Selbstbildnis zwei Uhr nachts

Selbstbildnis zwei Uhr nachts

FIEBERKRANZ

1
Ich bin die Stachelbeere auf dem Stacheldraht
2
Ich bin eine zugeschweißte Naht
3
Ich bin die Klinge ohne Messer
4
(ich weiß es nicht besser)
5
Ich bin ein Körper ohne Stimme
6
Ich bin die Fliege ohne die Spinne
7
Ich bin eine Hälfte ohne die andere
8
……………………………………………
9
Ich bin ohne Flagge ein Schiff
10
Bin das Lied ohne den Sänger

Thomas Günther

 

 

 

 

Maler malen sich gelegentlich selbst.

Auch Dichter porträtieren sich. Ihre Selbstbildnisse preiszugeben, waren alle Lyriker der DDR eingeladen. Wir haben aus Veröffentlichtem und Unveröffentlichtem ausgewählt. So entstand ein Gegenstück zu der 1979 erschienenen Gedichtsammlung von Porträts: Dort entwarf der Dichter ein Bild vom anderen, hier nun sein eigenes Bild:

Bin dies nicht, bin das nicht;
Nicht Himmel, nicht Hölle.
Bin Kind und bin Jugend;
Bin  Unschuld der Quelle.

Das Wagnis, Ich zu sagen, erscheint am glücklichen Tag, im Spiegel, in nachdenklicher Stunde, mit obduzierter Kamera, im weißen Krankenzimmer, zwischenzeitlich, am Scheidewege.
Drei Generationen begegnen sich, liegen im Streit miteinander und scheinen einander zuzuhören auf jenem sensiblen Grund, den das Selbstporträtgedicht darstellt, mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, und nicht selten stellt sich heraus, daß die Erfahrungen der einen auch die Erfahrungen der anderen sind. Manche Bitternis rückt ins Bild und manche Freude, die aus dem Ich kommen, aber auch aus Geschichtserleiden und -verstehen, so daß nicht nur ein Bild vom Ich, sondern ein Bild von Zeit und Zeiten entsteht. So mag der Leser finden, was seinen Widerspruch fordert, aber auch das, worin er Erfüllung sieht und erlebt und Verstehen in sich selbst entdeckt, als sei ein bestimmtes Gedicht gerade für ihn geschrieben. Dann kann jenes Gespräch beginnen, das das Gedicht wünscht und braucht, nach dem es auf der Suche ist, wie eine Erinnerung, Mahnung und Herausforderung, die zu uns selber spricht:

Zu stürzen bin ich bereit
und befreit, mit jedem zu reden
und mit allen zu schweigen.

Helga Pankoke und Wolfgang Trampe, Aufbau Verlag, Klappentext, 1998

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