Christoph Buchwald & Friederike Roth (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1988/89

Buchwald & Roth-Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1988/89

TRIADISCHER HALBSCHLAF: ABENDGEDICHT

Farblos seine Farben imitieren andre
Unsichtbarkeitsfarben, die den Blick verschatten
mit matten, schräg schraffierten Bildern
, die niemand abmalt niemand sieht

Seine Töne tonlos drängen hin zu andern,
noch nie vernommnen Melodien,
die durch die Buchsbaumgänge brausen des Gehirns
in hochfrequenten Wellenlinien −,
Akkordflut überschäumen und zergischten
zu ungemischten unverwischten Klängen
, die niemand spielt die niemand hört

Geruchloser Geruch zu allerletzt erinnert
an einen andern unriechbaren Dämmerdunst am Abend
, den niemand atmet niemand ahnt,
der dessen ungeachtet Düfte durch die Lüfte
ganz leise leise fächert zum Beginn der Nacht

doch viel zu laut bereits zu silbenheftig
für Ewigkeit, die glattpoliert in Worten
, die niemand schreibt und schreibt und niemand liest

Matthias Politycki

 

 

Brief

Die sich am Ende des letzten Bandes anbahnende Diskussion hat mir natürlich gefallen. Sie hätten das Dilemma (über dessen Produktivität, wie bei allen Konflikten, freilich auch nachzudenken sein wird) kaum sinnfälliger machen können als in dieser Gegenüberstellung von reflektierenden Texten und postulierendem Zeilenbruch. Aber die Frage bleibt, ob das – „auf beiden Seiten“ – mehr als eine Handvoll Leute über die Schwerkraft des eigenen Standpunkts hinaus auf die Suche schickt. Und damit wird eigentlich schon hinfällig, was mir tatsächlich produktiv erschiene, sozusagen ein Treffen auf neutralem Boden: nämlich eine auf empirisch brauchbare Antworten zielende Erhebung über den lyrischen Prozeß und sein Verhältnis zur Lebenswelt. Aber das macht ja niemand, aus werweißwievielen Gründen nicht… (und die „realsten“ von ihnen: Zeitdruck, Konkurrenzangst, Medienmacht usf. fielen selbst wieder in den Gegenstandsbereich der Untersuchung).
Zum Thema Kritik („− die Nicht-Teilnahme der Leserschaft übertraf die kühnsten Erwartungen“, sagt Arno Schmidt irgendwo in den Julianischen Tagen) ist das Wichtigste – die Weigerung, sich auf den sprachlichen Anspruch von Gedichten einzustellen – mehrfach angemerkt worden. Darüber hinaus schätze ich Ihre Frage nach den KritikerINNEN, denke allerdings, daß gerade DARAUF die Antwort mehr als ein Aperçu erfordern würde. Ganz sicher hängt es mit dem allgemein geringeren Professionalisierungsgrad schreibender Frauen zusammen, aber auch mit dem scharf gespaltenen Prestige von Lyrik an sich (schlechte Lyrik erscheint viel ärgerlicher und unnützer als schlechte Prosa, gute Lyrik hingegen sofort als unerreichbar „hoch“), das vermutlich gerade versierte KritikerINNEN die Gefahr einer verzerrten Fremdwahrnehmung wittern läßt („Ist der Ruf erst ruiniert…“ gilt unter den landläufigen Bedingungen nur für Männer). Ich teile diese Sorge nicht, kann sie aber durchaus verstehen.

Brigitte OIeschinski

Brief

Mit keinem anderen literarischen Produkt hat derdiedas Publikum solche Schwierigkeiten wie mit dem Gedicht. Und plötzlich hat es so einen Brocken in der Hand und wägt ihn noch einmal und glotzt – und „haste was, kannste was“ entpuppt sich das als ein lebendiges Gebilde. Auf einmal hat das gottverdammte hermetische Produkt eine Tür (womöglich eine Falltür), einen Faden da zum heutigen Tag und einen dort zu übermorgen, einen in die auferstehende Geschichte und einen in praktische Filosofie… Die simple Zeile wird zum Einstieg, den Bruch zur nächsten zu untersuchen, das Vorurteil vom gesuchten Nichtverstehbaren durch eine plötzlich erkennbare Notwendigkeit angekratzt…
Gewiß, hier drückt einer Hoffnung aus, der anderes erlebt hat. Aber gerade so ein Jahrbuch (nicht irgendeines: das) schafft, anders als schnöde, thematische Anthologien z.B., Raum für eine Gattung insgesamt, Raum für den Weg vom bekannten zum unbekannten Autor, spannt ein erstaunliches Netz auf…
Um nicht abzukommen: ich leide unter Magenkrämpfen angesichts der meisten Anthologien. Das Jahrbuch verschafft Luft.

Uwe Kolbe

 

Brief

Im vergangenen Jahr war es Bescheidenheit, die mich davon abhielt, neben jüngsten Gedichten auch poetologische Bemerkungen zu offerieren. Abgesehen davon, daß mir nicht klar werden wollte, in welcher Form diese Bemerkungen zu sammeln seien – etwa als offener Brief kaschiert (die Formulierung schon ist eine reizlose Kontradiktion) – wußte ich nicht, worauf sie sich beziehen sollten.
Die eigenen Gedichte zum Gegenstand eines Essays zu machen, erscheint mir, jedenfalls im Rahmen einer solchen Anthologie, schon gegen das Gebot der Verhältnismäßigkeit zu verstoßen; und innerhalb dieses Rahmens mit dort vertretenen Autoren in einen Dialog über deren Arbeit zu treten, verstößt wohl gegen ein anderes Gesetz, demzufolge Exhibitionismus eine besonders unproduktive Erregung öffentlichen Ärgernisses darstellt. Schließlich und vor allem vermochte ich kein von einzelnen Beiträgen unabhängiges oder diesen übergeordnetes Thema, keine neuen Probleme der Lyrik zu erkennen; den Kapitelüberschriften sind sie jedenfalls nicht zu entnehmen.
In diesem Jahr ist es der Hochmut, der mich zu einigen unordentlichen Anmerkungen verführt, welche nicht alle der Poesie, manche nur der Logik gewidmet sind. Deren geringe Zahl und die Länge der Vorrede verstoßen gegen das erste Gebot, und auch jenes andere Gesetz wurde hier von Anfang an mißachtet, aber dieser Widerspruch muß nicht reizlos sein.
1. Vorweg eine Statistik: in fast fünfzig von hundert der im neuen Jahrbuch versammelten Gedichte fehlt jede Interpunktion. Das mag beabsichtigt sein, es bleibt ein Fehler; es mag etwas bedeuten, das mir entgeht, bewirkt aber unübersehbar eines, nämlich Ungenauigkeit und Unklarheit, welche nicht mit stimulierender Irritation zu verwechseln sind. Erleichtern soll es wohl die Unabhängigkeit von der Verszeile, über deren Rand somit alles geschleift werden darf, was nicht durch den Gedanken begriffen werden konnte. Gibt es einen Gedanken, der ohne Satzbau auskommt? Sicher, aber in jenen fünfzig Gedichten habe ich höchstens fünf gefunden. Man könnte auch sagen: Verworrensein und den Rhythmus nicht halten können, ergibt noch keine Synkope!
2. Ein kleiner und feiner Unterschied: es gibt Wortspiele und das Spiel mit Sprache. Dies scheint auch ein Generationsunterschied zu sein: die Vertreter der Jahrgänge 1927 oder 1929 jedenfalls beweisen oft den Mut zum großen Spiel, vielleicht weil sie sich nicht einbilden, eine Wahl zu haben.
3. Herr Buselmeier bezeichnet die Arbeit der Herausgeber als stilbildend. Das ist sie nicht und könnte es auch unmöglich sein. Stilbildend wäre, neben anderen Dingen, die man nicht messen oder verordnen kann: Der alltägliche, selbstverständliche, abwechselnd demütige und anmaßende Umgang mit den Herren Shakespeare und Donne, Poe und Baudelaire, Rimbaud und Valéry, Eliot und Pound, außerdem die Lektüre mehr als einer Tageszeitung, gelegentlich ein Blick auch in die Abteilung „Natur und Wissenschaft“, eine umfangreiche Plattensammlung (das heutzutage „Stilbildende“ scheinen ja Bettina Wegner und die „Sex Pistols“ zu sein), wenigstens eine Ahnung davon, was in der Malerei schon möglich gewesen war, bevor Dali seine Gala fand, auch davon, was in der Filmkunst schon möglich gewesen war, bevor Marlene das Bein anwinkelte, außerdem auch mal ein wenig Sport und Seide. Man könnte auch sagen: Stil bildend wäre es; seine Kinder in England oder Frankreich erziehen zu lassen.
4. Mir ist die Notwendigkeit mancher im Schlußteil des neuesten Jahrbuches geführter Rückzugsgefechte unklar: „dunkle und schwierige“ Gedichte mühsam von anderen zu trennen und ihnen gegenüber zu rechtfertigen – das gehörte doch eher in das Jahrbuch 1912/13, oder es gehört in jedes Jahrbuch und wird dann auch belanglos.
5. Zu der „Lektorenbeschimpfung“, die Herr Deppert öffentlich erbrechen zu müssen glaubte, möchte man gern mit scharfer Munition antworten, doch es geht nicht, ich zeige die weiße Fahne: vor soviel Blödheit verbiegen sich die Gewehrläufe!

Andreas van Düren

 

Zwei Anmerkungen zur Poetologie

1. „Was soll ein Gedicht? Was will es? Kann es? Was ist ihm zuzutrauen, anzutragen, aufzubürden und sonst niemandem? Wo kommt es her? Wo zieht es hin? Wofür steht es ein? Wogegen steht es? Das sind so Fragen, die jede Generation aufs neue zu stellen hat und beantworten muß wie von Anfang an. Denn ob man auch Prognosen jederart eher mißtrauisch als gutgläubig gegenübersteht, dies jedenfalls zeichnet sich ab als eine Art von Faustregel: daß das Gedicht am ehesten zugrunde geht an Fraglosigkeit und daß es zur Formalität erstarrt, wo es mit vorgefundenen Antworten sich begnügt. In diesem Sinne gibt es Sicherheiten weder im Für noch im Wider, und scheinbar eherne Grundgesetze moderner Kunstproduktion haben für genau so fragwürdig zu gelten wie überlieferte und liebgewordene Gegnerschaften. Man glaube doch nur ja nicht, daß es Spannungen gibt auf immerdar und Konfrontationen von unbegrenzter Haltbarkeit. Zuneigungen und Verwahrungen wechseln ihre Mienen, für unveräußerlich erachtete Immobilien hängen sich ans Bein, Vorgaben können sehr wohl in den Pferch führen, und was man eben noch als progressiv und an der Front zu bezeichnen neigte, enthüllt alsbald die Züge der Reaktion. Was allerdings nun nicht heißt, daß alles zu jeder Zeit jede Rolle spielen könne oder daß Werte nur eine Frage wären der Beleuchtung. Vielmehr, daß alles seine Zeit hat, die Aufgaben des Gedichtes sich ändern mit den Umständen, Lehrsätze und Leitlinien nicht ungebrochen tradiert werden können und daß auch Wertzuschläge wie progressiv und reaktionär, modern und unmodern nur nach Maßgabe der gesellschaftlichen Voraussetzungen erfolgen können. (…) Ein Kunstwerk, das die Bedingungen, zu denen es angetreten, kritisch zu reflektieren sich versagt, scheint ganz besonders hilflos in die Umstände verstrickt, und ein Poet, der sich für schlechthin und voraussetzungslos erachtet, ist meist der erste Diener und das bewußtseinsblinde Opfer von Vorausgesetztem.“ (Peter Rühmkorf, 1967)

2. Die von Peter Rühmkorf vor zwanzig Jahren gestellten Fragen erweisen sich im Umgang mit Gedicht und Kritik immer wieder als überaus produktiv. Sie kommen dem Zustimmung einfordernden Meinungsgedicht (Vgl. das Lyrik-Jahrbuch 1987/88, S. 130-132) ebenso schnell auf die Schliche wie der ins Ungefähre sich verlierenden Sprachverliebtheit, und sie werfen neue Fragen auf, die immer wieder ins Grundsätzliche und zu den alten Fragen zurückführen. Kann man Bukowski und Ashbery gleichermaßen schätzen? Warum setzt das Gedichteschreiben die Kenntnis der Traditionen voraus? Und warum hat der Streit „Allgemeinverständlichkeit“ contra „ästhetische Innovation“ nie etwas anderes produziert als Ideologie?
Eine Diskussion über die Möglichkeiten des Gedichts, den „Erkenntnischarakter der Poesie“ (vgl. Brigitte Oleschinskis Aufsatz „Über einen Zusammenhang“ im Lyrik-Jahrbuch 1987/88) ist derzeit kaum zu erwarten. Anders als vor zwanzig Jahren, als Höllerer, Heißenbüttel, Rühmkorf und andere ihre poetologischen Positionen dezidiert formulierten, mag sich heute über Poesie theoretisch niemand mehr äußern; die Briefe in diesem und im vorangegangenen Jahrbuch sind die Ausnahme. Man mag das bedauern oder nicht und einleuchtende Gründe dafür finden, sicher scheint nur, daß ohne Debatte, Kritik und „ein paar neue alte Maßstäbe“ (Rühmkorf) Austauschbarkeit und ästhetischer Konservatismus in der Kritik und in der Lyrik eher noch zunehmen werden. Und es ist sicher kein Zufall, daß sich die vier im Kapitel „Einzelausstellung“ (S. 11 ff.) vorgestellten „jungen“ Lyriker/innen alle auch mit theoretischen Fragen beschäftigt haben.

Christoph Buchwald, August 1988

Das fünfte Luchterhand Jahrbuch der Lyrik enthält

− ein Kapitel „Einzelausstellung“, in dem eine Lyrikerin und drei Lyriker mit mehreren Gedichten gesondert vorgestellt werden.
− eine Auswahl von ca. hundert unveröffentlichten Gedichten, die – gruppiert und in Reihenfolge gebracht – miteinander dialogisieren.
− ein Kapitel „Blick zum Nachbarn“, in dem (nach der holländischen und dänischen Lyrik in den vorangegangenen Bänden) diesmal sechs isländische Lyriker vorgestellt werden
− fünf Kapitelbilder von Friederike Mayröcker
− abschließende Notizen der Herausgeber
− sowie einen Überblick über die Autoren und ihre zuletzt veröffentlichten Gedichtbände.

Luchterhand Literaturverlag, Klappentext, 1988

 

Christoph Buchwald: Selbstgespräch, spät nachts. Über Gedichte, Lyrikjahrbuch, Grappa

Das Jahrbuch der Lyrik im 25. Jahr

Jahrbuch der Lyrik-Register aller Bände, Autoren und Gedichte 1979-2009

Fakten und Vermutungen zum Jahrbuch der Lyrik
Fakten und Vermutungen zu Christoph Buchwald
Fakten und Vermutungen zu Friederike Roth + KLG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.