Jutta Rosenkranz (Hrsg.): Letzte Gedichte

Rosenkranz (Hrsg.)-Letzte Gedichte

„Anna“, sagte der Mann,
„ich fahre jetzt heim. Im Schlafwagen…
Ich wollte immer schon einmal
im Schlafwagen reisen,
aber es war mir zu teuer
Anna? Freust du dich nicht?
Es ist ein langer Zug.
Kannst du die Wagen zählen?“
Er hob die Hand aus seinem Totenbett
und zeigte auf die lange Reihe
der Einmachgläser auf dem Kleiderkasten;
das ist in kleinen Wohnungen üblich.
Da standen Aprikosen in dicken Säften,
geschälte, gelbliche Birnen und rotte Beeren,
und die zarten Pfirsiche
leuchteten grün und ein wenig rosa.
„Ein schöner Zug“, sagte der Mann.
„Weine nicht, Anna. Es ist ein Glück,
so zu reisen. Ich glaube,
die Fahrkarte ist sehr teuer gewesen,
aber ich hab sie umsonst bekommen.“
Und die Birnen und Beeren
und die saftigen Aprikosen
begannen zu dampfen und zischen
und rollten in die Ewigkeit.

Hertha Kräftner

 

 

Nachwort

Diese Sammlung mit letzten Gedichten will eine Tür öffnen zum oft verdrängten Thema Tod. Sie entstand aus der Frage, wie sich das eigene Sterben oder die latente Todesahnung in letzten Versen von Lyrikerinnen und Lyrikern spiegelt. Die hier – in chronologischer Reihenfolge der Geburtsjahre der Dichter – aufgenommenen Texte legen davon Zeugnis ab und zeigen verschiedenste menschliche Reaktionen: die Beruhigung durch den christlichen Glauben, Ironie, Furcht oder auch Gelassenheit.
Die Einstellung der Menschen dem Tod gegenüber hat seit der Antike viele Wandlungen erfahren. Damals galt der Tod als Bruder des Schlafes und hatte noch nichts Furchterregendes. Platons Lehre von der Unsterblichkeit der Seele vermittelte vielmehr ein positives Bild des Todes. Erst unter dem Einfluß der christlichen Religion wurde der Tod als Strafe für die Sündhaftigkeit des Menschen angesehen. Dabei standen das Seelenheil und die Erlösung zum ewigen Leben im Mittelpunkt. Im Mittelalter war Sterben ein öffentliches Ereignis, von dem auch Kinder nicht ferngehalten wurden. Seit dem 16. Jahrhundert verdrängte man den Tod mehr und mehr aus der Öffentlichkeit und dem Bewußtsein der Menschen. Im 20. Jahrhundert verlor die Religion schließlich ihre zentrale Bedeutung. Seither tabuisieren die Menschen den Tod oder versuchen, ihn zu beherrschen.
Es überrascht nicht, daß man diesen historisch bedingten unterschiedlichen Haltungen dem Sterben gegenüber in letzten Gedichten und ihren wichtigsten Motiven begegnet. Walther von der Vogelweide, Michelangelo, Paul Fleming, aber auch die Dichter der Romantik wie Brentano und Eichendorff verknüpfen in ihren Versen die Hoffnung auf Erlösung durch den Tod mit der Hoffnung auf die Nähe zu Gott. Im Expressionismus spielen Religion und Gottesnähe keine große Rolle mehr; viele der jungen Expressionisten wurden durch den Ersten Weltkrieg geprägt.
Je mehr man sich der Gegenwart nähert, desto häufiger findet sich als Motiv in späten Gedichten die Erfahrung mit einer schweren Krankheit oder der geplante Selbstmord. Dichter, die eine Sehnsucht nach dem Tod spüren, scheinen im letzten Gedicht auf ihn zuzugehen. Mit dem eigenen Sterben haben sie sich lange auseinandergesetzt, manchmal liegen mehrere Suizidversuche hinter ihnen. Der Tod wird angenommen. Den Zeitpunkt bestimmt der Autor selbst. Diese letzten Verse sind überraschend klar in der Aussage, wenn auch nicht immer so konsequent wie bei Sylvia Plath, deren Abschiedsgedicht, geschrieben sechs Tage vor ihrem Selbstmord, mit der Zeile beginnt: „Die Frau ist vollendet.“
Gelassenheit und Einverständnis dem Tod gegenüber zeigt sich in den Versen von Dichtern, die ein hohes Alter erreicht haben. Sie sehen im Tod das natürliche Ende des Lebenskreislaufs oder eine Erlösung.
Karl Krolow schrieb in den letzten Monaten täglich über Alter und Sterben. In seinem letzten Gedicht, acht Tage vor seinem Tod notiert, zieht er das Fazit:

Was kann man dem Tod erwidern.
Man bleibt mit ihm allein

Diese Erfahrung machen nicht nur Dichter, sondern alle Menschen. Doch vielleicht gelingt es der Poesie, die Unerbittlichkeit des Todes, dem niemand entgehen kann, zu mildern.

Jutta Rosenkranz, Nachwort

 

Niemals

ist Schreiben existentieller, niemals endgültiger als im Angesicht des Todes. „Die Frau ist vollendet“, beginnt Sylvia Plath ihr letztes Gedicht, Heiner Müller konstatiert lakonisch das „Ende der Handschrift“, Rainer Maria Rilke stellt sich seiner lange verdrängten Krankheit. Mit Gelassenheit und Schmerz, Angst und Humor fassen über achtzig Autoren aus acht Jahrhunderten das Unfassbare in Worte.

Manesse Verlag, Klappentext, 2007

 

Rezension zu diesem Buch:

Jana Scholz: Im Angesicht des Todes
literaturkritik.de, September 2009

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