Skandinavische Lyrik beim Kleinheinrich Verlag

Skandinavische Lyrik bei Kleinheinrich

Breuer-Im Delta der Lyrikverlage

SNORRI HJARTARSON

HAUCH SEI

Hauch sei, mein Gedicht,
im Schilf am Styx
und singe ihnen Linderung und schläfre
jene ein die warten.

 „Warum sollte man die Schiffahrt auf dem Ozean der Worte auf einen bescheidenen Küstenverkehr beschränken, nachdem wir schon so ferne Gewässer erreicht haben?“ Wer immer noch – nach über 100 Jahren moderner Dichtung, die Mallarmé & Co. im 19. Jahrhundert manifestierten – die Ansicht vertritt, sprachliche Zeichen seien ausschließlich Gebrauchsdinge, die lediglich im Dienst der begrifflichen Mitteilung sinnvoll seien, dem fährt der serbische Dichter Oskar Davico derb in die Parade. Er macht sich damit zum Fürsprecher aller Dichter, deren Tun stets zukunftsorientiert und gleichsam ohne Eingrenzung sein muß, um mit dem Geschaffenen ein Anrecht auf den Begriff Gedicht zu haben. Dem widerspricht keineswegs, was der polnische Nobelpreisträger Czesław Miłosz 1999 während seiner Lesung in Köln sagte und was auf einige der hier vorgestellten Lyriker zutrifft: „Im Alter sollen Gedichte sich vereinfachen.“ Leider gibt es in diesen Tagen viel zu viele schreibende Menschen, denen weder die eine noch die andere Maxime etwas sagt, weil sie sich außer für ihre eigenen Texte nur beiläufig für die Lyrik an sich interessieren. Kaum zu glauben, aber es ist so: „Ich schreib halt Gedichtchen“, meinte eine junge Frau bei einer gemeinsamen Lesung zu mir, und mir sträuben sich noch heute die Haare. Ärgerlich, daß solche „Gedichtchen“ auch immer wieder Gefallen bei ahnungslosen Verlegern finden, die Bücher aus diesen unsäglichen Texten machen. Schnell versuche ich diese unerfreuliche Begegnung hinter mir zu lassen und vertiefe mich um so mehr in die eindringlichen, lebendigen und originellen Gedichte von Autorinnen und Autoren wie Inger Christensen (eine der großen dänischen Lyrikerinnen), Soren Ulrik Thomsen (der vor allem bei jüngeren Lesern in Dänemark regelrechten Kultstatus besitzt), Gunnar Ekelöf (dem wunderbaren schwedischen Lyrikmärchenerzähler), Paal-Helge Haugen (einem der bedeutendsten norwegischen Dichter) oder den beiden in Island bzw. ganz Skandinavien hochgeschätzten Lyrikern Snorri Hjartarson und Baldur Óskarsson. Noch unter dem Eindruck eines heute gleichsam als Zwischenmahlzeit gelesenen, fürchterlich schwachen (langweiligen, uninspirierten) Bandes stehend, mit dem ich gleichsam Zeit die Toilette hinuntergespült habe, wird mir bei der Suche nach adäquaten Worten, mit denen ich die Qualität der soeben aufgezählten Autoren verdeutlichen möchte, die zum Stamm des Kleinheinrich Verlags gehören, wieder einmal klar, welch mächtigen Einfluß derart starke Lyrik auf mein Leben hat. Die eingängigen oder chiffrierten, natürlichen oder hermetischen, alltäglich oder traumhaft klingenden Stimmen dieser skandinavischen Dichter sind – bei allem Unterschied – geprägt von einer ganzheitlichen, lebendigen, Himmel und Erde umspannenden, Erinnerung und Gegenwart verschränkenden archaisch-modernen Art, das mir Hören und Sehen vergeht und ich in den Tönen und Klängen dieser Gedichte aufgehe, die zudem gleichzeitig Geschichten von früher und heute erzählen. Daß allen Büchern wie selbstverständlich engagierte, kenntnisreiche, z.T. recht lange Nachwörter beigegeben werden, erhöht die editorische Qualität dieser Bücher in einer Weise, daß am Ende der Lektüre keine Wünsche offen bleiben – außer dem, gleich noch einmal von vorn zu beginnen: Und das zweite Lesen dieser Gedichte eröffnet nun noch weiter die Horizonte, hinter die wir mit lyrisch geweiteten Augen blicken dürfen. Sie sehen, ich erlaube mir zu schwärmen – aber, bitte, lesen Sie diese Bücher selbst: Ich jedenfalls möchte auf diese Perlen in meiner Bibliothek nicht mehr verzichten. Mehr als auf sie aufmerksam zu machen hieße Eulen nach Athen zu tragen. Das Programm des Münsteraner Kleinheinrich Verlags spricht eine poetische Sprache, wie sie das Eingangszitat von Oskar Davico fordert. Ich habe eine Auswahl von zehn Gedichtbüchern aus dem lyrischen Programm (das neben dem skandinavischen Schwerpunkt auch niederländische und deutsche Lyrik enthält) des 1986 von Josef Kleinheinrich gegründeten Verlags gelesen und bin so überwältigt von diesen – übrigens ausschließlich zweisprachig edierten – Büchern, daß mir im folgenden nichts anderes übrigbleibt, als zu einer gewaltigen Lobrede anzusetzen, obwohl ich – befangen von der gefangennehmenden Lektüre einschließlich des haptischen und visuellen Genusses der Kunstbücher – am liebsten gar nichts mehr sagen, sondern die Gedichte allein für sich sprechen lassen würde. Folgen Sie mir also, liebe Leserinnen und Leser, in die Welt der „sprachstrahlenden Gebilde, die versuchen, das Unnennbare zu benennen, deren Sinn nicht zuletzt in dem Bestreben liegt, in unbetretenen Zonen der Empfindung und des Geistes Fuß zu fassen. Allen, die gewillt sind, an diesem Abenteuer teilzunehmen, mag die Aufforderung Oskar Davicos gelten: Tritt ein, damit wir die gleichen Träume hinabschwimmen.“ (Victor Zmegac)
Mit seiner malenden Stimme lasse ich mich von Baldur Óskarsson, dem 1932 geborenen Isländer, in seine von einer durchdringenden Bildhaftigkeit bestimmten sinnlichen Gedichte entführen. In dunkelrotes Leinen gehüllt, werden die Gedichte zusammen mit zahlreichen Bildern von Bernd Koberling in dem 30 x 22 cm großen Buch Zeitland / Tímaland (2000, Interlinearversionen von Franz Gislason, Nachdichtungen von Barbara Köhler, Uwe Kolbe, Gregor Laschen, Wolfgang Schiffer und Johann P. Tammen) präsentiert, das höchsten bibliophilen Ansprüchen gerecht wird. „Ein Gedicht ist klein, es ist niemals eine Kleinigkeit“ (Peter Hacks): Genau das will wohl auch Verleger Josef Kleinheinrich mit seinen überaus generös gestalteten Editionen, die auch Baldur Óskarssons Poesie zugute kommen, dokumentieren.

UNTIEFE

Lippengrün trinkt die Tiefe des Himmels aus,
den dunkelblauen Trank – füllt schwarz sich die Kehle.
Still, aber kalt ist die Luft.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDu hängst dein Auge
in die Tiefe des Himmels, am Faden aus Schwarz. −
Über deine Schulter schiebt sich Abendrot, diese Zunge.
Ausatmen geht übers Wasser,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie Augen platzen entzwei.

Es ist ja eine ein wenig traurige Tatsache, daß Gedichte hierzulande gern übersehen, nur von einer Minderheit zur Kenntnis genommen werden. Zumindest der Buch- bzw. Lyrikliebhaber kommt an den Büchern aus dem Kleinheinrich Verlag (die von unterschiedlichen Herausgebern in verschiedenen Reihen gebündelt werden), wenn er ihnen einmal begegnet, nicht vorbei. Alle mir vorliegenden Bände sind mit wertvollem Papier ausgestattet, großzügig im Format, im Fall der isländischen Dichter oder auch Paal-Helge Haugens gleichzeitig wunderschöne Kunstbände. Hier spüre ich die Leidenschaft des Verlegers für die Lyrik, die er verlegt, und während unseres längeren Gesprächs betont er: „Als ich während meines Kopenhagener Studiums in den 1980er Jahre feststellte, wie selbstverständlich dort die deutsche Lyrik gelesen wurde, schämte ich mich ein wenig, denn ich wußte, wie wenig bekannt skandinavische Lyrik dagegen in Deutschland war. Mit der Gründung des Verlags 1996 wollte ich in dieser Hinsicht etwas bewegen.“ Dieser Sichtweise kann ich nur beipflichten. Von wenigen Lyrikern wie Lars Gustaffson oder Tomas Tranströmer einmal abgesehen, hat man sich in den letzten Jahrzehnten in den deutschsprachigen Verlagen nicht sonderlich um die skandinavische Lyrikszene gekümmert.
Die Gedichte des isländischen Lyrikers Snorri Hjartarson (1906-1986) sind von der ersten bis zur letzten Seite poetischer Balsam – dabei natürlich nicht von einer verfälschenden Idealisierung geprägt, sondern antinomisch durchkomponiert. Die vorzügliche Edition spiegelt das Werk eines Dichters, der den größeren Teil des 20. Jahrhunderts dichtend, also seine Welt betrachtend und deutend, verbracht hat. Im Zusammenspiel mit den Bildern von Bernd Koberling ist die Lektüre des 220seitigen Buches Brennend fliegt ein Schwan / Brunnin flýgur alft (1997, übertragen von Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer) ein uneingeschränkter Hochgenuß für jeden, der das einfache, sparsam gestaltete Gedicht liebt, zu dem der Dichter im Verlauf seines Lebens immer mehr findet. Dem ist, außer einem Textbeispiel – am liebsten würde ich den ganzen Band zitieren! −, nichts hinzuzufügen:

STIMMEN

Noch flattern sanfte Stimmen
aus Sträuchern und Bäumen
durch den Motorenlärm
auf den Straßen in der Luft,
junge sanfte Stimmen,
und tief in meinem Innern
antwortet ein einzelner Vogel
verborgen im Licht.

Übrigens verwundert es nicht weiter, daß alle diese Bücher einen derart intensiven Eindruck hinterlassen, publiziert Kleinheinrich in seinem kleinen Verlag in erster Linie die großen, die anerkannten, die geliebten und bekannten Dichter Skandinaviens, von denen die 1935 geborene Inger Christensen auch über die Grenzen Dänemarks hinaus eine der populärsten sein dürfte. Ihrem sowohl auf die Wörter selbst als auch auf das, wofür sie stehen, deutendes Buch alfabet / alphabet (1998, 2000) möchte ich den Titel „prima inter pares“ unter den hier vorgestellten Bänden verleihen. Die Art und Weise, wie die Dichterin in diesem Poem die von ihr wahrgenommene und interpretierte Welt in ihrem riesigen Facettenreichtum entstehen läßt, die Dinge an die Oberfläche schwemmt, das ist ein atemberaubend schönes und schauriges Leseerlebnis – dabei besticht natürlich vor allem auch der unprätentiöse Duktus dieser Poesie.

die defolianten gibt es
zum beispiel dioxin
das bäume und büsche
entlaubt und menschen
und tiere vernichtet

durch bespritzen
von ernten, wäldern
erzielt man laubfall
und tod mitten im
üppigsten sommer;

diese änderungen in der trauer
dieser lichterfüllte morgen
der sonst glücklich war, schön
jetzt ist das gras verschwunden

und die luft hat ihren drahtlosen
giftbaldachin gesponnen
über wald über strand
über maus über mann

Natürlich müssen wir uns – selbstkritisch – die Frage stellen, wem der kritische Ton solcher Gedichte nützt? Die unmittelbar Verantwortlichen lesen keine Gedichte – und inwieweit wirken sie auf unseren Alltag ein? Wir müssen jeden Tag darum kämpfen, nicht in den scheußlichen Bilderwelten der Nachrichten zu ersaufen, und mir jedenfalls helfen diese Gedichte bei diesem mühseligen Unterfangen.
Inger Christensen verehre ich seit der Lektüre des brillanten, weltumspannenden Langgedichts alfabet / alphabet zutiefst. Der nun in zweisprachiger Ausgabe auch in Deutschland vorliegende 464seitige und 18 x 25 cm große Band det / das (2002) erschien als dänischer Lyrikband bereits 1969 in Kopenhagen. Der erkenntnisinteressierten Inger Christensen gelingt es in diesem gewaltigen, schönen, tiefsinnigen Buch, Welt in ihrer totalen Komplexität zu bannen und gleichzeitig zu utopisieren, und die klangvolle, bildreiche Leichtigkeit des formbewußten schwergewichtigen Gehalts wirkt nirgends auch nur entfernt bemüht. Dieses universale Langgedicht – einsetzend mit dem anschwellenden Dreisatz „Das. Das war es. Jetzt hat es begonnen.“ −, mit dem sich Inger Christensen locker in die lyrische Weltspitze der Olsons und Walcotts geschrieben hat, gehört in Ihre Bibliothek – zumal Titel von Kleinheinrich eben Buchschätze der besonderen Art sind, wie auch dieses leinengebundene Werk wieder beweist.
„Ein Gedicht muß sich in dem Hochspannungsfeld zwischen einer Theorie und einem Gesang abspielen“, behauptet Soren Ulrik Thomsen (*1956), der zu Beginn der 1980er Jahre entscheidend dabei mitwirkte, die ein wenig vor sich hindämmernde dänische Lyrik neu aufzumischen. In seinem mit Zeichnungen von Annemette Larsen angereicherten Buch Hjemfalden / Anheimgefallen (1993, übersetzt von Ursula Schmalbruch) löst er seine Forderung immer wieder mustergültig ein. Hier begegne ich Gedichten eines intellektuell geschulten Menschen, der mit seinem Stil die verschiedensten menschlichen Regungen auf lyrische Nenner bringen will: Hier wird das Leben mit seinen Brüchen, seinen Plussen, Minussen, seinen Potenzen, Nullnummern und sonstigen Lappalien stilisiert, die, miteinander vermengt, doch wieder interessante Überraschungen zeitigen. Und hinter Melancholie und Einsamkeit und Vergeblichkeit tut sich noch eine kleine Hoffnung auf.

Als du mich mitten im Tanz plötzlich griffst
und mir einen heimlichen Schritt zeigtest,
wurde ich von einer Furcht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaberührt, zu verlieren,
verlor aber statt dessen die Furcht:
Dinge, die für immer vergessen sein sollten,
sind schon vergessen,
während der zufällige Schimmer unentwegt weiterleuchtet
als Kronjuwel auf der Turmspitze der Erinnerung.
Was du mir heute gabst,
aaaaaaaaaaaalasse ich morgen weitergehen.

Poetisch aufsehenerregend ist auch der von Siegfried Weibel übertragene Lyrikband Meditationen über Georges de La Tour von Paal-Helge Haugen, der 1993 mit Bildern von Olav Christopher Jenssen erschien. Aus imaginierten, traumhaften „Begegnungen“ mit dem französischen Maler aus dem 19. Jahrhundert entsteht ein unwiederholbarer Zyklus von 34 Gedichten, die sich kongenial mit dem „Vorbild“ auseinandersetzen. Ich kenne keine Bilder von Georges de La Tour (finde auch keine in den mehrbändigen Kunstlexika meiner Bibliothek) und male während des Lesens selber welche: viel Licht und Schatten wechseln da in verschiedenen Brechungen und Nuancen einander ab, der Mensch erscheint als eingefangener Augenblick in seiner rätselhaften, düster glänzenden Existenz.

Rinn über mich wie Regen. Ich erhebe
mein Gesicht zu dir, dich über geschlossene
Augen, über Wangen, über Hals Ergießende
an einem Frühlingsmorgen, auf den niemand
Anspruch hat. Nasse Schleier
treiben zu mir herab, lassen mich wachsen
feucht und neugeboren. Das Grüne steigt auf
durch den Körper. Ich öffne den Mund
und lasse es über mich kommen
wie Regen.

Zum Abschluß meiner kleinen Runde durch die skandinavische Lyrik im Kleinheinrich Verlag noch ein Schwergewicht: die fabelhafte, von Klaus-Jürgen Liedtke übersetzte und mit einem Kommentar von Anders Olsson versehene Akrit-Trilogie von Gunnar Ekelöf (1907-1968), die in den Jahren 1991, 1992 und 1995 erschienen ist. Von Gunnar Ekelöf war mir bislang nur ein Gedicht bekannt – allerdings eins, das ich nie vergessen habe und das ihn bereits als Lyriker von Weltformat ausweist: Es hat den Titel „An Posthumus“ und steht in der von Harald Hartung 1991 herausgegebenen internationalen Lyrikanthologie Luftfracht, die Gedichte aus aller Welt der Jahre 1940 bis 1990 umfaßt. Diwan über den Fürsten von Emgion, Das Buch Fatumeh und Führer in die Unterwelt lauten die Titel dieser drei Gedichtbücher, die das Alterswerk eines Dichters umfassen, der Traum und Wirklichkeit in einer lyrischen Weise zu verweben versteht, wie es nur der große (und nicht dualistisch Kopf und Bauch trennende) Dichter vermag, der darüber hinaus über den notwendigen langen Atem verfügt, in großen Zyklen die monumentalen Bewegungen des Lebens, des Todes, der Liebe, des Alles, des Nichts einzufangen. Es ist selten, daß mich Gedichte derart in einen Rauschzustand versetzen wie vor allem die Diwan-Gedichte, die zu einem einzigen Poem verschmelzen. Ekelöf entführt uns in ferne Länder, alte Zeiten, ekstatische, religiöse, (über-) sinnliche, visionäre Bewußtseins- und Gefühlszustände, und er tut es in einer Intensität, daß ich gleichsam in einen zentrifugalen Strudel hineingerissen werde, aus dem ich mich, zumindest während der Lektüre, nicht mehr befreien kann.
Kleinheinrich bietet mir Buch um Buch Leseabenteuer der besonders ausgefallenen Art. Stets in edlem Gewande gekleidet, kommen die ausnahmslos guten Gedichte daher. Nun lese ich den vierten Band der auf sieben Bände angelegten Werkausgabe von Gunnar Ekelöf: In Unfoug (2001) begegnen wir nun ausgewählten Gedichten aus den Gedichtbänden der mittleren Schaffensperiode des großen schwedischen Dichters, und siehe da, auf Seite 191 steht es: „An Posthumus“. Es bleibt nicht das einzige bemerkenswerte Gedicht. Der seine ganze Existenz in diese so total lebendigen Gedichte einbringende Ekelöf läßt von Gedicht zu Gedicht archaische, philosophische, existentialistische, absurde, surrealistische, poetologische (…) Töne anklingen:

Wenn man es soweit gebracht hat wie ich in der Sinnlosigkeit
wird jedes Wort erneut interessant:
Fundstücke im Erdreich
die man mit archäologischem Spaten wendet:
Das kleine Wörtchen du
vielleicht eine Glasperle
die hing einst an jemandes Hals
Das große Wort ich
vielleicht ein Feuersteinscherben
mit dem schabte jemand zahnlos sein zähes
Fleisch

Zu meinen Favoriten – neben einer Reihe unerhört bildstarker Gedichte – in diesem 241seitigen, zweisprachigen und mit Anmerkungen und Kommentar versehenen Buch gehört das Gedicht

POETIK

Die Stille ist es auf die du lauschen sollst
die Stille hinter Apostrophierungen, Anspielungen
die Stille in der Rhetorik
oder im sogenannten Formvollendeten
Dies ist die Suche nach einem Sinnlosen
im Sinnvollen
und umgekehrt
Und alles was ich so kunstvoll zu dichten versuche
ist im Kontrast dazu etwas Kunstloses
und die gesamte Füllung ist leer
Was ich schrieb
steht zwischen den Zeilen geschrieben

Rolf Dieter Brinkmann kommt zu einem etwas anderen Ergebnis: „Zwischen / den Zeilen / steht nichts / geschrieben. / Jedes Wort / ist schwarz / auf weiß / nachprüfbar.“ So schreibt jeder Dichter – bei allem Respekt vor den großen lyrischen Vorbildern – an seiner Poetologie, um zu seiner Lyrik zu finden: ohne Rücksicht auf Verluste. Für mich als Leser macht u.a. das ja auch die Faszination Lyrik aus. Der Kleinheinrich Verlag gehört u.a. mit diesen bärenstarken Büchern von Gunnar Ekelöf zu den Verlagen, die nicht nur diesen Diskurs im deutschen Sprachraum am Leben halten, sondern uns gleichzeitig mit großer Poesie beschenken. Mittlerweile habe ich die zehn hier vorgestellten Gedichtbücher aus dem Kleinheinrich Verlag zum zweiten und teilweise zum dritten Mal gelesen. Es geht von allen diesen Büchern eine Eindringlichkeit aus, die keineswegs selbstverständlich für Lyrikbände ist. Die Bücher beweisen zum einen die – an globalen Ansprüchen gemessene – außergewöhnliche Dichte und Originalität skandinavischer Lyrik, andererseits die verlegerische Sensibilität von Josef Kleinheinrich, dem es mehr und mehr zu gelingen scheint, das Spektrum der skandinavischen Literatur, speziell der Lyrik, einzufangen und in vorzüglichem Gewande zu präsentieren. Daß er, um dieses Ziel zu erreichen, erstklassige deutschsprachige Dichter und Übersetzer zur Mitarbeit auffordert, versteht sich von selbst. Auf die grundsätzliche Problematik des übersetzten Gedichts gehe ich am Ende dieses Kapitels in „Mehrsprachige Gedichtbücher aus dem Verlag im Wald“ ausführlich ein. Jedenfalls fordert die zweisprachige Ausgabe automatisch zur Auseinandersetzung mit der fremden Sprache auf, und es ist immer eine hochinteressante Lektüre, Original und die Version bzw. „Lesart“ (Felix Philipp Ingold in: Schönes Babylon. Gedichte aus Europa in 12 Sprachen, DuMont, Köln 1999) nebeneinander zu lesen und gleichzeitig seine eigene Übersetzung zu verfertigen. So wird dem Leser die fremde Sprache über das Medium Gedicht mit einem Mal: vertraut. Dies ermöglicht mir der Kleinheinrich Verlag mit jedem einzelnen seiner wunderbaren Gedichtbücher.

Erschienen in: Theo Breuer – Aus dem Hinterland, Edition YE, 2005

Fakten und Vermutungen zum Autor und Buch + Würdigung
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