Dirk von Petersdorff: Nimm den langen Weg nach Haus

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Dirk von Petersdorff: Nimm den langen Weg nach Haus

Petersdorff-Nimm den langen Weg nach Haus

HALTLOS SIND WIR,

früher sagten wir DIE DIALEKTIK, wenn
es Schwierigkeiten gab, jetzt kreisen wir

in Warteschleifen, WOMIT MUSS ICH RECHNEN:
die Frage der Filosofie, wir kreisen,

eine sich reflektierende Reflexion,
eine Mühle ohne Müller,

möchte man sagen, wir treiben,
ohne Grund unter den Füßen,

Surfer auf dem Weltmeer, wir
sind verweht. Spieglein, geben Sie

Gewißheit, rief er aus und
stand in einem Spiegelsaal.

Tautologisch taumeln wir
weiter. Schaun wir mal,

sagen die Betreuer und die Dichter
wagen: Was weiß der See, wann

der Wind kommt? DER APRIL IST
DER PASSENDE MONAT. Und wir

entdecken die Frau und sagen:
Die Meterologie ist eine weibliche

Wissenschaft. ja, wir bessern aus,
wir bessern nach, wir bleiben

kritisch bis utopisch, wir fordern
EINEN RECHTSANSPRUCH AUF
AAAAAKINDERGARTENPLÄTZE.

Doch früher war es anders, FRÜHER
WAR DER GEIST SYNTHETISCH, jetzt

schwanken wir, ins Kino und
sehen: ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT.

Und murmeln die alten Sätze zuletzt,
müde, müde und umwolkt

und lesen Bloch und schlafen ein.

 

 

 

In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

hat der Lyriker, Literaturwissenschaftler, Essayist und Prosaautor Dirk von Petersdorff längst seinen Platz gefunden, vor allem mit seiner Lyrik. Sie schlägt einen innerhalb der jüngeren Autorengeneration unverwechselbaren Ton an, ist formbewusst, aber nicht streng, vermischt subtil die verschiedenen Sprachebenen und schafft es, die allerneuesten Phänomene der Alltagswelt mit den ältesten mythischen und literarischen Stoffen zu verklammern. Die Kontingenz und Prozesshaftigkeit des Daseins nimmt diese Lyrik ernst, hinter deren oft ironischer Gestimmtheit ein melancholisches Verlustgefühl spürbar wird, dem allerdings jede Verwerfungsgeste fremd ist.
Der vorliegende Band versammelt die besten Gedichte aus von Petersdorffs vorliegenden vier Lyrikbänden sowie neue Gedichte, darunter zahlreiche Liebesgedichte und den Zyklus „Die Vierzigjährigen“, in dem sich auf bestechende Weise das Lebensgefühl einer Generation ablesen lässt, die sich in der Lebensmitte stärker verankert sieht als erwartet und der doch eine letzte Gewissheit fehlt, ob der eingeschlagene Weg der richtige war.
Mit seiner Formenvielfalt und dem sprachlichen Reichtum, der philosophischen Grundierung, den Anspielungen und Verweisen, einem Gestus, der immer auf Zugänglichkeit setzt und doch tiefgründig und gedankenreich ist, nehmen diese Gedichte für sich ein und berühren und belohnen die Leser.

Verlag C.H. Beck, Klappentext, 2010

 

Die vollen Lippen waren nur geliehen

− Wenn die Ironie verbraucht ist: Der Lyriker Dirk von Petersdorff besingt die Träume seiner Jugend. –

„Das Leben ging so leicht wie Rennradfahren / im weißen Flatterhemd zum Ostseestrand“ – so freudig beginnt das erste von zwölf Sonetten des Zyklus „Die Vierzigjährigen“ im neuen Gedichtband von Dirk von Petersdorff. Aber es ist „Alter Freund, alte Freundin“ überschrieben, und schnell gewinnt Katerstimmung die Oberhand:

… jetzt ist in deinem Lächeln manchmal Mühe.

Als cherry on the sundae fungiert das abschließende Verspaar:

Ich seufze plötzlich auf im Sommerwind,
und du brauchst einen Mann, du willst ein Kind.

Dieses Syndrom aus Nostalgie und Katzenjammer entfaltet sich in jedem Sonett, aber dank dem flotten Bänkelsänger-Ton aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert liest sich der Zyklus überaus kurzweilig. Er enthält die immer wieder ironisch umkreiste Klage einer Generation: Die Zukunft liegt hinter uns. Wo sie sich aufdrängt („du willst ein Kind“), da presst sie dem Ich einen Seufzer ab. Hier ist dieses Ich noch ein lyrisches, repräsentatives, und es mag genug Vierzigjährige geben, die sich in dieses Ich einfühlen können; gegen Ende des Bandes kriecht es immer mehr in den Verfasser hinein. Er wird heimgesucht von metaphysischen Sehnsüchten. Nun verdient jedes menschliche Gefühl natürlich Respekt, selbst wenn ein Dichter es empfindet – aber ist es darum auch schon ein Gedicht?
Hohe Erwartungen gingen dem neuen Band voraus. Von Anfang an hatten bedeutende Literaturpreise den jungen Dichter ermutigt, die Mainzer Akademie berief ihn auf ihre Poetikdozentur. Der vorliegende Band „versammelt die besten Gedichte aus von Petersdorffs bislang erschienenen vier Lyrikbänden sowie neue Gedichte“, heißt es in der Ankündigung. Zwar sind die Quellennachweise am Schluss ärgerlich unvollständig, aber die Anthologie ist eine Aufforderung an Leser und Kritiker, sich mit dem Gedanken an ein lyrisches Gesamt-Work-in-Progress vertraut zu machen.
Dass hier „kein um seine Zukunft Betrogener, sondern ein von ihrer Verheißung Befreiter“ spreche (Albert von Schirnding), bei dem „hochinspirierte Daseinsfreude Sprachgestalt“ gewinne (Harro Zimmermann), waren Eindrücke der Leser seines ersten Gedichtbandes Wie es weitergeht von 1992. Doch bei den hier ausgewählten Gedichten der früheren Bände fällt auf, dass sie durchaus nicht von Daseinsfreude zeugen, sondern von Müdigkeit. Sie huldigen Nachtgedanken:

Nacht, Einflugschneise für die
uralte Verwirrung, die uns weltweit verbindet.

Daran mag man denken, wenn man jetzt in „Nach dem Lesen in Petrarcas Briefen, Ostersamstag 2004“ findet:

und das war immer so, Petrarca:
Mehr hat es nie gegeben
als die Verwirrung
auf der Wendeltreppe hoch zum Dach
und diesen traurig-sanften Wind.

Unter den neuen Gedichten sind auch Liebesgedichte, im Abschnitt „Sommerspiele“. Dem entschwundenen Glück bleiben wir auf der Spur, aber es wird milder behandelt als in den Sonetten: „der Sommer lang wie ihre Beine, / und abgeschaltet war das Hoffen. / Denn überall nur Gegenwart“ – ja damals, „ich weiß es doch, dein Shirt war grün“. Solide Reimtechnik garantiert auch hier ungetrübtes Lesevergnügen. Sogar ein hoch tönender Hymnus auf den alten roten Golf wird möglich durch die schön parodierten asklepiadeischen Strophen (mit nur einem metrischen Patzer). Die notorische Friedfertigkeit der postmodernen poetischen Praxis hat ihren Grund in einer solchen kunsthandwerklichen Leistung. Sie heischt Anerkennung und verdient sie auch, will und kann aber weder begeistern noch beunruhigen. Irritierend wirkt daran nur die erstaunliche Beharrlichkeit, mit der das Thema Jugend immer wieder gefeiert wird: „oh Drive der frühen Jahre!“
Aber beschlossen wird das Kapitel mit drei Gedichten, die nicht ein vergangenes spielerisches Liebesglück, sondern das gegenwärtige besinnliche Eheglück besingen. Eins davon heißt: „Wenn wir uns nicht getroffen hätten.“ Das lyrische Ich könnte es seiner lyrischen Gattin, mit einem Nespresso und einer roten Rose, am Morgen des fünften Hochzeitstags ans Bett gebracht haben. Es schließt mit der rührend-diskreten Anspielung:

du kommst, ich hör die Treppe unten knarren,
und gleich wird diese Wohnung weit.

Das Knarren der Treppe ist, wie „das Liegen in der Wiese“, eine poetische Chiffre. Da der Dichter uns überdies mit Informationen über sein Familienleben überreich beschenkt hat (Lebensanfang, 2007), fühlen wir uns bemüßigt, das lyrische und das biographische Ich ohne Rest zu fusionieren und ihm weiterhin alles Gute zu wünschen.
Welche der neuen Gedichte dieses Bandes würden als „die besten“ den Weg in die nächste Anthologie finden? Vielleicht jene, die noch ein Stück weitergehen auf dem Wege in die Betroffenheit? Ein ambivalentes Glück bezeugt „Sie“ in einem Rollengedicht: „… ist alles gut, nur muss ich immer denken, wie Leben schmeckte als es vor uns lag“, und gegen Schluss:

Es kam so wie ich wollte, nur ganz anders
… und es tut weh und es ist auch so schön.

Diesen Seufzer stößt das lyrische Ich, in einem Café in Saarbrücken sitzend, selber im nächsten Gedicht aus:

und es tut weh, und es ist schön.

In einem Gespräch der Mainzer Akademie soll der Autor gesagt haben, dass „einem nach den ästhetischen Kämpfen und Krämpfen des letzten Jahrhunderts endlich alle Arten von Schreibweisen offen“ stehen – also auch besinnliche, ja betuliche, „denn Rückenrieseln ist das wahre Denken“.
Tatsächlich bekommt die Ironie schon im Zyklus der Vierzigjährigen immer mehr Löcher, verliert an Distanz, wird reumütig und ein bisschen miserabel („die vollen Lippen waren nur geliehen“). Öfter scheint durch eine ironische Formulierung etwas hindurch, das sich als irgendwie resistent erweisen möchte: „und immer wieder schneidet auch ein Hoffen / in dein Gewebe leicht und tief sich ein“, und im letzten Sonett „Zweifel im Mai“ rieselt es nicht nur im Rücken, sondern schon im kleinen Finger: „als wir in Richtung Abendsonne schwammen, / da spürte ich im kleinen Finger Gott. / Ein warmer Wind und schon bin ich der Hoffer“ – also, wie augenzwinkernd auch immer, nicht mehr „Haltlos sind wir… und lesen Bloch und schlafen ein.“
Kann Hoffnung enttäuscht werden?, hatte dieser Philosoph gefragt und dafür den Spott des jungen Poeten geerntet. Nun schließt er, über vierzigjährig, den Zyklus zwar mit: „Ich sitze mit den Spöttern an den Tischen“, reimt das aber, und ganz ohne Spott, auf: „und rauche Wehmut mit den Träumerischen.“ Wo die erschöpften Modernen Zweifel an ihrer Gewissheit pflegten, da zweifelt dieser Postmoderne an seiner mühsam eroberten und lautstark begrüßten Ungewissheit.
Nur weil er die weißen Blüten des Kirschbaums mag, sei er doch kein „Romantiksohn“, verwahrt sich der Dichter – aber vielleicht ist er ein Sohn des frommen Barock wie Barthold Hinrich Brockes, den die „Kirschblüte bei der Nacht“ schnurstracks erst in den kosmologischen, dann den theologischen Himmel blicken ließ?
Das Gedicht „Nimm den langen Weg nach Haus“ lässt sich als eine Art Quintessenz des Bandes lesen. Es hat ihm auch den Titel geliefert. Rondohaft lässt es die zwei Sehnsüchte dieser poetischen Welt defilieren: den Drive der frühen Jahre und den warmen Wind der Hoffnung. Dieser glatt alternierende vierhebige Vers hat vielleicht noch eine hörbare konkrete Bedeutung, aber sie wird überschwemmt und fast erstickt von existentiellem und religiösem Überschuss. Darauf hat der Dichter es auch abgesehen, wenn er ihn als Refrain ausbeutet. Zuerst heißt dieses „Nimm den langen Weg nach Haus“ nur: mach mal Pause, wenn sich deine Gedanken selbständig machen. Auf dem Umweg nach Hause stellen sich sogleich die Motive aus der Jugendzeit ein:

Sei sentimental. Es ist gut, dass du
die alte Lederjacke noch hast. Denk an den Sommerhof,
wo zärtliche Nachthemden über die Gänge glitten.

Wie zu erwarten, aber mit welcher Verve entfaltet der Refrain dann sein metaphysisches Potential: „der WM-Ball 1986, in einem phantastisch hohen Bogen / aufs Meer geschossen, trieb so schnell ab, uneinholbar, er nahm den langen Weg nach Haus“. Nach einem weiteren Umweg zur Jugend in „halbdunklen Räumen“ fliegen die Gedanken noch höher als der Fußball:

Seitdem ist alles anders geworden
und alles ist gleich geblieben, noch immer frage ich:
Wo auf diesem mondbeschienenen Planeten
führt der lange Weg nach Haus?

Wenn Dirk in einem schwachen Augenblick starker Inspiration so etwas schreibt, sollte dann nicht Professor von Petersdorff es am nächsten Morgen in den Papierkorb werfen? Oder arbeiten sie gar nicht mehr zusammen?

Hans-Herbert Räkel, Süddeutsche Zeitung, 23.11.2010

Gesänge für die Hardrockfee

− Der Mann von Mitte vierzig ist ein neusachlicher Romantiker: In seinen Gedichten ist Dirk von Petersdorff auf der Höhe von Zeit und Kunst. −

In den alten Zeiten, als man an die Avantgarde glaubte, gab es nur die eine Richtung: vorwärts! Dann kam das Anything goes der Postmoderne, aber wie und wohin sollte es gehen? Einer der damals Jungen wusste es. Der sechsundzwanzigjährige Dirk von Petersdorff nannte 1992 sein Debüt so munter wie entschieden: Wie es weitergeht. Freilich sagte er nicht, ob nach vorn oder zurück. Er hielt sich listig alle Optionen offen. Man begrüßte ihn als den „Schelm unter den Postmodernen“, erkannte aber nicht, welcher Art dieses Schelmentum war. Es war geboren aus der romantischen Ironie, aus Schlegel und Novalis.
Inzwischen sieht man deutlicher. Dirk von Petersdorff ist ein retrograder Avantgardist. Er ist in einer Vergangenheit unterwegs, die wieder Zukunft werden möchte. Der Weg nach Innen führt durch die Oberfläche. Der Glaube steht unter Vorbehalt. Alles Leben ist erst einmal Kunst, ehe es wieder Leben werden kann. Das zeigt faszinierend der neue Gedichtband Nimm den langen Weg nach Haus. Er fasst das Beste aus früheren Bänden mit der jüngsten Produktion zusammen – und er markiert Petersdorffs Position, man möchte sagen: sein Programm. Sein Immer-nach-Hause betreibt keine Resteverwertung romantischer Versatzstücke, plakatiert keinen Warhol-Siebdruck der Blauen Blume. Dieser Lyriker praktiziert mit Schlegel die Ironie als „Form des Paradoxen“.
Dieser Vorbehalt scheint schon beim frühen Petersdorff auf:

Am Grund der Diskurse schwimmt ein Fisch,
ein Fisch, der nicht zu fassen ist.

Da kaschiert noch die postmoderne Gelenkigkeit jenen tiefen Ernst, der wenig später in einem Gedicht über Lady Di zutage tritt. Es dringt durch Dianas panischen Ausruf „Tell me, what can I do with my bloody life?“ eine ältere Frage, nämlich die des antiken Gnostikers Valentinus:

Wohin sind wir geworfen? Wohin eilen wir…

Aber wie davon sprechen, wie davon singen? Da ist die Klage über die Moderne fällig, die das Lied nicht mehr kennt. Eichendorff, Brentano, Heine und Brecht sangen, sagt Petersdorff:

Doch wir! Wir haben keine Lieder,
unsre Dichter reden rum.

Nun ist Petersdorff der letzte, der rumreden möchte. Sind also neue Lieder fällig, sind sie möglich, und wer singt sie? Er macht sich ein Programm, er geht ans Werk. Er schreibt moderne Liebesgedichte, aber auch Paraphrasen auf Lieder aus dem Wunderhorn. Etwa auf das wunderbare „Lass rauschen, Lieb, lass rauschen“ – und so geht eine Strophe bei Petersdorff:

Denn einer will noch reden,
vielleicht ging es zu schnell,
ich hör die Autos rauschen,
es wird schon wieder hell.

Und da wir bei den alten Mustern sind, lesen wir ein anderes Gedicht von Autos: „Der alte rote Golf“. Es ist ein nostalgisches Stück über vergangene Reisen, vergangene Lieben:

Dieses frühe Gebiet haben wir ganz geteilt:
Kopf ans Lenkrad gelehnt, Schluchzen im Nebensitz.

Das ist Erinnerungslust, nicht ohne Ironie traktiert. Haben wir bemerkt, dass wir Zeilen aus einer asklepiadeischen Ode gelesen haben?
Das Hauptstück des Bandes ist der Zyklus „Die Vierzigjährigen“, zwölf Sonette in der Machart Shakespeares. Da geht es um eine ganze Generation, um ihre Gefühle und Befindlichkeiten, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen. Da erscheinen Zeitgeisttypen wie die „Hardrockfee“ oder „dein neuer Freund, der Galerist“. Da ist vom „Elektropop“ die Rede, vom „Barfußtanzen“ und vom „Cremen des Gesichts“. Manche Sonettschlüsse liefern gern Snapshots mit lockeren Pointen: „Der Mann macht langsam die Krawatte frei, / der Junge schiebt sein Mountainbike vorbei.“ Das Eingangssonett „Alter Freund, alte Freundin“ zeigt ein Paar, das wie die anderen Phänotypen dieser Generation zu keinem haltbaren Lebensentwurf findet:

Ich seufze plötzlich auf im Sommerwind,
und du brauchst einen Mann, du willst ein Kind.

Diese Vierzigjährigen kommen ohne den Dichter aus, dem – wie Goethe – edlen Seelen vorzufühlen der wünschenswerteste Beruf wäre. Der neusachliche Romantiker – selbst inzwischen ein Mann von Mitte vierzig – hat seine Vitalität einzusetzen, seine Lust an Sprache und an Bildern, in denen das Leben aufleuchtet. Als Intellektueller ist er, altmodisch gesprochen, ein Sucher. Im Titelgedicht durchstreift er die Nacht und beschwört, was die Assoziationen ihm zutragen. Er macht sich Mut mit dem mehrfach wiederholten Satz, mit der Beschwörung „Nimm den langen Weg nach Haus“. Und wo wäre das? In Gedichten, die auf der Höhe der Zeit sind – in ihren Zweifeln und ihrem Charme. In Gedichten wie denen Dirk von Petersdorffs.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2010

Spiegelmosaik

− Dirk von Petersdorff ist ein emsiger Sammler: Luhmanns Systemtheorie, Hegels Weltgeist, die literarische Romantik, griechische Mythologie, Antike und christliche Religion versammelt er neben Bob Dylans Rolling Thunder Revue und dem Elektropop der 80er und 90er Jahre. −

Denn „das kommt gut, Heilige zu zitieren auf dem Abflug ins große Egal“. Heraus kommt dabei ein Buch, das unter dem Umschlag schillert wie eine glitzernde Discokugel: eine Reflexion der Welt, die sich um ein verborgenes Zentrum dreht… Und so gibt dieses vielseitige Spiegelmosaik immer unterschiedliche Antworten auf die alten Fragen, die Nach dem Lesen in Petrarcas Briefen aus dem Chaos der modernen Egalität plötzlich wieder auftauchen:

„Was ich erhoffe? – Keine Ruhe“
Petersdorff nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch seine früheren Gedichtbände, denn alte und neue Texte hat der Autor für seinen fünften Band zusammengestellt. Ein Substrat aus mehr als zwölf ereignisreichen Jahren als Lyriker. Wie es begann, lesen wir gleich zu Anfang: Petersdorffs lyrisches Ich ist heimatlos, ganz modern und immer unterwegs, ein leerer Bedeutungsträger – „Ich flottiere doch auch nur / auf einer Signifikantenkette“. Selbst im vermeintlichen Stillstand ist es hineingeworfen in die Welt, aus dem Zentrum entlassen, der Metropole entrückt – „Ich bin gesetzt, ich / sitze dezentriert in Delmenhorst“. Es ist in einem modernen Geflecht gefangen, das sich nur noch als permanent fluktuierendes System begreifen lässt. Kein Code, kein Schlüssel, allenfalls eine Do-it-yourself-Religion kann diesen „Laden / im Innersten“, die „Tenne der Sterblichen“, noch zusammenhalten: „die Gebete hast du selbst geschrieben“, heißt es später. Der Lebensentwurf auf ein sinnstiftendes Ziel hin ist dem modernen Vaganten, dem ewigen Nomaden, verwehrt:

Ich führ das Leben eines
Kandidaten und weiß doch nicht

woraufhin?

Was bleibt ist „das obstinate Gemurmel einer / Sprache“, ein lyrisches Stammeln in freien zwar, doch in gebrochenen Versen. Bewegungsfreiheit ist gut, doch inzwischen kreist die Moderne permanent „in Warteschleifen“, ein eher hoffnungsloser, ermüdeter und auch ermüdender Prozess.

„Mein Antlitz? – Faltet sich“
Müde ist auch das lyrische Ich in Petersdorffs neuen Gedichten zuweilen. „Der Ironiker mit 35“ – so ein Gedichttitel im Vorgängerband Die Teufel in Arezzo (2004) – hat nun die Mitte Dreißig überschritten und betrachtet in den blockgesetzten Stanzen des Zyklus „Die Vierzigjährigen“ die merkwürdigen Symptome des Älterwerdens:

Der Salzgeruch vom Meer, das war die Frühe,
man tat so viele Dinge ohne Grund –
jetzt ist in deinem Lächeln Mühe,
und bitte kauf dir keinen Schäferhund.

Ganz trochäisch regelmäßig, ohne nennenswerte Überraschungen, doch mit allem Gewicht, bricht das Alter in den Alltag ein: „Und dann fühlst du beim Cremen des Gesichts / Dich wie ein Stein, der fällt und fällt ins Nichts.“ Doch die Zeit bringt nicht nur das zunehmende Alter, es bringt auch Veränderung und eine magische Verjüngung, einen neuen Lebensanfang (2007), so der Titel des zuletzt von Petersdorff erschienenen Romans:

My Dear, du bist am Morgen schon erschlafft
Und denkst am Abend, Wellness, Pflege, Schonung,
dagegen schießt dein Sohn mit schöner Kraft
die Tennisbälle durch die Altbauwohnung.

Jedes Glied in der Kette des Lebens – „an der ich zerre“, so hieß es in Lebensanfang – ist doch am Ende erwünschter und notwendiger Teil eines über die Generationen reichenden Kreislaufs. Die magische Verjüngung durch die eigene Familie folgt dem Energieerhaltungssatz: „Bestätigt: Energie geht nicht verloren, / erstaunlich: Diesen Schwung hast du geboren.“ Doch hier wird Energie nicht nur übertragen, sie verdoppelt sich durch den Austausch. Aus dem scheinbaren Kontrast zwischen Alt und Jung wird über geteilte oder noch zu teilende Erfahrungen eine Parallele:

Der Mann macht langsam die Krawatte frei
Der Junge schiebt das Mountainbike vorbei.

„Was ich suche? – Ruhe“
Petersdorffs Ich ist mit der Welt verbunden: über die Naturgesetze, über die Mythologie und die Philosophie des Abendlandes, über die Geistesgeschichte, die literarische Tradition und schließlich auch, und vielleicht am stärksten, über das Glücksempfinden angesichts der ewigen Rätsel unseres Daseins:

Und denkst du schon, das Leben ist zerschnitten
Vom Schicksal, den Hormonen, von der Parze,
so unbemerkt von Lust zur Angst geglitten,
denn von den Billardkugeln fiel die schwarze,
dann sind die tausend Sterne der Chemie
ein Rätselbild, und das verstehst du nie.

Ein organischer Lebenskreislauf – „es scheiden und kehren im Herzen die Adern“ – ist hier eingebettet in einen regelhaften Lauf der Dinge, die Ruhe eines natürlichen Jahreszeitenzyklus – „Wintertrost“ und „Sommerspiele“ – den man an der Veränderung der Landschaft ablesen kann, und doch ist ein wesentlicher Weltzusammenhang verlorengegangen. Waren die christlichen Feiertage fest im Kirchenjahr verankert, sind sie in unserer modernen Zeit mehr oder weniger von ihrer ursprünglichen Bedeutung getrennt, mehr oder minder leere Rituale. Der Taufspruch ist neben anderem Papierkram in der „Dokumentenmappe“ abgeheftet und auch das heilige Osterlamm muss sich den Gesetzen des Marktes beugen:

So wühl ich oder geh die Außen-Wendeltreppe,
die zur Wohnung führt,
trag die Einkaufskisten hoch. Es ist
ein Osterlamm dabei: aus Teig
mit etwas Puderzucker, der Rücken rund.
Ich steh, les auf dem Bon: ‚Osterlamm, 2,49 Euro‘ –
Und das sind jene Augenblicke,
wo ich neuerdings
gleich aus der Fassung falle, wo es in mir knirscht:
Du armes Lamm, das ich hier balanciere,
wohin hat es dich verschlagen?

Schnell kann man zum entheiligten Opfertier werden, das allein auf weiter Flur nirgendwo mehr so recht Obdach findet, ewig nur im Durch- und Übergang: „Die Freiheit ist eine Tür. Wo ist das Haus?“ – Doch für Selbstmitleid bleibt bei Petersdorff eigentlich wenig Zeit. Man beklagt zwar den Verlust von Liedern und gebundenen Formen in der Moderne, doch nur um wenig später vollkehlig das „Bierlied mit Benn“ anzustimmen:

Die Szene lässt mich kalt,
ich bin ein herbes Alt;
ein Alt, das muss man merken,
im Herben hat es Stärken.

Beim Spaziergang mit „Karl am Rhein“ – wo Clemens Brentano und später Heinrich Heine die Loreley besangen – kann man den Fluss betrachten und selbst zum romantischen Bild werden, friedlich eingebettet in die Landschaft, „so daß, / wer von ferne kam, nur / zwei Männer erkannte.“ In der imaginierten Außenperspektive ist eine erhoffte romantische Einheit zumindest temporär wieder hergestellt, ist man dem Ich für kurze Zeit entrissen und findet einen Ruhepunkt in der Kunst. Ganz heimlich versteckt sich dann ein Binnenreim – „waren wir ganz klein“ – hinter dem nun idyllisch glitzernden Rhein…

„Wohin ich ziehe? – Hin und Her“
„Die Feier der Kontingenzspielräume kriecht zu Kreuze“ könnten böse Zungen angesichts dieser Sehnsucht nach Obdach, Ordnung, Zugehörigkeit behaupten. Vielleicht. Aber sie feiert dabei in Rühmkorfscher Manier den schlingernden Umweg als Ziel der Reise – eine „Krumme / Linie, Lifeline, Lebensring, unendliche // Fahrt“. Der Titel des Bandes deutet es an: Dieser ironische Vagabund nimmt jeden Umweg und ist immer in Bewegung. Er soll ja, so sagt man, „therapeutisch wirken“ ein langer Lauf. So finden wir ihn im alten roten Golf, auf dem Mountainbike, mit dem Paddelboot auf dem Fluss, mit der Fähre auf dem ägäischen Meer, „mit dem Bus zum surfen“, zu Fuß durch die Alpen… Und überall findet er nichts als Grenzenlosigkeit, „die Ferne hört nicht auf“. Also „dreh noch eine Runde / durch den warmen Oktober, durch das Blättergeraschel, / auf das nun weicher Regen fällt“. „Nimm den langen Weg“ – denn wie soll man auch nach Hause kommen, wenn in Wirklichkeit nicht wir, sondern „der Boden […] unter unsren Füßen“ wandert? Der Vergleich mit den frühen Gedichten bringt es zutage: Es kommt wohl einfach auf die Perspektive an, ein Weltgefühl, dann setzt sich ein Fuß vor den anderen, ganz von allein und jede schwere Last transportiert sich magisch und von Zauberhand:

Immer gleiten die Schiffe
Automatisch gesteuert
Durch die Städte mit Fluss
Und das Meer weht hinein,
Böen kämmen die Haare,
himmlisch schweben Container auf.

Alena Diedrich, litlog.de

Selbstevaluationen

Dirk von Petersdorff erweist sich als ein Meister im Ballastabwerfen. Dies, ob er Gedichte schreibt oder – auf knappen hundertzwanzig Seiten – eine Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis heute. Hinter dem Streben nach Leichtigkeit scheint eine zentrale Erfahrung zu stecken. Gleich zu Beginn des neuen Gedichtbandes steht ein Bild dafür:

Am Grund der Diskurse ein Fisch, ein
Fisch, der nicht zu fassen ist […].

Immer bleibt also ein Rest von Dunkelheit, auch wenn die Debatten ausführlich sind und komplex oder wenn einer in genauen Versen dem Leben auf die Spur kommt. Stets verbirgt sich Unaufschliessbares, etwas, das höchstens zu erahnen ist. Also dann lieber gleich so kurz und transparent ans Werk wie möglich, scheint sich der Dichter zu sagen.
Etwa im Gedicht „In der Tiefe“. Der im eigenen Namen spricht und dem Autor gleicht, steht wartend in einem U-Bahnhof und befiehlt sich: „EVALUIERE DICH SELBST!“ Dass Lehrpersonen evaluiert werden, gehört zu den derzeitigen akademischen Gepflogenheiten. Einer, in Colucci-Jeans gekleidet, taxiert sich also selber, gelangt aber zu keinem greifbaren Resultat, bloss zu einem Foucault-Zitat: „Wie stehe ich denn da? / Aussen Colucci und innen: / Das obstinate Gemurmel einer / Sprache, das bin ICH.“ Wir sind Marke und Zitat. Ist das Zitat aber so offen und aussagekräftig wie dieses, sagt es etwas über uns, das wir selber vielleicht nicht besser ausdrücken könnten. So viel Vertrauen in Überliefertes bringt dieses Ich immerhin auf. Erst die „drei Neger“, deren es am Ende ansichtig wird und die nicht Deutsch können, befremden es. Was für eine Sprache murmelt in ihnen?, dürfte die Frage lauten. Eine Antwort findet sie nicht, reisst aber – mittels eines einzigen Verses – die heutige Immigrationsproblematik auf und lässt eine schmerzende Stelle zurück. Gern verflicht von Petersdorff eine persönliche Erhebung mit einer politischen, so wie er in der Geschichte der deutschen Lyrik die Gedichte stets mit der Epoche zusammenbringt, in denen sie entstanden sind.
Am Anfang und in einem letzten Teil des Bandes finden sich starke neue Texte, in der Mitte solche, die wir schon einmal lesen konnten, „Warmes Wasser“ beispielsweise. Jemand steht mehrmals am Tag unter der Dusche – eine Vorkehrung „gegen Unglück und Schweiß“. Zum Schluss steuert der Dichter auch hier das Nichtsagbare an, das Geheimnis, um das es geht: Das Wasser strömt, „damit etwas sich löst, / denn da sitzt eine Kälte, / ganz innen, die niemand versteht“.
Eine kaum merkliche Schwermut lauert hinter der Leichtigkeit. Atmosphärische Beschwörungen von Zwischenzuständen muten ebenso angenehm an wie auch ein bisschen traurig. Das Alltägliche gibt Blicke frei auf die Tradition: Petrarca, Hölderlin, Ernst Jünger, die Anhänger des Dionysos. Anwandlungen von Vergeblichkeit werden gebannt durch Gewährsleute, so im Gedicht „Im Café, Saarbrücken“: „Ignatius von Loyola (1491–1556), und das kommt gut, / Heilige zu zitieren auf dem Abflug ins grosse Egal“. Dieser Poet wagt es, ungreifbare Situationen anzugehen, die jeder kennt, aber meistens verdrängt. Die Zeit, die in den Gedichten mit unwägbaren Stimmungen verstreicht, fördert schliesslich so etwas wie den Ansatz einer neuen Erkenntnis zutage, zumindest eine kleine Verwandlung. Dirk von Petersdorff: eine subtile lyrische Stimme, die man bald wieder hören möchte.

Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung, 5.4.2011

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

T.R.: Über Dirk von Petersdorffs Gedichtband Nimm den langen Weg nach Haus
literaturkritik.de, November 2010

Jan Kuhlbrodt: Zu klug und zu durchdacht und dann doch mitten im Weg
fixpoetry.com, 4.9.2011

Dorothea von Törne: Nimm den langen Weg nach Haus
Literarische Welt, 13. 11. 2010

Florian Illies: Was fühlt man mit 40 Jahren?
Die Zeit, 2. 9. 2010

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA

 

Dirk von Petersdorff: Lyrik zum Mauerfall (Vortrag)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00