saint-John Perse, gehörten zu dem, was er begeistert las.
Von 1950 bis 1954 setzt sich Cardenal intensiv für die Kultur in Nikaragua ein: Er gründet Büchereien, Verlage, gibt Anthologien heraus. Und vor allem: Er schreibt an seinen Epigrammen, die von Hand zu Hand gehen. Wie bei Martial und bei Catull dominiert des Thema Liebe, doch schon bricht eine politische Haltung durch.
Cardenal war einer der Begründer jener politischen Bewegung, von der die sogenannte Aprilrebellion von 1954 ausging, und er mußte in die Illegalität gehen, um dem Kerker und der Folter zu entkommen. Stunde Null, eines der großen politischen Gedichte Cardenals, ist damals schon im Entstehen: Es wird schließlich zu einem Porträt von Augusto César Sandino.
1957 vollzieht sich ein radikaler Wandel im Leben Cardenals. Der brillante Dichter und kulturelle Anreger zieht sich ins Trappistenkloster nach Kentucky zurück, wo der Mönch und Schriftsteller Thomas Merton die Novizen unterweist. Zum erstenmal in seinem Leben verzichtet Cardenal darauf zu schreiben. Aus Gesundheitsgründen muß er zwei Jahre später das Kloster verlassen, aber die Freundschaft mit Merton bleibt bestimmend für sein Leben und seine Dichtung. Als er von Gethsemani, Ky., weggeht, publiziert er unter diesem Titel einen Gedichtband und ein Meditationsbuch – eine seiner meistverbreiteten Arbeiten und ein Eckstein vieler seiner Werke – es trägt den Titel Leben in Liebe. Bis 1961 bleibt Cardenal im Benediktinerkloster in Cuernavaca, Mexiko. Aus dieser Zeit stammen die Anfänge von Die ungewisse Meerenge, und es entstanden auch einige Gedichte der Huldigung der amerikanischen Indios (1966).
Zwischen 1961 und 1965 hält sich Cardenal in Kolumbien auf, wo er Theologie studiert und seine Psalmen schreibt, ein Buch, das ihn zu einem der repräsentativsten Dichter des Kontinents erhebt. Aus dieser Zeit in Kolumbien stammt auch das Wichtigste seiner Gedichtsammlung Gebet für Marilyn Monroe und andere Gedichte. Wieder in Nikaragua, wird er 1965 zum katholischen Priester geweiht und geht daran, ein Vorhaben in die Tat umzusetzen, das ihn seit seinen Gesprächen mit Merton beschäftigt: die Gründung der bäuerlichen Kommune von Solentiname, auf einer der Inseln der gleichnamigen Inselgruppe im Großen See von Nikaragua. Im Laufe von einem Jahrzehnt entwickelt sich die Kommune in einen 0rt nicht nur der Meditation und der Kontemplation, sondern auch zu einem Ausgangspunkt für die Suche nach alternativen Lebensformen, und dies mit Hilfe einer Technik, die der Natur nicht Gewalt antut, sondern mit ihr im Bund ist. Die Trennung von Kunst und Leben wird durch eine Praxis von Poesie und naiver Malerei überwunden, die heute die Maler von Solentiname zu einer Gruppe macht, die der von Generálic in Jugoslawien und der des Zentrums von Port-au-Prince in Haiti vergleichbar ist. Schließlich führt die Bewußtseins- und Identitätsbildung im Laufe der Jahre bei den Bauern der Kommune zu politischen Konsequenzen, wie sie bei der gemeinsamen kommentierenden Lektüre der Evangelien, die Cardenal leitet und im Evangelium der Bauern von Solentiname aufgezeichnet hat, sichtbar werden. 1977 nehmen Jugendliche der Kommune direkt an einer der ersten Aktionen des Aufstands teil: an der Einnahme der Kaserne im Hafen von San CarIos am Río San Juan, von der aus man den ganzen Großen See kontrollieren kann. Diese Tatsache als Vorwand benutzend, erlegte die Nationalgarde der Kommune dasselbe Schicksal auf wie vielen anderen Dörfern und Städten in Nikaragua; das der physischen Massenvernichtung.
Mit der Ernennung zum Kulturminister der Sandinistischen Revolution steht an der Spitze dieses wichtigen Ressorts eine der repräsentativsten Persönlichkeiten des neuen Nikaragua. Internationale Anerkennungen wie die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt (Main) haben die internationale Bedeutung von Leben und Werk dieses Dichters, Priesters und Revolutionärs erhöht.
Zu verschiedenen Zyklen zusammengestellt, durchlief die Dichtung Cardenals innerhalb der dialektischen Entwicklung, die ihr eigen ist, Etappen mit Gedichten politischsozialer Anklage und Etappen mit mystisch-religiösen Werken, bis sie den Duktus einer episch-narrativen Dichtung von großem Atem annahm. Cardenal sagt über die Arbeit des Dichters:

Dem Volk wird die Sprache geraubt,
Und man fälscht die Worte des Volkes
(Genau wie das Geld des Volkes.)
Deshalb feilen wir Dichter so sehr an einem Gedicht.
Deshalb sind meine Liebesgedichte wichtig.

Die Verkündung einer neuen Wirklichkeit, einer verwandelten Welt, ist die Form, in der Cardenal seine Aufgabe als Dichter-Prophet wahrnimmt. Es ist die Verkündigung eines Reiches, in dem die Bedürfnisse der Menschen nicht nur größer geworden, sondern von anderer Art sind; auch ihre Befriedigung ist andersartig, ist bestimmt von der Liebe. Wenn Cardenal das Amt des Kulturministers auf sich genommen hat, kam das für diesen Dichter, der übermäßig viel und konzentriert arbeitet, einem erneuten Verzicht zu schreiben (diesmal einem vorübergehenden) gleich. Nur in Augenblicken, von denen niemand weiß, wie er sie gewinnt, zwischen zwei verschiedenen Tätigkeiten, auf Reisen oder sehr früh am Morgen, wenn noch niemand zu arbeiten beginnt, hat er ein paar Gedichte schreiben können. Er nahm den Ministerposten an, gerade um dazu beizutragen, daß andere schreiben, daß andere malen. Im „Nationallied“ lesen wir:

aaaDer Kampf geht weiter…
und ach, so viele Rubén Daríos in den Bergen
mit der Machete. Hüttenbewohner in ewiger Nacht.
aaaaaaDer Philosoph, der Schuhputzer blieb
der geniale Maler als Ziegenhirt. Nicht nur
aaakönnen sie nicht lesen und schreiben
aaaaaasondern auch nicht denken, lieben, träumen.

Daher die visionäre Kraft und die gewaltige dichterische Welt, die Cardenal zu errichten versteht, denn Politik und Poetik gehen Hand in Hand bei diesem Dichter, Priester und Revolutionär. In indirekter Polemik mit Paul Eluard und dessen berühmtem Vers, in dem die Erde eine blaue Apfelsine ist (von der Farbe der Apfelsinen, die schon verfaulen), sieht Cardenal das Blau der Erde der Kosmonauten und des Gelobten Landes, das unter den Menschen erstehen soll:

aaaDie Erde aufbauen.
Die Verwandlung der Erde in eine menschliche Erde
oder die Vermenschlichung der Natur.
Alle, selbst der Himmel, ein einziges Menschlein, wie Vallejo sagte.
Mit Liebe füllen diesen blauen Planeten.
(Oder die Revolution ist Bürokratie).
(Epistel an José Coronel Urtecho).

Carlos Rincón, aus dem Nachwort, November 1980
(Aus dem Spanischen von Helga Bergmann)

Moderne Lyrik aus Nikaragua

ist nicht gleichzusetzen lediglich mit Rubén Darío und Ernesto Cardenal, wenn auch diese beiden Dichter die herausragenden Vertreter der Poesie ihres Landes sind. Rubén Daríos Werk, in engem Kontakt mit der spanischen und französischen Moderne entstanden, bildet in Nikaragua den Auftakt für eine Lyrikentwicklung, die in anderen Ländern Lateinamerikas ihresgleichen sucht. An dem „großen Rubén“ reiben und messen sich die jüngeren und jüngsten Autoren. Nicht sein literarisches Programm, wohl aber das Niveau seiner Poesie wird zum Maßstab aller dichterischen Produktion, deren Vielfalt sich dennoch mit dem von Cardenal gern verwendeten Begriff „exterioristisch“ auf einen gemeinsamen Nenner bringen ließe. Gemeint ist der narrative und anekdotische Charakter einer Dichtung, die in der unerträglichen politischen Situation Nikaraguas nicht zur Verinnerlichung neigte, sondern die Auseinandersetzung suchte. Das Werk des jetzigen Kulturministers, Ernesto Cardenal, ist das klassische Beispiel für so verstandene dichterische Verantwortung.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1981

 

Lyrik als Biographie eines Volkes

− Gedichte aus Nikaragua in einem Band des Leipziger Reclam-Verlages. −

Denkt man an die moderne Lyrik Nikaraguas, fallen einem meist sofort die Namen zweier herausragender Poeten dieses Landes ein: Rubén Dario, das große Vorbild jüngerer und jüngster nikaraguanischer Autoren, und Ernesto Cardenal, der Dichter-Priester und jetzige Kulturminister des jungen unabhängigen lateinamerikanischen Staates. Daß mit diesen beiden Namen der poetische Reichtum der nikaraguanischen Lyrik noch längst nicht erschöpft ist, bewies unlängst eine Veranstaltung unter dem Titel „Lyrik bis Ladenschluß“ in der Berliner Karl-Marx-Buchhandlung, in der Autoren unseres Landes ihre und andere Nachdichtungen lyrischer Werke von nikaraguanischen Poeten vorstellten.
Im Beisein des Botschafters der Republik Nikaragua, Romero Gonzales, und des Stellvertreters des Ministers für Kultur der DDR, Klaus Höpcke, eröffnete Hans Marquardt, der Leiter des Leipziger Verlages Philipp Reclam jun., die Lesung. Er betonte, daß es sich bei der vorliegenden Ausgabe Moderne Lyrik aus Nikaragua um ein besonderes Buch handele, sei es doch ein Versuch, verlegerisches Neuland zu erschließen.
In die Sammlung sind sowohl Werke der überragenden Dichterpersönlichkeit Rubén Dario aufgenommen als auch Gedichte der nachfolgenden Lyrikergenerationen, sogar solche, die erst nach der Revolution, also in den letzten zwei Jahren, entstanden sind, die in Zeitschriften entdeckt oder von ganz jungen Autoren eingereicht wurden. Die Anthologie wurde von den Herausgebern in den letzten anderthalb Jahren in Nikaragua erarbeitet.
Ermutigung zu dieser Publikation kam von Kulturminister Cardenal, der in einem Brief die Mühen der Herausgeber mit den Worten würdigte: „Im Namen des Volkes von Nikaragua danke ich Ihnen für Ihre Geste der Solidarität in jenen Stunden der Bedürftigkeit, da wir große Anstrengungen unternehmen, um die Situation der Zerrüttung, in die wir gebracht worden sind, zu überwinden.
Nach einer kurzen Laudatio Uwe Grünings auf die nikaraguanische Lyrik wurden Textproben aus dem repräsentativen Querschnitt dieser Auswahl zu Gehör gebracht. Es lasen die Nachdichter Roland Erb, Uwe Grüning und der junge Uwe Kolbe. Weitere Nachdichtungen von DDR-Autoren stammen von Fritz Rudolf Fries, Heinz Czechowski und Christel Dobenecker. Überraschend ist die Vielfalt der Themen, die Farbigkeit und Lebendigkeit der Schilderung, die Kraft der „revolutionären Kunst“ (E. Cardenal) in den Gedichten der nikaraguanischen Lyriker, die sich, wie Uwe Grünung formulierte, ständig zwischen den „Polen Leid und Hoffnung“ bewegen.
Eine größere Anzahl der Bücher, die einen Tag vor der Veranstaltung in der Karl-Marx-Buchhandlung aus der Druckpresse gekommen waren und zum deutschen Text jeweils den spanischen Originaltext bieten, werden vom Reclam-Verlag als Geschenk nach Nikaragua gesandt. Mit Moderne Lyrik aus Nikaragua legt uns der renommierte Verlag ein Buch vor, das einen Eindruck von dem hohen, kulturellen Niveau eines kleinen, geschundenen Volkes vermittelt. Ein würdiges Geschenk zum 2. Jahrestag der siegreichen nikaraguanischen Revolution am 19. Juli.

R. M., Neue Zeit, 13.7.1981

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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