Robert Roshdestwenski: Poesiealbum 164

Roshdestwenski/Butzmann-Poesiealbum 164

GÄB ES DENN EIN ZURÜCK

Gäb es denn ein Zurück in jene Zeit,
da ich ganz mir gehörte.
Grobes Brot
am Finger klebte.
Schnee im Dunkel fiel.
Ich sagte selten „Mama“ −
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaoft „der Krieg“.
Und meine Wünsche waren
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaakarg und schmal.
Mein Lebenslauf −
aaaaaaaaaaaaaaazwei Zeilen reichten aus,
daraus nur Kälte sprach und Leid.
Gäb es denn ein Zurück in jene Zeit!
Gäb’s ein Zurück,
zurück in jene Zeit,
da ich geweint in dumpfer Mitternacht,
und Lippen kamen sich
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaund Augen nah.
Zu lügen
aaaaaaawar verpönt,
verpönt Betrug.
Verrat −
aaaaaaschon in Gedanken −
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaFreveltat…
Und eng den Sternen wurde es
vom Mond.
Vom Monde ganz
der Himmel überschneit.
Gäb es denn ein Zurück in jene Zeit!

Doch kein Zurück sollt sein in jene Zeit,
da lähmend über mich die Stummheit kam.
Du willst dich widersetzen,
stöhnen,
schrein,
nur aller Schrei schläft in dir selber ein.
Du ringst um Worte,
schwitzend,
fieberschwer,
doch keine Zunge
aaaaaaaaaaaaaaawill sich regen mehr.
Und da ist niemand,
aaaaaaaaaaaaaaaaader dein Schreien hört.
Ich kenn die Angst,
die Angst,
aaaaaaaadie an uns zehrt.
Ach, gäb es ein Zurück in jene Zeit,
da alles neu mir war:
der Regenguß,
der hell und klirrend übers Buschwerk fährt.
Und leicht zu leben war’s
und lebenswert!
Noch ungewohnt ein „Denk dran!“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund „Vergiß es !“.
Und jedes „Einst“
aaaaaaaaaaaaaawar noch ein „Irgendeinst“.
Und alles lag zu kleinem Preis bereit.
Gäb es denn ein Zurück in jene Zeit,
da ich ganz mir gehörte!

Wo der Weg,
aaaaaaaaaaavon Schnee und Sturmgewalten zugefegt?

Übertragen von Herbert Krempien 

 

Ich schätze an Robert Roshdestwenski

vor allem seine beneidenswerte Fähigkeit, schwierige Fragen zu stellen und vor den Lesern öffentlich darüber zu sinnieren, Antworten zu suchen und zu finden, die, wenn sie auch nicht für jeden von uns bindend sein mögen, durch ihre saubere Art, durch ihre Ehrlichkeit und Überzeugtheit gleichwohl unsere Achtung erwecken. Gewiß, die Poesie lebt nicht allein von ihrer Problemhaftigkeit. Das verstehe ich schon. Aber eine Poesie ohne Probleme ist tot, davon bin ich auch zutiefst überzeugt.

Konstantin Simonow, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1981

 

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