Jannis Ritsos: Die Mondscheinsonate

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jannis Ritsos: Die Mondscheinsonate

Ritsos-Die Mondscheinsonate

Laß mich mit dir gehen. Was für ein Mond heute!
aaaaaEr ist so gütig, der Mond – niemandem wird
aaaaaauffallen,
aaaaadaß meine Haare grau geworden sind. Der
aaaaaMond
aaaaafärbt meine Haare wieder golden. Du wirst
aaaaanichts merken.
aaaaaLaß mich mit dir gehen.

Wenn der Mond scheint, werden im Haus die Schatten länger,
aaaaaunsichtbare Hände bewegen die Vorhänge,
aaaaaein bleicher Finger schreibt im Staub auf dem Klavier
aaaaavergessene Worte – ich will sie nicht hören. Schweig!

Laß mich mit dir gehen.
aaaaaEin kleines Stück nur, nur bis zur Mauer der Ziegelei,
aaaaanur bis dorthin, wo sich die Straße krümmt,
aaaaawo unter der Tünche des Mondlichts die Stadt aus Zement und Luft auftaucht,
aaaaadie Stadt, die so gleichgültig ist und so unwirklich
aaaaaund wirklich erscheint – als wär sie metaphysisch,
aaaaadaß du schließlich glauben könntest, du bist und bist auch wieder nicht
aaaaaund vielleicht existiertest du niemals, wie auch die Zeit und ihre
aaaaaaaaaaVergänglichkeit nicht existierten.
aaaaaLaß mich mit dir gehen.

Wir werden uns ein wenig auf die steinerne Bank setzen, auf die steinerne Bank auf dem Hügel,
aaaaaund wie uns da der Wind des Frühlings anweht,
aaaaakann es sein, wir glauben, wir fliegen,
aaaaadenn höre ich nicht oft und auch jetzt im Rauschen meines Kleides
aaaaadas Rauschen von zwei gewaltigen Flügeln, die auf- und niederschwingen,
aaaaaund wenn du dich einschließt in den Rausch dieses Fliegens,
aaaaaspürst du, wie sie deinen Hals, deine Rippen, deine Haut zusammenpressen,
aaaaaund derart von den Muskeln der blauen Luft,
aaaaavon den kräftigen Sehnen der Höhe gepackt,
aaaaaist es einerlei, ob du kommst oder gehst,
aaaaaund ohne Bedeutung, daß meine Haare grau geworden sind
aaaaa(nicht darum bin ich traurig – ich bin traurig,
aaaaaweil mein Herz nicht auch grau werden will).
aaaaaLaß mich mit dir gehen.

Ich weiß, daß jeder ganz allein zur Liebe,
aaaaazum Ruhm und zum Tod unterwegs ist.
aaaaaIch weiß es. Ich habe es versucht. Es nützt nichts
aaaaaLaß mich mit dir gehen. …

 

 

Elli Alexiou:

In vielen Werken von Ritsos stößt man auf Gedanken und Formulierungen, die, wie ich denke, einzigartig sind und aufgrund derer ich die Schlußfolgerung ziehe, daß ein Dichter nicht unbedingt viel schreiben muß, um als bedeutend zu gelten. In etlichen Gedichten von Ritsos findet man poetische Wendungen, die nur ein großer Dichter ersinnen kann. Zum Beispiel dort, wo er sagt, daß die Toten die Glocken der Auferstehung läuten werden. Das ist sowohl als Gedanke wie auch als Bild wahr und großartig. Auf solch eine Metapher kann nicht jeder kommen. Du mußt fähig sein, dich inspirieren zu lassen.
Von all seinen Werken liebe ich die Mondscheinsonate am liebsten. Ich erinnere mich noch, wie ich sie zum ersten Mal hörte. Ich war bei jemandem zu Gast und wurde gefragt, ob ich etwas Neues von Ritsos hören wolle. „Wir haben eine Schallplatte, wo er selbst sein jüngstes Werk liest.“ Noch bevor ich die Mondscheinsonate zuende gehört hatte, fühlte ich, daß mich eine gefährliche innere Unruhe ergriffen hatte. Gefährlich in psychischer und physischer Hinsicht. Obwohl ich in jenem Hause fremd war und zum ersten Mal zu Gast, stand ich auf, lief wie in Trance im Salon hin und her und schrie. Ohne mich darauf zu besinnen, wo und weswegen ich dort war, rief ich immer wieder: „Du bist der Größte! Du bist der Größte!“ Heute sage ich mir, die Leute müssen gedacht haben, ich sei durchgedreht, denn für sie kam es völlig überraschend – daß ich hin und her lief und „Du bist der Größte!“ schrie. Daran glaubte ich tatsächlich: daß man sehr stark sein muß, um so ein Werk schreiben zu können. Es ist ein Dialog, ohne Dialog zu sein. Es ist die Erwiderung einer Liebe, ohne wirklich die Erwiderung einer Liebe zu sein. Es ist ein Text, in den Inspiration und grandioses Gestaltungsvermögen in sehr emotionaler und originärer Weise eingegangen sind. Darum gehört es zu Ritsos’ besten Werken. Ich habe es sehr liebgewonnen. Ähnlich wie ganz bestimmte Werke anderer Autoren, von denen ich dann immer sage: Auch wenn sie nur das geschrieben hätten, wären sie bedeutend, zum Beispiel Kazantzakis mit Rechenschaft vor El Greco, Varnalis mit Einer, alle, Sikelianos mit Heilige Straße.
Wenn es Menschen, und besonders den Künstler, gelingt, mit auch nur einem Werk sozusagen den Himalaya zu besteigen, dann ist das das Ausschlaggebende Denn nicht jeder kann den Himalaya besteigen. Wenn einem so etwas schon mit einem Zweizeiler gelingt, dann unterscheidet einen das von anderen Menschen. Diese Künstler, von denen ich gerade sprach, haben mit diesen ihren Werken den Himalaya bezwungen.

Aus einem Interview mit Asteris Kutulas, 1983, im Heft als Nachwort abgedruckt.

Die Liebesklage in einer kalten Welt

– Jannis Ritsos’ Lang-Gedicht Mondscheinsonate. –

Ein Gedicht über Liebe und Tod klingt an. Eine alte Frau spricht für einen imaginären Geliebten. Sie wird im Licht des Mondes für eine Nacht zum jungen Mädchen von einst. Der Mond vergoldet ihr Haar und lässt Beethovens Mondscheinsonate erklingen, die sie in ihrer Jugend gespielt hat. Erinnerungen tauchen auf: der Duft der Kamille, Schatten, Schwäne, Tote. Gedanken an Jugend und Tod werden wach. Todesgedanken überwiegen schließlich. Das Klavier wird zum Sarg. Die Frau ertrinkt in der Flut der Bilder, als sie in der Küche ihres Hauses ankommt.
Hier liegt ein Bruch im Erzählfluss. Rationalität wird fraglich. Surreale Bilder überwiegen. Ein Meeresgrund mit schwebenden Medusen taucht auf: „Nicht selten fand ich in der erstickenden Tiefe meines Innern Korallen und Perlen… Gegenwärtiges und Zukünftiges“. Das Erlebnis wird zum Aufstieg und zum Fall. Die Frau sucht den Tod, sie will seine und ihre Schritte nicht mehr hören und auch nicht mehr die „Schritte Gottes“. Die Spurensuche nach Vergangenheit und Erinnerung, Spurensuche bestimmt den Weg der Frau. Sie sucht ihr Haus, und während sie noch sucht, verfällt es vor ihren Augen. Das Haus, ihr Schutz und ihr Körper werden ihr fremd. Die kurz auflachende Jugend, bestimmt durch die Erinnerung an die Liebe, die wie ein Leitmotiv das Gedicht musikalisch treibt, äußert sich in den Worten: „Ich will mit dir gehen“.
Der lange Monolog des Liebenden, der ohne Resonanz verhallt, lässt viele Fragen offen. Ist diese Liebe in jener Zeit ein Abprallen von einer narzisstischen Gesellschaft, in der Liebe zur Sackgasse wird? Liegt hier die Erinnerung an dem Mythos von Echo und Narziss vor? Echo wird, durch ihre sinnlose Sehnsucht nach Liebe, ihrem Körper entfremdet und hallt als Stimme bis heute eindringlich und vergeblich weiter. Oder ist es ein Lied auf die Vergänglichkeit, auf das Schicksal einer alten Frau, der nur der Wunsch nach Zärtlichkeit bleibt.
Jannis Ritsos (1909-1990), der sich intensiv mit griechischem Tanz auseinandersetzte, hat immer wieder versucht, besondere Rhythmen des Tanzes auf seinen poetischen Ausdruck zu übertragen. Hier ist die Sonatenform mit zwei entgegengesetzten Themen wiederzuerkennen. Es ist einerseits der Wunsch nach Dauer und andererseits das unaufhaltsame Vergehen in der Musik.
Sein und Vergehen, Haus und Mondscheinsonate sind als Thema und Gegenthema dieses Lang-Gedichts aufeinander abgestimmt.

Marina von Hahn, literaturkritik.de, Oktober 2001

Roter Korallenstrauch

Oder: Wie man Ritsos unbedingt vorlesen sollte

Es rät sich an, das Badezimmer umsichtig herzurichten. Leuchtende Ketten. Einzelne Kerzen. Kleine Teelichter. Alles sinnvoll verteilt. Ein bißchen Musik. Leise Klänge hinter Handtüchern verborgen. Nichts Aufregendes. Nahezu unhörbar. Nur nebenher und annähernd gerade so im Raum zu vermuten. Besser noch wie hinter der Kachelwand aus der Nachbarsstube drängend. Es rät sich an für ein winziges Lüftchen in Tuchfühlung zum Ort des Geschehens: der Badwanne zu sorgen. Ein Stückchen Fischflosse in eine Ecke verfrachtet erhöht die Imagination. 
Es rät sich an, die verschiedenen Wasser munter sprudeln zu lassen, um Teil zu haben am Entstehen seltener Düfte: die Melange aus Rosmarin, Moschus, Schneeglöckchen, Weihrauch, Zimt und Kuckucksblume (so vorhanden), die unbedingt zu erzielen ist. 
Es rät sich ferner an, das Buch bereit zu legen. Wie es sich selbstredend anrät, die Liebste bereits nackend um sich zu haben, möglichst auf dem Schoß. Möglichst im Bestreben sie mit ihren freien Händen Schaum schlagen, die Elemente sinnlich plätschern zu lassen. 
Es rät sich an, sie selbst wählen zu lassen, von welcher Seitenzahl an begonnen wird, was die Lektürebereitschaft ungemein erhöht. 
Es rät sich sodann dringend an, dicht bei der Wanne Platz zu halten und erst mit der Lesung zu beginnen, wenn die Wannenbadende in der Wanne darum bittet. Aber Achtung: Beginne äußerst zaghaft. Stottere hin und wieder. Schau nur auf die Seiten. Zögere mitunter einzelne Sätze ein Stück weit hinaus, weiter als nötig ist wie als wüßtest du nicht. Lies unbeirrt den Text in unterschiedlicher Tonart. Es rät sich an, insgesamt sanft zu eröffnen und mit der Zeit im Tone sicherer zu werden, versuchsweise vorwärtsdrängend gar zu lesen: in Stößen, wie inmitten von Intimität begriffen. Es rät sich ferner an, den Text absichtsvoll vage über allem säuselnd zu zelebrieren, ohne dem häßlichen Hang nach Übertreibung zu folgen. Wobei es sich anrät, ganz frei jedweder Hektik, an sich selbst die freie Hand nun zu legen, ein Kleidungsstück nach dem anderen still vom Leibe zu lösen, was einige vorbereitende Handlungsgriffe verlangt, will man schließlich unauffällig selber nackt im Lesebadewannenraum zu sitzen kommen. Weshalb es sich durchaus gut macht, hat man das liebste Wesen im Badewasser ein wenig ins Dämmern versetzt und zum Äugleinschließen gebracht. Man lese darob die Kapitel weise aus und schlage das Buch daraufhin kindisch-stolz zu, wie als hätte man einen großen Pudding aufgegessen. 
Sagt die Liebste dann ohne die Augen zu öffnen: Das war ein schöner Text, weißt du dich am Ziel mit dem Autor im Sinne der Farbe Rot. Das Rot vom Korallenstrauch. Dies eine Rot meine ich. Bestehend von Juli bis September. Man weiß oder man wisse hiermit: Seine prächtig roten Blüten werden von nur den mutigsten und sorgsam auserwählten Vögeln lustvoll bestäubt.

Peter Wawerzinek, Janis Ritsos Hommage, Juni 2009

Asteris Kutulas: Begegnungen mit Ritsos

Asteris Kutulas: Interviews mit Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos – Die Maske und der Kommunismus

Asteris Kutulas: Interview mit Elli Alexiou über Jannis Ritsos

Ein Dialog zwischen Asteris Kutulas und Peter Wawerzinek über die fabelhafte Welt des Jannis Ritsos

 

Fakten und Vermutungen zu Asteris Koutoulas
Fakten und Vermutungen zu Steffen Mensching

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Jürgen Werner: Gedichte als Waffen und Lobpreisung der Liebe
Neues Deutschland, 2.5.1984

Erasmus Schöfer: In allen Adern der Erde
die horen, Heft 134, 2. Quartal 1984

Asteris Kutulas / Uwe Goessler: Weg eines Dichters
Neue Deutsche Literatur, Heft 4, April 1984

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Gerd Prokot: Jannis Ritsos – Künstler, Kommunist und Freund der DDR
Neues Deutschland, 27.5.1989

Gisela Steineckert: Gruß an Genossen Ritsos
Neues Deutschland, 27.5.1989

Armin Kerker: „Hast du dein Brot gegessen, konntest du sprechen?…“
die horen, Heft 153, 1. Quartal 1989

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDb
Nachruf auf den Jannis Ritsos: Neue Zeit

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 1/2.

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 2/2.

 

Jannis Ritsos: Epitaphios in der Version von Grigoris Bithikotsis  und Keti Thimi.

 

Jannis Ritsos liest, Mikis Theodorakis dirigiert und Maria Farantourie singt aus dem Epitaphios.

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