Marian Szyrocki: Zu Gottfried Benns Gedicht „Nachtcafé“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Nachtcafé“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Morgue. −

 

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Nachtcafé

824: Der Frauen Liebe und Leben.
Das Cello trinkt rasch mal. Die Flöte
rülpst tief drei Takte lang: das schöne Abendbrot.
Die Trommel liest den Kriminalroman zu Ende.

Grüne Zähne, Pickel im Gesicht
winkt einer Lidrandentzündung.

Fett im Haar
spricht zu offenem Mund mit Rachenmandel
Glaube Liebe Hoffnung um den Hals.

Junger Kropf ist Sattelnase gut.
Er bezahlt für sie drei Biere.

Bartflechte kauft Nelken,
Doppelkinn zu erweichen.

B-Moll: die 35. Sonate.
Zwei Augen brüllen auf:

Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal,
damit das Pack drauf rumlatscht!
Schluß! He, Gigi! −

Die Tür fließt hin: Ein Weib.
Wüste ausgedörrt. Kanaanitisch braun.
Keusch. Höhlenreich. EinDuftkommtmit. Kaum Duft.

Es ist nur eine süße Vorwölbung der Luft
gegen mein Gehirn.

Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.

 

Die Umkehrung der Liebe

Als 1912 Benns schmaler Gedichtband Morgue in der von A.R. Meyer in Berlin herausgegebenen Reihe Flugblätter erschien, war die Schockwirkung seiner fünfhundert durchnumerierten Exemplare perfekt. Ein Kritiker, geprägt – wie viele andere – von der ästhetizistischen Poesie eines George, Hofmannsthal und Rilke, quittierte das Buch mit dem Ausruf „Pfui Teufel!“.
„Nachtcafé“, das letzte Gedicht dieser den physiologischen Zerfall und existentiellen Ekel des Menschen reflektierenden Sammlung, gilt der verkrüppelten Liebe. Merkwürdigerweise gingen die Interpreten bislang an diesem Gedicht vorbei. Vielleicht ist die Zahl 824, mit der das Gedicht eröffnet wird, schuld daran. Weder die verfügbaren Ausgaben noch andere Quellen geben über sie Auskunft.
Der Paragraph 824 des BGB hat nichts mit „Der Frauen Liebe und Leben“ zu tun. Erst eine Einsichtnahme in Benns stellenweise schwer lesbare Manuskripte machte die Hypothese wahrscheinlich, daß es sich bei dieser Zahl um einen Lesefehler des Setzers handelt. Einen zweiten Fehler im gedruckten Gedicht, ein „H-Moll“, verbesserte Benn in der späteren Ausgabe zu „B-Moll“. Die Zahl 824 aber hielt sich hartnäckig, obwohl es um den Paragraphen 825, die „Bestimmung zur Beiwohnung“, den außerehelichen Beischlaf, gehen dürfte. Dieser Paragraph würde auf die im Nachtcafé sich vollziehende Pervertierung der Liebe hindeuten, zusammengestellt mit der Identität der Titel „Frauen Liebe und Leben“ eines damals gerade neuen Walzers von Franz von Blon und von Schumanns berühmtem Zyklus.
Die Stimmungsmacher des Cafés, die Musiker, sind an „hoher Kunst“ wenig interessiert. Ihre Auswechselbarkeit macht Benn dadurch sinnfällig, daß er sie nach den Instrumenten bezeichnet, die sie ohne inneres Beteiligtsein traktieren. Die direkte Umkehrung „hoher Kunst“ ist das Rülpsen des Flötenspielers „drei Takte lang“, hervorgerufen durch das „schöne Abendbrot“.
Das Publikum des Nachtcafés samt seinem Gebaren wirkt ekelerregend. Abstoßende männliche Kreaturen werben um verkommene Frauen. Benn demonstriert dies an vier Paaren, indem er mit medizinischer Sachlichkeit deren physische Versehrtheit offenbart. Anstelle der Personen nennt der Dichter, pars pro toto, einzig Symptome des Zerfalls oder Namen verunstaltender Krankheiten.
In der auf das Triebhafte reduzierten Atmosphäre des Nachtcafés wirkt jener Anhänger mit Kreuz, Herz und Anker, den Sinnbildern des christlichen Glaubens, der Liebe und Hoffnung, am Hals einer Prostituierten mit „offenem Mund“ und „Rachenmandel“ wie eine Gotteslästerung. Als eine andere Art von Blasphemie wird das Herunterspielen der Sonate Opus 35 von Chopin an diesem Ort empfunden. Der Protest verbalisiert sich jedoch nicht. Lediglich „Zwei Augen brüllen auf“.
Wurde dem Leser bis hierher das Nachtcafé-Publikum allein durch einzelne Merkmale des Häßlichen und Kranken präsentiert, so tritt jetzt eine Person in den Saal: „Ein Weib“. Mag auch sie allgemeinem Schönheitsideal widersprechen, so wirkt sie doch auf das lyrische Ich, diese „ausgedörrte“, exotische, kanaanitisch braune Frau. Sie scheint ihm keusch und glückversprechend zu sein. Faszinierend durch das, was ihr vorausweht: „Kaum Duft. Es ist nur eine süße Vorwölbung der Luft…“.
Die von der Frau ausgehende Faszination wird jedoch im Nachsatz ironisch gebrochen. Sie kommt nicht allein, eine Fettleibigkeit trippelt hinterher“.
Das nun assoziierte Bild vom ungleichen Paar, der großen Dürren und dem kleinen Dicken, widerlegt die Vermutung von der Keuschheit jenes „Weibes“, dessen Gunst jetzt gleichfalls käuflich erscheint. Somit finden „der Frauen Liebe und Leben“ des Walzers und des romantischen Liederzyklus in Benns Gedicht ihre Widerrufung: Nicht Liebe, sondern Geschlechtstrieb beherrscht die Szene.

Marian Szyrocki aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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