1. Juli

Um fünf Uhr wach, Beine hoch, wippen, dehnen, Becken kippen; dabei nehme ich noch einmal den Traum durch, den ich grade verlassen … der mich grade verlassen hat. Wieder fällt mir auf, dass ich meine Träume nur dann rekonstruieren kann, wenn ich sie von ihrem Ende her Revue passieren lasse, so wie angeblich das Leben im Sterben noch einmal in kürzester Zeit rückwärts abgedreht wird. Rückwärts. In kürzester Zeit. Unmittelbar vor dem Tod. Der Tod käme also, falls die Analogie zur Traumerfahrung ihre Richtigkeit hat, einem Aufwachen gleich. – Hochsommerlicher kurzer Hagelschauer. Die Eiskörner rieseln … Eismurmeln prasseln auf den warmen Asphalt, häufen sich zu blinkendem Schotter, aus dem da und dort leichte Dampffahnen aufsteigen. Doch gleich übernimmt wieder die Sonne das Regime, der Hagel schmilzt so schnell wieder weg, wie er sich in der Straße breitgemacht hat, zerrinnt zu Matsch, wird Wasser, hängt schon bald als Feuchtigkeit in der schweren Luft. – In Timbuktu werden uralte sakrale Kulturgüter im Rahmen bewaffneter Auseinandersetzungen systematisch zerstört. Welterbe? UNESCO? Wer schützt die Menschheitskultur vor den Menschen? – Warum … wozu ich das alles aufschreibe? All diese Trivialitäten, Träume, Erinnerungen, Entwürfe, Frustrationen, all die privaten Befindlichkeiten, fixen Ideen, unbeantwortbaren Fragen, spontanen Einfälle! Erstens, ganz einfach, um sie schwarz auf weiß festzuhalten, sie stehen zu lassen, sie vergessen zu können; denn zu bewältigen, zu begreifen ist davon so gut wie nichts, es unartikuliert mit mir herumzuschleppen, würde mir das Leben zu schwer machen … würde mein Leben auf das bloße Überleben beschränken, darauf, immer noch einmal irgendwie davonzukommen. Zweitens gilt aber auch, dass Beiläufiges ebenso wie Wesentlicheres allein dadurch, dass es aufgeschrieben wird, Sinn gewinnt, sinnliche Präsenz gewinnt, selbst dann, wenn mir das Verständnis dafür fehlt. – Der Sommer trumpft mit brutaler Hitze auf. Der Winter … auch die schärfste Winterkälte kennt solche Triumphe nicht. – Läden zu, Gardinen runter, bin mit dem Rücken zur Welt, zum Licht täglich bis zu zehn Stunden schreibend und recherchierend am PC. Dabei … dafür gibt es keinerlei äußern Antrieb. – Heute auf der Gartenterrasse zum Prosecco mit Anne, Beate, Krys, Anita – mehr »Frau« aufs Mal geht nicht, bisweilen tut’s gut, doch bald ist es zu viel, und was zu viel ist, ist in diesem Fall das, was fehlt. – Bin endlich fertig geworden mit der dritten Durchschrift von John Potockis zweitem Leben, wollte telefonisch darauf anstoßen mit Simon Morris, mit Christiaan Lucas, mit Krys, mit dem Verleger – zu erreichen ist keiner, niemand von ihnen allen ist zu erreichen und … aber »aufs Band sprechen« mag ich das Prosit nicht. – Nach manchen enttäuschenden Lektüren in jüngster Zeit bin ich nun doch wieder mit zwei starken Autoren von untrüglicher Qualität zugange – lese von Claude Simon ›Sacre du printemps‹, ein großartiges Frühwerk, das auf Deutsch nicht greifbar ist, für das die Kritik kein Interesse aufbringt, dass auch Simon selbst offenbar nicht sonderlich geschätzt, jedenfalls nicht in die Werkausgabe der Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen hat; und René Girard mit anderthalb Tausend Seiten ausgewählter Schriften zur Theorie des mimetischen Begehrens, alles mit gleichbleibender zurückhaltender Eleganz vorgetragen, die Argumentation stetig verfeinernd, teilweise in dezidierter Auseinandersetzung mit »gegnerischen« Autoren, das Ganze – ein Lebenswerk von seltener Konsistenz und Folgerichtigkeit – angelegt auf eine umfassende Welterklärung als allgemeine Phänomenologie und Kritik des Menschseins, vom Kannibalismus bis zur Erzählkunst, zu Mythos und Religion, zur Ökonomie, zur Sexualität, zum Krieg. – Ist aber das, was ich lese, identisch mit dem, was die Autoren sagen wollten und geschrieben haben? – René Girard wird von manchen Fachkollegen angefeindet, ich lese ihn nicht professionell, ich habe das Privileg, das auslesen zu können, worauf es mir ankommt, womit ich etwas anfangen kann, was für mich Sinn macht jenseits der Richtigkeiten von Argumenten … jenseits der Halbwertzeit von Vermutungen und Behauptungen. Und wenn ich ausgerechnet einen Text, den der Autor – wie in diesem Fall Claude Simon im Hinblick auf ›Le sacre du printemps‹ – für misslungen hält, als ein Meisterwerk begreifen und daraus Anregung gewinnen kann, bleibt mir das unbenommen, denn ich lasse mich als individueller Leser ansprechen und nicht als Repräsentant einer wie immer gearteten Interessen- oder Wissensgemeinschaft. Als individueller Leser habe ich andere Ansprüche als das Publikum. Das sogenannte Zielpublikum ist ein anonymer Haufen von Rezipienten mit vorbestimmten Erwartungen, die der Autor zu erfüllen hat und in aller Regel auch erfüllt. Einen Erfolgsroman, ein erfolgreiches Sachbuch zu schreiben, ist keine besondere Leistung, ist etwas, das man lernen kann und das ja auch gelehrt wird. Solche Publikumsliteratur macht die Mehrheit dessen aus, was heute an Literatur produziert, von Rezensenten begrüßt, von Juroren mit Preisen ausgezeichnet wird. Der individuelle Leser ist demgegenüber ein Gegenleser, für ihn ist Lektüre ein kritischer Gegenzug, ein Akt des Eigensinns, der Sinn bringt, ausgehend vom Text und nicht bloß eingehend auf ihn, ein Akt, ein Gegenzug, der selbst dem Autor … der selbst der Absicht des Autors zuwiderlaufen kann und [bricht ab] – Das Neue, so postuliert Frank Hartmann in seinem Plädoyer für eine neue Kulturökonomie, sei nicht die Leistung einzelner Erfinder, Wortführer, Genies, sondern die Arbeit »irgendwelcher Bastler (tinkerer)«, die meist als anonymes Kollektiv im Umfeld herausragender Neuerer agieren. Das Neue, meint er, sei vor allem ein soziales Phänomen, erwachse aus einem gemeinschaftlichen »genuin neuen Bedarf«, entstehe mithin erst dann, wenn es dafür einen sozialen Druck, ein kollektives Interesse gebe: »Wirklich Neues kommt nicht aus der Planung, auch nicht aus der technischen Entwicklung, sondern aus den Gebrauchsstrukturen, mit denen Menschen sich neue Möglichkeiten erschließen.« Das ließe sich leicht an den Diskurs vom Tod des Autors anschließen … an die Debatte um die Ablösung individueller Autorschaft durch diverse Verfahren des Kopierens, Imitierens, Kompilierens, Exzerpierens, Multiplizierens, Kommunizierens, die nunmehr definitiv durchgesetzt werden im »Kampf der kreativen Amateure gegen die veraltete Welt der Kulturindustrie « mit ihren Meinungsführern, Trendsettern, Starautoren usf. Das Neue ist in jedem Fall ein Plus, ist etwas, das zum bisher Bekannten und Gängigen dazukommt, ein Mehrwert gewissermaßen. Ein solcher Mehrwert … etwas Neues ist, gegenüber jedem Original, auch jede Kopie. Entspräche Innovation einem steten gesellschaftlichen Bedürfnis nach noch mehr, dann wäre dies das Bedürfnis, immer noch mehr haben und wissen zu wollen. Das ist unschwer nachzuvollziehen. Fragt sich allerdings, was aus solchem Mehr an Haben und Wissen entstehen soll, wie es – ob es! – überhaupt noch produktiv zu nutzen ist. Man darf daran zweifeln, dass die mit dem WWW groß gewordenen User das Internet gewollt und gemeinsam hervorgebracht haben, zweifeln auch, dass sie das Internet in einer Weise nutzen, die weiterhin auf Erkenntnisgewinn, auf produktives Denken (statt bloßes Wissen) und, allgemein, auf ein besseres Leben, eine bessere Welt angelegt ist. Dass heute eine Mehrzahl von jungen Menschen lieber auf Sex als auf ihr Handy oder ihr iPhone verzichten würden, obwohl die Geräte fast ausschließlich als Tratschmaschinen und via Apps als Gedanken- oder Gedächtnisersatz verwendet werden und also eher der Bequemlichkeit, der Unterhaltung, der Entlastung dienen, ist das bedenkenswerte Ergebnis einer repräsentativen Umfrage in Deutschland. Gesellschaftliche Notwendigkeit? Kulturelle Innovation? Technische Bastelei? Termindruck, Stress, Beschleunigung in der Alltags- und Arbeitswelt, und dennoch (so stelle ich tagtäglich fest) verlangsamen sich die einfachsten Vorgänge, als handelte es sich um komplexe Prozesse – gerade das wird liegengelassen, aufgeschoben, dann vergessen, was sich am raschesten erledigen ließe. Max Webers Maxime, wonach produktives Handeln den vorübergehenden Verzicht aufs Reden voraussetze, wird unentwegt unterlaufen durch Absprachen, Einsprachen, Besprechungen, Verabredungen, Absagen, Ankündigungen, Widerrufe usf. Das Smartphone kann … das Smartphone ermöglicht vieles, was zuvor nicht nur nicht möglich war, sondern schlicht als unmöglich galt. Von den vielen Möglichkeiten können aber nur wenige als substantielle beziehungsweise gesellschaftlich relevante Innovationen gelten. Wie viel Erde, wie viel Habe braucht der Mensch, um sich und seiner Familie das materielle Auskommen und ein würdiges Leben zu ermöglichen? Das war noch vor hundert Jahren die große ökonomische und ethische Frage … war eine konkrete Herausforderung. Wie viel Innovation braucht der Mensch, um sich als massenhaftes Wesen in einer Welt zu behaupten, deren Ressourcen in absehbarer Zeit erschöpft sein werden, während gleichzeitig das Bevölkerungswachstum zunimmt und die Biosphäre aufgrund technischer und industrieller Innovationen unumkehrbar geschädigt wird? Ich meinerseits sehe schon lange keinen Grund mehr, das Neue für das Wünschenswerte zu halten. Für wünschenswert halte ich das andere – die Alternative, die Wahl zwischen bestehenden Möglichkeiten, die gleichzeitige Realisierung verschiedener Möglichkeiten. Prüfung, Klärung, Nutzung des Status quo, statt unkritisch und mehrheitlich dem Faszinosum des Neuen zu verfallen. Die meisten heutigen Innovationen – die Erfindermessen geben dafür Beispiele zur Genüge – wären durchaus verzichtbar, Fortschritt und Zuwachs und Rendite und Bequemlichkeit sind keine valablen Wertmaßstäbe mehr. Auch Rückschritt – Modernisierung durch Archaisierung – sollte ein denkbarer … müsste ein machbarer Schritt sein, ohne dass es zu allgemeiner Stagnation kommt. Kleine, private, lokale Verhältnisse zu pflegen, statt global zu planen und zu agieren, könnte eine Option sein … könnte ein Ansatz zur Relativierung des aktuellen Innovationswahns sein. Das Neue mag – wofür auch immer – gut sein, aber es ist nie nicht des Guten zu viel. – Donnerstagsmarkt in Orbe. Der Markt wird ab sechs Uhr in der Früh aufgebaut. Man bietet die Frischware an offenen Ständen, in Verkaufsbuden, auf kleinen Tischen unter Sonnenschirmen oder direkt vom Lieferwagen an. Die Sparten sind klar getrennt – da ist der Brotstand mit zwei Dutzend verschiedenen Produkten, dort – der Tisch mit ebenso vielen Honigsorten, ein gekühlter Pickup mit Frischfisch, ein anderer mit siebenundsechzig Käsesorten; hier – der große Gemüsestand, daneben ein Tischchen mit lauter Gewürzen und Aromen. Usf. Die klassizistische Fassade des Gemeindehauses (das auch die Regionalverwaltung und die hier zuständige Sektion des kantonalen Finanzamts beherbergt) verleiht dem Platz und dem Marktgeschehen eine theatralische Kulisse, in deren Schatten ich mich gern bewege. Das Einkaufen ist hier, anders als im benachbarten Supermarkt, von ständigem Reden begleitet – man erkundigt sich, man lässt sich beraten, man berichtet vom eigenen Menüplan, man kommentiert … man lobt oder kritisiert das Angebot. Der Einkauf setzt sich aus beliebig vielen Einkäufen zusammen, ich bezahle separat für eine Ingwerknolle, eine jurassische Käseauswahl, einen Frischfisch aus dem Neuenburgersee, zwei Baguettes (Mohn, Sesam) und diverses Gemüse aus einem privaten Biobetrieb. Bei aller Umständlichkeit und trotz höheren Preisen möchte ich den wöchentlichen Marktbesuch hier vor Ort nicht missen. – Volkslieder in Sonette übersetzen, Balladen in Prosagedichte, Sestinen in Oktaven, gereimte Langgedichte in ungereimte Kurzgedichte, freie Verse in alkäische Strophen usf. Heute die Idee (fast schon ein Projekt) experimenteller Übersetzungen – sowohl innersprachlich wie auch zwischensprachlich. Wie versetze ich ein gereimtes Poem von Marina Zwetajewa aus dem Russischen in ein ungereimtes deutsches Gedicht in freien Versen? Wie mache ich aus einer Elegie von Rainer Maria Rilke ein Sonett? Wie bringe ich ein Langgedicht von Paul Valéry in die deutsche Form einer ungereimten lyrischen Miniatur? Geht das denn überhaupt? Muss es sein? Was wäre aus einem derartigen Versuch zu lernen? Formal sehe ich … erwarte ich kaum Probleme, vermute aber, dass die jeweils vorgegebenen Themen – Liebesgedicht, Landschaftsgedicht, politisches Gedicht, religiöses Gedicht – nicht jeder beliebigen lyrischen Textsorte eingepasst werden können.

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