28. Januar

In einem kleinen Kaffeehaus am Limmatquai treffe ich P. W., werde erstmals persönlich mit ihm bekannt, nachdem wir bisher lediglich über Email in Kontakt waren. Wir kommen auf sein unlängst erschienenes Buch über Eigennamen zu reden, das ich mit Interesse gelesen habe und zu dem es meinerseits noch ein paar Fragen gibt. Während gut zwei Stunden unterhalten wir uns und unterhalten wir einander; es ist ein vorsichtiges, dennoch eingehendes Gespräch. W., ein schmaler Mann meines Alters, mit hellen Augen, lichtem Haar, spricht bedächtig und mit leiser Stimme, zu seiner diskreten Intonation passen die auffallend feinen und gepflegten Hände. Da ein Patient auf ihn wartet, müssen wir die Unterhaltung abbrechen, wollen uns aber demnächst wieder treffen und weiterreden. – Ich muss noch zur Bahnhofstraße, zu den Supermärkten, den Boutiquen, um rare Dinge einzukaufen – Bleistiftminen, Briefumschläge C5, Parker Tinte Quink, zwei mehrfarbige Fettstifte, doppelseitiges Klebeband, ein weißes Lederband für meine Ventura u. ä. m. – Abends auf arte-TV von Wsewolod Pudowkin ›Die Mutter‹, noch ein Beispiel dafür, wie alt die Avantgarde von einst heute aussieht; gilt auch (mit nur vereinzelten Ausnahmen) für den literarischen Futurismus, den russischen wie den italienischen, von dem außer der Dichtungstheorie und dem Schriftdesign kaum noch etwas von aktuellem Interesse ist. – Einen singulären philosophischen Dialog haben einst in mörderischer Unzeit der Dichter Wjatscheslaw Iwanow und der Ideenhistoriker Michail Gerschenson in Form eines häuslichen Schriftwechsels miteinander unterhalten. Gemeinsam bewohnten sie im Hungerjahr 1920 ein Zimmer, das ihnen von der obersten bolschewistischen Kulturbehörde in der Moskauer Heilanstalt für Wissenschafts- und Literaturarbeiter zugewiesen worden war. Für ein paar Wochen, während draußen Bürgerkrieg und Hungersnot herrschten, führten die beiden ungleichen Freunde zwischen ihren Zimmerecken eine Kontroverse über (buchstäblich:) Gott und die Welt. Entstanden ist daraus ein exzellentes kleines Buch, das bereits 1921 in Petersburg erscheinen konnte und weit über Sowjetrussland hinaus zu nachhaltiger Wirkung gelangte. Für europäische Intellektuelle wie Charles du Bos, Ernst Robert Curtius oder Jacques Maritain wurde der mehrfach nachgedruckte, 1927 auch in deutscher Übersetzung publizierte und nun erneut aufgelegte ›Briefwechsel zwischen zwei Zimmerwinkeln‹ zu einem Propädeutikum, wenn nicht gar zum Inbegriff russischen Denkens. Zwei Autoren, zwei Weltanschauungen, die gegensätzlicher kaum sein könnten, treffen in diesem weitläufigen Dialog unversöhnlich, aber stets kollegial und produktiv aufeinander. Der hochgelehrte Gedankenaustausch, der sich mit souveräner Gelassenheit zwischen Homer und der Bibel, Heraklit und Dante, Goethe und Puschkin, Baudelaire und Tolstoj bewegt, gewinnt seinen human touch aus der ständig wechselnden Intonation der beiden Korrespondenten, die alle rhetorischen Register – vom Pathos der Erhabenheit bis zur schmerzlichen Finte der Ironie – perfekt beherrschen. Der desolate zeitgeschichtliche Hintergrund (Kriegskommunismus, Versorgungskrise, Kulturvernichtung) bestimmt den apokalyptischen Kammerton des Dialogs: Für Wjatscheslaw Iwanow, den Dichterphilosophen und Altphilologen, steht fest, dass die in Dekadenz und Revolution sich manifestierende Geisteskrise des frühen 20. Jahrhunderts nur dann zu bewältigen ist, wenn es gelingt, das »alte Wahre « in einer neuen, gesamteuropäisch angelegten Erinnerungskultur aufgehen zu lassen, einer künstlerischen und religiösen Kultur, die als kollektiver Kultus zu pflegen wäre und die nationale wie ideologische Differenzen zu transzendieren hätte. Kultur darf nach Iwanow kein »Zwangssystem« werden, soll aber vertikal gerichtet sein als »eine Leiter des Eros und eine Hierarchie der Verehrungen«. Verehrung, Vereinigung, Erinnerung sollen konstitutiv sein für einen neuen Kulturtypus, dessen Grundlage Iwanow in ursprünglich russischen Konzepten wie der orthodoxen Konziliarität, dem Symphonismus und Synthetismus zu erkennen glaubt und in deren Perspektive er – man ist erstaunt ob soviel Naivität und Weltferne – die aufkommende proletarische Sowjetkultur sehen möchte. Kulturelle Erinnerung, betont Iwanow, sei Befreiung, »das Vergessen aber knechtet und tötet«, und die Verwandlung der Menschheitskultur in einen »Kultus Gottes« werde »ein Wunder der Erinnerung« sein. Während Iwanow nicht müde wird, seinen Korrespondenten mit didaktischem Nachdruck von der Notwendigkeit einer neuen Erinnerungskultur zu überzeugen, beharrt dieser auf seinem angeblich »primitiven«, gar »barbarischen« Standpunkt, wonach gerade die Kultur, gerade die Erinnerung es sei, welche die aktuelle Geisteskrise verursacht habe; und mehr als dies – auf die Dominanz der Erinnerungskultur und generell auf das Übergewicht angelernten Wissens, sakrosankter Wahrheiten, institutionalisierter Autoritäten seien sowohl die Entmächtigung des Individuums wie auch der zunehmende Schwund des Realen zurückzuführen. Mit einer Radikalität, die an Friedrich Nietzsche und Lew Schestow, aber auch an die künstlerische Avantgarde der damaligen Zeit denken lässt, unternimmt Michail Gerschenson eine Umwertung aller »tyrannischen Werte«, legt Hierarchien, Dogmen, Ideologien, Traditionen, kurz das Goethe’sche »alte Wahre« flach, um gegen Iwanows Kulturträgerkollektiv als einzige Vertikale das Individuum und dessen Freiheit hochzuhalten. Mit Verdruss, ja mit Ekel wendet sich Gerschenson von der Kultur ab. Statt der »warmen und würzigen Getränke« aus dem Brunnen der Überlieferung verlangt es ihn nach dem »kalten Quellwasser« unmittelbarer sinnlicher Erfahrung, statt um Autorität ringt er um Authentizität, ewigen Werten und Wahrheiten zieht er die lebensweltliche Realpräsenz vor. Wollte man den ›Briefwechsel aus zwei Zimmerwinkeln‹ perspektivisch bis in die Jetztzeit extrapolieren, ließe sich vielleicht sagen, dass Wjatscheslaw Iwanows synkretistische »Erinnerungskultur« auf die sogenannte Postmoderne vorausweist, während Gerschenson mit seiner Forderung nach einer neuen »Frische des Geistes« und nach unmittelbarer sinnlicher Erkenntnis »des realen Seins« die aktuellen humanwissenschaftlichen Debatten um Realität und Präsenz durch manch ein vergessenes Argument bereichern könnte. – ›Courage‹ von Greg Zglinski (Buch, Regie) im Filmpodium – aktueller Plot mit archaischem Grundriss (Bruderzwist; Generationenkonflikt; Innovation gegen Tradition; Widerstand gegen Anpassung), rasant inszeniert, erstklassig besetzt mit kaum bekannten polnischen Darstellern, diskret und dezidiert geschnitten, mit hochdifferenzierter Musikbegleitung und Geräuschkulisse. Zwei ungleiche Brüder, die auch Geschäftspartner sind, reisen zu einem wichtigen Termin, kommen zu spät zum Bahnhof, können aber gerade noch auf den bereits fahrenden Zug aufspringen. Bald werden sie Zeugen eines sexuellen Übergriffs in ihrem Abteil – vier junge Männer attackieren ein allein reisendes Mädchen. Einer der Brüder tritt schlichtend dazwischen, wird sofort niedergeschlagen, mit Fußtritten traktiert, dann aus dem Zug geworfen. Der andere Bruder steht wie gelähmt daneben, wird ebenfalls mit Schlägen angegangen, kommt aber mit einigen Schrammen davon. Die Täter setzen sich, nachdem ein Fahrgast die Notbremse gezogen hat, unerkannt ab; die Polizei ermittelt ergebnislos; der Verletzte liegt im Koma. Im Internet kursiert schon bald ein anonymes Video, das den Vorfall dokumentiert und damit auch die passive Haltung des andern Bruders öffentlich macht. Dieser wird von seiner Frau und seinen Eltern dafür gerügt, wird sogar der Feigheit bezichtigt und verstrickt sich mehr und mehr in abgründige Schuldgefühle; er beginnt auf eigene Faust nach den Tätern zu fanden, kann einen von ihnen in einer Schule dingfest machen, schlägt ihn zusammen, übergibt ihn der Polizei. Der Befreiungsschlag kommt aber zu spät – nachträglicher Gratismut kann die verlorene Mutprobe nicht kompensieren. Die Verachtung für den »Feigling« überwiegt, von der Familie wird er fallengelassen, seine Schuldgefühle werden immer abgründiger. Zwei, drei beiläufige, sehr knappe, doch präzis kalkulierte Bildeinstellungen bringen dies vielsagend zum Ausdruck. Von einem seiner kleinen Neffen (Sohn des sterbenden Bruders) wird er im Beisein von Frau und Eltern aus einer Wasserspistole vorn an der Hose bespritzt, was naturgemäß aussieht, als hätte er – hilflos vor Entsetzen – Wasser gelassen, so wie es tatsächlich (in einer ganz anders gearteten, weit zurückliegenden Szene) seinem Bruder passiert, den er bei einer riskanten Autofahrt mutwillig in Todesangst versetzt hat. Der zweite Neffe malt ihm, als er auf dem Sofa verschläft, mit dem Filzstift ein Smiley auf den nackten Fuß, wodurch er in seinem Elend vollends der Lächerlichkeit preisgegeben ist – harmlos zwar, aber gerade deshalb unabweisbar und umso schmerzlicher für ihn. In der dritten, ebenso kurzen Einstellung bekommt man zu sehen, wie er, der kinderlose Ehemann, seine nackte Frau im Klappspiegel des Badezimmers beobachtet, ohne sich bewusst zu machen, dass sie ihrerseits gleichzeitig ihn beobachtet – selten ist eine erkaltete und akut gefährdete eheliche Beziehung im Kino so eindringlich auf den Punkt gebracht worden. Nach langem Zögern besucht der überlebende Versager den bewusstlosen Bruder in der Klinik, redet auf ihn ein, beobachtet seinen Herzschlag, seinen Atem, hält Nachtwache und schläft dabei ein. Als er wieder aufwacht, schaut ihn der tödlich Verletzte mit weit geöffneten Augen an – er ist tot. Auch diesen letzten Moment – den letztmöglichen Blickwechsel, den letzten lebendigen Kontakt – hat der »Feigling« verpasst, die »Schuld« ist nicht wieder gutzumachen, er muss, nachdem sich seine Eltern, seine Frau, seine Mitarbeiter und Freunde von ihm abgewandt haben, allein damit weiterleben. Die Art und Weise, wie Zglinski – vor der Kulisse einer desolaten Alltagswelt – die Gesichter seiner Protagonisten zur Bühne unausgesprochener, oft auch unaussprechlicher Gefühle macht, gehört sicherlich zu den großen Leistungen heutiger Filmkunst und reicht weit über das hinaus, was zur Zeit mit sehr viel mehr Anerkennung Regisseure wie Haneke, Ozon, Anderson, Tykwer u. a. m. unternehmen. Die dramaturgische Stärke des Films besteht darin, dass die Schuldfrage nicht definitiv geklärt, der Schuldige nicht eindeutig als Feigling und Versager bloßgestellt wird; dass vielmehr offen bleibt, ob und inwieweit das Verhalten des überlebenden Bruders schuldhaft gewesen ist. Die Unerbittlichkeit und Vorhersehbarkeit des Handlungsverlaufs wird immer wieder relativiert durch Zufallsmomente, die auch hätten ausbleiben können … die das tragische Geschehen hätten verhindern können. Hätten die beiden Brüder den Zug tatsächlich verpasst, wäre weiter nichts geschehen, die familiäre und geschäftliche Normalität hätte fortbestanden. Doch außer vom Zufall ist der dramatische Plot auch von diversen Fatalitäten geprägt, die sich in ihrer Gesamtheit und ihren Wechselwirkungen zur Tragödie verdichten. Fatalität und Zufall? Zufall als Fatalität? Dazu gehören Momente wie diese: Der »Feigling« ist kinderlos, seine Frau ist uneingestandenermaßen in seinen Bruder verliebt, dieser wiederum, Vater zweier Kinder, hat seine Ehefrau durch einen Unfall verloren. Der »Feigling« – Liebhaber alter Waffen und schneller Autos – steht als konservativer und autoritärer Geschäftsmann seinem innovationsfreudigen Bruder gegenüber, der auch vom Seniorchef, dem schwerkranken Vater der beiden, unterstützt wird. Aus dieser emotionalen Gemengelage entwickelt der Regisseur den tragischen Handlungsverlauf, der bestimmt und getragen wird durch das subtile Wechselspiel zwischen Schicksal, Zufall und Normalität. Dieses Wechselspiel wird auf metaphorischer Ebene veranschaulicht durch die Eisenbahn, die ja ebenfalls für Normalität und Regularität stehen kann. Wie das gewöhnliche Leben bewegt sich die Eisenbahn nach Fahrplan auf vorgegebener Strecke, bleibt aber potentiell stets gefährdet durch schwer kontrollierbare Gefahrenmomente wie Unwetter, Attentate, technische Pannen, menschliches Versagen usf. Zu Beginn des Films führt Zglinski eine halsbrecherische, völlig unmotivierte Verfolgungsjagd vor, die sich der nachmalige »Feigling« im Auto mit einem Eisenbahnzug liefert. Später hat er, unterwegs zu einem wichtigen Geschäftstermin, mit selbigem Auto eine Panne und muss deshalb, zusammen mit seinem Bruder, eben diesen Zug benutzen, um den Termin einhalten zu können. Auf dieser wiederum zufallsbedingten Fahrt ereignet sich dann auch der Vorfall, durch den der eine Bruder zum »Märtyrer«, der andere zum »Feigling« wird – Geschichte von Abel und Kain in überzeugender, für die heutige Zeit adaptierter Fassung.

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