Thomas Böhme: Poesiealbum 347

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Thomas Böhme: Poesiealbum 347

Böhme/Zettl-Poesiealbum 347

IN DEN ANFÄNGEN DES GEDICHTS waren wir
aaaaaGötter,
Zauberer waren wir, zwittrige Faune, Kentauren mit
bronzenen Brustkörben, hart wie Schilde,
aaaaafurchterregende,
keine niedlichen Engel waren wir, die ihr fleischiges Zepter
vor sich her trugen, gehüllt in ein schwarzes Vlies,
aaaaaund
die Stirnen gehörnt, hohe Stirnen, auf denen die Schrift stand.

Und in den Anfängen des Gedichts waren wir Riesen,
Titanen in Felsgrotten waren wir, die die Steine auftürmten,
die Gebirge und Türme erschufen, nur um sie wieder
zum Einsturz zu bringen, Spielende waren wir, die das Krachen
der Felsen zu Rhythmen verknüpften, Symphonien aus dem Stein
brachen, Lieder trommelten sie als Lawinen übers Geröll.

In den Anfängen des Gedichts brüllten wir, zottige Bestien
mit blutigen, weit aufgerissenen Rachen, gegen die schweigenden
Wälder an, und die Wälder schickten ihr Echo über die Brachen,
und weit über Ozeane und blakende Horizonte sandten sie es,
in den Anfängen des Gedichts reckte sich das Lebendige,
um sein Blut, seinen Schweiß, seinen Samen in die Flußläufe zu ergießen.

Unbändig Liebende waren wir in den Anfängen des Gedichts,
Liebende, die nichts Laues, nichts Halbherziges, ihre Leiden-
schaften Verkleinerndes von sich gaben, Maßlose nannte man uns,
unersättlich in unserer Gier, uns zu vereinen, Männer, die alles,
was ihrer Liebe im Weg stand, hinwegfegen konnten mit einem
einzigen, Donner und Sturmgeheul übertönenden Vers.

Oder Klagende auch waren wir in den Anfängen des Gedichts,
Wehklagende vor der großen Gleichmut des Himmels, deren Jammer
beim Anblick eines getöteten Freundes, eines zerstückelten Bruders,
des entweihten oder verschmähten Opfers gar den Unnahbaren
selber erbarmte, daß er die Fäden des Schicksals neu knüpfte
und ein einmal gesprochenes „Schuldig!“ zurücknahm.

Und nannte man uns nicht Heilige in den Anfängen des Gedichts,
Märtyrer um eines Wortes, um einer stummen Gebärde willen,
Heilige, die sich pfählen und vierteilen ließen, die im Feuer,
im siedenden Öl, auf der Streckbank noch sangen, bis ihre Stimme,
je schlimmer die Peinigung, desto klarer und wohltönender, aus dem
Pestgestank ihres faulenden Fleisches durch die Finsternis drang.

Und Eroberer waren wir in den Anfängen des Gedichts,
mitleidlos, mit den Pferden verwachsen, die ihren Hufschlag
über die Ebenen morsten, Alphabete der Unterwerfung
auf die Rücken versklavter Völker geschrieben, eingekerbt
in die Leiber die brandigen Initialen der Sieger, ja, auch davon,
von unseren Feldzügen erglühten die schmerzreichen Anfänge des Gedichts.

Denn es war in seinen Anfängen das Gedicht wie ein Blitz,
eine gleißende Lichtkurve war es, die, wo sie herab stürzte,
alles entflammte – die Hütten und die Paläste, die Tempel
und die Bastionen, eine Strahlung, die überging auf die Dinge
und sie für Momente aus der ewigen Dämmerung hob, und die sie
auszeichnete oder verdammte und sie so oder so den Gestirnen zuschlug.

Wir aber waren noch in den Anfängen des Gedichts die Dompteure
des Lichts, denn nur wir hatten in seiner Wildheit die Sehnsucht
erkannt, eine Lust, sich uns anzuverwandeln und sich zähmen
zu lassen zu noch größerer, zu artistischer Wildheit, die als Mythos
dem Lichte vorauseilte, so daß, wo wir auch hinkamen, die Arenen
erfüllt waren von Gedröhn, einer Mischung aus Jubel und Staunen.

Auch hatten Pflanzen und Tiere in den Anfängen des Gedichts
dem Gedicht ihre Stimmen geliehen, hatten sich in ihren Schmerzen
und in ihrem Sterben hatten sie sich ihm anvertraut, und allein
das Gedicht schenkte ihnen das Wissen um Wiedergeburt und
Verwandlung und lehrte sie, ihren Platz einzunehmen, ohne über
die Flüchtigkeit ihrer immer nur vorläufigen Gestalt zu verzagen.

Wir aber wußten noch in den Anfängen des Gedichts seine Vielzahl
an Stimmen zu deuten, und es war uns die Gabe verliehen, sie hörbar
zu machen, das Heulen des Wolfes und das Rauschen der Blätter,
selbst das Vibrieren der Luft von den unerreichbaren Vogelzügen
hatten wir eingehüllt in die Anfänge des Gedichts, das verschwiegene
Gleiten der Schlangen und den stummen Opfergesang der Fische.

Und in den Anfängen des Gedichts streifte die Erde ein fremder
Planet der den Himmel verfinsterte, der die Meere emporriß und
drei Viertel des Landes unter den Wassern begrub, in den Anfängen
des Gedichts galoppierte der Tod längs der neu gezogenen Küsten
und er schrieb seine Unzahl an Namen in die wüsten Gestade,
bis die Anfänge des Gedichts diesem Rasenden Einhalt geboten.

Denn in den Anfängen des Gedichts besaßen wir die Gefäße,
in die wir die Namen des Todes wieder einsammeln konnten,
und wir mischten die Namen des Todes mit den Namen des Lebens
und wenn wir sie öffneten, kamen die Anfänge des Gedichts,
als Geburt und als Sterben kamen sie über uns, die wir Götter
waren und Zauberer in den Anfängen des Gedichts.

 

 

 

Stimmen zum Autor

Thomas Böhme hat die Fähigkeit der Beobachtung und poetischen Beschreibung, die dem Leser die Möglichkeit der erweiterten Erkenntnis eröffnet.
Reinhard Gröper

Seine Lyrik ist eigenwillig, nicht „sperrig“ im experimentell-avantgardistischen Sinne, dafür ist sie zu konkret, zu realistisch, zu politisch, persönlich und philosophisch. Böhme ist ein dichtender Archäologe.
Sabine Haupt

Seiner entgrenzten Phantasie sprießen Schwungfedern, die ihn in Sphären tragen, die dem Philister verschlossen sind.
Richard Pietraß

Er schreibt über das, was uns kaum wert und vergessen schien, einen Blick auf uns selber zu wagen: wie wir nur über den Verlust unserer Kindheit zu Erwachsenen wurden. Es sind Texte, die dem Absehbaren wie ihrer Unentschlossenheit Raum geben, dem Suchen nach Wunscherfüllung und dem reichen Rest aus Begabung, Leidenschaft und Phantasie.
Gino Hahnemann

Wer die Begegnung mit den Gedichten Böhmes zu einem Erlebnis gestalten möchte, dem sei empfohlen, das Kind in sich und den Heranwachsenden mitherbeizurufen: erst wenn diese drei Leserstimmen einander ergänzen, dürften sich Reize und Aromen dieser ganz und gar singulären Texte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur genußreich entfalten.
Peter Geist

Nichts reizt Böhme mehr als Realität. Nichts ist für Böhme reizloser als die Wiederkehr der Wirklichkeit in die Literatur. Realistische, naturalistische, surrealistische Gestaltungsmöglichkeiten vermengend, erschreibt er sich seine Realität.
Bernd Heimberger

Böhmes Lyrik fasziniert, weil es um Moment-Räume geht, in denen das Außerleibliche den Leib trifft, die Oberflächen einander durchdringen und dadurch bislang unbetretene Räume bilden.
Kathrin Schmidt

Thomas Böhme

Der Ur-Leipziger wollte eigentlich Kinder belehren, doch seine gesundheitliche – sprich politische – Konstitution schien den Ausbildern zu schwach. So qualifizierte er sich über Fern- und Selbststudium zum Dichter und belehrt seitdem Leser und Kinder mit „abenteuernden Phantasiegeschichten“. – Er ist aber auch Autor „rhythmisch eleganter, berückend sinnlicher Verse, die – auch wenn scheinbar von ganz anderem die Rede ist – aufgeladen sind mit erotischer Spannung“. Dabei spart er nicht mit Anspielungen an die Dichter der klassischen Moderne – George, Rilke, die großen Franzosen und immer wieder Jahnn. Doch wirken seine Verse niemals museal oder akademisch, denn Böhme ist ein ganz eigenständiger Dichter großer Musikalität.

Ankündigung in Walter Bauer: Poesiealbum 346, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2019

Poesiealbum 347

Böhme ist ein Autor rhythmisch eleganter, berückend sinnlicher Verse, die – auch wenn scheinbar von ganz anderem die Rede ist – aufgeladen sind mit erotischer Spannung, ein Meister des ausdrucksstarken Parlandotons, der seine lyrischen Mittel souverän beherrscht und angesichts ihrer originellen wortschöpferischen Eleganz zu den herausragenden Dichtern der jüngeren deutschsprachigen Lyrik gehört. Seine Welt scheint sich nie ganz in der Gegenwart zu befinden, denn halb gehört sie dem Fin de siècle an, dessen Atmosphäre er in seinen Gedichten immer wieder heraufbeschwört: oft wähnt man sich zu Gast im Absurden, in einer verwunschenen Sphäre der kuriosen Überraschungen und unerwarteten Wandlungen.

MärkischerVerlag Wilhelmshort, Klappentext, 2019

 

Man nimmt der Zimmerpflanze keinen Urwald ab –

Kleine Werkschau des Dichters Thomas Böhme

– In der schönen alten Lyrik-Reihe Poesiealbum sind schöne alte und neue Gedichte des Leipziger Autors Thomas Böhme erschienen. Gemütlichkeit kommt selten auf. –

Diese Gedichte zu lesen, bedeutet zu lächeln. Nicht, dass sie witzig wären, es liegt am Licht. Und an der Präzision. Dem Schriftsteller  Thomas Böhme, 1955 in  Leipzig  geboren, ist das aktuelle Poesiealbum gewidmet, die Nummer 347 mit einer Grafik von  Baldwin Zettl.
Auf 30 Seiten stehen 44 Gründe, einen Klang zu feiern. „Vom Glück des Fremdseins“ beginnt so:

das war in  lissabon  wo sie die haut zu sternen rieben
wo man aus sternen zähne zinken schlug

Weiter geht es nach  Genua  und  Avignon  und  Padua, „und in gesichtern denen man vertraute / lag stets ein fetzen himmel aus marseille“.
Da ist die sich reimende Miniatur vom Notenstecher, der am Grammophon dreht und Gespenster tanzen lässt – eine abgeschlossene Geschichte auf 14 Zeilen. Und da sind die „Lebensregeln eines Flaneurs“ in neun Weisheiten. Eine Stärke des Dichters ist, der Form nicht zu genügen, sondern mit ihr zu spielen. So wie mit Begriffen.
Die Vielfalt verdankt sich auch der Zahl an Jahren, aus denen diese Lyrik stammt: 1985 bis 2018, Auszüge aus einem Lebens-Werk. Denn mehr noch als Jahre sind es Zeiten. Von 2018 stammt der Zweizeiler „Der Zeitgeist und der Zeitgenosse /  sind nur zwei Gestalten ein und derselben Posse“. 1985 ist „Die schamlose Vergeudung des Dunkels“ entstanden, Titel auch eines Bandes, der damals bei Aufbau erschien.
Böhme sagt Ich, indem er auf die große Bühne zeigt: auf Requisiten (der Natur), Kulissen (der Jahreszeiten), das Licht (der Abwesenden). Er gibt das Geschenk weiter, mehr zu sehen, als man weiß, hinter Stimmen oder Sätze oder Schatten zu schauen. An den scharfen Kanten seiner Assoziationen kommt selten Gemütlichkeit auf.
„Lyriker sind so flüsterköpfig – / staatstragender spielalarm im hartgummiwald / Du hast gezinkt oder der oder die / oder das, das dilemma der zimmerpflanzen: / man nimmt ihnen keinen  urwald  ab“, beginnt „Elfenbeinschaden“ (1992). „Mit einem Knoten im Herzen / kann man alt werden“, denkt der Dichter. Man möchte lächeln.

Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung, 3.8.2019

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Viktor Kalinke mit Thomas Böhme im Gespräch.

Fakten und Vermutungen zum Autor Facebook + Archiv
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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Thomasböhme“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Thomas Böhme

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