22. September

Lange Wanderung mit Krys ins Quellgebiet des Nozon. Wir gehn bei kaltem Nieselregen unsern wehenden Atemwolken nach. Der Weg ist kürzlich neu verbaut, streckenweise auch neu angelegt worden, zwecks leichterer Begehbarkeit hat man Steigungen flacher gestaltet – sieht aus, als hätte sich das Nozontal in einen Freizeitpark für Kinder und Greise verwandelt. Überall – viel zu oft – treffen wir auf Raststätten, Holzbrücken, Blockhütten, Unterstände, Spielplätze, Fitnessstationen, die es bisher nicht gab, alles ist mit hässlichem Rundholz und mit gebeizten Eisenbahnschwellen ausgeführt, derweil manch ein vertrauter Ort von früher nicht mehr zu erkennen … nicht mehr vorzufinden ist: Grotten und Gruben hat man zugeschüttet, das Flussbett verengt, die gewundenen Wegstrecken ersetzt durch bequemere und kürzere Treppengänge. Bevor wir die Quelle erreichen, machen wir Halt, kehren um; der Regen hat sich verstärkt, die einst vertraute Umgebung unterwegs im Tal ist uns fremd geworden. – In der NZZ wird mein Gedichtbuch ›Steinlese‹ als ein hübsches Neben- und Gelegenheitswerk angezeigt. Was wohl heißen soll, es sei ein misslungenes Hauptwerk. Wie auch immer … was auch immer damit gemeint sein mag, den Unterschied zwischen »haupt-« und »neben-« gibt es für mich beim Gedicht nicht: Jedes meiner Gedichte ist ein Hauptgedicht. Ich kann keine beiläufigen oder nebensächlichen Gedichte schreiben. Ob ein Gedicht gelingt oder nicht gelingt, hübsch ist oder weniger hübsch, das ist nicht die Frage, ist nebensächlich. Hauptsache – das Gedicht ist da und bleibt auch da stehen, selbst wenn ein Papst es für zu leicht befindet. – Weekend im jurassischen Dauerregen, bin nach dem Waldgang von den Schultern und von den Füssen her bis zur Mitte völlig durchnässt; Krys ist daheim geblieben, redigiert am Küchentisch ihr Referat über Johann Sebastian Bachs pädagogische Ideen und Projekte. Gemeinsames Kochen; nachmittags im Bett, derweil der Regen an die Fensterscheiben klatscht – eine provinzielle Variante von sonntäglicher Gemütlichkeit. Gegen Abend Besuch im Mönchshaus, dessen Haupthalle zur Zeit nach einem Lichtkonzept von James Turrell von einem matten Rotschimmer durchflutet ist; später gehn wir hinüber zur performativen Lesung von Stauffer und Revaz im Arc, danach Umtrunk mit Veronika Sellier, Alex Silber und den Autoren. Als wir gegen Mitternacht den Heimweg antreten, regnet es noch immer. Das nasse Kopfsteinpflaster im Klosterhof glitzert unter den neuen Halogenlaternen. – Frühlingshaftes Herbsteln; kurzfristiger Wechsel zwischen schneidender Helle und matter Verschattung bei etwa gleichbleibender Temperatur um fünfzehn Grad. Die Migräne pausiert. Dennoch schlafe ich wenig, unruhig, die Träume bleiben auf knappe Episoden oder einzelne fixe Bilder reduziert. – Letzte Einladung mit Gartenparty in meinem Elternhaus; Kehraus – das Haus ist seit kurzem verkauft und bereits weitgehend geräumt, der Garten sichtlich verwahrlost, daran unmittelbar angrenzend erhebt sich eine gewaltige Gebirgslandschaft mit steil ansteigenden Flanken, über die sich als Zickzacklinie die Saumpfade hinziehn. Es gibt keinen Horizont hier in der Runde, die Berge umschließen das Anwesen von allen Seiten. Im Garten sind Holztische mit Bänken aufgestellt, die Leute bewegen sich suchend aneinander vorbei, lauter Einzelgänger, die sich nicht zu kennen scheinen, darunter mehrere ältliche Mütter, die ihre Kleinkinder auf der Brust tragen. Vor der Garage ist ein ruinöses Auto geparkt. Frau Steffen Müller plant, wie ich höre, eine Reise nach Osten, Winterurlaub mit den Enkeln in Schlesien, doch wie kommt man, schreit sie plötzlich hinter der Gartenmauer, über Wien nach Breslau? Unter den zirkulierenden Gästen bemerke ich Božena Vařečková, sie ist kaum gealtert seit unsrer frühen Liebesbeziehung, noch immer sehr attraktiv, aber sie weicht mir … sie weicht meinem Blick aus und … aber gleichzeitig scheint sie mich zu suchen. Aber wo bin ich, wenn ich zu Hause bin? Auf einem der schmalen Pfade steige ich in den Steilhang, bringe mehrere Nadelkurven hinter mich, erkenne nun allerdings, dass ich den Kamm – Lakret – des Gebirgszugs über mir nie erreichen werde. Zu fern, zu hoch. Kehre also um, lasse mich auf dem Rücken bergab rutschen, bleibe eine Weile am Südfuß liegen. Božena steht über mir, beugt sich vor, stellt lächelnd – und in welcher Sprache? – die Frage: »Wo, mein Lieber, kniet der Mut?« Und ich zu ihr: »Vorm Ich.« Doch wir lassen uns nicht anmerken, dass wir einander – so intim! so lange schon! – kennen, statt dessen fasse ich sie, noch immer im Liegen, fest am Knöchel, spüre, wie ihr nackter Rist – sie trägt zerschlissene Bastsandalen – rasch warm wird in meiner Hand. Aber nein, auch jetzt tut sie nichts dergleichen, ihr letztes Wort ist dieses ungeheure Lächeln. Beweis, dass ich hier bin.

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