Peter Geist (Hrsg.): Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante

Geist-Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante

FÜR MEINE WEGGEGANGENEN FREUNDE

Wenn ich nach einer angstdurchträumten Nacht erwache
da kommt es manchmal, daß ich weinend lache
weil ich vermisse, was ich einmal hatte
die Schutzhaut, meine harte, meine glatte
die ist zerrissen und blieb irgendwo.

Es sind so viele von uns weggegangen
ach, hätte niemals niemand damit angefangen.
Trauer und Wut, das hat euch weggetrieben.
Mensch, wär das schön, ihr wäret alle hiergeblieben
bei euch, bei uns und auch bei mir.

Stille Statistik wird sich jetzt mit euch befassen
und doch habt ihr ein bißchen mehr verlassen
als euren Zorn und eure Bitterkeit
das Viel an Unrecht und Verlogenheit.
Da war noch andres, das lohnte, hier zu bleiben.

Ich meine alle, die euch wirklich brauchen
und jetzt in ihrer Trauer untertauchen
die euch noch folgen werden auf die gleiche Reise
und die hier bleiben, sterben stil und leise
an euch, an uns und an sich selber auch.

Ich werde dieses Lied vielleicht nur summen
und eines Tages vielleicht ganz verstummen.
Schweigend und klein verbucht man die Verluste.
Ich weiß nur sicher, daß ich bleiben mußte
daß unsre Ohnmacht nicht noch größer wird.

Bettina Wegner

Vor-Sätze

Nicht eine lyrikgeschichtlich-dokumentarische Sammlung, nicht eine „thematische“ oder relativ einfallslos alphabetisch bzw. nach Geburtsdaten „geordnete“ Autorenanthologie war die Intention, sondern ein Lyrik-Lese-Buch, das durch verschieden angesetzte Quer- und Längsschnitte, in den Korrespondenzen, Entgegnungen, mannigfaltigen Verflechtungen der Gedichte zu Entdeckungen einlädt, neugierig auf Autoren macht, dem Lebendigen der Poesie Achtung zollt und doch auch gewisse Linien in der Gegenwartslyrik von Autoren/Autorinnen aus der DDR anzudeuten vermag. Die selbst auferlegte Beschränkung auf eine Höchstzahl von sieben Gedichten je Autor machte des öfteren das Auswählen zur Qual, andererseits konnte so einer, wie ich meine, interessanten Vielzahl von Stimmen Raum gegeben werden.
Die zeitliche Eingrenzung auf die siebziger/achtziger Jahre ist nicht durch eine deutlich literaturgeschichtliche Zäsur – die eher für den Beginn/die Mitte der sechziger Jahre anzusetzen wäre – legitimiert, sondern dem eher pragmatischen Umstand geschuldet, daß ein Nachfolgeband für die fünfziger/sechziger Jahre ins Auge gefaßt ist, der durch die historische Distanz andere Gliederungsprinzipien erfordert. Freilich fallen Entstehungsdatum und Erstpublikation von Gedichten bisweilen erheblich auseinander, bedingt auch durch die in der DDR üblich gewesene Planungs- und Veröffentlichungspraxis der Verlage bzw. Publikationsverhinderungen. (Wenn also einige Gedichte schon in den späten Sechzigern entstanden sein dürften, so wäre andererseits wohl die Aufnahme etlicher Zeugnisse der Lyrikwelle zu Beginn der sechziger Jahre in ihrem treuherzig-kritischen Provokations-und Aufbruch-Pathos fast nur historisch verständlich – was die zeitliche Eingrenzung auf die letzten beiden Dezennien dann doch im Sinne eines Lesebuchs von Gegenwartslyrik rechtfertigt, so gegenwärtig und nah mir selbstverständlich Gedichte eines Bobrowski oder Greßmann sind.) Textgrundlage bildeten in diesem Zeitraum veröffentlichte Gedichtbände, in Sammlungen und Zeitschriften publizierte Texte, vereinzelt Manuskripte. Von vornherein war es selbstverstädnlich, jene Autoren einzubeziehen, die in diesen Jahren die DDR verlassen hatten; die Unterzeile „Lyrik der siebziger/achtziger Jahre von Dichtern aus der DDR“ ist auch in diesem Sinne zu verstehen. Daß zum Beispiel in Nachauflagen der weiland repräsentativen Anthologie „Landschaft unserer Liebe“ die Gedichte Sarah Kirschs herausgenommen wurden, daß es den Herausgebern der Sammlung „Die eigene Stimme“ (1988) nicht gelang, Bernd Jentzsch zu placieren machte zornig und motivierte zusätzlich.
Kritiker werden vielleicht monieren, daß ich einen relativ engen Lyrikbegriff zugrunde gelegt habe: Lied- und Rocktexte wurden nur insofern berücksichtigt, als sie als selbstständige Texte ausgewiesen wurden. Schweren Herzens wurde auf Gedichte für Kinder verzichtet; der spezielle Adressatenkreis wie die Fülle guter Kinderlyrik verlangen nach einer eigenständigen Publikation.
Bei der unvermeidlichen Frage nach den Auswahlkriterien fallen mir zuallererst Negativbestimmungen ein: klischeereiches Zeitgeistgetön pseudopoetische Bebilderung von Thesen, Stilposen und die soundsovielte Imitation eines Traklgedichtes … Was ich von einem gelungenen Gedicht erwarte? Daß es mich überrascht, fesselt, befremdet, daß es mich entdecken läßt: so, genau so etwas noch überhaupt nicht gesehen/erfahren/bedacht zu haben. Daß sich die Unbedingtheit des Sprechens überträgt. Das konzentrierte gegeneinander der Worte, ihre Berührung, Umschlingung, ihr Abstoßen voneinander. Die „Not zu schreiben“ (Kolbe) und die „Lust am Text“ (Barthes) möchte ich gleichermaßen spüren (ein Ideal). Daß sich beim Lesen die Reize hinter/zwischen den Bedeutungen: Klänge, metrische Spiele, Bedeutungsbrüche und – Verdoppelungen, überhaupt stilistische Raffinessen, genießen lassen. Oder: nötigende Ungeschlachtheit, das Gedicht eine Wunde. Oder…
Zur Zusammenstellung: ausgewählt wurde aus dem Angebot der Autoren ohne bewußte Vorsätze für die spätere Zusammenstellung. Von charakteristischen Momenten des jeweiligen Œuvres sollten die Texte schon eine Ahnung vermitteln, wie auch, wenn vorhanden, aus mehreren Gedichtbänden eines Lyrikers ausgewählt wurde. (Der interessierte Leser kann hinsichtlich der Entstehungs- bzw. Publikationsdaten genauer nachschlagen.) Absichtsvoll sind in der Regel zwei oder mehr Gedichte desselben Autors beieinander zu stehen gekommen, so daß ein gewisses Verweilen möglich werden kann. – Zugleich möchte ein Lyriklese-Buch zum Blättern, Vergleichen, Entgegensetzen einladen und an beliebigen Stellen durch jeweils unterschiedliche atmosphärische Gestimmtheit in den Bann zu schlagen versuchen. Ergo: Arbeit des Zueinanderstellens, der „Inszenierung ihres Gesprächs“ (Elke Erb), in kleineren Gruppen, in größeren, mit dem Ergebnis, daß sich vier Vernetzungsdichten abhoben. Keine Schubkästen oder Katalogisierungen, eher voneinander unterscheidbare Verschränkungen in Formierungsweisen, im Gestus, in bestimmten motivischen/thematischen Gewichtungen. …

Peter Geist, Aus dem Vorwort

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„DIE SCHATTEN WERFEN IHRE EREIGNISSE VORAUS“-
EINE RÜCKSICHT.

Die Auswahl der Gedichte für die vorliegende Anthologie wurde im großen und ganzen im September 1989 abgeschlossen. Danach war wenig Zeit für bedachtsame Arbeit. Da sind versteinerte Verhältnisse ins Tanzen gebracht und ineinandergestürzt worden, mit letalen Folgen für das Staatswesen DDR in der Trümmerspur. Nun, im Frühsommer 90, geht auf der Stern von Mercedes-Benz, ich sitze über den Gedichten und sehe wenig Veranlassung, aus „Aktualitätsgründen“ neu zu sondieren oder „auszusondern“. Wie das, wo sich doch so vieles existentiell verändert, verfremdet hat? Es liegt augenscheinlich an der Eigenart der Texte selbst. Vermochte Literatur von einigem Belang immer schon den Tag und den übernächsten auch in eigentümlicher Lebendigkeit zu überdauern, so birgt im besonderen das Gedicht einen intimen Gesprächsraum zwischen Autor und Leser, in dem akklamative Illustration jeweils herrschender Ideologeme genauso erbarmungslos zurückhallen kann wie die ästhetische Unbeholfenheit des Sprechens. Hingegen, die Chance des gelungenen Gedichts liegt, wie überall in der Kunst, in seiner Unersetzbarkeit: sprachentworfener Ort vertiefter Selbstbegegnung und -erfahrung, Atem- und Wortkonserve mit tickendem Zeitverschluß. „Lyrik ist überflüssig, unnütz, wirkungslos. Das legitimiert sie in einer utilitaristischen Welt. Lyrik spricht nicht die Sprache der Macht – das ist ihr verborgener Sprengstoff.“ …

Peter Geist, Aus dem Nachwort, Juni/Juli 1990

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Naheliegendes:

  1. Hans Bender (Hrsg.): Was sind das für Zeiten
  2. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Das verlorene Alphabet
  3. Klaus Michael & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): Vogel oder Käfig sein
  4. Christoph Buchwald & Jürgen Becker (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1987/88
  5. Christoph Buchwald & Elke Erb (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1986

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