Elke Erb: Meins

Erb-Meins

***

Oswalds Stimme am Telefon
wie Laub, das sich legt, gelegt hat,
schichtet und raschelt. Waldbodenfeuchte Stille,
hineinreichend, Humus

16.11.07

 

 

 

Bemerkungen zu Urs Engelers Edition roughbook

Diese mir neue Editionsform begegnete mir mit meinem eigenen Text
zuerst als Mail-Sendung einer provisorischen Darstellung der Seiten
und in der für alle books gleichen Schrift.
Zur Ansicht und zur Text-Korrektur.

Obwohl ich die beiden fertigen books, die ich gesehen hatte
(das Cowboylyrikbuch, 003, und das von Christian Filips, 005)
als Erscheinung noch nicht verstand,

kam ich beim Korrekturlesen sofort zurecht.

Das erste Neue, was auf mich wirkte, war:
Diese Schrift auf den sehr weißen fast quadratischen Seiten
trägt die Stimme vor.

Zum Buch hin gedacht:
Die Buchseiten tragen also nicht die Stimme vor.
Sie nehmen den Text in sich auf.

Daß ich die Stimme hörte,
bewirkte außer der Schrift und dem Weiß
der geringe obere Rand und der zuweilen kleine Textrest
oben allein auf weißer Seite. Mit ihm wurde die Stimme fast ohrfüllend.

Indem er die Schrift die Hauptsache sein läßt,
favorisiert der Druck die Stimme. Sie führt.

Auch auf gewohnten Buchseiten liest man, wie beim Schreiben,
die Stimme mit, aber sie führt nicht.

Eine zweite Wirkung war, als erriete der Satz
eine Tendenz, die bei dem neuen Manuskript selbst neu war:
nämlich gegenwärtige Umstände eines Gedankens und Textes
als seine Eigenschaften mitzugeben.

(Das Startbeispiel für diese Tendenz war der Text „Reaktion“ gewesen).
Das roughbook setzte die Daten in gleichgroßer Schrift unter den Text.

Auch hatte ich Anmerkungen in einen Textablauf hineingenommen,
keß & streng in der bei Anmerkungen kleineren Schrift.
Urs setzte sie gleichgroß (s. „Studienblatt“).

So bekamen sie gleiche Geltung mit dem wortführenden Text.
Gleiche Geltung: dieser kleine Hokuspokus-Effekt, wo gleich gültig
das genaue, direkte, prompte Gegenteil von gleichgültig ist!

Da ja das roughbook von dem gewohnten Buch,
samt dessen gewohnter mannigfaltigen Art und Qualität,
sich durchaus abhebt und neu behauptet,

wird es möglich, die Gewohnheit selbst wahrzunehmen,
mit diesem Außenlicht.

Da blicke ich auf die drei Sternchen (statt eines Titels).
Mein Blick ist wegen ihrer Größe etwas irritiert.
Deswegen schaue ich länger hin,

und es begibt sich etwas Ungewöhnliches:
Ich spüre, daß ich mich gewöhnen werde,
spüre eine künftige Gewohnheit, aha?:
Gewohnheit als Zukunft!

„Du gewöhnst dich, nachher merkst dus nicht mehr.“
Ja, ohne das Außenlicht, das das roughbook ihm gibt,
könnte ich die Gewöhnung an die drei kleinen Sternchen
im gewohnten Buch nicht wahrnehmen,

und umgekehrt, ohne sie nähme ich die Gewöhnung
an die drei neuen nicht wahr!

Noch undeutlich fühle ich, das das kleine weiße Ding
nicht provokant ist, sondern Kraft hat, diesen Unterschied.
Es ist, wie beim gewöhnlichen Buch, nicht meine Kraft,
sondern seine eigene.

Zuerst ist darin wohl Urs Engelers Kraft,
aber auch die Kraft der Rezipienten, denen das Buch gefällt,
und zwar jedesmal auf die ihnen eigene Weise, erstaunend!

Und ganz allgemein, neben der jeweils ideellen, die materielle,
jene die gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Produktion
schön und bescheiden würdigende Kraft.

***

Elke Erb, roughbooks.wordpress.com, 18.10.2010

Weitere Informationen zu diesem Buch finden sie bei roughbook. Hier erscheinen auch in regelmäßiger Folge die „Sätze zur Poetologie“ von Elke Erb.

Mit gewitzter Courage

fängt Elke Erb den Alltag in lautmalerischen Fließtexten ein. Rau und formal uneben sind die tagebuchartig komponierten Verse, gespickt mit Prosaspots und Reflexionen. Das Erb’sche Prinzip, eigene und fremde Lebensgrundmuster im Textfluss zu verdichten, kommt hier voll zum Zuge. Das vom Frühjahr 2003 bis Dezember 2009 dokumentierte Meins steht der Auffassung vom Gedicht als rundes, in sich geschlossenes Sprachgebilde entgegen. Es empfängt nicht nur Impulse aus Musik, Malerei und Werken anderer Dichter, sondern korrespondiert auch mit dem Internet. „Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht“ heißt es im dritten Teil der Folge „Sätze zur Poetik“, die Elke Erb seit dem 13. Juli 2010 im Internet kundtut. Da kann jeder kommentieren, streiten – eine gute Möglichkeit, den Kreis der „Eingeweihten“ zu erweitern und aufzulockern.
Als elitär verstand sich Erb ohnehin nie. Vor Jahrzehnten schon hatte sie in ihrem Buch Kastanienallee begonnen, ihre Gedichte selbst zu kommentieren, ein Verfahren, das damals vielen als abwegig galt. Die Verlautbarungen zur eigenen Poetologie nun weitgehend vom Gedicht zu trennen und ins Internet zu verlegen, scheint die bessere Lösung zu sein. Die Alltagsszenen beim Morgentee und in fahrenden Zügen erfreuen den Leser. Dem sprechenden Ich nachzuspüren, wie es sich irrt, ärgert oder stundenlang schlaflos liegt, ergreift und befreit ihn. Aus Entdeckungen, Erfahrungen, Erinnerungen webt Erb zarte Gespinste, aus denen leicht ironische Wortschöpfungen wie „Erlösungsgraus“ oder „Dorfeskram“ tönen. Natürlich ist Elke Erb nach wie vor auch eine politische Dichterin, die beiläufig, aber mit unschlagbar absurd wirkender Logik nachdenkt über eine „spezifische DDR-Stoa“ oder über den besonderen Beigeschmack des Wortes „Emigrant“. Aus dem anziehenden oder abstoßenden Reiz von Worten entwickelt die Zweiundsiebzigjährige unermüdlich ein schier unerschöpfliches „work in progress“.

Dorothea von Törne, welt.de, 7.8.2010

Störrische Zweige

Manchmal liegen die Gedanken der Schreibenden wie Reisig zu Füssen. Dann kann es ihr passieren, dass sie sich „sperrig, widrig“ fühlt und die Reflexion die «eigenen, störrischen Zweige» neu entzünden muss. Elke Erbs Gedichte sind Erkenntniswerkzeuge. Das Ich ist hier eine Art Medium, um die Welt und die Sprache abzutasten. Vorsichtig, in Fragen, Schleifen und kleinen Bildern, schlängeln sich die Verse voran, nehmen Beziehungen zwischen Menschen genauso in ihre Denkbewegung hinein wie die Erscheinungen der Natur. Selbst der Blick in ein Wörterbuch kann zu einem Nachdenken über das Begreifen führen, an dessen Ende keine Pointe steht, sondern

die verschüttete, verbaute, sich mühsam hinwindende,
darbende, entstellte, die sich selbst unkenntliche…,
„unsere“
kreative Natur!

Es sind Texte, die den Leser mit jedem Wort in ihren Rhythmus ziehen und ihn zu höchster Aufmerksamkeit führen. Dabei kann er beobachten, wie Tagebuchskizzen unvermittelt in Gedichte übergehen, wie das Denken seine Bilder findet und scheinbar vertraute Kategorien aushebelt. Jeder Vers lässt die Welt neu sehen, gibt dem „Hirn diesen kleinen Schwung, Schwapp“ mit auf den Weg.

ncb, Neue Zürcher Zeitung, 26.10.2010

Urs Engeler, der umtriebige Lyrikverleger,

hat nun sein Bücherzelt im Internet aufgeschlagen, und vertreibt dort roughbooks, Paperbacks im Fast-CD-Format, handlich, schön und kostengünstig. Als Band 006 der neuen Reihe, die sich vom Buchhandel losgekoppelt hat und direkt übers Internet bestellt werden kann, ist dort nun Elke Erbs Gedichtband mit dem besitzergreifenden und –ausstreuenden Titel Meins erschienen. Gedichte wie Kurzfilme, die einen Gedanken, eine Beobachtung, Erfahrung, Erinnerung fixieren, sich ranzoomen mit immer präziser fokussierender Sprache, dann zur Seite schwenken, Haken schlagen, Sprünge machen, Pfade bahnen ins Dickicht der Wörter, sie befreien, sie leben lassen – und plötzlich steht man auf einer Wortlichtung, so hell, so klar, das einem vor Glück, vor induzierter Lebenslust das Herz galoppiert.

beha, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.12.2010

Elke Erb: Meins

Urs Engeler, der umtriebige Lyrikverleger, hat nun sein Bücherzelt im Internet aufgeschlagen und vertreibt dort rough books, Paperbacks im Fast-CD-Hüllen-Format, handlich, schön und kostengünstig. Als Band 006 der neuen Reihe, die sich vom Buchhandel losgekoppelt hat und direkt übers Internet bestellt werden kann (www.roughbooks.ch), ist dort nun Elke Erbs Gedichtband mit dem besitzergreifenden und -ausstreuenden Titel Meins erschienen (140 Euro, 11 Euro). Gedichte wie Kurzfilme, die einen Gedanken, eine Beobachtung, Erfahrung, Erinnerung fixieren, sich ranzoomen mit immer präziser fokussierender Sprache, dann zur Seite schwenken, Haken schlagen, Sprünge machen, Pfade bahnen ins Dickicht der Wörter, sie befreien, sie leben lassen – und plötzlich steht man auf einer Wortlichtung, so hell, so klar, dass einem vor Glück, vor induzierter Lebenslust das Herz galoppiert.

Bettina Hartz

 

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Am 16.11.2010 sprach Elke Erb in der Literaturwerkstatt Berlin im Poesiegespräch mit Nico Bleutge über ihren Band Meins.

Die Wortwanderin

− Dieselloktreue und Erlösungsgraus: Begegnung mit der Dichterin Elke Erb. −

Durch drei Tore geht man in der Weddinger Schwedenstraße. Da steht Elke Erb schon am Fenster ihrer Hinterhofwohnung und winkt. So hat Raphael Urweider sie gerade beschrieben:

grüßt immer äußerst wirsch
und klar mit stets offenem
visier blickfang schalkgriff.

Der große Sitzball mit der selbstgehäkelten Ringeldesignhülle im Wohnzimmer lädt zum Platznehmen ein. Ein feenhaftes, zartes Mädchen steckt nach wie vor in der 73-Jährigen. Einer der tagebuchartigen Texte ihres jüngsten Buchs Meins weiß es genauer:

Dieser Tage habe ich erblickt, gefühlt & verstanden,
dass in meinem Schreib-Ich das Kind-Ich,
die Eifeler Ich-Person mitspricht.

Sie ist noch da, ich habe sie erblickt:
Kenntlich an Auge und Stirn.

Auf ihrer Lesetour zum Preis der Literaturhäuser war sie gerade in Leipzig, Salzburg, Graz und Hamburg. Am Freitag liest sie in Berlin. Für jede der elf Städte hat sie ein anderes Konzept. In Rostock will sie mit politischen Gedichten beginnen und betont, dass sie viel „Außenwelt“ beim Schreiben brauche. „Es ist sogar besser, wenn ich nicht im Zimmer bin. Dann habe ich Unterstützung vom Licht, von den Bäumen, von der Rasenkante. Wenn ich im Zimmer bin, denke ich ständig an die Außenwelt. Das ist aber die soziale Außenwelt. Die bleibt doch im Ich, weil ich es geschrieben habe. Deshalb sage ich auch: Das Lyrik-Ich ist ein politisches Ich.“
Und wie war das damals in Ostberlin, wohin die in der Eifel geborene Tochter des marxistischen Literaturwissenschaftlers Ewald Erb 1966 aus Halle kam? Da herrschte, erinnert sie sich, in der Stube in der Wolliner Straße purer Schöpfergeist und draußen, in der Nähe von Mauer und Grenzstreifen Stille. Temperamentvoll funkeln ihre Augen: Sie will nicht gelten lassen, dass die Schriftsteller vom Prenzlauer Berg im Elfenbeinturm geschrieben hätten – weder sie noch Adolf Endler, mit dem sie von 1968 bis 1978 verheiratet war, noch sonst einer. „Wo waren denn die, die aus den Stalinschen Prozessen zurückkamen? Waren die etwa in Sturm und Wetter? Die waren doch selber borniert und verknöchert und immer verrannt in ihre idiotischen Konkurrenzkämpfe!“
Sie selbst hat in der Konfrontation mit den Dogmatikern bittere Erfahrungen gesammelt – bis hin zu Hermann Kants Versuch, sie aus dem Schriftstellerverband der DDR auszuschließen. Ihr Sommerhaus im sorbischen Wuischke war für sie immer eine Gegenwelt: „Pappelschwärmer-Welt, Giersch-Welt, Katzen-Welt“. Aber auch die auf den Feldern schuftenden Opas gehen ihr nicht aus dem Sinn: „Ackerrackerer“.
Jetzt überlegt sie, ob sie es schafft, wieder den Frühsommer dort zu verbringen, denn bis Ende Mai dauert die Lesereise. Jetzt erst mal einen Rooibos-Tee! Und dann mit dem Fahrrad an den Spielcasinos und den Auslagen des türkischen Bäckers vorbei, die Schinkel-Kirche rechts liegen lassen und ein Bioöl holen. Das soll gut sein für die Augen.
Elke Erb blättert in Deins, dem kleinen Buch, das 31 Huldigungen namhafter Autoren von Nora Bossong bis Ursula Krechel, von Steffen Popp bis Hans Thill, von Barbara Köhler bis Uljana Wolf enthält. Bert Papenfuß hat eine Montage beigesteuert, Ernest Wichner ein wunderbares Gedicht über die Erbsche Grammatik. Ihr Gedicht „Ladies betreffend“ steht gleich drei Mal im Fokus. Überhaupt genießt sie eine Bewunderung junger Dichter, die nicht viele ihrer Generation für sich beanspruchen können.
Deins nimmt die blitzenden Gedankenfäden der Elke Erb auf und spinnt sie weiter. Wer immer von Erbs hermetischer Lyrik spricht, sieht sich hier mit offenen Dialogen konfrontiert. Und die taschenbuchartigen, im Digitaldruck hergestellten Roughbooks, die Urs Engeler ohne ISBN-Nummer nur übers Internet vertreibt, verleiht ihnen etwas angenehm Alltägliches. „Diese Bücher sind Gebrauchsgegenstände“, sagt die Autorin: „Man kann sie in die Tasche stecken Und zugleich sind sie doch sehr edel! Die Friederike Mayröcker hat gesagt, so ein Roughbook sei von einer Helligkeit, dass man sich nur so hineinstürzt. Oder umgekehrt: Die Helligkeit stürzt in den Leser.“
Wir freuen uns über ihre neuesten Worterfindungen: „Dieselloktreue“, „Fichtennadelfeinicht“, „Erlösungsgraus“, während es draußen langsam dunkel wird. „Man verwendet oft ein sprachliches Instrumentarium, das unvollkommen ist und immer auch verwaltende Funktion hat.“ Sie schaut deshalb gerne ins Grimmsche Wörterbuch. „Da staune ich, wie viele Worte eigentlich aus Gerichtsverhandlungen kommen. Unglaublich! Die Wörter sind im Laufe der Zeit geglättet worden. Man kann ihre Herkunft nicht mehr erkennen. Aber ich habe einen Instinkt dafür. Die aktiviere ich, wahrscheinlich mit so einer Art rhetorischer Raffinesse, wie sie Zigeunern eigen ist: mit Überreden, Hinströmen, so dass man sich dem nicht mehr entziehen kann.“
Und wie ist es mit den szenischen Texten? Haben die Dialoge tatsächlich stattgefunden? „Nicht unbedingt“, sagt sie. „Da war ich willens, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören. Ich muss aus dem Alltag heraus schreiben. Es gibt nicht überall Verbindungen. Aber dann ist da plötzlich ein Thema. Worte schließen sich aneinander. Das ist wie Leitungen bauen. Und ein Spiel mit Unbestimmtem.“
Eines ihrer Gedichte endet mit den Worten: „Zur Absicht, nein, hätte ich nicht getaugt“. Ist das ihr Credo? „Nein, dahinter steckt ein Geheimnis. Zuerst sollte es heißen: „Zur Nonne, nein, hätte ich nicht getaugt. Aber dann habe ich es geändert. Ich wollte keine vorhandene Existenz angreifen.“ Aus Achtsamkeit? „Auch. Das ist nicht assoziativ, das hat Kraft.“ Und Mitleid und Liebe für alle Kreatur – selbst den „Hirsch, der an den Hufen friert“.

Dorothea von Törne, Der Tagesspiegel, 11.4.2011

Mit uns gehen die Worte

− Anmerkungen zu Elke Erbs Gedichtband Meins. −

Ich hielt mich auf in der Unsicherheit betitelt Elke Erb eines ihrer Gedichte und vermittelt den Eindruck, daß die Unsicherheit ein Raum, in dem ein Sich-Bewegen möglich, oder ein Mantel (ja, eingedenk der stehenden Redewendung: in den Mantel des Schweigens gehüllt) – wir sehen eine auf wackligen Beinen stehende Alte, in den Mantel ihrer Unsicherheit gewandet, die sich kaum über die Straße wagt und uns veranlaßt, herbeizueilen… Diese Interpretation erscheint nach Art ihrer Dichtung und ihres dichterischen Selbstverständnisses nur konsequent, denn sowohl die Sprache als auch der Textkörper bilden für sie gleichsam Instrumentarium wie Raum für die Erkundungsgänge, auf die sie sich begibt.
Ihrem Band Meins, den sie Ende des letzten Jahres vorgelegt hat, eignet in gewisser Weise der Charakter eines Tagebuchs, was sich nicht allein an der genauen Datierung der Texte festmachen läßt, von denen etliche im besten Sinne Gelegenheitsgedichte sind, die ihren Stoff aus Alltagserleben, der Wahrnehmungsintensität der Autorin, ihrem Zwiegespräch mit fremden Texten und künstlerischen Arbeiten gewinnen. Es ist eine Bestimmtheit in ihrem tastenden Sich-Bewegen, der man sich nicht zu entziehen vermag. Manche der Texte erscheinen skizzenhaft, wie unterwegs aufnotiert, von der Intensität geborgener Augenblicke lebend.

Ablenkung im Zugfenster

Stetige Bäume zart.
Langhin zwischen den saatgrünen Feldern.
Er ist wahr, der Harz steigt an.
Lange Tunnel…
Maulwürfe… Das Stirnhaar – Gras
Dieselloktreue.
In Arbeitshaft. – Gut erfaßt!
(Zikaden)

Zeilen, die mich in ihrer Diktion zuweilen an Bilder des Surrealisten René Magritte erinnern, zuallererst aber an die auf Fünf-Minuten-Notaten basierenden Gedichte in Sonanz, die voller Assoziationsreichtum sind. Und auch im vorliegenden Band findet sich Vergleichbares, indes in einer noch komprimierteren Weise. Den Gedichten sind mitunter Subtexte beigestellt, die diskursiv oder kontrapunktisch angelegte Weiterungen darstellen. Von Kommentaren mag ich dabei bewußt nicht sprechen, viel eher, den Intentionen der Autorin folgend, von Miniaturen, denn sie bewegen sich letztendlich in derselben poetischen Diktion wie die Gedichte. Elke Erb selbst verweist in einer poetologischen Notiz an anderem Ort darauf, daß diese Anmerkungen und Reflexionen sich gleich gültig zu den wortführenden Texten verhielten – das genaue, direkte, prompte Gegenteil von gleichgültig. Hier schreibt sich eine poetische Methode fort, die zum ersten Mal in Elke Erbs 1983 erschienenem Band Vexierbild zu beobachten war und in Kastanienallee konsequent weitergeführt werden sollte, ein Schreiben, das prozessual und dialogisch zugleich angelegt ist und das den Zeilen folgende Ich in ein fortwährendes Gespräch einzubeziehen vermag. Zeile für Zeile werden wir Zeugen veränderter, sich wandelnder Perspektiven und Sichten und gewinnen möglicherweise den Eindruck, es mit einem Spiel zu tun zu haben, wiewohl es sich um stringent gegliederte Strukturen handelt. Sie spürt in dieser Weise den eigenen Empfindungen, Wahrnehmungen nach, den Sprachbewegungen, hinterfragt, seziert sie und setzt sie in ganz ungewohnter Art wieder zusammen und zueinander ins Verhältnis. Geleitet von Wortklang und –sinn, von Assoziaionen und Assonanzen, einer Satz- oder Sprachmelodie. Und ganz gleich, ob es um Beobachtungen und Impressionen gelegentlich einer Reise geht, den Blick auf Zurückliegendes (Kindheit, Eltern, Mutter) oder etwa das Realisieren des eigenen Alterungsprozesses, der sich nicht ohne einen Schuß Selbstironie widergespiegelt findet: jedes Wort scheint einen Widersinn in sich zu bergen…

Ach, könnte ich

So reden, daß ich den Hintergrund halte
und

nicht, was ich rede, als einziges meine,
die anderen meine, die Waage halte,

daß ich ziele und halte soviel wie
noch bei mir sein – und bei ihnen so auch,

nicht nur
unterwegs gleich dem Schall.

Im Kern dieses Gedichts finden wir auch Elke Erbs etologisches Selbstverständnis versinnbildlicht, denn in ihren Sätzen zur Poetologie, die sie seit 2010 in Abständen auf der Seite des Verlags roughbooks publiziert, heißt es an einer Stelle:

Das Gedicht ist alles, was es tut.
Es ist, als Ganzes, als Komposition mehr als das, was es tut.
Es ist auch das, was es nicht tut.

(Sätze zur Poetologie, 4)

Und weiter:

Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht.
(Sätze zur Poetologie, 3)

Aussagen, die auch auf die in den letzten sieben Jahren entstandenen Gedichte in diesem Buch unbedingt zutreffen. Wir haben es hierbei zugleich mit einem Experimentierfeld und den Ergebnissen eines Erkundungsprozesses zu tun, die in Buchgestalt wie ihrer eigenwilligen typographischen Gestaltung eine kongeniale Umsetzung erfahren haben.
Die Reihe roughbooks ist ein neues Projekt des ambitionierten Schweizer Verlegers Urs Engeler, der Ende 2009 aus finanziellen Gründen seine Verlagsaktivitäten begrenzen mußte. Die neue Reihe, von der Meins den 6. Band darstellt, gibt sich in quadratischem Format und ist nur über den Herausgeber zu beziehen.

Jayne-Ann Igel, Ostragehege, Nr. 62, Juli 2011

Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett sprach am 28.6.2011 über dieses Buch und ist zu hören ab −1:11:50.

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Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett München vom 17.7.2018

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SCHONEN
Für „Flip-out-Elke“

Bin in Altes Lager gewesen; allet schubbert ab.
Das Pferd ist zu Fuß ein Tusch hinterm Tod.
Ich habe Ales stenar gesehen, steht zwar noch,
aber die Steine sind wie die Wörter verrutscht:
aaaDer Tusch ist ein Pferd hinterm Tod zu Fuß.
aaaSo bastelt man kein Sonnenobservatorium.

aaaaaa„Gedanken wie Reisig zu Füßen“1
aaaaaa„Es fängt an dunkel zu werden
aaaaaaEs hört auf hell zu sein“2
aaaaaa„Meine eigenen, störrische Zweige,
aaaaaazum Winter geworfen“3
aaaaaa„Es hört auf dunkel zu sein
aaaaaaEs fängt an hell zu werden
aaaaaaUnd zwei ist eins“4

Von der Erbin5 lernen, heißt erben lernen: Odin war nur
ein Führer, Loki ist Anrührer, Anführer und Aufrührer!
Schoningers Adler resp. Rabe – „ist Greif“6
Zu allem, was recht ist, paßt – was einseift.
aaaDann sorgt die Biathletin7 für Ordnung:
aaaFrauen ins Land, Männer an den Strand.

aaaaaaEins ist zwei und
aaaaaaWerden zu hell an fängt es
aaaaaaSein zu dunkel auf hört es
aaaaaaSein zu hell auf hört es
aaaaaaWerden zu dunkel an fängt es
aaaaaa„Lieblicher sprachst du […]
aaaaaaals du in dein Bett mich entbotst:
aaaaaanicht darf ichs verschweigen,

wenn unsre Schandtaten wir / sollen nennen genau8
Frieden ist ewiger Streit, ruhig rollt das Rad,
auf Preis folgt Nachlaß, dann Preisgabe,
Zurücktritt, Unterwerfung des Geistes:
aaaEingeschworen ist die Pik Zehn,
aaaauf die einheizende Herz Neun.

aaaaaaGedanken wie Geschling zwischen den Zehen:
aaaaaa„Es fängt an dunkel zu werden
aaaaaaEs hört auf hell zu sein“.
aaaaaaGletsch, Gleiß und Giersch zu ihrer Zeit,
aaaaaader Film fängt gleich an:
aaaaaa„Es hört auf dunkel zu sein
aaaaaaEs fängt an hell zu werden
aaaaaaUnd zwei ist eins“.

„Unser Gelächter war urböse […],
gespeist von dem Urquell des Unmotivs,
und wir versuchten vergebens,
den Schutzherrn unseres Gemütes zu betrüben9
aaaNach dem Schlangenverderben
aaabeginnt des Wurmes Werden.

aaaaaaEins ist zwei und
aaaaaaWerden zu hell an fängt es
aaaaaaSein zu dunkel auf hört es
aaaaaaSein zu hell auf hört es
aaaaaaWerden zu dunkel an fängt es
aaaaaa„Lieblicher sprachst du […]
aaaaaaals du in dein Bett mich entbotst:
aaaaaanicht darf ichs verschweigen…“

Wann sorgt die Biathletin für Ordnung?“ –
„Welche Ordnung?“ – „Die Mutter der Ordnung!“ –
„Einmal genannt ist die Mutter der Ordnung
jede Ordnung.“ – „Eine spontane Ordnung!“
aaa„Was heißt Regel beim Dichten? – Zweierlei heißt es.
aaa– Was denn? – Normal und Abgewandelt!“10

aaaaaaGedanken wie Geäst zwischen den Zeiten:
aaaaaa„Es fängt an dunkel zu werden
aaaaaaEs hört auf hell zu sein“.
aaaaaa„Die fünfte Freiheit ist Zeitenwechsel11
aaaaaain der Halbstrophe.“ Für janz Doofe:
aaaaaa„Es hört auf dunkel zu sein
aaaaaaEs“ fing „an hell zu werden
aaaaaaUnd zwei ist eins“.

Pferdeschwänze drehen am Rad, betrauern
gefallene Adoranten, Schiffsheber, Akrobaten,
Krieger und Dollentrolle, die sich selbst ausheben.
Unterstrapazierte Kindergermanen geben kein Gas;
aaasäen und ernten nicht, sparen keinen Strom.
aaaAIDS riskieren oder Arsch abfrieren.

aaaaaaEins ist zwei und
aaaaaaWerden zu hell an fängt es
aaaaaaSein zu dunkel auf hört es
aaaaaaSein zu hell auf hört es
aaaaaaWerden zu dunkel an fängt es
aaaaaaAnzufangen auf hört es
aaaaaaAufzuhören an fängt es
aaaaaaZuzuhören auf hört es
aaaaaaZuzugreifen an fängt es

Nokia: ,,Ich habe jede Möglichkeit so antizipiert,
dass mich Alleen voll Gehängter nicht stören werden,
ein Ziel zu verfolgen, das bei mir immer wiederkehrte.
Den Menschen das abbetteln, was sie nicht geben wollen,
aaahabe ich kein Talent, weil ich an die innere Überwältigung glaube.“12
aaaDie Unterwerfung des Geistes, dem es an Opfern gebricht.

aaaaaaIn der Schonung haben wir gefickt.
aaaaaa„Es fängt an dunkel zu werden
aaaaaaEs hört auf hell zu sein“
aaaaaaAus der Lichtung bricht die Schneise – wüßte der Dadaskalde13
aaaaaanoch die Richtung; brunzt die Scheiße, ich wüßt’s wohl balde:
aaaaaa„Es hört auf dunkel zu sein
aaaaaaEs“ fing „an hell zu werden
aaaaaaUnd zwei ist eins“.

Dann steigt der Greif und Donner fährt ins Gebirge.
Der Winterwanderer14

Leggi brauzt ƥú Leiknar,
lamđir ƥrivalda,
steypđir Starkeđi,
stéttu of Gjalp dauđa

Leikn du erlegtest,
Ließ’st fall’n Thriwaldi.
Starkard du stürztest,
Stundst ob Gjalp, toter
. (Aus: „Die Dichtersprache [Skáldskaparmál]“, In: Die jüngere Edda, hier S. 139) beschreibt ein Sommergewitter:
aaaBrachst die Knochen der Spielgefährtin,
aaamachst den Dreigewaltigen zum Hoschi,
aaabarbiertest den mächtigen Kampfbart,
aaamalträtierst die leblosen Schreihälse.

aaaaaaEins ist zwei und
aaaaaaWerden zu hell an fängt es
aaaaaaSein zu dunkel auf hört es
aaaaaaSein zu hell auf hört es
aaaaaaWerden zu dunkel an fängt es
aaaaaaAnzufangen auf hört es
aaaaaaAufzuhören an fängt es
aaaaaaZuzuhören auf hört es
aaaaaaZuzugreifen an fängt es

Verschiedene sich angelegentlich kreuzende Wege resp. Verse
führen zu der Straße resp. Strophe in das Gebiet resp. Gedicht,
in dem steht, was in Schonen und rund um Schonen rum abgeht:
Abgedrehte Vegetationszyklen und jeweiliges Wetter beugen sich
aaaüber schräge Großsteingräber und zerfurchte Felszeichnungen.
aaaDie allgemeine und spezielle Poetologie, die Erörterung zwischen-

aaaaaamenschlicher Beziehungen hingegen,
aaaaaadie – zugegeben, innere – Überwältigung
aaaaaades spröden Geistes, und der Kommunismus
aaaaaafolgen genauso auf dem Fuß wie der Formalismus.
aaaaaaIn der Schonung knospt’s –
aaaaaa„Es hört auf dunkel zu sein
aaaaaaEs“ wird angefangen geworfen sein „hell zu werden
aaaaaaUnd zwei ist eins“.

Der Feind des Trichterbechermannes ist der Steinschläger,
Trassen hauend – „Hucker“, die wir sind, ,,nicht Maurer“15
für Paperbacks? „Wir gehn über die grauen Wiesen.
Wir grüßen den lautlosen Regen über dem Leunawerk.“16
aaaFehlt dem Raubein das gryphische Element,
aaahat er glatt die Schiffssetzung verpennt –

aaaaaa„die monologe gehen fremd“17.
aaaaaaVorbeigefahren, eingeschliffen:
aaaaaaEins ist zwei und null zugleich.
aaaaaa„Werden zu hell an fängt es
aaaaaaSein zu dunkel auf hört es
aaaaaaSein zu hell auf hört es
aaaaaaWerden zu dunkel an fängt es“
aaaaaaMainstream ist woanders.

„Ich nehme keine Befehle entgegen. Ich folge dem Ratschluß
meiner“18 Schwänze. „Ich sehe den Zauber der Entzauberung?“19
Frauen, die unser Leben teilen, in den enteigneten Betrieben.
[…] nicht gedrückt in die winterliche Struktur.“20
aaa„Die Poesie verwandelt ihre Widerstände in Siege.
aaa[…] Je knapper die Siege sind, desto besser.“21

Schonen… ist die Herausforderung meiner Wassersuppe! 22

Bert Papenfuß

 

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

Elke Erb, Christian Filips lesen Bo Wiget komponiert und spielt: Haushaltsfragen

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Im roughblog können Sie weitere aktuelle Informationen zum Buch erfahren.

Dieser  Band wird nicht über den Buchhandel vertrieben, ist aber bei redaktion@planetlyrik.de für 11,90 € inklusive Versand zu bekommen.

 

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

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Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

Elke Erb, Christian Filips lesen Bo Wiget komponiert und spielt: Haushaltsfragen

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Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

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Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLG
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shi 詩 yan 言 kou 口

 


 

Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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