Khalid Al-Maaly (Hrsg.): Zwischen Zauber und Zeichen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Khalid Al-Maaly (Hrsg.): Zwischen Zauber und Zeichen

Al-Maaly (Hrsg.)-Zwischen Zauber und Zeichen

DER LEICHNAM

Sie marterten den Leichnam
bis erschöpft der Morgen anbrach und protestierend
aaaaader Hahn aufstand.

Sie stießen ihm Angelhaken ins Fleisch, peitschten
aaaaaihn mit Stromkabeln aus
hängten ihn an einem Ventialator auf.

Und als die Henker endlich müde wurden
und eine Pause einlegten, rührte der Leichnam seinen kleinen Finger
schlug die zugeschwollenen Augen auf
und murmelte etwas vor sich hin.

Verlangte er nach Waser? Oder wollte er Brot?
Verfluchte er sie, oder forderte er sie zum Fortfahren auf?

Was wollte der Leichnam wohl?

Übersetzt von Khalid Al-Maaly

 

 

Vorbemerkung

– Moderne arabische Poesie: zwischen Zauber und Zeichen. –

Die hier vorgelegte Anthologie ist der Versuch, eine Auswahl zeitgenössischer arabischsprachiger Lyrik vorzustellen, eine Auswahl von Dichtern, die nach dem Zweiten Weltkrieg den literarischen Modernisierungsprozeß eingeleitet und fortgesetzt haben. Der Band enthält die wichtigsten Lyrikerinnen und Lyriker des arabischen Sprachraums mit ihren repräsentativen Texten. Obwohl in ihm eigentlich alle arabischsprachigen Regionen vertreten sein sollten, konnte ich aus einigen Ländern wie Mauretanien und Somalia leider keinen einzigen Dichter aufnehmen. Bei anderen Ländern wie Irak, Libanon und Syrien mußten aus Platzgründen etliche Namen wegfallen, die ich an sich gern berücksichtigt hätte.
Bei der Auswahl der Autoren habe ich mich auf meine Erfahrung als Lyriklektor und Lyrikübersetzer, als Lyriker und Mitarbeiter mehrerer Zeitschriften gestützt, in denen der Poesie viel Platz eingeräumt wird. Auf diese Weise konnte ich mir in den vergangenen Jahren einen guten Überblick über die moderne arabische Lyrik verschaffen, wo immer sie hervorgebracht wird. Darüber hinaus habe ich den Rat arabischer Dichter eingeholt, die ich zu diesem Zweck aufsuchte, etwa in Marokko, in Bahrain, in Tunsesien, im Libanon, in Ägypten, in Jordanien und im Oman. Ich habe dabei Autoren konsultiert, deren Wissen und unterschiedlichen Geschmack ich schätze, beispielsweise Sargon Boulus, Sa‛adi Yussuf, Adonis, Mohammed Bennis und Saif ar-Rahbi. Ferner habe ich mich bemüht, auch Lyrikerinnen den ihren gebührenden Platz einzuräumen, so daß diese Gedichtauswahl wie nebenbei einen Spiegel ihrer literarischen Arbeit darstellt. Daß ich mich bei der Auswahl der Autor/innen bemüht habe, nicht allein meinem persönlichen Geschmack, sondern objektiven Kriterien zu folgen, versteht sich von selbst.
Die Arbeit an der vorliegenden Anthologie hat bereits vor mehr als zehn Jahren begonnen. Eine Reihe der hier abgedruckten Übersetzungen sind in Erstfassungen schon in Zeitschriften wie Akzente, Neue Rundschau, Die Horen, Lettre International usw. publiziert worden. Andere sind in Buchveröffentlichungen einzelner Lyriker in der zweisprachigen Reihe Arabische Lyrik erschienen, die ich im Verlag Das Arabische Buch herausgebe. In dieser Reihe sind bislang folgende Bände herausgekommen: Badr Shakir as-Sayyab: Die Regenhymne und andere Gedichte; Mahmud Darwisch: Weniger Rosen; Unsi al-Hadj: Der Wolf und die Liebe, die Liebe und die Anderen; Sargon Boulus: Zeugen am Ufer, und Abdul-Wahhab al-Bayyati: Aischas Garten.
Die bis heute vorgelegten Anthologien arabischsprachiger Poesie wie etwa Annemarie Schimmels Zeitgenössische arabische Lyrik, die von Salma Khadra Jayyusi edierte Reihe Modern Arabic Poetry, Luc Norins und Edouard Tarabays Anthologie de la littérature arabe contemporaine, René Khawams La Poésie arabe, Abdul Kader al-Janabis Le Poème arabe moderne sind entweder nicht mehr aktuell oder spiegeln nicht das breite Gesamtspektrum der zeitgenössischen arabischen Poesie wider. In arabischer Sprache liegen zwar Anthologien vor, jedoch nur für einzelne Länder – eine umfassende, aktuelle Sammlung fehlt auch dort. Mithin handelt es sich bei dem hier vorgelegten Band um eine übergreifende Auswahl, in der exakt hundert Dichterinnen und Dichter vertreten sind.
Der Vorgang des Übersetzens erwies sich für viele Gedichte als harter – zu harter – Prüfstein. Es gibt Texte, die ich zunächst für meine Auswahl vorgesehen hatte und auch gern in ihr veröffentlicht hätte. Bei der Prozedur des Übersetzens jedoch zeigte sich, daß ich auf sie verzichten mußte. Der arabische Lyriker neigt in seinen Texten leider allzu oft zu Ungenauigkeit und rhetorischem Wortgeklingel, das zusammenhanglos und ohne wirkliche Aussagekraft ist. Zuweilen hat man den Eindruck, der Autor schriebe nur, weil er der Versuchung des Schreibens nicht zu widerstehen vermag. Vielen Lyrikern fehlt es zudem an handwerklichen Grundkenntnissen in der Kunst, lyrische Texte zu verfassen. Das gilt vor allem für Dichter, die in den 60er Jahren und danach hervorgetreten sind. Eine nicht unwesentliche Rolle mag dabei die Tatsache spielen, daß es in der arabischen Welt keine Verlage gibt, wie wir sie in Europa kennen. Lektoren werden nicht beschäftigt, und arbeitet ein Verlag dennoch mit ihnen, so überwiegend deshalb, damit sie etwaige grammatische Fehler korrigieren oder prüfen, ob die Auflagen der Zensur beachtet worden sind.
Trotz dieser Schwierigkeiten bin ich nicht auf kurze Gedichte oder solche ausgewichen, die bereits in andere Sprachen, ins Französische oder Englische etwa, übertragen wurden. Und ich habe keine einfachen, anspruchslosen Texte ausgewählt, wie dies gewisse „Experten“ heute zu tun pflegen. Vielmehr habe ich mich für dasjenige Gedicht entschieden, von dem ich meinte, daß es, unabhängig von seiner Länge oder „Schwierigkeit“, die Dichterin oder den Dichter am besten repräsentiert. Nur in Ausnahmefällen, die jeweils gekennzeichnet sind, wurde gekürzt, und dies dann, wenn die Lyrikerin oder der Lyriker nur lange Gedichte vorgelegt hat oder wenn keines ihrer kürzeren Gedichte mich überzeugte. Ich hoffe, auf diese Weise einen Querschnitt bieten zu können, der die zeitgenössische arabischsprachige Lyrik in ihrer ganzen Vielfalt reflektiert.

Die Geburtsstunde der modernen arabischsprachigen Lyrik läßt sich an zwei Ereignissen aus der Biographie eines Dichters und einer Dichterin festmachen. Bei ersterem handelt es sich um Badr Shakir as-Sayyab, der aus einem Dorf im Süd-Irak stammt und der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am Teachers‛ Training College in Bagdad englische Literaturgeschichte studierte. Am 29.1.1946 schrieb er ein Gedicht mit dem Titel „War es Liebe?“ Darin versuchte er – vermutlich unter dem Eindruck seiner Lektüre englischer Lyrik −, Reim und Metrum neu einzusetzen. Zwar behielt er das überkommene Metrum bei, arbeitete aber mit einer variablen Zahl von Versfüßen – ganz im Gegensatz zu dem, was zu dieser Zeit üblich war. Auch den Reim behandelte er auf andere Art und Weise, indem er ihn nicht in allen, sondern nur in einigen Versen sich wiederholen ließ. Damit begegnete er der in der damaligen arabischen Lyrik verbreiteten Starrheit und Monotonie. Das erwähnte Gedicht erschien in as-Sayyabs erstem Gedichtband, Azhar Dhabila, dessen erste Auflage 1947 in Kairo herauskam. Im Dezember des gleichen Jahres traf das Buch in der irakischen Hauptstadt ein.
Bei der genannten Dichterin handelt es sich um die in Bagdad geborene Nazik al-Mala‛ika. Auch sie studierte am Teachers‛ Training College, und sie war mit as-Sayyab persönlich bekannt. Auf dem Gebiet der westlichen Poesie freilich war die Studentin der arabischen Literaturgeschichte weniger bewandert als dieser. Das Gedicht „Die Cholera“, das das Datum des 27.10.1947 trägt, schrieb sie, ohne as-Sayyabs Text zu kennen oder sich gar mit ihm abgesprochen zu haben. Sie arbeitete in dem Gedicht, das nach dem Ausbruch einer Choleraepidemie in Ägypten entstand und sich auf diese bezieht, mit der gleichen Methode wie as-Sayyab. Im Dezember 1947 wurde das Poem in einer libanesischen Zeitschrift publiziert.
Diese beiden Texte markieren symbolisch den Beginn einer grundlegenden formalen, aber auch inhaltlichen Wandlung innerhalb der arabischen Lyrik, deren Anfänge die Literaturhistoriker übrigens in die Zeit um 450 n. Chr. datiert haben. Neu war in ihr zudem, daß nun der Gesamttext eine Einheit darstellte, während das sogenannte klassische Gedicht durch die Einheit des Verses charakterisiert ist. Die neue Art der Poesie breitete sich von dem genannten Zeitpunkt an rasch aus. Dabei beschritt jeder Dichter der Generation as-Sayyabs und al-Mala’ikas seinen eigenen Weg.
Mit dem Hinweis auf die beiden biographischen Fakten soll nicht suggeriert werden, daß der 1946-47 unter dem Einfluß der westlichen Lyrik unternommene Versuch, anders als in traditioneller Weise zu schreiben, der erste in der arabischen Literatur war. Er war lediglich der erste, dem Erfolg beschieden war, ein Erfolg, der darauf basiert, daß die beiden genannten Dichter ihre Bemühungen, die erstarrte Tradition zu überwinden, konsequent fortsetzten und so einen wirklichen formalen und inhaltlichen Neubeginn durchzusetzen vermochten, der dann später unter dem Begriff „Free verse“ bekannt wurde. Schon lange vor dem Ersten Weltkrieg hatte es ähnliche Versuche gegeben, etwa seitens der Verfasser und Übersetzer christlicher Kirchenlieder, die sogar bereits in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Man hat diese Art der Dichtung mit verschiedenen Namen belegt, deren bekanntester „asch-Shi‛r al-Mursal“ (Gelöste Poesie) lautet. Er ist das Äquivalent zu „Free verse“, obgleich manche Gedichte das alte metrische Schema beibehielten, etwa die Anfang des 20. Jahrhunderts geschriebenen Texte des Libanesen Amin ar-Rihani, dessen Versuche mit dem „Free verse“ auf seine Lektüre Walt Whitmans zurückgingen.
Daß man die gesamte arabischsprachige Lyrik, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Art as-Sayyabs geschrieben wurde, unter dem Begriff „Free verse“ subsumiert, ist falsch. In der arabischen Literaturwissenschaft und -kritik ist diese Bezeichnung bis heute gebräuchlich, auch wenn die so qualifizierte Lyrik noch mit Metrum und Reim arbeitet, also durchaus nicht „free“ ist. Lyrik, die sowohl auf Metrum als auch auf Reim verzichtet, wurde Prosagedicht genannt, was jedoch ebenfalls unzutreffend ist – das erste Mißverständnis zog das zweite nach sich. Das „Prosagedicht“ ist vergleichsweise spät durch Autoren wie Taufiq Sayigh, der 1954 seinen Gedichtband Thalathun Qasida publizierte, sowie durch Mohammed Maghut und Unsi al-Hadj entstanden.
Die Wandlungen, die die arabischsprachige Lyrik durchgemacht hat, und die Akzeptanz, die ihr vonseiten der Dichter zuteil wurde, wurzeln in den Entwicklungen, welche die arabischen Länder nach dem Ersten Weltkrieg erlebten, und in ihren direkten Berührungen mit der westlichen Kultur. Das gilt vor allem für den Bereich der Poesie. Die neue Weitsicht und Lebensweise verlangten nach neuen, modernen literarischen Formen. Die starren, monotonen Schemata, die von den Autoren früherer Generationen überliefert waren, genügten nicht mehr. Wohl hatte es schon unter dem Einfluß der Romantik, des Realismus und des Symbolismus in Europa gewisse innovative Entwicklungen gegeben. So begannen bestimmte Lyriker, Gedichte zu schreiben, die nicht mehr, wie bis zu diesem Zeitpunkt gang und gabe, aus zwei Halbversen bestanden, doch sie hielten sich dabei immer noch an das „Gebot“ des einheitlichen Endreims. Auch diese Dichtung war unzeitgemäß und entsprach nicht den Erfordernissen des modernen Lebens.
Sehr oft bestimmen die sozialen und politischen Interessen der arabischen Dichterinnen und Dichter ihre Texte, zum Beispiel das Interesse an nationalarabischen Themen, an gesellschaftlichen Fragen, am Kommunismus oder am Palästinaproblem. Diese politisch-soziale Färbung, die vielfach eine „engagierte“ Literatur hervorgebracht hat, ist das besondere Merkmal der sogenannten Avantgardedichter nach 1945 und derjenigen, die unmittelbar nach ihnen hervorgetreten sind. Die seit 1953 erscheinende Zeitschrift al-Adab bot sich den nationalistischen Strömungen- als Forum an und war auch wesentlich an der Verbreitung des Existentialismus in der arabischen Welt beteiligt. Al-Adab verstand Lyrik in erster Linie vom Politischen her und lehnte die Publikation von Gedichten ab, die auf das Metrum verzichteten. 1957 aber wurde in Beirut die Zeitschrift Shir gegründet. Sie hat in der Entwicklung der Lyrik im arabischen Raum eine essentielle Rolle gespielt. Für die Herausgeber von Shi‘r war das Gedicht ein autonomes Kunstwerk und nicht Mittel zum Zweck, schon gar nicht zum politischen Zweck. Das Periodikum bot seinen Lesern Übersetzungen zahlreicher bedeutender westlicher Lyriker, unter ihnen William Blake, T.S. Eliot, Robert Frost, Ezra Pound, Saint-John Perse, Pierre Jean Jouve, André Breton, Paul Eluard, Jacques Prevert, Henri Michaux, Yves Bonnefoy, Octavio Paz, S. Merwin und Allen Ginsberg. (Nur selten übrigens brachte sie Übersetzungen aus dem Deutschen.) Gegründet wurde Shir von dem libanesischen Dichter Yussuf al-Khal, der durch sein Blatt und durch andere Publikationen, aber auch durch den ebenfalls Shir genannten Literaturpreis eine wichtige Rolle in der Entwicklung der modernen arabischen Lyrik gespielt hat. Al-Khal hatte in den Vereinigten Staaten gelebt, wo er sich mit der amerikanischen und übrigen westlichen Lyrik vertraut machte. In der Redaktion der Zeitschrift waren zeitweise führende Dichter wie Adonis, Unsi al-Hadj, Shauqi Abi Shakra und Sargon Boulus tätig, und die meisten wichtigen Lyriker jener Zeit publizierten in Shir. 1964 mußte sie aber ihr Erscheinen einstellen, kam 1967 erneut heraus, bevor 1970 die endgültige Schließung erfolgte.
Von Gewicht war in den den 60er Jahren auch die Zeitschrift Hiwar, die ebenfalls in Beirut herauskam. Ihr Gründer war der palästinensische Dichter Taufiq Sayigh, finanziert wurde sie von einer „Organisation für freie Kultur“. Obwohl Hiwar eine allgemeine Kulturzeitschrift war, spielte sie speziell in bezug auf die Lyrik eine herausragende Rolle, schon aufgrund des moralischen Ansehens ihres Chefredakteurs. Das Blatt wurde eingestellt, als die – Sayigh nicht bekannte – Verbindung der genannten Organisation zum CIA bekannt wurde. Ein weiteres erwähnenswertes Periodikum war die von Adonis herausgegebene Zeitschrift Mawaqif, die als neue Plattform für die damalige arabische Lyrikwelle gedacht war. Doch das Blatt beschäftigte sich nicht nur mit Lyrik, sondern bot ein Gemisch aus Kultur und Politik und war in dieser Form ein Spiegel der Reaktionen auf die arabische Niederlage gegen Israel im Jahre 1967. Jedenfalls konnte sie Shir nicht das Wasser reichen. Mawaqif gab recht präzise die damals herrschende politische Stimmung wieder, die vor allem von linken und nationalistischen Bewegungen geprägt wurde. Dementsprechend finden sich in ihr auch die politischen Widersprüche der unterschiedlichen Lager wieder. Als das Erscheinen der Zeitschrift eingestellt wurde, vermißte sie niemand.
Ungeachtet seines unleugbaren Interesses an sozialen und politischen Fragen verfügt der arabische Dichter auf allen gesellschaftlichen Ebenen nur über sehr wenig Einfluß. Von dieser Seite her läßt er sich nicht einmal mit seinen Kollegen in Ländern wie der Türkei oder dem Iran vergleichen. Einige Lyriker – Nizar Qabbani oder Mahmud Darwisch etwa – sind im gesamten arabischen Raum überaus popular, bekannt jedoch ist der arabische Dichter im allgemeinen für seinen Wankelmut und seine Unbeständigkeit. Manchmal muß man sogar von krassem Opportunismus sprechen, von Widersprüchlichkeit, Mangel an Glaubwürdigkeit oder gar Käuflichkeit – dann nämlich, wenn der Dichter die Dichtung an die politische oder religiöse Macht verkauft und damit verrät. Die genannten Eigenschaften sind – leider – charakteristisch für die gesamte arabische Kultur, wenngleich es natürlich bewundernswerte Gegenbeispiele gibt. Im übrigen aber ist der Dichter, der Intellektuelle nur ein Spiegelbild der herrschenden, allzu oft von der Intoleranz und Blutrünstigkeit der politischen oder religiösen Macht bestimmten Verhältnisse. Das einfachste Beispiel ist der syrische Dichter Adonis. Er lebt in Paris und stützt sich bei seinen Studien zur arabischen Lyrik und zum arabischen Kulturerbe auch auf westliche Geister. Er versteht sich als Querdenker und als Erneuerer der arabischen Kultur. 1979 jedoch war er rasch mit einem Gedicht bei der Hand, in dem er enthusiastisch die „Islamische Revolution“ im Iran begrüßte und die Stadt Qum, das Zentrum Khomeinis und der Mullahs, pries. Bemerkenswerterweise schrieb er den Text in jener klassischen Form, in der man Lobgedichte auf seinen Herrscher verfaßt. Das erinnert ein wenig an die abstoßenden, meist ebenfalls in abgelegte Gewänder gekleideten Lobeshymnen, die jahrzehntelang von westlichen Autoren kommunistischen Glaubens auf Stalin gesungen wurden. Adonis verkündete den Tod des Westens (und schon seine Sprache verriet, auf welches Niveau er hier abgesunken war):

… Ich werde singen für Qum, damit es sich in meiner Ekstase verwandelt
in stürmendes Feuer, welches den Golf umkreist […]
Das Volk des Iran schreibt an den Westen:
Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen
Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben…

Adonis ist keineswegs das einzige Beispiel für dieses arabische Grundübel, aber wohl das bekannteste.
In zeitlicher und intellektueller Parallele zur Beat Generation in den USA und zur Studentenbewegung dort und in Europa entstand in den 60er Jahren in der arabischen Welt eine neue literarische Strömung. Ihre Vertreter hatten eine ganz andere Auffassung von Poesie als ihre Vorgänger. Der wichtigste von ihnen ist Sargon Boulus, dessen Werke – Gedichte und erzählerische Prosa – heute einen besonderen Platz in der arabischsprachigen Literatur einnehmen. Sie heben sich ab, nicht nur aufgrund ihrer dichterischen Eigenart, sondern weil dieser Dichter als freier Mensch fernab der arabischen Verhältnisse lebt. Dabei ist es ihm gelungen, die Welten, denen er den Rücken gekehrt hat, auf anderer Ebene neu zu entdecken. Boulus ist aus der Tradition, aus dem neuen Traditionalismus, den die arabische Avantgardegeneration begründet hat, herausgetreten. Das liegt unter anderem wohl an seiner frühen und anhaltenden Lektüre englischer und amerikanischer Dichtung in ihrer Originalsprache. Intensiv hat er sich bemüht, den Unterschied zwischen Poesie und Nicht-Poesie im herkömmlichen Schreiben herauszufinden, um so das Gedicht aus der Welt der Rhetorik und des Formalismus, die lediglich etablierte Einsichten und vorgefertigte Ideen in „lyrische“ Sprache kleiden, in die Welt der wirklichen Poesie hinüberzutragen .
Boulus hat diese Absicht schon früh zum Ausdruck gebracht: In einem 1964 veröffentlichten Interview unterscheidet er zwischen seinem Verständnis, also dem von der Generation der 60er Jahre durchgesetzten Verständnis von Poesie und der traditionellen Auffassung. Ihm wurde folgende Frage gestellt: „Manche definieren Poesie als eine Folge von Wörtern, die an ein Metrum gebunden sind. Bedeutet das, daß alle Wörter, die sich an ein Metrum halten, Poesie sind?“ „Ich glaube immer daran“, erwiderte Boulus, „daß die Poesie, die ich schreibe, Dasein ist, daß ich schreibend lebe… rieche, schmecke, daß ich töte und getötet werde. Dieses Dasein ist sehr vielschichtig, es spricht mit tausend Stimmen, die mich durchdringen… und tausend Köpfe erheben sich innerhalb meines Horizonts. Es würgt mich, bringt mich zum Stillstand. Es fesselt mir die Füße, und manchmal beruhigt es mich mit hoffnungslosen Dingen. Das alles ist meine Poesie. Und wenn ich auf es schaue, als dichtes Dasein, verflucht oder gesegnet, dann schreibe ich dichte Poesie, verflucht oder gesegnet. Ich schreibe die Widersprüche meiner Existenz, andernfalls wäre ich ein Fälscher und eine lächerliche Figur – kurzum, sonst wäre das Ganze eine jämmerliche Angelegenheit. Und das ist es immer bei den törichten Dichtern. Sie legen im voraus fest, wie sie das Dasein behandeln wollen, wobei sie beim Schreiben seinen Rahmen verlassen. Sie sind wie Betrüger. So ist für sie das Schreiben von Poesie ein Fabrizieren von Reimen. Und das ist die Fälschung an sich: daß wir schon im voraus über unser Dasein befunden haben, obwohl es ein ständiges Überschreiten ist, ein Sich-Entscheiden, das nicht einmal in diesem Augenblick, bei diesem Wort feststeht. Wirkliche Poesie, das ist Dasein.“ Überflüssig zu erwähnen, daß die vorliegende Anthologie dieser Auffassung von Poesie verpflichtet ist.
Sargon Boulus und seine Generation haben auf der Landkarte der arabischsprachigen Lyrik deutliche Spuren hinterlassen und vor allem jüngere Autoren beeinflußt. Durch sie – Boulus, Fadhil al-Azzawi und die, die nach ihnen kamen – hat sich die Lyrik von der Macht des Metrums und der Rhetorik befreit. Die neueren Gedichte variieren zwischen dem rhythmischen Gedicht, dem Free Verse und dem „Prosagedicht“, wobei die beiden letztgenannten Formen heute die verbreitetsten sind.
Für die irakischen Lyriker war die Zeitschrift al-Kalima, die 1967 in Bagdad gegründet wurde, von besonderer Bedeutung. Sie bot den Schriftstellern der 60er Generation ein Publikationsforum für ihre literarischen Versuche. Bereits 1974 wurde das Blatt verboten. Einer der bedeutendsten Lyriker, die in ihm veröffentlicht haben, ist Fadhil al-Azzawi. Er gab später die Zeitschrift Shir 69 heraus, die in den literarischen Kreisen des Irak wie eine Bombe einschlug. Sie rief dazu auf, sich mit der Weltlyrik zu beschäftigen, fernab des bis dahin herrschenden traditionellen Diktats, das festlegte, was man zu wissen hatte und was nicht. Die Zeitschrift machte sich das Poesieverständnis der 60er Generation zu eigen. Nach der Auffassung von Shir 69 ist Lyrik nicht diese Aneinanderreihung rhythmisierter Wörter, sondern – so al-Azzawi, der die poetologische Grundsatzerklärung der Zeitschrift verfaßt hat – dies: „Das Gedieht beginnt mit der grundlegenden und sehr wichtigen Voraussetzung, daß die Welt nicht vollkommen ist und ebenso wenig die Wesen und die Dinge in ihr. Und weil alles ein ständiges Stirb und Werde ist, ist es nicht möglich, innerhalb von Zeit und Raum nach einer festen Wahrheit zu suchen.“ Doch mit diesem Antifideismus und Antidogmatismus war Shir 69 nur eine kurze Existenz (ein Jahr mit vier Heften und einem fünften, das beschlagnahmt wurde) beschieden; seit dieser Zeit erstickten die politischen Zustände im Irak jede freie literarische Tätigkeit.
Die Publikation literarischer Zeitschriften hat sich nicht auf den Irak und Libanon beschränkt. Es gab eine ganze Reihe weiterer Versuche in dieser Richtung, deren Wirkung freilich begrenzt blieb, zum Beispiel Galerie 68, das 1968 in Ägypten herauskam, in erster Linie aber an Prosaliteratur interessiert war. Ferner Anfas, 1966 zweisprachig (französisch-arabisch) in Marokko ediert und 1972 verboten; ihr Herausgeber, Abdelatif Laabi, verschwand für viele Jahre im Gefängnis. In Kairo kam 1977 Idaa heraus, 1979 Kitabat in Form von unregelmäßig erscheinenden Büchern, um auf diese Weise die Zensur zu umgehen. Die interessanteste ägyptische Zeitschrift war jedoch Kitaba sauda’, die sich bemühte, eine Vielzahl von Auszügen aus bis dahin unbeachtet gebliebenen Werken vorwiegend frankophoner ägyptischer Avantgardeschriftsteller vorzustellen. Aber nur eine einzige Nummer von ihr kam auf den Markt. Eine Fortsetzung ihrer Aktivtät versuchte die 1991 publizierte Zeitschrift al-Kitaba al-Ukhra. Doch die wohl interessanteste und wichtigste unter allen diesen Kultur- und Lyrikzeitschriften inner- und außerhalb der arabischen Welt war – in aller Bescheidenheit sei’s gesagt – die von 1990 bis ’93 von Abdul Kader al-Janabi und mir herausgegebene Faradis, von der sieben Nummern erschienen sind und die eben wegen ihres kompromißlosen Beharrens auf Qualität in praktisch allen arabischsprachigen Ländern verboten und konfisziert wurde.
In den letzten paar Jahren sind viele Bemühungen unternommen worden, neue Literatur- und Lyrikzeitschriften herauszubringen. Keine von ihnen hat eine nennenswerte Wirkung erzielt, und jede hielt sich nur kurze Zeit über Wasser, sei es innerhalb der arabischen Welt oder außerhalb, wo heute zahlreiche arabische Schriftsteller leben- zu leben gezwungen sind, weil die politischen Zustände in den meisten Ländern, in denen sie beheimatet sind, die Stimme der Poesie nicht dulden. Denn diese Stimme ist frei, Poesie ist Freiheit schlechthin, oder sie ist gar nicht. Im Gewand der arabischen Sprache aber vermag sie sich allzu oft nur im Exil – eines der Hauptthemen der arabischen Schriftsteller, wie die folgende Textauswahl zeigt – zu artikulieren. Wo die institutionalisierte Unfreiheit, der Haß auf jede Form des Andersdenkens und der blutige Staatsterror herrschen, muß die freie Stimme der Poesie verstummen, und der Dichter, der dennoch zu sprechen wagt, riskiert Kerker, Folter – im Irak neuerdings das Herausschneiden seiner Zunge – und Tod…

Khalid al-Maaly, Vorwort, Juli 2000

 

Hier wird erstmals auf deutsch

die arabische Lyrik seit Beginn der arabischen Moderne ausführlich vorgestellt. 100 Lyrikerinnen und Lyriker aus dem gesamten arabischen Sprachraum sind mit sorgfältig ausgewählten und mit repräsentativen Gedichten in dieser Anthologie vertreten. Der Herausgeber, selbst Lyriker und ein profunder Kenner der arabischen Poesie, hat sich mit prominenten Kollegen wie Adonis, Sa’adi Yussuf, Sargon Boulus, Mohammed Bennis beraten, um diese umfassende Auswahl der arabischen Lyrik zu treffen sind auch Annäherungen und formale Überschneidungen mit der europäischen und lateinamerikanischen Moderne gegeben, so tritt doch die Eigenart arabischer Poesie in Bild und Metapher unübersehbar hervor.

Verlag Das Arabische Buch, Klappentext, 2000

 

Hundert Dichterstimmen

– Eine Anthologie arabischer Lyrik. –

Im Sommer des letzten Jahres freuten wir uns, als – endlich! – eine stattliche Auswahl moderner arabischer Gedichte deutsch auf den Markt kam. Kurz darauf erschien eine zweite Auswahl, deren Anschaffung lohnt, weil ihr Herausgeber, kein Geringerer als Khalid al-Maaly, eine deutlich andere Auswahl als Stefan Weidner traf und damit das Bild abrundet. Wo Weidner sich in der bei Beck erschienenen Anthologie Die Farbe der Ferne auf knapp 50 Dichterinnen und Dichter beschränkte, bietet al-Maaly für Zwischen Zauber und Zeichen genau 100 auf; und wo jener dem aktuellen Kurzgedicht besondere Aufmerksamkeit schenkte, gibt al-Maaly den typischen Langgedichten mehr Raum. So hat seine Anthologie mehr als den doppelten Umfang und geriet in mancher Hinsicht „arabischer“: Frankophone Verse arabischer Dichter findet man hier nicht.
Der Iraker al-Maaly, der seit 1980 in Köln im Exil lebt, ist selber Dichter und Übersetzer arabischer und deutscher Lyriker wie Darwisch, Celan und Benn, die meisten Übertragungen sind darum seine eigenen. Um es kurz zu machen: Sie lesen sich ausgezeichnet. Ein berühmter Klassiker wie as-Sayyabs „Der Fluss und der Tod“ ertönt hier – auch ohne den vermaledeiten Reim! – aussergewöhnlich klangvoll, der hymnische Wortfluss reisst den Leser unweigerlich mit. Selbstredend liesse sich über einzelne Autoren und mehr noch über Gedichte streiten; ein wenig erstaunt es doch, dass die Tradition des lyrischen Weltschmerzes hier so ungebrochen bis heute fortgeschrieben wird: Der Band endet mit dem Zweizeiler einer jungen Jemenitin von 1998, „Überlegenheit“: „Gott stützte sich auf meine Träne / als er Adam alles Traurige lehrte.“ Dafür entschädigen die unerwarteten Entdeckungen: etwa die Versuche von Männern und Frauen, Erotik und Sexualität dichterisch zu erfassen; oder eine so eigentümliche Stimme wie die des Libanesen Aql al-Awit, dessen Parlando schwebender Alltagsstimmungen der „zerbrochenen Blicke“ in einem Café an Ashbery denken lässt. Ein andermal schliesst er schlicht:

So genügt einem Baum die Luft
und langes Schweigen verdient es
Gast der Jahreszeiten und der anderen Bücher zu sein
so auch
schliesst sich die Blume
und es bleibt nur der Abend.

Die kurzen Biographien sind dennoch aufschlussreich: Die Dichter üben alle möglichen Berufe aus, vom Bäcker bis zum Ingenieur, vor allem aber sind sie Feuilletonisten – es scheint fast, als seien in diesem Band davon mehr versammelt, als es von Beirut bis London arabische Zeitungen gibt. Ein besonderer Genuss ist das Vorwort, das ungewohnt deutlich Kritik übt – am Hang arabischer Lyriker zum „rhetorischen Wortgeklingel“ und am Opportunismus als einem „Grundübel“ arabischer Kultur. Dass al-Maaly ausgerechnet Verse des Erzmodernisten Adonis als Beispiel zitiert, ist mehr als pikant. Wohl schätzt er sein literarisches Urteil – aber das ekstatische Loblied auf die iranische Revolution von 1979 („Das Volk des Iran schreibt an den Westen: / Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen / Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben“) ist tatsächlich eine Geschmacklosigkeit. Mit anderen Worten: Der Wanderer zwischen den Kulturen hat das Allzu-Arabische fortgelassen, der Leser weiss es ihm zu danken, wie er ihm dankt für das viele Schöne, das er glücklich ins Deutsche zu retten wusste.

Ludwig Ammann, Neue Zürcher Zeitung, 3.7.2001

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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