8. April

Der Mont d’Or, die größte Erhebung hier in der Gegend (neun Monate im Jahr mit einer Kuppe von »ewigem Schnee«), war heute früh wie weggeblasen, nein, wie überstrichen mit dichtem Grau – der Himmel leer, der Horizont flach, mein Weg beim Austritt aus dem Wald läuft wie ein verdrecktes Transportband auf die Leere zu. Leichter Regen wieder, ab und wann durchschossen von gebündeltem Frühlicht. Ein röchelnder herrenloser Hund, der mich nach Haus begleitet, dazu klägliches Gepiepse aus vielen Wipfeln, in der Ferne – nicht enden wollend – mehrere auf- und wieder abschwellende Polizei- oder Notfallsirenen. – Ausfahrt mit Krys nach Arc-et-Senans, zu Mittag rasten wir in Salins mit truite jurassienne und vin jaune. Danach weiter zu den Salinen von Ledoux, die als ein Monument großer utopischer Architektur gelten – Utopie als Monument! Die Anlage wurde ja doch in der Praxis genutzt, mit Sozialwohnungen, Freizeiträumen, Stallungen, Gärten zur Selbstversorgung usf. Heute wird sie, wie in Frankreich üblich, allzu didaktisch und mit zweifelhaftem Design präsentiert. Auf einer hochgehängten und entsprechend schwer zu entziffernden Tafel steht geschrieben, dass die Saline im Zweiten Weltkrieg als Durchgangslager für Zigeuner genutzt wurde, die nach Deutschland in die Vernichtungslager gebracht werden sollten; nach dem Krieg wurde ein Gebäudekomplex aus nicht nachvollziehbaren Gründen gesprengt. Eine historische Ansichtskarte zeigt Arc-et-Senans als Ort eines massenhaften Freiballonaufstiegs – kann ich benutzen für die Beschreibung von Blanchards Ballonfahrt über Warschau, die im Potockibuch vorkommen soll. Abends zu Coquilles St-Jacques im Priorshaus, danach bei mir, gemeinsam mit Krys, Sichtung einer Privataufführung von Brechts ›Baal‹ auf Youtube. Kafkas ›Bericht an eine Akademie‹ wiedergelesen (diesmal für Krys vorgelesen) im Hinblick auf Diderot in Sankt Petersburg, den ich dort mit Potocki zusammenführen möchte. – Ein Treffen von Literaten und alten Bekannten in Saana; unverbindliches Geplauder, unerträgliche Lesungen, unausgesprochene Animositäten. Wer von euch … wer von uns wird in hundert, tausend Jahren noch gelesen werden? Abreisevorbereitungen. Querelen am Flughafen – da steht mein Sarg; er … ich soll auf einen Transatlantikflug kommen, aber es fehlen die Zoll- und Bordpapiere; der Sarg mit meiner Leiche wird schließlich an Bord genommen, ich bleibe ohne Bedauern zurück. – Die Niederschrift »unwahrer« Texte, die »deren ›widersprüchlichen‹ Charakter nicht zu verschleiern sucht, um sie als ›wahr‹ durchgehen zu lassen«, hält Alexandre Kojève (in seinem Essay über Julian Apostata) für die Voraussetzung und zugleich für die Eigenart jeglicher künstlerischen Literatur: »Gerade durch den wörtlichen Ausdruck zu zeigen, dass eine Geschichte ›widersprüchlich‹ ist, heißt daher, sie offen als Fiktion zu präsentieren. Und genau das tun die Dichter, wenn sie ihre Geschichten erzählen.« Eine schwerlich hinnehmbare, allzu pauschale Funktionsbestimmung der als Kunst praktizierten Literatur! Kojève bezieht sich dabei auf den römischen Kaiser Julian II., der an einer Stelle von der notwendigen Erfindung »unwahrer Geschichten in glaubhafter Form« spricht und der dieses Verfahren, das dem Schein zum Sein verhilft, »mit dem Niesen und Räuspern vergleicht«, einer spontanen Verlautbarung also, die keineswegs wahr sein will, die aber wirklich ist und darüber hinaus nichts zu bedeuten beansprucht. Dazu sei immerhin angemerkt, dass literarisches Schreiben – im Unterschied zum Niesen und Räuspern – keine spontane Regung, vielmehr eine willensbestimmte, auf ein Ziel gerichtete Aktivität ist, und dies auch dann, wenn der Autor keine ewigen Wahrheiten zu verkünden beabsichtigt. »Aber die Dichter unterhalten sich und erfreuen die anderen«, betont Kojève beharrlich, »ohne sich um den Wahrheitsgehalt der Geschichten zu kümmern, die sie zu ihrem Vergnügen erzählen. Es stört sie nicht, dass diese Geschichten ›seltsam‹ oder ›widersprechend‹ sind, da sie sie ja selbst – mit dem einzigen Ziel zu unterhalten – als Fiktionen präsentieren.« Als Clou von Julians simulativer Rhetorik weist Alexandre Kojève deren doppelte Adressierung auf: Einerseits betreibt er, als Herrscher, die Wiederbelebung heidnischer Mythen, um seine Untertanen – die schweigende Mehrheit – wieder glaubensfähig zu machen; anderseits lässt er (als Philosoph) eine »kleine Schar von Auserwählten« gleichsam durch die Blume wissen, dass er weiß, dass weder Mythen noch unterhaltsame Geschichten als solche Wahrheitscharakter haben und dass die Wahrheit ihrerseits stets eine »tiefere« Bedeutung impliziert, also mehr ist als das, was eine wie immer geartete Oberfläche zu widerspiegeln vermag.

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