Günter Abramowski: vor den toren von tag & nacht

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Günter Abramowski: vor den toren von tag & nacht

Abramowski-vor den toren von tag & nacht

REBELLION DES LICHTES IN DER FINSTERNIS

was weiß ich
wie die welt geht
ich seh bloß zu
dass ich noch zu mir steh…

erst gewachsen im schmerz
dann gedroschen
unter diesem freien himmel
leer & mutig
stroh auf dem feld

& wandel oben so tief

der genagelte
im verließ der kirche…

ansonsten alles im netz

im wertfreien raum
wo das sein summt
sagt mir einer:
so tief wie du fühlst
können die nicht einmal pissen

ich weiß
das ist kein trost
aber ein kreuz

ich sag dem gekreuzigten
pass auf

wir lassen den glauben
all den paulussen
aber das licht bleibt hier

: ja klar meint er:
nicht unter den scheffel…

 

 

 

Zum Geleit

Neonbefeuerte nacht
brenn träume aus einsamem
schlaf in bares leben

Günter Abramowskis Gedichte treffen den Leser. Aber nicht mit jener billigen Theatralik, die es allenthalben als wohlfeile Lyrikware zu kaufen gibt. Nein, hier dichtet einer, der nicht anders kann und, das ist ja wichtig, der es auch vermag. Die Gedichte sind verdichtete Wirklichkeiten. Die Qualität der Komposition ist hoch, die Wahl der Worte wohl erwogen. Und der Dichter beschränkt sich nicht auf den inneren Kontinent, nein, immer, auch in der Innenbetrachtung, spiegelt sich das Äußere. Das ist jene Dialektik, die man in allen großen Gedichten finden kann und in vielen kleinen. So auch hier. Damit erst wird die Verdichtung zur Dichtung: In dem sich nicht abschneidet, sondern mehr bietet, in dem sie sich ihrer Sprache sicher ist und damit mit dem Verstand und dem Herzen verständlich wird.

Dieses Buch kann man immer wieder zur Hand nehmen. Kein Gedicht verliert durch Wiederlesen, nein, alle gewinnen immer neue Aspekte.

Günter Abramowski steht ganz sicher in der großen Tradition deutschsprachiger expressionistischer Dichtung und immer wieder finden sich Anklänge an die Dichtung der Neuen Sachlichkeit. Und doch, wie wunderbar!, ist es am Ende immer wieder Abramowskis ganz eigener Stil. Großartig!

Leander Sukov, Vorwort, September 2014

 

Abenteuer für den Geist

Wohin man auch blickt in diesem Buch, was man sich auch hernimmt von den Gedichten, und es sind nicht wenige, sogar der allerletzte Titel, „Inhalt“ nämlich, sogar der hat etwas wie ein Gedicht unter sich, trägt etwas vor, wenn man es als Gedicht liest, wie es mir geschah, hahaha. Und das mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Und heute ist es auch noch schön, blauer Himmel überall und gerade mal wieder hinein geschaut in die gelungenen Versuche, die hier aufgeblättert vor einem liegen. Aufgereiht als Rätsel, als schöne Rätsel allerdings für den doch schon immer mehr ermüdenden Geist im Alter, Herrschaftszeiten!
Nein, im Ernst, wenn man dieses Buch zur Hand nimmt, hat man seine Medizin schon beisammen, muss garnicht mehr zur Apotheke.
Wobei ich beim ersten Durchlesen durchaus der Meinung war, Einiges ist doch etwas bombastisch, da steckt doch wirklich viel Überflüssiges drin, sollte er nicht lieber einige Texte weniger auf Kosten des dann noch bündigeren Ganzen?
Na, denn. Na, dann mal wieder reingeschaut und gelesen und wirklich, wie schon gesagt: geistige Ergüsse, innige Gebilde. Atemraubend der Beginn mit „mitgenommen“ und überhaupt die ersten 5 Gebilde wirklich voller Eleganz und Innigkeit. Ein Beispiel gefällig aus dem Ganzen?
Die letzten Zeilen aus:

DAS RUNDUMSORGENFREIE LEBEN

um meine zukunft
mach ich mich nicht bang

in meinen superrealistikträumen
das hab ich schriftlich
bin ich ein glücklicher familienvater
mein leben lang

Da sieht man es einmal wieder, wer kann, der kann. Chapeau oder sogar Champs-Elysees!

Klaus Grunenberg, 5.1.2015

Günter Abramowski: vor den toren von tag & nacht

Der Lyriker Günter Abramowski hat bereits einige Gedichtbände veröffentlich, zuletzt vom turm, erschienen 2012. Jetzt hat der Autor ein neues Buch herausgebracht: vor den toren von tag & nacht, erneut ein Taschenbuch im elbaol-Verlag, doch im Tonfall recht anders als als der Vorgänger.
Insgesamt wirkt der neue Gedichtband ein wenig rauer, auch wohl zorniger. Abramowski scheut vor Formulierungen wie „auf die fresse kloppen“ oder Worten wie „scheiße“ nicht zurück, da ist ein „junge / mit dicken titten“, manches „ist zum kotzen“, mancher könnte „seinen arsch hochkriegen“, einiges geht das lyrische Du „einen Scheißdreck an“. Gelegentlich gibt es auch Anflüge an die Jugendsprache von vor urdenklichen Zeiten, wenn etwas als „voll krass“ bezeichnet wird.
Oft spricht Wut aus den Versen, eine Wut, deren Entstehen dem Leser nur zu verständlich wird. So heißt es im Gedicht „geburt der ahnung“:

über die funken eines glaubens
wächst lügende kälte

meinem feuer ein wütendes schwarz
geliebtes blau meiner arglosigkeit
rinnt dogmatischer macht
auf die fette leber
status quo
ist zum kotzen

Es geht um Nierenspenden, kleine Eichmänner, Gleichgültigkeit, Vergänglichkeit und Hilflosigkeit, Wut über alltägliche oder besondere Verlogenheiten, Lebenslügen. Dazwischen finden sich aber auch immer wieder sanftere Klänge, Erinnerungen an die Farben des Sommers, Naturbetrachtungen, Liebesgedichte. Manches ist durchaus humorvoll, im Gedicht „mitgenommen“, das den Band eröffnet, gibt sich der Autor sogar hemmungloser, verspielter Albernheit hin. Oder es ist auch einfach nur ein besonderer Augenblick, der beschrieben wird:

es ist schön
leben ohne zu atmen

kühle stille
im punkt
unendlich
allem wachsen

Sehr schön formuliert und durchaus auch für Nicht-Christen lesenswert ist ein Gedicht mit dem Titel „rebellion des lichtes gegen die finsternis“, in dem es heißt:

im wertfreien raum
wo das sein summt

sagt mir einer
so tief wie du fühlst
können die nicht mal pissen

ich weiß
das ist kein trost
aber ein kreuz
ich sag dem gekreuzigten
pass auf
wir lassen den glauben
all den paulussen
aber das licht bleibt hier

: ja klar meint er:
nicht unter den scheffel…

Abramowski bevorzugt freie Rhythmen und offene Verse ohne strenges Versmaß und feste Silbenzahl, dennoch greift er in einigen wenigen Gedichten auf klassische Versmaße zurück und bietet gelegentlich sogar Reime. Satzzeichen werden kaum verwendet, die Konjunktion „und“ ist gewöhnlich durch das tironische & ersetzt. Durchgängige Kleinschreibung gehört zum Standard, man möchte sagen: leider. Konsequente Kleinschreibung und das kaufmännische & waren zu Papa Wielands Zeiten mal modern, als Goethe noch in die Windeln gemacht hat. Manche Lyriker meinen heute noch, ihre Gedichte damit aufwerten und modern klingen lassen zu können… Abgesehen davon ist vor den toren von tag & nacht ein durchaus lesenwertes, ansprechendes Werk, in dem es einiges zu entdecken gibt. Lesenswert.

Petra Hartmann, scifinet.org, 28.1.2015

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Monika Stemmer: günter abramowski, vor den toren von tag & nacht
monalisablog.de, 9.2.2015

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