FLÜCHTLING VOM ARCHIPEL
Orion,
Mit dem Mal des Unendlichen und des irdischen Durstes,
Der seinen Pfeil nicht mehr köpft mit der alten Sichel,
Die Züge geschwärzt vom Ausglühn des Eisens,
Mit dem raschen Fuß, geschickt, die Spalte zu meiden,
War gerne bei uns
Und blieb.
Geflüster unter den Sternen.
Grundlage der hier vorgelegten Übersetzung ist die im April 1983 bei Gallimard, Paris, in der Édition de la Pléida erschienene Dünndruckausgabe der Dichtungen René Chars, deren Fassung wohl als die endgültige angesehen werden darf. Diese Übersetzung knüpft dort wieder an, wo die Übersetzer, Johannes Hübner und Lothar Klünner, seinerzeit aufhören mußten: bei der großen zweibändigen Char-Ausgabe von S. Fischer, Frankfurt am Main 1959/1968, die dem deutschen Leser die Gedichte der Frühzeit und der mittleren Periode französisch und deutsch präsentierte und die inzwischen vergriffen ist. Hier nun sind Dichtungen aus den Jahren 1963 bis 1979 ausgewählt worden, die man dem Spätwerk zurechnen kann. Die beiden Gedichtreihen L’Áge cassant (1965) und Aromates chasseurs (1975), die vor Jahren nach den Erstausgaben übersetzt worden waren, wurden erneut durchgesehen, mit der Pléiade-Ausgabe verglichen und, wo Änderungen und Zusätze es erforderlich machten, auch neu übersetzt, diesmal ohne Johannes Hübner, der 1977 verstorben ist. Die Übersetzung der Reihe Faire du chemin avec… (1976) und der Einzelgedichte besorgte Lothar Klünner.
Im übrigen hat dieses Spätwerk nichts von einem Alterswerk, da mangelt es nirgends an Vitalität und Stringenz, wenn auch die bitteren Erfahrungen, die das Alter mit sich bringt, nicht geleugnet werden. Schrieb doch Char schon 1965, als er 58 Jahre alt war: „Geboren bin ich wie der Fels, mit seinen Wunden. Nicht zu heilen von meiner abergläubischen Jugend, trete ich, da das helle Gefeitsein endet, ins zermürbende Alter.“
Es gibt wohl niemanden, der Gedichte René Chars nebenbei konsumieren könnte. Man wird sie entweder kopfschüttelnd aus der Hand legen oder sie sich, nicht ganz ohne Mühe, erschließen müssen, bis sie faszinieren. Ihre Faszination hat dann etwas von einem Naturereignis. Nicht nur daß Berge, Wälder, Sturzbäche, Tiere und Menschen der Provence lebendig aus den Gedichten treten, mehr wiegt die Tatsache, daß der Mensch in seiner verzweifelten Abhängigkeit von der Technik und von den gesellschaftlichen Zwängen bei der Begegnung mit den geheimnisvollen Kräften der Natur und des Universums, die im Charschen Gedicht stattfindet, aufs tiefste betroffen, in seinen bequemen und allwissenden Ideologien verunsichert und einer neuen konfliktbewußten Position entgegengeführt wird, in der zwar keine Siege zu erwarten sind, aber das Leiden wieder sinnvoll und nicht ganz ohne Hoffnung erscheint. Hier wird deutlich, daß es sich nicht um eine intellektuelle oder ästhetische Faszination handelt, sondern um einen Appell an unsere ganze Existenz. Die Ursache dafür ist in Chars kraftvoller Diktion, seiner zupackenden Sprachbehandlung, seinem präzisen Bilderreichtum zu suchen, „Vom Hammer haben wir die verwegene Sprache“, heißt es in einem Gedicht von 1977. Er greift da einen Gedanken auf, der schon Anfang der dreißiger Jahre in den ersten Gedichtbänden eine Rolle spielte; „Le Marteau sans maitre“ lautete damals ein Titel, „Der Hammer ohne Meister“. Wenn sich auch im Spätwerk Chars die Akzente mehr zugunsten des Bewußten und Gezielten verschoben haben, so gilt doch nach wie vor, daß der unbewußte Anteil am Hämmern, bei dem der Meister selber nicht eingreift, beträchtlich bleibt. Das hat Char den Ruf der Dunkelheit, des Hermetismus, eingetragen, Indessen sollte das keinen abschrecken, Die Poesie sorgt selbst dafür, daß mit der Zeit ihre Dunkelheiten, ihre Vibration zwischen Gegenwart und Ewigkeit, ihr Schweben über den Objekten und ihre feste Verankerung im Subjektiven, im Menschen selbst, dem Leser plausibel werden, Das betrifft auch jene Gedichte Chars, die auf den ersten Blick wie Sentenzen, wie Aphorismen erscheinen. Nur der wird sie richtig lesen, der ihre poetische Schwingung im Auge behält und sie nicht auf ein vordergründiges Verständnis hin festlegen will. Die Übersetzer haben sich jedenfalls bemüht, die Strukturen des Vordergrunds ebenso scharf zu zeichnen wie die assoziative Aura, welche die Mitte bildet, das Herz der Poesie; schließlich wollten sie auch den großen Atem erkennen lassen, der aus dem Hintergrundrauschen einströmt.
Lothar Klünner
spricht genau für unsere Zeit. Er ist mitten im Handgemenge, er formuliert unser Unglück wie unsere Wiedergeburt“, so schrieb einst Albert Camus anläßlich der ersten repräsentativen Ausgabe der Gedichte René Chars in Deutschland; und er bestimmte den geometrischen Ort dieser Poesie mit dem großartigen Wort: „auf der Höhe unserer Zusammenbrüche“.
Inzwischen hat sich auch der deutsche Leser davon überzeugen können, daß Chars Dichtung zu dem Bedeutendsten gehört, was in Frankreich nach Baudelaire, Rimbaud, Mallarmé, Apollinaire und Éluard auf dem Gebiet der Poesie verfaßt worden ist. Seit Erscheinen des ersten Gedichtbandes von 1929 bis zur Gesamtausgabe der Gedichte in Gallimards Édition de la Pléiade von 1983 umfaßt das Œuvre des Dichters aus der Provence über hundert Titel, darunter Ausgaben, die von so berühmten Künstlern wie Picasso, Dalí, Miró, Braque, Giacometti, Vieira da Silva illustriert wurden.
René Char hat sich in seiner poetischen Diktion schon früh vom Surrealismus entfernt. Als Maquisard im Krieg fand er die eigene, unverwechselbare, knappe Bildersprache. Im Vers- und Prosagedicht, aber auch im aphoristischen Werk drängt Chars lyrischer Wille zu einer heraklitisch verdichteten Metapher von strenger Schönheit. Diese Dichtungen apellieren an Instinkt und Einsicht des Menschen von heute, zugunsten einer brüderlichen Existenz jene Sicherheiten aufzugeben, die bloß Verhärtungen sind: „Man entdeckt die wahre Helle nur am Fuße der Treppe, im Wind der Tür.“
Heiderhoff Verlag, Klappentext, 1984
René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.
adolf endler alexander von bormann andreas koziol aufbau verlag carl hanser verlag cees nooteboom cornelia jentzsch der prokurist dieter m. gräf dorothea von törne druckhaus galrev edition qwert zui opü edition rugerup elster verlag felix philipp ingold folio verlag fritz schönborn gerhard wolf harald hartung ilma rakusa jürgen brôcan janus press jan wagner joachim sartorius luchterhand literaturverlag michael braun nico bleutge peter böthig peter wawerzinek rainer verlag roughbook rowohlt verlag s. fischer verlag sibylle cramer sieglinde geisel suhrkamp verlag theo breuer tobias lehmkuhl urs engeler editor verlag neues leben verlag philipp reclam jun. leipzig verlag volk und welt wallstein verlag werner irro wulf segebrecht
WP Cumulus Flash tag cloud by Roy Tanck and Luke Morton requires Flash Player 9 or better.
Theo Breuer stellt den Verlag Jung und Jung vor.
Mike Scott von The Waterboys spricht über sein Album „An Appointment with Mr Yeats‟.
erschienen 23. Februar 2010
erschienen 3. November 2010
erschienen 22. November 2011
erschienen 12. Januar 2011
erschienen 28. Dezember 2009
Powered by Wordpress | Designed by ElegantThemes

