Kurt Marti: gedichte alfabeete & cymbalklang

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Kurt Marti: gedichte alfabeete & cymbalklang

Marti-gedichte alfabeete & cymbalklang

GEDICHT VON GEDICHTE

1
ein gedicht
das nicht zu begreifen ist
möchte vielleicht betastet sein

ein gedicht
das nicht zu betasten ist
möchte vielleicht betreten sein

ein gedicht
das nicht zu betreten ist
möchte vielleicht betrachtet sein

ein gedicht
das nicht zu betrachten ist
möchte vielleicht begriffen sein

2
gedichte sind:
zum essen
zum radeln
zum heizen
zum fliegen
zum lachen
zum brüten
zum zahlen
zum stören
zum schwimmen
zum pudern
zum hören
zum kuckuck

3
gedichte sind zu vergleichen:
mit leben
mit rugby
mit fondue
mit cäsar
mit mäusen
mit oslo
mit arbeit
mit bultmann
mit liebe
mit unkraut
mit twist
mit allem
mit nichts

4
gedichte
sind nicht polizeilich gemeldet
gedichte
gehen niemals zur schule
gedichte
sind nicht militärdienstpflichtig
gedichte
sind nicht an der teuerung schuld
gedichte
haben nicht singen gelernt
gedichte
stören die nachbarn nicht
gedichte
streuen keine bakterien
gedichte
fliegen ohne geräusch
gedichte sind frei
gedichte sind da

 

 

 

Beitrag zu diesem Buch:

Walter Vogt: Alfra, Birk und Cymbel
Zürcher Woche, 16. 12. 1966

 

 

Wir leben zu wenig

– Laudatio für Kurt Marti zur Verleihung des Kurt-Tucholsky-Preises. –

Wir ehren heute einen Schweizer Schriftsteller, der in seinem Hauptberuf protestantischer Pfarrer ist, mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik. Das ist nicht ohne eine gewisse Pikanterie, denn nach Tucholsky muß ein Protestant „seinem Glauben nach, Staatsanbeter sein“…
Wie geht Marti mit seinem Land um? Schonungslos ehrlich.

Die Schweiz ist ein unruhiges Land: Wenn Arbeiter streiken, gilt das als ökonomische Sabotage. Streikt hingegen das Kapital, so ist es ein ökonomischer Sachzwang.
Die Schweiz ist ein braves Land: ziviler Ungehorsam wird nur in der Form der Steuerhinterziehung geduldet.
Die Schweiz ist ein diskretes Land: Zensur existiert hier nicht, aber sie funktioniert…
Die Schweiz ist ein unvergleichliches Land: auch die, die über sie seufzen, schimpfen, wandern nur selten aus.

Auch Marti blieb. Wo soll man denn hingehen? Wo waren die Wunschorte und Wunschzeiten für einen Dichter, der das Christliche ernst nimmt? Vielleicht im Cordova des 10. Jahrhunderts, in einer historischen Sternstunde von Lessings Nathan-Utopie. Er hat das Seine an seinem Ort mit seinen Mitteln an der „Idylle des Status quo“ zu verändern versucht.
Und es ist doch schön, daß er keine Verfolgung aufweisen kann in einem freien Land; allerdings gibt er vielfältig Bericht davon, daß die kleinen Kratzer der Worte an den Fassaden der Glitzerwelt mit Blutgeld von Diktatoren und Ermordeten nichts an den versafeten Machtstrukturen ändern.
Gegen seine kleine Schweizer Welt mit dem großen internationalen Ruf und dem Glanz seiner Banken hat er angeschrieben. Es liegt soviel Vergeblichkeit darüber, aber keine Resignation. Die Überlebensfragen „Schutz der Mitwelt“, „Atomenergie“, „Verelendung“ hat Marti früh aufgegriffen, Probleme, an denen wir uns heute im Zeitalter der extremen Beschleunigung die Zähne ausbeißen. Die Umweltverschmutzung und die Naturzerstörung haben nach dem Wegfall des Ost-West-Konflikts eine noch maßlosere Dimension angenommen. Wo Regenwälder brennen, weil Groß-Grundbesitzer sie aus kurzfristigen Profitinteressen anzünden lassen, da wird das Fehlen von Strukturen für eine „solidarische Überlebensvernunft“ bitter erkennbar. Wo mit erkennbarer Faszination, angeblich notwendiger technischer Innovation und schließlich mit hochqualifizierten Arbeitsplätzen der „Eurofighter“ gerechtfertigt wird – immer noch auf der Suche nach einem dafür geeigneten Feind –, wird alles möglich, was irre ist. Wo Globalisierungs-Deterministen menschliches Handeln emeritieren und die Länder samt ihrer Bewohner in „Standorte“ einteilen – ich würde sagen: in ausbeutungsfreundliche und noch ausbeutungsresistentere Standorte –, da muß sich Widerstand regen und organisieren. Und wo die Würde jedes Menschen „offiziell“ als unantastbar gilt, darf man nicht gleichzeitig „offiziell“ Kurden in die Türkei oder Bosnier in von Tschetniks besetzte bosnische Dörfer abschieben und das noch als Rückführung in „ihre Heimat“ tarnen, nachdem sie in Abschiebehaft saßen und als Ausländer in die Kriminalitätsstatistik eingehen. Schreibtischtäter handeln stets nur „nach Recht und Gesetz“, auch demokratisch legitimierte, so gewissensresistent wie paragraphenhörig.
In unsere Verzweiflung hinein über all dies, in unsere Ohnmachtserfahrungen hinein singt Marti seine „Klagen, Wünsche, Lieder“, überzeugt davon, daß es das gibt, diesen „Ungrund Liebe“. Da traut er sich, ganz fromm und frohgemut für diese bedrohte Erde zu singen, zu bitten, zu kämpfen und auf ihr zu tanzen („Zweites Lied für die Erde“).
Tage, wo ich kein einziges Mal lache, sind „Tage, die absolut unerleuchtet sind… abgelöscht“, bekennt er, der Jesus „auf eine leidenschaftliche Weise frohgemut“ nennt. Es gibt lachende Wahrheiten über Verhältnisse, die zum Heulen sind.

Auf protestantische Geistliche war Tucholsky besonders schlecht zu sprechen, Der Kontext seines bis heute scharf umstrittenen, ja heftig bestrittenen Satzes macht unmißverständlich klar, worum es ihm geht. Wer das nicht wahrnehmen will, beschränkt sich auf beleidigte und beleidigende Reaktionen.
Kaum hatte „unser Gericht der Gerichte hinieden“ die Verwendung des „Soldaten-sind-Mörder“-Satzes nicht für generell strafwürdig erkannt, soll nun eiligst die Ehre eines uniformierten und dekorierten Berufsstandes, dem man traditionell – trotz allem! – besondere Tapferkeit zuspricht, mit einem neuen Gesetz geschützt werden. Tucholsky hatte 1931 als ein Augen- und Ohrenzeuge des Gemetzels, als selbst vereidigter Befehlsempfänger schlicht auf einen himmelschreienden Widerspruch aufmerksam machen wollen, auf eine doppelte Wirklichkeit, mit der sich abzufinden er sich weigerte. Der Krieg hatte ihn zum kämpferischen Pazifisten gemacht. (Später sollte es – ernsthaft! – heißen, die Pazifisten hätten Auschwitz mitverschuldet!) Um der Verzerrung der Debatte entgegenzuwirken, kann man nicht oft genug den Zusammenhang erinnern, in dem der inkriminierte Satz steht:

Da gab es viele Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.
Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf.

Waren doch die Vertreter der Kirchen stets segnend zur Stelle, wenn’s in die Schlacht ging, in den nekrophilen Rausch von „Stahlgewittern“ gar. Militärs entblöden sich bis heute nicht, beim großen Zapfenstreich „Helm ab zum Gebet!“ zu befehlen.
Und da ehren wir heute mit dem Tucholsky-Preis einen protestantischen Pfarrer. Warum? Weil er ein kämpferischer Pazifist ist, ein Mann mit einer Lebenshaltung, wie ihn Tucholsky vergeblich gesucht hatte. Es ist wie die „Intonation“ zu einem ganzen Lebenswerk, was er in seinem kleinen, einfachen Gedicht „intonation“ ausspricht:

singt dem herrn
der nie eine uniform trägt
der nie eine waffe ergreift
der nie einem fahnentuch traut
der nie an parolen sich hängt
der feinde als brüder entlarvt

Diesem Herrn will er nicht nur singen, sondern auch folgen. Und er will sich nicht abfinden mit den Widersprüchen, mit denen wir uns abgefunden haben, mit dieser verordneten und befolgten Doppelmoral: Hier ist das obligatorisch, was dort streng verboten ist! Solche Widersprüche bringt Marti in einfachste kleine Texte, die zum Nachdenken zwingen.

ich habe gelernt (in der Kirche):
wer dich auf den rechten backen schlägt
dem biete auch den andern dar

ich habe gelernt (in nahkampfkursen):
ein tritt in die hoden des feindes
legt diesen am sichersten um

was gilt nun?

(Solche Texte wünschte ich mir als „Lesezeichen“ in unsere Schulbücher.)
Zufällig bekam ich in der Mitte der sechziger Jahre Marti-Texte in die Hand, abgeschrieben, fast unleserlich, als vierte Schreibmaschinendurchschrift. Endlich fand ich jemand, der dem Glauben eine literarische Form gab, die nicht vor falscher Frömmigkeit triefte. Endlich einer, der die Worte, die abgenutzten und patinabelegten, wieder blankrieb. Endlich einer, bei dem die Brücke zwischen der Brecht- und der Bibellektüre geschlagen wurde. Da gibt es die produktive Reibung zwischen Tucholskys gnadenloser Kirchenkritik und den beißenden Sprüchen der Propheten Jesaja, Jeremia und Amos über Lügenpropheten, Staatsmacht, Wirtschaftsunrecht, Menschenverachtung. Endlich nicht mehr jene öde Theologenscholastik, der marxistischen Parteiideologie nur allzu verwandt! Ich war und blieb einer seiner ihm unbekannten Schüler, die ihren Lehrer bewundern und gern von ihm lernen und das, was „der Meister“ schreibt, einfach verbreiten, weitergeben, lesen, vorlesen, ja auch ihn benutzen, weil ihnen das, was er schreibt, so überzeugend wie nützlich erscheint. Gleichzeitig ist es eben gut gesagt: Überraschend, verfremdend, warmherzig. Hinzu kommt der erkennbare Spaß an der Sprache. Er entlockt ihr, was in ihr steckt. Das Lob der Sprache singt Marti in vielen Variationen. Und das kann jeder verstehen, ohne besonders literarisch vorgebildet zu sein, ohne zur eingeweihten Minderheit von Lyriklesern gehören zu müssen.
Da eines der größten Probleme für einen Dichter die Abgegriffenheit der Sprache ist, lustwandelt er einfach bisweilen in heiterer Nonsens-Sprach-Spiel-Form, experimentier-freudig, phantasie-voll, also gar nicht protestantisch-ernst.

alfabeet darin liebende sich erotisch adjektivblüten der komposita-gattung pflücken und mit ihnen auf alle weise heiter schmücken und erfreuen dürfen.

abendäugig
beinheilig
clipsohrig
duftdienlich
elmslippig
formfindig
glühwillig
hüftherzlich
juxzüngig…

Das Spiel mit der Sprache kann nicht ernst genug betrieben werden. Das Spiel ist Freiheit, die wieder neue Freiheit erschließt, also Spiel-Freiheit, Freiheits-Spiel. Marti, das ist ein Lob der Sprachformen, die Lust der Sprachspiele, der Ernst der Sprachinhalte, die Heiterkeit der Sprechweisen, der Leicht-Sinn des Zarten, der Scharf-Sinn des Genauen. Das alles wäre nur formal von Bedeutung, wenn nicht auch überzeugen würde, was er sagt und wie er den zur Sprache bringt, den eine zweitausendjährige Christentumsgeschichte so erhöht hat, daß er als ein Parteigänger der Hohen erscheinen konnte, wo er doch nichts anderes als der Arme-Leute-König sein wollte. Von unten her denkt er, dieser Berndeutsche Mundart-Künstler, der aus Theologie Theo-Poesie macht. Bei Karl Barth ist er in die Schule gegangen, einem dieser wenigen deutschen Theologen, die ihr Amt aufgaben, weil sie den Führereid abzulegen sich weigerten. Und er zählt Dorothee Sölle zu den Menschen, die ihn (theologisch) am meisten angeregt haben.
In diesem von Karl Barth inspirierten Kurt Marti hätte Kurt Tucholsky vielleicht das gefunden, was er im Christentum suchte: jenen kämpferisch-jesuanischen Geist, der im Berlin seiner Zeit gerade im deutsch-nationalen Protestantismus nicht zu finden war.
Das gibt es so oft nicht mehr, daß christliche Substanz, aufklärerischer Geist, sozialpolitisches Engagement und politisch überzeugende künstlerische Form zusammengehen und zusammenstimmen. Das ist weder modernistische Traktatliteratur noch das genüßliche Negieren eines Traditionsschatzes, der anderen immer noch lieb und wert, gar unantastbar „heilig“ erscheint. Die Tradition wird aufgehoben, eben in jenem Hegelschen Sinne aufgehoben: Es wird geprüft und freigelegt, was daran weiter wert ist, bewahrt zu werden, und andererseits wird das kenntlich gemacht, was daran mit Fug und Recht „zum alten Eisen“ gehört.
Hätte doch Tucholsky einen Marti kennenlernen können, da er auf seiner Schweizreise den Kontakt zu Leonhard Ragaz, diesem religiösen Sozialisten, gesucht hatte. Um Denk- und Gedankenverwandtschaft zu erkennen, bräuchte er nur die „Leichenreden“ zu lesen. Marti nimmt eine so beliebte wie berüchtigte Sprachform des 18. Jahrhunderts auf; Begüterte und Herrschende hinterließen in der Regel neben ihren bombastischen Grabmälern noch ein religiös-verlogenes Preisungskonvolut. Was macht Marti? Er konterkariert die Sprachformen, die bis heute eingeschliffenen, die einebnenden, die verharmlosenden:

dem herren unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen

Protestleute gegen den Tod seien Christen, sagt er mit Christoph Blumhardt. Er sinnt dem Schicksal der einzelnen Menschen nach, ihren Blessuren, ihrem elendig langweiligen Leben, ihren unaufgebrochenen Zwängen, ihren alltäglichen Lügen. Da preist er einerseits einen Menschen, von dem er sagt:

nein er war nicht tüchtig
und wechselte oft die stelle
nein er war nicht fleißig
und arbeitete nur
sofern es nicht anders ging

Oder er versetzt sich hinein in die

not eines überaus dicken mädchens…
wer kennt schon
die heimlichen kämpfe
der überaus dicken mädchen
die man zur rolle bestimmt hat
gut und selbstlos zu sein?

Und er wundert sich über die neununddreißigjährige Textilarbeiterin, die Tag um Tag am mechanischen Webstuhl sitzt, die Ohren voll Lärm, die Lunge voll Staub, daß sie dennoch fröhlich war und ohne Bitterkeit. Er empört sich über die hohen Herren, denen es so passen könnte, wenn sie in Ewigkeit Herren blieben – im teuren Privatgrab. In seinen Dorfgeschichten findet sich der Text „Neapel sehen“. Da beschreibt er bestürzend lapidar das Leben – und Verlöschen – eines Akkord-Arbeiters, der an seiner Arbeit kaputtgeht und sich nach ebendieser Fabrik-Arbeit zurücksehnt, als er kaputt ist. Arbeit als Fluch, Notwendigkeit, Teilhabe…
Marti vertraut unverdrossen einem Gott, den er „Gottgerneklein“ nennt, und er traut einem Mann, den man in unserer Sprache als „armen Teufel“ bezeichnen würde, „der nichts hinterließ als den Aufstand der Armen“.
Keine Stand-Punkte vertreten, sondern in Bewegung sein, die Richtung wissen, das Ziel mit sprachlichen Mitteln justieren, im Konjunktiv denken, um Gottes und um der Möglichkeiten willen, die offenbleiben und offengehalten werden müssen. Hier ist ein Poet am Werk, ein jesuanischer Theologe, ein erzählbegabter Prediger. Ein Verdichter. Ein Verfremder, gerade um jene Verfremdungen zu überwinden, die die Auslegungsgeschichte über die Ursprungsgeschichten gelegt hat. Sprachlust ist Spiellust und Erkenntnislust zugleich. „Ich bin mehrere“, bekennt er. Aber wie den inneren Plural zur Sprache bringen? Er entscheidet sich gegen Pseudonyme und probiert sich in vielen (kleinen) Formen.
Er ist ein Dichter, der die armen, kleinen, übersehenen, übergangenen Leute in den Mittelpunkt stellt, sich wundert über die wunderbaren Dinge, die trotzdem geschehen, gerade bei denen, die „unten“ sind. Das paßt zu dem, was Tucholsky in „Mutterns Hände“ schreibt. Ein Mann tiefer Bescheidenheit und Zurückhaltung, und gleichzeitig voll Entschiedenheit und klarer Haltung, ein poetologischer Kirchenvater, ein prophetischer Geist und dennoch zeitlebens ein bestallter schweizerischer Pfarrer, im Dorf und in der Stadt. Warum haben sie ihn nicht rausgeschmissen? Vielleicht haben sie ihn alle einfach nicht genügend ernstgenommen, diesen Wort-Narren, der in Deutschland bisher viel zu wenig wahrgenommen wird. Aber wer erst einmal seine Tagebücher und Essays, Erzählungen, Geschichten oder Gedichte, Satiren und Aphorismen, Meditationen und Kommentare gelesen hat, wird davon ergriffen. Er bringt das Kunststück fertig, genauso die apokalyptischen Ängste auszusprechen wie Visionen auszumalen, die anstecken können. Kritik wird für ihn nicht zur Lust, sondern zur Aufgabe einer neuen Synthese, weil eben bloße Analyse und polterndes Abräumen der Bühne nicht ausreichen. Kritik und Vision schließen sich nicht aus, sondern brauchen einander, um der Wahrheit und um der Hoffnung willen.
„Nicht immer ist Gold, was als Mittelweg glänzt und doch bloß Besitz und Machterhalt meint“, schreibt Marti und führt fort:

So ist Lachen am falschen Ort oft das Richtige und Weinen, wo Optimismus faselt, oft das Nötige. Gott jedenfalls ist kein Mittelweg.

Hier redet ein Mann, der lachen (nicht auslachen!) kann, weil er weiß, was weinen heißt, einer, der kein Zuschauer sein will, weil er glaubt, daß auch Gott kein Zuschauer ist, kein Voyeur-Gott, „der über das blutige, letzten Endes weltzerstörende Narrenspektakel lacht und sich köstlich dabei unterhält“. Für ihn ist der unaussprechliche Gottesname am ehesten bezeichnet mit der Übersetzung aus einer arabischen Wurzel „HWJ“, was „leidenschaftlich sein“ bedeutet. Wenn dieser Gott Liebe ist und sich in den Schmerz dieser Welt einmischt und eben kein Zuschauer bleibt, dann dürfen wir auch nicht Zuschauer sein.
Ich spreche hier an einem herausgehobenen Zuschauerort, wo großes Welttheater großartig in Szene gesetzt wird. Gerade hier sei verwiesen auf einen Gott, der nicht in der Zuschauerposition bleibt, sondern ein sympathischer, mitleidender, in die Welt verwobener Gott ist, keiner, der das Welttheater so interessiert wie passiv ver-folgt, um es später im letzten Gericht zu verfolgen! Er ist auch nicht der stoisch-transzendente, von ferne zuschauende und schließlich am Ende alle und alles richtende Gott, sondern ein „Gott-gerne-klein“, in einer Welt der notorisch und neurotisch Gerne-Großen, die sich bisweilen den „großen Gott“ nutzbar, mit abgeborgter Autorität andere niedrig machen.
Da ist ein Schweizer Pfarrer am Werk, ein Kritiker des Christlichen, der die Kritik nicht den Gegnern überläßt, sondern selber vollzieht, aber eben weiter eine christliche Position vertritt, ein Aufklärer, der Verschüttetes freischaufelt und auf Mißbrauchtes verweist. Ein sanfter Prophet mit spitzer Zunge. Einige Buchtitel sind geradezu Programm:
Geduld und Revolte / Lachen Weinen Lieben / Ruhe und Ordnung / Aufzeichnungen und Abschweifungen / Zärtlichkeit und Schmerz / Turbulenzen und Träume / die Hoffnung geht zu Fuß / zart und genau / für eine Welt ohne Angst / im Sternzeichen des Esels.
Dazu braucht es „die gesellige Gottheit“ und da wird der hohe Ton des Lebens geerdet: „Mein barfüßig Lob“. Das Erlebnis der Zerstörbarkeit der Welt ist verbunden mit dem Gefühl einer allgemeinen Hilflosigkeit. Und doch: Als ein Mensch vieler Ängste ist sein „Wachtraum vom Frieden… der Traum von einer Welt ohne Angst… eine Gemeinschaft befriedeter Menschen“.
Seine Texte sind so sprach-verliebt, sinnen-froh, gedanken-scharf, bild-reich, mitleidens-fähig, frage-besessen, antwort-mutig, tod-traurig und lebensgewiß.
Die Passion des Wortes „Gott“ hat ihn lebenslang beschäftigt. Er nimmt vorgeprägte religiöse Sprachform auf, um dort verfremdend seine Gedanken wirkungsvoll, weil verdichtet, einzutragen – etwa in eine trinitarische Segensformel:

geleitspruch

mit uns
aaaaadie weltleidenschaft
aaaaades vaters
für uns
aaaaadie feindesliebe
aaaaades sohnes
vor uns
aaaaadie weibheiligkeit
aaaaaihres geistes:
um uns
aaaaadie dreilebendigkeit
aaaaagottes

Es gab Zeiten, da hätte solche häretische Formulierlust Folgen gehabt, solche ketzerische Unbefangenheit – stilistisch, feministisch, mystisch!
Marti entpuppt sich als Machtblasphemiker, der die derzeit weltumspannende Religion, die des Marktes, anspricht. Wieder bedient er sich einer vorgeprägten Form, diesmal der Zehn Gebote. Das klingt dann so:

Die Zehn Gebote der Markt-Religion

• Ich, der Markt, bin dein Herr und Gebieter. Du darfst auch andere Götter neben mir haben, doch sollst du mir allein mit dem ganzen Fleiß deines Lebens dienen.

• Du sollst nicht respektlos von mir reden, denn ich, dein Herr, bin ein eifersüchtiger Gott, der seine Mißachtung heimsucht auch an Kindern und Erben, der Gehorsam und Verehrung aber vergilt mit Wohlstand und Reichtum.

• Sechs Tage sollst du meine Geschäfte betreiben, am siebenten Tag aber überlegen, wie sie noch besser betrieben werden könnten.

• Du sollst nicht stehlen, wenn legale Mittel das gleiche Ziel zu erreichen erlauben.

• Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider Konkurrenten, die sich gute Advokaten leisten können.

Marti ist einer, der Grenzen überschreitet, Grenzen, die der Zimmermannssohn überschritten hat, in dessen Namen sich die Kirchen einst konstituiert haben und alsbald nichts eiligeres zu tun hatten, als Grenzen aufzurichten, Verteidigungswälle ihrer Dogmen auch, dann bald mit realen Spießen. Genau in dem Moment, als aus Verfolgten neue Mächtige wurden, wurde das Kreuz des Geschundenen zum Kreuz von Schändern. Als die Staatsordnung es für gut hielt, nicht mehr zu verfolgen, sondern das Christentum umzubiegen, sich mit den Mächtigen, den Geld-, den Meinungs- und Einflußträgern zu verbünden, verloren Christen Glaubwürdigkeit in demselben Maße, als sie „mächtigen“ Einfluß gewannen. Da wurde einfach Gold aufgelegt auf das Gewand dessen, um dessen linnenes Tuch – sein einziges Eigentum! – man noch unter dem Kreuz gewürfelt hatte. Wo Erfolg-Reiche und Einfluß-Reiche die Gesellschaft bestimmen, da hat sie das Gütesiegel des „Christlichen“ verloren, jedenfalls eines Ursprungs-Christlichen, das sich des jesuanischen Geistes erinnert. So sah Tucholsky Jesus stets im Kontrast zu dem, was er als Kirche erlebte. „Einen Geistlichen die Berechtigung der Kriege nachweisen zu hören, hat etwas Peinliches“, schrieb er. Auch er sah ihn zuerst und zuletzt als friedenstiftenden Mann der armen Schlucker. Ihn interessierte nicht der „Erlöser“. Marti verdeutlicht, wie der Erlöser und der Befreier eins sind.
Tucholsky befand:

Die Bibel ist ein radikales Buch; die Ausführungsbestimmungen mildern nachher manches.

Kurt Marti hilft, ihr das Radikale zu erhalten, ohne auf Verletzung aus zu sein, aber den Schmerz auszuhalten. Den Science-fiction-Schwärmern wie den Nationalpatrioten stellt er seinen „irdischen Patriotismus“ gegenüber und behält Hoffnung, wissend:

Hoffnung, ob christlich, ob sozialistisch: wenn zahnlos geworden, setzt sie ein Dogma als Kunstgebiß ein und säubert es täglich im Wasserglas der Ideologie.

Hoffnung ist nicht zahnlos, sondern höchst streitbar, subversiv und aufmüpfig, und sie bleibt verbunden mit Idealen.

Wir wissen wohl, daß man Ideale nicht verwirklichen kann, aber wir wissen auch, daß nichts in der Welt ohne die Flamme des Ideals geschehen ist, geändert ist, gewirkt wurde.

Solche Sätze finden Sie bei Marti.
Aber jener Satz steht bei Tucholsky.
Ich gratuliere und danke dem Tucholskypreisträger 1997!

Friedrich Schorlemmer, neue deutsche literatur, Heft 517, Januar/Februar 1998

 

 

KURT MARTI

KURT-TUCHOLSKY-PREISTRÄGER

Was tun?
ich habe gelernt (frau holle)
wer in den brunnen springt
winkt reichtum und glück
ich habe gelernt (froschkönig)
wer gegen die wand klatscht
winkt reichtum glück kindersegen
ich habe gelernt (tapfere Scheiderlein)
wer sieben fliegen erschlägt zwingt riesen
ich habe gelernt (rotkäppchen)
wer sich einläßt in einen rachen
trifft verwandte wird samt großmutter
da wieder rausgeholt
winkt rotwein sand und kuchen
ich habe gelernt wer pfarrer ist
und schweizer und gedichte schreibt
dem kömmt der schorlemmer friedrich
winkt mit laudatio

Peter Wawerzinek

 

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Otto Friedrich: Hoffen, auch wenn die Hoffnung verrückt ist
Die Furche, 7.2.2001

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Peter Mohr: Gedichte von der Kanzel
titelmagazin.com, 31.1.2011

 

 

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Zum 100. Geburtstag des Autors:

Manfred Pabst: Kurt Marti wollte den Himmel anzetteln auf Erden
Neue Zürcher Zeitung, 30.1.2021

Peter Mohr: Dichter auf der Kanzel
tite-kulturmagazin.net, 31.1.2021

Sarah Jäggi: Postleitzahl: 3000
Die Zeit, 1.2.2021

Judith Wipfler: Pfarrer, leidenschaftlicher Poet und Erotiker
SRF, 30.1.2021

Franziska Loretan-Saladin: Interview mit Markus Friedli Kurt Marti – zum 100. Geburtstag
feinschwarz.net, 29.1.2021

Stephan Cezanne: Sprachkünstler mit nüchternem Blick auf die Ewigkeit
evangelisch.de, 20.1.2021

 

 

100 Jahre Kurt Marti mit Meret Matter und Franz Hohler. Lesung und Gespräch vom 3.12.2020 im Literaturhaus Zürich.

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