René Char: Vertrauen zum Wind

Char/Silva-Vertrauen zum Wind

FLÜCHTLING VOM ARCHIPEL

Orion,
Mit dem Mal des Unendlichen und des irdischen Durstes,
Der seinen Pfeil nicht mehr köpft mit der alten Sichel,
Die Züge geschwärzt vom Ausglühn des Eisens,
Mit dem raschen Fuß, geschickt, die Spalte zu meiden,
War gerne bei uns
Und blieb.

Geflüster unter den Sternen.

 

 

 

Zu dieser Ausgabe

Grundlage der hier vorgelegten Übersetzung ist die im April 1983 bei Gallimard, Paris, in der Édition de la Pléida erschienene Dünndruckausgabe der Dichtungen René Chars, deren Fassung wohl als die endgültige angesehen werden darf. Diese Übersetzung knüpft dort wieder an, wo die Übersetzer, Johannes Hübner und Lothar Klünner, seinerzeit aufhören mußten: bei der großen zweibändigen Char-Ausgabe von S. Fischer, Frankfurt am Main 1959/1968, die dem deutschen Leser die Gedichte der Frühzeit und der mittleren Periode französisch und deutsch präsentierte und die inzwischen vergriffen ist. Hier nun sind Dichtungen aus den Jahren 1963 bis 1979 ausgewählt worden, die man dem Spätwerk zurechnen kann. Die beiden Gedichtreihen L’Áge cassant (1965) und Aromates chasseurs (1975), die vor Jahren nach den Erstausgaben übersetzt worden waren, wurden erneut durchgesehen, mit der Pléiade-Ausgabe verglichen und, wo Änderungen und Zusätze es erforderlich machten, auch neu übersetzt, diesmal ohne Johannes Hübner, der 1977 verstorben ist. Die Übersetzung der Reihe Faire du chemin avec… (1976) und der Einzelgedichte besorgte Lothar Klünner.
Im übrigen hat dieses Spätwerk nichts von einem Alterswerk, da mangelt es nirgends an Vitalität und Stringenz, wenn auch die bitteren Erfahrungen, die das Alter mit sich bringt, nicht geleugnet werden. Schrieb doch Char schon 1965, als er 58 Jahre alt war: „Geboren bin ich wie der Fels, mit seinen Wunden. Nicht zu heilen von meiner abergläubischen Jugend, trete ich, da das helle Gefeitsein endet, ins zermürbende Alter.“

Zur Char-Rezeption

Es gibt wohl niemanden, der Gedichte René Chars nebenbei konsumieren könnte. Man wird sie entweder kopfschüttelnd aus der Hand legen oder sie sich, nicht ganz ohne Mühe, erschließen müssen, bis sie faszinieren. Ihre Faszination hat dann etwas von einem Naturereignis. Nicht nur daß Berge, Wälder, Sturzbäche, Tiere und Menschen der Provence lebendig aus den Gedichten treten, mehr wiegt die Tatsache, daß der Mensch in seiner verzweifelten Abhängigkeit von der Technik und von den gesellschaftlichen Zwängen bei der Begegnung mit den geheimnisvollen Kräften der Natur und des Universums, die im Charschen Gedicht stattfindet, aufs tiefste betroffen, in seinen bequemen und allwissenden Ideologien verunsichert und einer neuen konfliktbewußten Position entgegengeführt wird, in der zwar keine Siege zu erwarten sind, aber das Leiden wieder sinnvoll und nicht ganz ohne Hoffnung erscheint. Hier wird deutlich, daß es sich nicht um eine intellektuelle oder ästhetische Faszination handelt, sondern um einen Appell an unsere ganze Existenz. Die Ursache dafür ist in Chars kraftvoller Diktion, seiner zupackenden Sprachbehandlung, seinem präzisen Bilderreichtum zu suchen, „Vom Hammer haben wir die verwegene Sprache“, heißt es in einem Gedicht von 1977. Er greift da einen Gedanken auf, der schon Anfang der dreißiger Jahre in den ersten Gedichtbänden eine Rolle spielte; „Le Marteau sans maitre“ lautete damals ein Titel, „Der Hammer ohne Meister“. Wenn sich auch im Spätwerk Chars die Akzente mehr zugunsten des Bewußten und Gezielten verschoben haben, so gilt doch nach wie vor, daß der unbewußte Anteil am Hämmern, bei dem der Meister selber nicht eingreift, beträchtlich bleibt. Das hat Char den Ruf der Dunkelheit, des Hermetismus, eingetragen, Indessen sollte das keinen abschrecken, Die Poesie sorgt selbst dafür, daß mit der Zeit ihre Dunkelheiten, ihre Vibration zwischen Gegenwart und Ewigkeit, ihr Schweben über den Objekten und ihre feste Verankerung im Subjektiven, im Menschen selbst, dem Leser plausibel werden, Das betrifft auch jene Gedichte Chars, die auf den ersten Blick wie Sentenzen, wie Aphorismen erscheinen. Nur der wird sie richtig lesen, der ihre poetische Schwingung im Auge behält und sie nicht auf ein vordergründiges Verständnis hin festlegen will. Die Übersetzer haben sich jedenfalls bemüht, die Strukturen des Vordergrunds ebenso scharf zu zeichnen wie die assoziative Aura, welche die Mitte bildet, das Herz der Poesie; schließlich wollten sie auch den großen Atem erkennen lassen, der aus dem Hintergrundrauschen einströmt.

Lothar Klünner

„Dieser zeitlose Dichter

spricht genau für unsere Zeit. Er ist mitten im Handgemenge, er formuliert unser Unglück wie unsere Wiedergeburt“, so schrieb einst Albert Camus anläßlich der ersten repräsentativen Ausgabe der Gedichte René Chars in Deutschland; und er bestimmte den geometrischen Ort dieser Poesie mit dem großartigen Wort: „auf der Höhe unserer Zusammenbrüche“.
Inzwischen hat sich auch der deutsche Leser davon überzeugen können, daß Chars Dichtung zu dem Bedeutendsten gehört, was in Frankreich nach Baudelaire, Rimbaud, Mallarmé, Apollinaire und Éluard auf dem Gebiet der Poesie verfaßt worden ist. Seit Erscheinen des ersten Gedichtbandes von 1929 bis zur Gesamtausgabe der Gedichte in Gallimards Édition de la Pléiade von 1983 umfaßt das Œuvre des Dichters aus der Provence über hundert Titel, darunter Ausgaben, die von so berühmten Künstlern wie Picasso, Dalí, Miró, Braque, Giacometti, Vieira da Silva illustriert wurden.
René Char hat sich in seiner poetischen Diktion schon früh vom Surrealismus entfernt. Als Maquisard im Krieg fand er die eigene, unverwechselbare, knappe Bildersprache. Im Vers- und Prosagedicht, aber auch im aphoristischen Werk drängt Chars lyrischer Wille zu einer heraklitisch verdichteten Metapher von strenger Schönheit. Diese Dichtungen apellieren an Instinkt und Einsicht des Menschen von heute, zugunsten einer brüderlichen Existenz jene Sicherheiten aufzugeben, die bloß Verhärtungen sind: „Man entdeckt die wahre Helle nur am Fuße der Treppe, im Wind der Tür.“

Heiderhoff Verlag, Klappentext, 1984

 

Kleine Subversionen

Der am 14. Juni 1907 in Isle-sur-Sorgue geborene René Char gehörte bis etwa 1938 zur Gruppe der Surrealisten. Char war maßgeblich an der französischen Widerstandsbewegung beteiligt. Seit April 1983 liegt bei Gallimard, Paris, in der Edition de la Pléiade das Werk dieses bedeutenden, zeitgenössischen französischen Lyrikers in einer gültigen Fassung vor. 1959 bzw. 1968 erschienen im S. Fischer Verlag, Frankfurt, in der Übertragung von Lothar Klünner und Johannes Hübner in zwei Bänden die bis dahin vorliegenden Gedichte in einer zweisprachigen, mittlerweile vergriffenen Ausgabe.
In einer ambitionierten Reihe im Horst Heiderhoff Verlag, Waldbrunn, macht Lothar Klünner (Johannes Hübner ist 1977 verstorben; vgl. PARK 23) Dichtungen aus den Jahren 1963 bis 1979 in einer ebenfalls zweisprachigen Ausgabe zugänglich. Unter dem Titel Vertrauen zum Wind versammelt das Bändchen die nochmals überprüften Übersetzungen der Zyklen „L’Age cassant“ (1965) und „Aromates chasseurs“ (1975).
Die kontinuierliche übersetzerische Begleitung dieses Werks durch Lothar Klünner garantiert einen deutschen Text, der sich der Schwerelosigkeit und der durch keinen Altersstil belasteten sprachlichen Beweglichkeit Chars angleicht. Wichtiger jedoch, und das gälte grundsätzlich, weil es eine fast ausschließlich im Französischen anzutreffende Eigenheit kennzeichnet ist, daß an keiner Stelle die immense theoretische oder politische Erfahrung René Chars als Gegenstand des Gedichts an der Oberfläche auftaucht. Das schmälert die geschichtliche Erfahrung dieser Lyrik keineswegs, vielmehr erweitert das die ästhetische Möglichkeit des Widerstands oder der Subversion.

Rainer René Müller, Park, Heft 24/25, Mai 1985

(…)

Die Poesie kennt einen anderen Anspruch, der ebenso stolz ist und untrennbar von ihr: die Wahrheit. Zwischen dem benannten Gegenstand und dem Namen, den der Dichter ihm gibt, hat keine Spur von Undurchsichtigkeit Platz, paßt nicht das winzigste Körnchen, das diese Einheit verfälschen könnte. Es ist nicht nur kein Irrtum möglich, sondern auch nicht die kleinste Zweideutigkeit, nicht die leiseste Trübung.
Wahr zu sprechen ist die wesentliche Aufgabe des Dichters:

Wobei Dichtung und Wahrheit, wie wir wissen, ein und dasselbe bedeuten. Angesichts der äußeren Wirklichkeit und der menschlichen Bedingtheit empfängt er sofort den Choc der Ungerechtigkeit:

Worunter der Dichter in seiner Beziehung zur Welt am meisten leidet, ist, das Fehlen eines INNEREN Gerichts.

So findet sich im Kern seiner Moral ein unbezwingbares Wahrheitsbedürfnis, ein strenges Gerechtigkeitsempfinden, dessen Mangel ihn, wo es auch sei, empört und ihn sozusagen in seiner körperlichen Integrität berührt.

Gleichgewicht erreicht man anscheinend nur auf Kosten der Gerechtigkeit. Schmähliches Resultat! Nicht wahr, ihr Mütter, die ihr uns austrugt in euren Leibern voll Brennesseln?

Die GerechtigkeIt ist die Gefährtin des Mutes. Keinesfalls darf der Mensch versäumen, richtiger gesagt: darauf verzichten, dieses Mehr an Licht zu suchen, das sie in sein Gewissen bringt.

Die große Erdennacht besteht nicht aus Erdhöhlen, sondern aus verstreuten Mißverständnissen. Ankämpfen gegen das absolute Sich-Verkriechen und Verstummen.

—————

Chars Brüderlichkeit ist für uns Dürstende eine stete Quelle der Erfrischung und des Wohlbehagens.

Das Dasein ist nur eine stetige Folge von solidarischen Bindungen, die weiß oder schwarz sind, zufällig oder nicht.

Erst einmal kommt es darauf an, daß der Mensch Dinge und Menschen respektiert.

Vor den anderen halte, was du dir allein versprachst. Darin besteht dein Vertrag.

Doch sollte der Mensch auch wissen, daß die Solidarität mit ihrer defensiven Haltung nicht genügt: man muß „vom Grunde her brüderlich“ sein. Ihm, dem Zufriedenen und Unbändigen, rät der Dichter:

Beuge dich nur, um zu lieben. Du liebst noch, wenn du stirbst.

Man kann bei Char in der Tat von einer weiten menschlichen Perspektive sprechen. Findet sich doch der Dichter, geleitet von einem untrüglichen feinen Instinkt, nicht nur in jedem Fall auf seiten der Hochherzigkeit gegen die Unternehmungen der Intoleranz, der Grausamkeit, der Verfolgung und der Herabsetzer und Abwerter des Menschen; sondern er wird auch nicht müde, den menschlichen Bereich zu erweitern. Wenn es einen Fortschritt gibt, ist es diese Bewegung und sonst nichts.

Von bisher gleichgültigen Wesen und Dingen aus ein neues Lieben zu gründen, darauf kommt es an.

In La bibliothèque est en feu hat Char geschrieben, daß nur seinesgleichen in ihm die Poesie auslöse und ihm erlaube, die Grenzen der „alten Wüste“ zu verlassen. Seine Achtung, seine Zuvorkommenheit und das Maß seiner Verpflichtung gegenüber den Menschen sind schrankenlos.

Die Suche nach einem Bruder bedeutet fast immer das Trachten nach einem Wesen, das uns ebenbürtig ist; es drängt uns, ihm ein Übersinnliches beizulegen, dessen Zeichen wir eben zu entziffern beginnen.

Schließlich legt der Dichter seinem Nächsten die geheime und tiefe Begeisterung für die andern ans Herz, jenes Erntefest, das Gabe heißt:

Häufe an, dann teile aus. Sei die dichteste Stelle im Spiegel der Welt, die nützlichste und die unauffälligste.

In der Dichtung René Chars ist die Redlichkeit wach:

Es ist des Dichters nicht würdig, das Lamm zu täuschen, mit seiner Wolle zu wuchern.

Und es ist weder bloße Form noch angelernt, sondern eine natürliche Noblesse, die Empfindungen aufzuspüren und ins Spiel zu bringen. Doch abgesehen von jenem „Rang zwischen Offenbaren und Mitteilen“, dessen Einbuße Char beklagt, gibt es wohl noch einen anderen Rang, einen Punkt höchster Noblesse, auf den der Dichter zielt, wenn er sagt:

Suche lieber das einsame, scharfe Motiv, das dich emporsteigen läßt.

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Wie ich mich auch beobachte in meinen Fehlern, in meiner Maßlosigkeit, in meiner Trunkenheit, in meiner Qual, ich finde keinen Ehrgeiz in mir.

Die Taten des Dichters haben alle diese besondere Farbe. Seine – ich möchte sagen – ursprüngliche Bescheidenheit ist weit entfernt von jedem metaphysischen Bezug, von jedem vorgefaßten System. Sie hat die Art der Einsiedler, die niemanden belasten, nicht lärmen und sich nicht breit machen.
Nach Char soll die ethische Übung bewirken, die Leichtheit und Ungezwungenheit im Umgang mit den einfachen Dingen wiederzufinden und zu so umsichtigen Urteilen zu gelangen wie die Altvordern, Jäger oder Fischer, in ihrer Vertrautheit mit der Natur. In René Chars Aphorismen gibt es die gleiche Schamhaftigkeit gegenüber den Konsequenzen und auch diese unnachahmliche Art, Abschied zu nehmen… Und ferner, um schärfer zu akzentuieren, die Erfahrung des Einkreisens, die Kunst des Aussparens und schließlich die Gewohnheit, präzise zu urteilen und so knapp wie möglich zu messen.

Dem schmachvollen Zwang der Wahl zwischen Gehorsam und Wahnsinn zu entrinnen, auszuweichen dem Falle des ständig wiederkehrenden Beiles des Tyrannen, gegen das wir in pausenlosem Kampfe ohne Schutzmittel stehen, das ist unsere Rolle, unsere Bestimmung, unser gerechtfertigtes Schwanken. Wir müssen das Gehege des Schlimmsten durchschreiten, die gefährliche Bahn einschlagen, darüber hinaus noch jagen, das Unrecht in Stücke schlagen und endlich ohne viel Kleinkram auf der Schulter verschwinden. Ein schwacher Dank, gegeben oder empfangen, und sonst nichts.

In einem anderen Bilde zeigt Char, daß der Mensch, der seiner Kräfte gewiß ist, auf der Hut bleibt und daß Wachsamkeit gleich Geduld ist.

Wenn auch der Sturm unaufhörlich meine Küsten peitscht, ist meine Woge im offenen Meer tiefgründig, vielgestaltig, zauberisch. Ich erwarte nichts ENDGÜLTIGES; ich nehme es hin, zwischen zwei ungleichen Dimensionen zu pendeln. Und doch, meine Fahrtzeichen sind von Blei, nicht von Kork, meine Spur ist von Salz, nicht von Rauch.

Chars Moral ist, da sie die innere Freiheit des Menschen feiert, gleichermaßen eine Moral des Ausweichens wie der Tatkraft, ohne jemals lästig zu werden:

Geht auf das Wesentliche: braucht ihr nicht junge Bäume, um euren Wald aufzuforsten?

Wie reizvoll und verschlungen die Umstände auch sein mögen, er verliert sich in ihren Umwegen nicht.

Das Wesentliche ist unaufhörlich bedroht vom Bedeutungslosen. Kreislauf im Flachen.

Wieder andere Fallen werden dem Menschen von der Vielfalt seiner Kontemplation und von dem Geflimmer der Erkenntnis gestellt. Dann kommt es auf die wirkenden Kräfte an:

Das Schwierigste ist, die Karre vom Gärtner zu unterscheiden, die Nase vom Profil, und sich darüber nur UNMERKLICH Rechenschaft abzulegen.

Der Mensch, der sich darüber vollkommen klar ist, kann das Wesentliche wählen gegenüber dem Äußerlichen, seine Tat aus einem Guß ausführen, unbekümmert um ihre Wirkung.

Bleib nicht in den Räderspuren der Resultate stecken.

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Unter den verschiedenen Faktoren, die den poetischen und ethischen Standpunkten René Chars ihren wesenhaften Charakter, ihren Wert und Inhalt geben, steht an erster Stelle die Liebe. So wurden die meisten seiner Gedichte in der Souveränität der Liebe geschrieben. Char führt uns mit zwei Sentenzen aus A une sérénité crispée an ihre beiden Pole. Rühmung:

Und du, Gipfel von heute, Liebende, sorge dich nicht; ich füge dich nicht zu den Gaben, die ich vor dir empfing.

Und Überlegung:

Mann und Frau, durch die Schwungkraft der Liebe zusammengebracht, lassen mich an das Bild des Schiffsrumpfes denken, der durch sein Tau an die Faszination des Ufers geknüpft ist. Dieses dumpfe Geräusch, diese biegsame Schwere, diese Bißwunden wieder und wieder, die Nähe des Abgrunds und über all dem diese kurzfristige Sicherheit, Bindestrich zwischen Sturm und Windstille.

Der Dichter empfindet die Liebe nicht als eine Krise, einen Ausnahmezustand, einen Taumel, in den die Menschen stürzen, oder einen Zwang, der sie beherrscht. Seine Liebenden sind die Klarsicht selbst.

Wir bilden vereint nicht das Ergebnis einer Kapitulation noch den Anlaß zu einer weit drückenderen Knechtschaft.

Kraft der Liebe kann die Poesie sich der Totalität des Täglichen bemächtigen, den Dingen der Welt doppelte Aufmerksamkeit schenken, sie erleuchten. Da ist Gelingen, da ist Fülle. Die Liebenden atmen eine Luft, die „Überfülle und funkelnde Muße“ hat, eine Luft, „stets bereit, den meisten Wesen zu mangeln“.

Nur diesen Atem kennt der Dichter. Die Liebe und sein Leben verschmelzen zu klarer Einheit. Ihre Maßstäbe sind gemeinsam. Ihre Räume identisch.

Sein kann ich und leben will ich nur im Raum und in der Freiheit meiner Liebe.

Doch weit entfernt, inbrünstige Einsamkeit zu sein, in der, wie es oft geschieht, sich die Liebenden in sich selbst verschließen, ist die Liebe bei Char ein unaufhörliches Sichverströmen. Wenn der Dichter zum Beispiel die geliebte Frau erwartet, verschwistert sich ihr Bild unmittelbar mit Früchten, Blumen, Pflanzen, Licht:

Beim Liebesanruf wird die Liebende kommen,
Sommerglorie, o Früchte!
Der Sonnenpfeil durchbohrt ihre Lippen,
Der nackte Klee kräuselt sich auf ihrem Fleisch.

Der Mensch erfährt seine volle Entfaltung erst durch die Liebe, und der Glaube an die Liebe gibt ihm Halt und macht ihn reich.

Bald verarmen würde der Ehrgeizige, der ohne Glauben bliebe an die Frau, wie die Drohne sich abmüht mit ihrer stets minder geräumigen Fertigkeit.

Man hat in „Lettera amorosa“ eine Dialektik des Abwesenheitsgefühls sehen wollen, weil es dort an einer Stelle heißt: „Dieses überwintern des Denkens, beschäftigt mit einem einzigen Wesen, welches die Abwesenheit bemüht ist auf halbem Wege zwischen das Künstliche und das Übernatürliche zu stellen.“ Sicherlich hat Char hier an den tiefsten Inhalt der Liebe gerührt: ihre höchste Sensibilität für Zeit und Raum, das heißt für Erinnerung und Abwesenheit. Die etwas mehr als zwanzig Seiten dieses Tagebuchs einer Trennung bilden eine Art natürlichen Gedichts, an dessen Schluß die Frau verwandelt ist: eine Gottheit, eine Blume, die vor allem Licht braucht.
Bemerkenswert ist noch, daß A une sérénité crispée, worin der Dichter vorwiegend seine Ethik zusammengefaßt hat, beschlossen, ja gekrönt wird von dem Gedicht „An…“:

Du bist meine Liebe seit so langer Zeit,
Mein Taumel bei soviel Harren,
Daß nichts erkalten, nichts altern kann…

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Ein zweiter bedeutsamer Faktor ist die erdhafte Natur René Chars.
Man hat bemerkt, daß Stadtbilder, Straßen, Maschinen im Werk des Dichters recht selten sind. Tatsächlich ist Char, wenn er einen Teil des Jahres in Paris lebt, niemals wirklich zu Hause. Auf dem Pflaster, im Schatten der Mauern, in der Unnatur des Lärms und der Lichter macht er den Eindruck, als fehle ihm Raum, als sei er nicht auf dem Posten. Er ist dort am falschen Platz.
Aber man muß ihm nur in L’Isle-sur-Sorgue begegnen, am Hang des Hügels, in der feuchten Morgensonne. Der Weg knirscht unter seinem festen Schritt. Hoch oben hört man die Lerche, unsichtbar im Licht. Da muß man gehört haben, mit welcher Begeisterung Char von einem alten Hause spricht oder von einem Stück Wiese, muß seinen Zorn gegen jede Unterdrückung, gegen alle Ungerechtigkeit erlebt haben. Man muß gesehen haben, wie er auf dem Wege zwischen zwei Bauernhöfen stehen bleibt, um den Menschen zu verteidigen, seine Bedingtheit, seine Vollendung, seine edelsten Rechte, seine Freiheit. Fühlt er, daß er machtlos ist, oder beinahe, so schweigt er mit finsterem Gesicht, verschließt sich in seiner Wut. Ist er krank, zieht er sich zurück, verstummt wie ein verwundeter Eber, der sich im Dickicht verbirgt.
Gegen Abend beginnt die Dämmerung mit den fiebrigen Blättern der Weiden zu spielen. Dorthin, zu den Ufern der Sorgue, entwich einst der Jüngling, „der Geprügelte“, um wieder Vertrauen und Leidenschaft zu gewinnen:

Es schien, als hätte ihn alles, was die Erde an Edlem und Unvergänglichem je hervorgebracht, zum Ausgleich an Kindesstatt angenommen.

Man hört einen Leiterwagen vorbeirollen; die Schnitter kommen von den Wiesen, sprechen den Dichter an.
„Wenn Char so zwischen den Bauern und Fischern seiner Heimat steht“, schreibt Andre Rousseaux, „offenbart er uns den wahren Zusammenhang zwischen der Dichtung und den Kraftquellen der menschlichen Natur. Die Natur bringt an Reichtümern unendlich mehr hervor, als ein Gedicht davon fassen könnte. Doch kann die Dichtung diese Reichtümer filtern, um ihnen mehr Intensität zu verleihen. Sie ist in ihrem Wesen Kristallisation. Daher rührt Chars Hermetismus, der äußerster Härte entspringt.“ Und in einem anderen Aufsatz zeigt Rousseaux, daß der dichterische Prozeß bei Char das Gegenteil desjenigen ist, den wir von den „Wortschöpfungspoeten“ her kennen, die sich mit Sprachzauberei befassen, um eine rein verbale, entkörperte Welt zu schaffen. Chars Dichtung „setzt das Wort – auch und gerade wenn es ein Bild ist – wieder ein in seine Funktion als Teilhaber an der Natur der Dinge und des Menschen“. In seinen Gedichten herrscht das konkrete Wort, ein Respekt vor dem tiefen Sinn, eine unnachahmliche bäuerliche Art, die Worte mit Kraft und zugleich Sachkenntnis zu gebrauchen.

Ich liebe dies sanfte Stück Land, seine Lehne aus Einsamkeit, an dessen Rand die Stürme sich folgsam entwirren, an dessen Mast ein verlorenes Antlitz für Augenblicke aufleuchtet und mich zurückruft.

So gibt es auch in der Ethik Chars eine buchstäblich bäurische Redlichkeit. Er blickt seiner Aufgabe gerade ins Auge, und er glaubt an die Achtung vor der Vergangenheit und an die Zuverlässigkeit, die in den Menschen vom Lande lebendig sind. Daher auch seine barsche Art in der Großzügigkeit wie in der Güte oder Zärtlichkeit (zum Beispiel läßt seine Großzügigkeit keinen Dank zu; oder er verhehlt seine Güte).
Man kann sogar die Behauptung wagen, daß der Aphorismus, jene Form, in die Char häufig seinen Gedanken kleidet, durch die Sparsamkeit seiner Mittel den natürlichen Dingen besonders entspricht.

Bleibt der Wolke nah. Wacht bei dem Werkzeug. Jede Saat erregt Haß.

Char hat auf all das hingewiesen, was der Dichter jener verborgenen Poesie verdankt, die zart ist, weil eben geboren, und die der engen Beziehung zwischen dem Menschen und der umgebenden Natur entspringt:

Ich glaube, daß die Poesie, ehe einer sie für immer in ihre Dimension und in ihre Machtbefugnisse einsetzt, eine Vorexistenz führt als Verbindung, als Spektrum und als Dunst in dem Wechselgespräch der Menschen, die in offenbarem Einvernehmen mit den Entwürfen wie mit den wahrhaft vollendeten großen Werken der Schöpfung leben. Die fast ununterbrochene Gefahr der Vernichtung, der sie ausgesetzt sind, ist ihr sicherster Schutz. In solcher Gesellschaft in die Lehre zu gehen ist Privileg des Dichters.

Übertragen auf die Moral und stetig darin reflektiert, ist diese Naturbezogenheit im Denken Chars der Garant einer unverwüstlichen Kraft und Gesundheit.

Lassen wir nicht zu, daß man uns das Stück Natur wegnehme, das in uns ist. Keinen Staubfaden dürfen wir davon verlieren, keinen Wasserkiesel verschenken.

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Schließlich hat das Leben im Maquis, in der Resistance, das Char so intensiv geführt hat, dem Dichter etwas von seinem Sinn, aber auch von seinem Schatten aufgeprägt. Wie die Tiere des Waldes und der freien Wildbahn ihr Lieblingsgelände haben, so zeigt auch René Char eine Vorliebe für zwei Gebiete: die Gegend seiner Kindheit, die von der Sorgue bewässerte Ebene, und, kaum hundert Kilometer entfernt, das Gebiet seines Widerstandskampfes, die windumtosten, eichenbestandenen Hänge der Basses-Alpes. Dort hat er denn auch während der Monate, da sich in „seltsamer Gesundheit“ Verzweiflung und Revolte, Aktion und Reflexion, die Erfordernisse des Lebens und des Kampfes mischten, die Erfahrung gemacht, welchen Wert, welche positiven Seiten der Pessimismus als Mittel besitzt, die wirklichen Grundlagen für eine Ethik zu schaffen, der uneingeschränkte und begeisterte Hochachtung zukommt. Realität und Entblößung von allem Tand hieß die eindeutige Erkenntnis in den Tagen des Partisanenkampfes.

Nicht ich habe die Dinge vereinfacht, sondern die grausigen Dinge haben mich einfach gemacht.

Als der Dichter seine Wahrheits- und Gerechtigkeitssuche nach der Resistance-Zeit fortsetzt, ist er überzeugt, daß die menschliche Würde, „die in der Aktion wie in dem hybriden Zustand, der ihr folgt, so schlecht zu verwirklichen ist“, ihr Gegenstück finden müßte in einer von der Poesie geförderten natürlichen Haltung des Menschen.

Leuchten und emporschnellen – rasches Messer, langsamer Stern.

Es gibt keinen Ausweg, bloß eine tausendjährige Geduld, an die wir uns lehnen.

Das redliche Grab: ein Getreideschober. Das Korn fürs Brot, das Stroh für den Dünger.

Doch hat René Char den Blickwinkel und den Glauben an die Chance, von dem wir oben gesprochen haben, vor allem durch den Maquis bekommen.
Das Hypnos-Tagebuch ist nur eine Art Dialog zwischen dem Humanismus und der Chance. Aus dieser außergewöhnlichen und harten Zeit, in der es um Tod und Leben ging, hat der Dichter den Instinkt bewahrt, das Schwierigste, das Gefährlichste anzupacken, den Versuch zu machen, sich um jeden Preis darin zu behaupten, dem Schicksal kaltblütig ins Auge zu sehen, die Kühnheit in seine Rechnung einzubeziehen und Vertrauen zu haben in jede noch so kleine Summe in seiner Hand. Man darf sagen, daß im Denken Chars das Wort „Moral“ oft gleichsam als Reflex die Vorstellung von Chance hervorruft. Moral heißt, das Wagnis eingehen:

Dein Licht sei das Wagnis.

Diese Ethik nimmt bewußt immer die Gipfellinie, die äußerste Höhe in Anspruch. Sie geht der „Chance des Sperbers“ nach.

Zwing deine Chance auf, schnüre dein Glück und geh auf dein Wagnis zu. Auf dich zu blicken, bald sind SIE es gewohnt.

Allzuleicht ist man versucht, René Chars Gedanken über Moral zu systematisieren, während der Dichter sich nicht scheut, sie uns mit Rückgriffen, mit Lücken, ja manchmal sogar mit Widersprüchen vorzulegen. Wenn man von der Poesie zur Moral übergeht, wenn aus dem „Dichter, der mit seinem ganzen Wesen das Gedicht auf sich nimmt“, das Wesen wird, das in sich die Poesie hat, so ist das immer und vor allem eine Sache des Lebens.

Was unsere Hände (…) zu vollbringen versuchen, zählt ohne Zweifel; aber im Baum des Lebens, nicht diesseits noch jenseits.

Ein Wort Chars kennzeichnet besonders die Bedeutung des Lebens und die Fülle, die es uns unaufhörlich erschließt:

Man muß sich immer wieder dessen versichern, daß das wirkliche Leben und die Dinge, aus denen es gebildet ist, voreinander kein Geheimnis haben. Nur Zerstreutheiten, Weigerungen, Abhandensein, ursprüngliche Verstecke, deren gezielter Sinn sich unserm ersten Blick entzieht. Erstaunlich, wie sehr es uns an Allgegenwart fehlt.

Ausgehend von dieser Allgegenwart kann der Dichter eine Ethik aufbauen, in der wie eine strahlende Garbe der Einklang der Gegensätze steht. Das tat schon Heraklit, der von Anfang an René Char beeinflußt und geprägt hat. Ihre Gedanken, die der eine wie der andere durch Aphorismen ausspricht, berühren sich manchmal außerordentlich. Mehr noch als diese Tatsache, die man ihm manchmal zum Vorwurf gemacht hat – was ihn weniger stört, als wenn man ihn nachahmt −, hat vor allem seine Optik des Lebens, die ganze Art, wie er einer aus den Fugen geratenen Zeit gegenübersteht, den Dichter in die Nähe seines griechischen Meisters gerückt. „Mit Recht nimmt Char den tragischen Optimismus des vorsokratischen Griechenlands für sich in Anspruch“, schrieb Albert Camus im Vorwort zur deutschen Ausgabe der Dichtungen René Chars. Für ihn „wurde ein Geheimnis von Gipfel zu Gipfel weitergegeben, dessen schwierige und spärliche Tradition Char nach langer Verdunkelung wieder aufnimmt“. Ich weiß nicht, ob unsere Zeit sich dessen klar bewußt ist, was Char ihr mit seinem Werk anvertraut. Camus hat recht: seit den Vorsokratikern hat niemand mehr solche Stimme vernommen.
Man kann nicht genug den persönlichen Optimismus René Chars betonen. Denn dieser Pessimist, der sieht, wie sich ringsumher die menschlichen Werte auflösen, ist zugleich ein Optimist, ohne daß zwischen beiden Haltungen ein Gegensatz bestünde. Ja, in ihrem Wesentlichen sind sie eins. Char blickt um sich; er, verunglimpft nicht die Welt und die Dinge, auch nicht das menschliche Glück. Wenn er auch beunruhigt ist über das Schicksal des Menschen, bleibt doch sein Glaube fest. Er glaubt, daß letzten Endes alles einen Sinn habe, auch wenn er nicht unmittelbar in Erscheinung tritt, und in jedem Falle der Mühe wert sei.
„Char“, schrieb René Ménard, „glaubt keineswegs, daß der Mensch oder sein Schicksal absurd sei. Im Gegenteil, die irdischen Gegebenheiten könnten, wenn die Menschen sie nicht aus Dummheit, Verblendung oder Grausamkeit verdürben, ein großartiges, unerschöpfliches Wirkungsfeld sein, das ihnen alle Möglichkeiten bietet, sich in Anmut und Schönheit zu vollenden. Der Mensch könnte der große Gefährte des Lebens sein. Um diesen Einklang zu begreifen und zu beleben, verfügt er über die Poesie, in der sich das Wunder des Bewußtseins und das Unumgängliche der Weltbezogenheit unterm Zeichen der Schönheit vereinen. Diese Schönheit ist Gipfelpunkt und noch dazu Vorrecht.“
Kein Zufall, daß Feuillets d’Hypnos, nachdem es soviel Angst und Mut, soviel Aufruhr, Unglück und Würde beschworen hat, mit den folgenden Zeilen schließt:

In unseren Finsternissen ist kein Platz für die Schönheit. Aller Platz ist für die Schönheit.

Pierre Guerre, aus Pierre Guerre (Hrsg.): René Char – Porträt & Poesie, Luchterhand Verlag, 1968

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG

 

René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.

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