Karl Krolow: Herodot oder der Beginn von Geschichte

Krolow-Herodot oder der Beginn von Geschichte

I

Überall gelangt man rasch ans Ende der Welt.
Die Fremdenführer erzählen
aufregende Geschichten.
Die täglichen Orakel sind
gepanzerte Männer, die von See kommen,
in Äthiopien Wasser, so leicht,
das nichts auf ihm schwimmen kann.
Reichlicher Nachtisch in Persien
und wandernde Magier,
die alle töten außer Menschen und Hunden.
Die Frauen riechen anders von ihnen −
nach ihren Schweifen.
Die Sage ist älter als alles.
Flüsse hält man in hohen Ehren.
Keine Hand und kein Harn verdirbt sie.
Denk an Ägypten. Man bringt dort
tote Katzen in heilige Häuser
oder läßt einen Wind fahren
und reist auf ihm.
Überall erreicht man das Nichts,
das es wirklich gibt
wie die mit Wachs überzogenen Leichen.
Wie wird man ein höheres Wesen?
Erst später beginnt die Geschichte.

 

 

Zu den Herodot-Gedichten von Karl Krolow

Lesen wir hier die Duineser Elegien Karl Krolows? Irgendwann, so scheint es, kommen Autoren, in deren Werk die Lyrik ein großes Gewicht hat, in früheren oder meist späteren Jahren dazu, in weit ausgreifenden Zyklen lyrische Summen zu ziehen, Welt-, Lebens- und Geschichtsdeutung der Menschheit in Versen vorzuhalten, im Tone der Klage und der Warnung die Menschen durch Visionen nach rückwärts oder vorwärts aufmerken und aufschrecken zu lassen. Es sind nicht nur die späten Elegien Rilkes, es sind beispielsweise The Age of Anxiety von W.H. Auden, The Waste Land von T.S. Eliot, das über Jahrzehnte sich aufbauende Sammelwerk der Cantos von Ezra Pound, in denen Visionen des Menschheitsschicksals zyklisch gebunden erscheinen. Wir wollen Karl Krolow mit solchen Parallelen nicht erschrecken und belasten und auch uns das Leseinteresse an den fünfzehn Herodot-Gedichten nicht in andere Richtungen wegzerren lassen, nur eben ist Krolow in seinem ganzen Werk, nicht nur dem lyrischen, bisher noch nirgendwo so ausgreifend, so in große zeitliche und räumliche Weiten ausschauend aufgetreten wie hier, und die Tiefe des Raums und der Zeit erforderte, so scheint es, die Weite des Zyklus. So weit schaut man nicht in einem einzelnen Gedicht – oder es würde sonst die Weite des Blicks zu schnell widerrufen. Eine solche Vision braucht Aufbau, Steigerung, Bogen, braucht ihren eigenen Raum.
Heute so vor das kaum denkbare und dennoch mögliche Ende von Geschichte auf unserem Stern gestellt, denkt man in der Tat nach über den „Beginn von Geschichte“ – was immer nur heißt über den Anfang erzählter Geschichte, denn wer würde beim Erinnern der gesamten Kosmos-Entwicklung vom Urknall übers Erstarren der Erdkruste, die ersten Moose und Flechten bis hin zum Erscheinen der Hominiden nicht ebenso verrückt werden wie bei dem Gedanken, daß unsere Kugel gespalten werden könnte wie möglicherweise der Paradiesesapfel, von dem die zwei aßen.
So wie wir derzeit auf dem Balancepunkt stehen zwischen Geschichte und Nicht-mehr-Geschichte, ist Krolow zurückgegangen zum Scheitelpunkt zwischen Noch-nicht-Historie und Historie, zu Herodot, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert zur Zeit des Perikles und des Sophokles, zeitweise im Umgang mit ihnen, in Athen und lange Zeit im griechischen Unteritalien lebte und sein Geschichtswerk Histories Apodexis schrieb, die erste historische Darstellung des Abendlandes, mit der Herodot zum Vater der Geschichtsschreibung unserer Sphäre wurde, wie man so sagt. Bei Herodot hält die Welt den Atem an – deshalb schaut Krolow auf ihn: In seinen Historienbüchern scheint die Sekunde der Balance angehalten zwischen Mythos und Geschichte. Noch agieren in seinen Erzählungen von den Geschicken der Stämme und Völker die Götter, noch greifen sie ein in Kriege und Parteienstreit, noch passiert allenthalben das Wunderbare, ist Faktisches mit der Argonautenfahrt und mit Herakles verknüpft – und doch wägt Herodot schon zwischen mehr oder weniger Wahrscheinlichem, stellt er Fabelversionen in Frage, stellt Überlieferungsvarianten des Mythos nebeneinander und läßt weltmännisch und weltläufig die Entscheidung zwischen ihnen offen. Schon erscheint die sinnliche Fülle der Mythen mit der Halbverbindlichkeit und Fastbeliebigkeit des Bazars, in dem man mehr oder weniger distanziert wählen kann zwischen Buntem und weniger Buntem, schon gibt es bei Herodot das Prinzip der Folge von Ursache und Wirkung, Geschichtsvernunft und Kausalnexus als klassisches Prinzip der Geschichtsschreibung bis in unser 19. Jahrhundert. Bei Herodot hält der Weltaugenblick an zwischen Geschichten und Geschichte. Es ist der abendländische Moment, in dem die vielen Geschichten des Mythos wie eine übersättigte Lauge bei geringem Anstoß zu den Kristallen moderner Historie zusammenschießen.
Das Wort Historie bedeutet zur Zeit des Herodot so viel wie Wissenschaft, Forschung, so daß der Titel seines Geschichtswerkes zu übersetzen wäre mit Forschungsbericht oder wissenschaftliche Darstellung. Nicht Herodot selbst, sondern spätere alexandrinische Philologen haben dieses Geschichtswerk nachträglich in neun Bücher eingeteilt, um jeder der neun Musen eines zuordnen zu können. In dieser Form wurde das Werk noch indirekt traditionsstiftend für solche Werke wie Goethes „Hermann und Dorothea“, wo auch die neun Gesänge je einer der Musen zugehören, und bis in unsere Zeit für die neunteilige Gliederung des Romans Wo warst du, Adam? von Heinrich Böll – beide, das Epos Goethes und der Roman Bölls, Berichte von Umsturz, Zerstörung, Vertreibung und Krieg wie das große Werk Herodots, sie alle Berichte von weltgeschichtlichen Momenten. Auch als der Lyriker Conrad Ferdinand Meyer 1882 seine gesammelten Gedichte herausgab, gliederte er die Sammlung in neun Teile, damit auch seinerseits die fortwirkende Tradition der antiken Musenhuldigung und der Verdreifachung der magischen Zahl drei bestätigend. Wenn Krolow im zwölften seiner Gedichte mit dem Mund Herodots spricht: „Die schönen Namen schrieb ich / in meinen neun Büchern auf und nannte sie / nach den Namen der Musen“, dann schreibt er seinerseits die historische Forschung beiseitetuend – die spätere alexandrinische Philologen-Einteilung dem Autor selbst zu.
Es gibt daneben in diesem Geschichtswerk der perikleischen Zeit noch die Einteilung nach „logoi“ – wir würden technisch wohl am einfachsten sagen: Kapitel. Im „ägyptischen Logos“ nun des Buches „Euterpe“, den Krolow für seine fünfzehn Gedichte besonders studiert hat, gibt es ein recht deutliches Beispiel dafür, wie haarscharf Herodot auf der Grenze zwischen Mythos und Historie, zwischen Geschichten und Geschichte schreibt: Herodot erzählt dort, teils mit Berufung auf die Homerischen Epen, die Geschichte von Helenas Entführung nach Ägypten und ihrer schließlichen Befreiung durch Menelaos. Er beruft sich dabei auf eigene Nachforschungen und Gespräche mit Priestern in Ägypten und beginnt seine Erzählung so:

Auf meine Frage an die Priester, ob als eine historisch wertlose Erzählung die Griechen die Geschehnisse um Ilion [Troja] berichteten oder nicht, antworteten sie darauf folgendes – und sie behaupteten durch Nachforschung es von Menelaos selbst zu wissen:

und nun folgt Herodots Erzählung von der nach Ägypten entführten Helena, während die Griechen Troja belagern im Irrtum, Helena befinde sich dort in dieser Stadt. Dann resümiert Herodot: „Das erzählten die Priester der Aigyptier, ich aber schließe mich dem über Helene gegebenen Bericht an, wobei ich folgendes überlege. Wenn Helene in llion gewesen wäre“ – und nun folgt ein argumentatives Für und Wider von Vernunftgründen, die für Helenas Aufenthalt in Ägypten sprechen. Abschließend sagt Herodot von den Trojanern: „Aber sie konnten ja gar nicht Helene zurückgeben, und obgleich sie die Wahrheit sagten, glaubten ihnen die Griechen nicht, weil, wie ich meine Meinung ausspreche, die Gottheit dahin wirkte, daß sie durch völlige Vernichtung die Wahrheit den Menschen ganz offensichtlich machen sollten, daß für den großen Frevel auch die Strafen von seiten der Götter groß sind.“ Hier ist die messerscharfe Grenze zwischen dem gültigen Fortbestehen der Troja-Mythen und ihrer homerischen Götter und andererseits dem quellenkritischen Argumentieren der modernen Historie jedem deutlich aufgedeckt.
Auf diese Grenze kommt es Krolow an, wenn er in seinen fünfzehn Gedichten auf den „Beginn von Geschichte“ sieht – von seinem eigenen Standpunkt aus, der wiederum am Rand von Geschichte, an ihrem Abgrund sein könnte, am möglichen anderen Ende gegenüber Herodot. Und von einem solchen Standpunkt aus wird – erzählte und geschriebene – Geschichte als Episode verstehbar, als vorübergehende Episode, als eine Möglichkeit, an deren Stelle es wohl auch andere gegeben haben könnte.
Die Epoche der berichteten Geschichte ist für Krolow der Weg zur Katastrophe. Was bei Herodot begann, hat mit dem Sachzwang von Rationalität uns jetzt an den Rand des Wahnsinns gestellt, in das wahnsinnige Argumentieren mit den Zahlen von Waffen und Tötungscomputern, deren wenige schon reichten, die Erde wieder in die Entwicklungsepoche der niederen Flechten und Moose zurückzuruinieren. Der Unschuld des Mythos stellt hier bei Krolow die Schuld der Geschichte gegenüber. Nicht daß der Mythos rein von vergossenem Blut gewesen wäre – nein, alles andere als das, er strotzt von Kindern, die gesotten und gebraten den eigenen unwissenden Vätern zum Mahl vorgesetzt werden. Aber die Naivität des Mythos, der so unwissend grausam ist wie diese kinderessenden Väter, sieht Krolow bei Herodot umkippen in jenes sentimentalische Moment des ideen- und zweckgerichteten Handelns und Argumentierens, das uns in letzter Konsequenz die Marschflugkörper, Killersatelliten und Laserwaffen gebracht hat. Die Welt des Mythos war kein sanftes Bethanien, aber noch nicht korrumpiert vom Wahn jener Aufklärung, die Ordnung, Methodik und Systematik schafft bis zur wirklich allerletzten Konsequenz.
Krolow mischt die Epochen. Sind die ersten Gedichte noch überreichlich beladen mit den orientalischen Fabelschätzen und -wesen des Mythos, so setzen sich allmählich im Laufe des Zyklus immer stärker die Unheilszeichen der Geschichte und einer bankrottierenden Vernunft durch, wobei der durchgängig mit seiner Stimme sprechende Herodot als lyrisches Ich dieses Zyklus zum Propheten des mit ihm einsetzenden und nach ihm ablaufenden Prozesses eines galoppierenden Rationalitätsbankrotts in den weiteren zweieinhalb Jahrtausenden wird.
Es fängt früh an. Dasselbe dritte Gedicht, in dem am Anfang Xerxes eine Platane so schön findet, daß er sie mit goldenem Schmuck behängt – den reinen Kindersinn des Mythos damit wie ein Wunder ins Bild bringend −, erzählt gegen Ende:

in Ägypten wurde das Jahr erfunden
und in zwölf Teile geschieden.
Sie hatten es in den Sternen gesehn.
Der Weg endet nie, den man geht.
Kaufleute waren vorher da,
gleich nach dem heiligen Anfang.
Danach Soldaten, Heroen, Plünderer.
Du wirst eines Tages ohnehin
ihr Opfer.

Das ist die vollständige Kette des Unheils der Geschichte – „der Weg endet nie, den man geht“. Mit den Techniken der Zeiteinteilung und -messung fängt es an, das Bewußtmachen von Zeit und Geschichte. „Kaufleute waren vorher da, gleich nach dem heiligen Anfang“ – so nah am heiligen Anfang, daß auch Jesus sie schon aus dem Tempel zu werfen hatte; das Übervorteilen des einen durch den Schacher des anderen, das Verwirtschaften der Vorräte und der Natur, das Goldstück im Auge als Monokel der Profit- und Geldmacher mit ihren Nummernkonten an sicheren Bankplätzen, das Verkaufen, der Umsatz, die Konjunktur noch auf dem Rücken der Elenden in allen Slums der Erde; das Verschachern der armen Länder an den Börsen der Welt und „danach Soldaten, Heroen, Plünderer“ als die Vollzugsorgane der Geldherren, angeblich in Diensten von Freiheit und Humanität dort dreinschlagend, wo die Kontomenschen ihre Geldsäcke bedroht sehen. Am Ende du das Opfer dieser historischen Figuren, zu denen du nicht gehören mochtest. Das sind Anfang und Ende von Geschichte, die – o Hohn – in der Ära sich ausbreitender Vernunft vom Geld kaputtgewirtschaftet und vom Prügel, noch in seiner automatisiertesten Gestalt, zusammengedroschen wird. Kaufleute und Soldaten, damit fing es an, damit wird es enden – alles andere sind nur Metamorphosen dieser Totenvögel.
Das siebente Gedicht artikuliert am eindringlichsten die Zeitwende zwischen Mythos und Geschichte. Es ist der Äquator des Zyklus. Von da an werden die Signale des Unheils und der Katastrophe in der Gedichthemisphäre immer schrecklicher und dominanter: die Raketen, die Tötungsstrategen, die Mordbuchhalter, der Genozid bestimmen die späte Sphäre, in die der janusköpfige Herodot ebenso hineinsieht und -spricht wie in die Räume des Mythos. Herodot ist Janus in diesem Zyklus und in dieser Gestalt selbst ein Stück Mythos: Gott und Heros der Mythos-Vollendung und Geschichtsgeburt, Traditionsbewahrer und Prophet.
Im vierzehnten Gedicht ist er wohl dem Bekenntnis und sich selbst am nächsten: „Ich versuche es weiter: Geschichte als DICHTUNG“. Mitten in den späten Katastrophen der Rationalität und der Geschichte – der tödlichen Logik bewußt – ist Dichtung und sind die Künste die Gefäße des Mythos, die mitten im Katastrophalen das bereithalten, was der zeitlose Herodot im Gedicht vierzehn gegen Ende sozusagen als sein Wesen deklariert: „Ich lebe weiter mit Bildern, die wechseln“. Mitten in der Auschwitz- und Hiroshima-Logik von Geschichte, die über diese Höllenorte hinaus unterdes abermals ins noch Schrecklichere weiterzugehen droht, leben Mythos und Dichtung in Bildern einer Hoffnung, deren Absurdität zugleich ihre – unscheinbare und äußerlich unheroische – Größe ist. Die Bilder des Mythos sind das credo quia absurdum der Literatur, ihre Hoffnung gegen die auf den Höllenschlund zustürzende Geschichtsvernunft. Mitten im „Todesfall Geschichte“ bleibt die absurde Hoffnung der Kunst – die Kunst als jenes Gefäß, das im „gewaltsamen Stromschluß“ unserer katastrophalen Rationalität allein die Bilder, den Mythos, die Liebe schützt und am Leben hält. Mehr als das: „Ich warte auf das Liebestelegramm, die Ode am Fußboden, / das Sonett unter den Füßen“: Bilder, Mythos, Gedicht sind im Geschichtsbankrott unser Boden und Fundament, in der Sprache unserer jungen Leute: das, worauf wir stehen gegen alle Vernunft. Und weniger als das:

Man hebt das Wunder auf. Es ist
leicht: ein lesbarer Zettel,
der nur in diesem Augenblick stimmt,
in dem man sich nach ihm bückt.

Das Wunder des Mythos, der Bilder, der Literatur ist keine Bausparkasse, nichts mit Garantie und sicherer Permanenz. Es ist nur da – dann aber ganz da – im Augenblick der Realisation. Hoffnung gegen allen Schein der katastrophalen Geschichte ist das Wunder des totalen Augenblicks, wahrhaftig der Blitz, dessen Dauer kaum meßbar und dessen Lichtfülle total ist. Auch hierin sind Mythos und Dichtung das gen aue Äquivalent zum Kernspaltungs- und Laser-Blitz am möglichen Ende der katastrophischen Geschichte. Herodots Stimme wartet – fast gegen alle Logik – auf das Ausbleiben dieses tödlichen Feuerballs, den die gewalttätige Technik und Logik ans Ende der von ihr verantworteten Geschichte zu setzen drohen. Herodots Stimme setzt auf den lebendigmachenden Blitz der Imagination, der wider allen historischen Sachzwang die Liebe zum Strahlen bringt.
Herodots Stimme ist die Stimme des exemplarischen Autors, des Dichters, des Künstlers. Und das heißt: der Sündenfall von Vernunft und Geschichte ist getan, der Apfel verschluckt und verdaut, nicht wieder auszuspucken. Aber mitten in der unbestreitbaren Herrschaft von Geschichte und ihrer sogenannten rationalen Zwänge ist jeden Augenblick die Möglichkeit für den Blitz der Bilder, des Mythos, der Kunst offenzuhalten. Ins Paradies, ins Goldene Zeitalter der Vorvernunft, wenn es je da war, können wir nicht zurück, wir können, wie Schiller sagte, nur „vorwärts nach Elysium“, das in den Bildern des Mythos und der Künste jeden Augenblick seine totale Chance hat, die dann das andere Geschichtsbewußtsein nicht ignoriert, sondern verändert.
Wir sollten uns in dieser Hoffnung nicht täuschen lassen vom Tonfall dieser fünfzehn Gedichte. Ihr Duktus ist fallend – wie auf die mögliche oder gar wahrscheinliche Geschichtskatastrophe zu. Sätze, Bilder und Verse werden gereiht wie Quader, die im Stürzen sind und gleiten. Das Ende scheint im Anfang angelegt und vorbereitet, wenn man den Beginn des ersten mit dem Schluß des fünfzehnten Gedichts zusammenhält.
Die Hoffnung dieses Katastrophen-Zyklus heißt Täuschung. So sagt es das allerletzte Wort. Unsere in den Tod rennende Geschichtsvernunft ist so verrückt, daß nur das, was sie nicht bestätigt, ihr Aussetzen und Außerkraftsetzen, ihr Zersetzen, den Augenblicksblitz der Hoffnung und Rettung möglich machen kann: die Bilder des Mythos und der Kunst, die schöne Platane des Xerxes und die in Liebe gelösten Glieder der Menschen.

Klaus Jeziorkowski, Nachwort

 

Tanz der Toten

− Karl Krolows Herodot-Poem. −

Karl Krolow ist ein Lyriker der stilistischen Wandlungen und seelischen Häutungen, der eben, nachdem er mit zwei Bänden gereimter und vergleichsweise konventioneller Poesie überrascht hatte, ein sehr andersartiges und eigen getöntes Buch in ungebundener reimfreier Sprache vorlegt – Fünfzehn Gedichte, die einen Zyklus bilden und allesamt das Thema Historie paraphrasieren, im Sinne einer früheren Definition des Autors: „Geschichte ist schwierig. Die Gegend ist so blutig.“
Nichts wäre abwegiger, als Krolows Verse, die im Frühjahr 1982 entstanden, für eine Art spätaufklärerisches Lehrgedicht zu halten. Die Geschichte wird nicht erhellt, nicht als etwas in sich Plausibles gedeutet. Im Gegenteil: Sie wird als das Dunkle und Absurde schlechthin vorgeführt. Die Berufung auf den griechischen Urahnen annalenhaften Überlieferns ist eher ein ironisches Unterfangen voll perfider Anspielungen als eine vertrauensvolle Überantwortung an den Klassiker der Geschichtsberichterstattung.
Für Krolow ist die Historie das Unsinnige schlechthin. Der Ursprung der Geschichte bleibt unergründlich, während ihr Ausgang in apokalyptische Nähe gerückt zu sein scheint: „Die Totschläger, anonym, gehn nun / mit empfindlichen Apparaten an ihr Werk…“
Krolow hat schon früher keinen Zweifel daran gelassen, daß sich im seinsgeschichtlichen Ablauf immer wieder die Hand des Siegers um die Kehle des Besiegten legt. In dem Gedicht „Historie“, das er bedeutungsvoll an den Schluß seiner wichtigen Sammlung Fremde Körper von 1959 stellte, leitete er die Geschichte aus dem Mythos ab, aus dem wütend-sinnlosen Herumtrampeln von Centauren, das zu keinerlei Läuterung führte, sondern zu deprimierenden Fortsetzungen und brutalen Übersteigerungen.
Ähnlich wie Benn, der nur eine theologisch verwaiste Schöpfung, doch keinen ethischen Entwicklungsprozeß und keinen transzendentalen Zielpunkt ausmachte, gewahrt auch Krolow lediglich „Länder mit Todesgeruch“, und dies schon zu jenen undenklichen Zeiten, die noch ganz im Schutz von Magie und mystifizierender Unkenntnis lagen, im nebulösen Vorfeld exakter Spurensicherung und deutenden Wissens: „Längs des Nils ist das Schwein eine Gottheit / Wie das Schamglied. / Ein Bock paart sich mit einem Weib öffentlich…“ Das Religiöse hat anfangs eine orgiastische Dimension, doch im Kult des Sinnlichen ist kein Platz für individuelle Freude und persönliches Überleben. Die Existenz erhitzt sich im Eros an sich selber, aber der Vorgang bleibt von flüchtiger Zufälligkeit. Und der Autor findet das Sinnbild eines geradezu mechanischen Kahlfraßes, mit dem ein Teil des Lebendigen über den Rest der Welt herfällt: „Heuschrecken kommen und sind / stärker als das Licht.“
Karl Krolow legt seinen Herodot als eine Figur an, die gleichsam allwissend ist und auch die Erfahrungen der Zukunft miteinzubringen weiß:

Ich lebte zu einer Zeit, als man noch nicht
in einer Lobby saß, mit einem Krebs im Blut.
Ich glaubte nicht alles, was ich mir sagen ließ

Ich wollte mehr erfahren als Gaukelei.

Wahrsagend tastete sich die Menschheit aus ihren Ängsten hervor, doch sie gelangte auch unter dem Leitstern der Vernunft zu nichts Besserem als zu den Orakeln von Philosophie und Wissenschaft und deren schrecklicher Einlösung in den Verlaufsphasen der Geschichte.
Krolow beschwört Logik und mathematisches Denken, um labyrinthische Ungeheuerlichkeit erkennbar zu machen:

Unerbittlich folgt auf die Eins die Zwei.
Die Kardinalzahlenreihe ist übersichtlich.
Geschichte dagegen auch ein Verkommen
in dem, was unvorhersehbar geschieht
oder genetisch bestimmt war
für Völker und Landstriche…

Einmal läßt der Autor Herodot wünschen, daß er vergessen könne, was nach ihm geschehen sei. Doch die Entwicklung ist nicht umkehrbar: „Genozid ist ein spätes Wort / für nichts Neues“, so lautet eine der bitteren Sentenzen dieser Gedichtfolge, die in ihrer archaisierenden Tonlage an Saint-John Perse’ mythologische Freske „Anabasis“ erinnert.

Hans-Jürgen Heise, Die Zeit, 14.10.1983

 

Beitrag zum 75. Geburtstag des Autors:

Joachim Kaiser: Einzigartiger lyrischer Zeitzeuge
Süddeutsche Zeitung, 10./11.3.1990

Beiträge zum 80. Geburtstag des Autors:

Kurt Drawert: Das achte Leben der Katze
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.3.1995

Curt Hohoff: Schlechtes vom Menschen, nichts Neues also
Die Welt, 11.3.1995

Beiträge zum 100. Geburtstag des Autors:

Oliver Bentz: Lyrik, luft- und lichtdurchlässig
Wiener Zeitung, 8.3.2015

Fritz Deppert: Karl Krolow: Der Wortmusiker von der Rosenhöhe
Echo, 9.3.2015

Christian Lindner: Gedichte aus der frühen Bundesrepublik
Deutschlandfunk, 11.3.2015

Alexandru Bulucz: Immortellen, Nebel“
faustkultur.de, 11.3.2015

Peter Mohr: Allianz von Wort und Wahrheit
titel-kulturmagazin.net, 11.3.2015

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie
Nachrufe auf Karl Krolow: Der Freitag ✝ Der Spiegel ✝ Der Tagesspiegel ✝ Die Welt

Michael Braun: Die Defäkation Dasein
Frankfurter Rundschau, 23.6.1999

Harald Hartung: Algebra der reifen Früchte
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.1999

Charitas Jenny-Ebeling: Dichter der Abschiede
Neue Zürcher Zeitung, 23.6.1999

Kurt Oesterle: Aufzuschreiben, daß ich lebe
Süddeutsche Zeitung, 23.6.1999


 


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