Christoph Buchwald & Gregor Laschen (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1984

Buchwald & Laschen-Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1984

WAS WIR UNS
in Gedichten erzählen:
vom Tode was und das,
vom Tode immer überall.

Spielen wir fortan,
so in die Ferse gestochen,
mit dem schönen Planeten
vor dem hochaufgerichteten
Nichts?

Ernst Meister

Abschließende Notizen

I
Kontinuität und neuer Anfang: das Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1984 setzt die Reihe der von 1979 bis 1981 bei claassen in Düsseldorf erschienenen Lyrikjahrbücher fort. Beibehalten wurden die wechselnde Mitherausgeberschaft eines Lyrikers und die Konzeption, geändert haben sich Verlag, Ausstattung und Ladenpreis.
Die Mitherausgeberin des Jahrbuchs der Lyrik 1985 wird Ursula Krechel sein.

II
„Was halten Sie von Paul Celan“, fragt ein Lyriker, „Gehören Sie etwa auch zur Theobaldy-Linie“ ein zweiter, und „Nach welchen Kriterien wählt ihr überhaupt aus?“ ein dritter.
Der Dichter Ossip Mandelstam steht auf und sagt: „In der Poesie muß jedes Bild, jede Metapher ein Bündel von Bedeutungen enthalten.“

III
Das Kapitel „Retrospektive“ antwortet den Fragern mit Gedichten, die seit 1981 (dem letzten Lyrikjahrbuch) in Gedichtbänden, Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht wurden und, so glauben wir, als avancierteste Beispiele für die Sprachverfassung gegenwärtiger Lyrik gelesen werden können. Als Maßstäbe machen sie Positionen und Kriterien des Jahrbuchs sichtbar und Debatte und Kritik möglich.

IV
Die Auswahl 1984 enthält Gedichte, die wir den verlangt und unverlangt eingesandten Manuskripten entnommen haben. Wie immer haben uns wichtige Autoren mit triftigem Grund abgesagt, und wie immer haben wir Gedichte retournieren müssen, die allzu offensichtlich bei der Zusammenstellung des letzten Gedichtbandes „übriggeblieben“ waren.
Die „Frage nach dem Verbleib des politischen Gedichts“, die wir in den früheren Jahrbüchern angesichts der nicht endenwollenden Wehleidigkeiten gestellt haben, schien uns beim Lesen der für dieses Jahrbuch ausgewählten Gedichte anachronistisch: Geschichte und Gegenwart, Bewußtsein und Gefühl, Öffentliches und Privates sind im Gedicht wieder als dialektische Einheit vorstellbar. Die Perspektive ist verändert, der Aussichtspunkt höher, der Blick reicht weiter als nur bis zum nächsten Baum.

V
Neue Namen sind in diesem Jahrbuch wenige zu finden. Die „junge Lyrik“, die sich in „jungen“ Anthologien vorstellt, verblüfft durch Harmlosigkeit, Provinzialität und eine Art von Unbefangenheit, die alte Hüte als neue ausgibt. Es scheint, als ob die Anstrengung, „das Unsagbare sagbar zu machen“, zur Zeit von den Lyrikern der DDR unternommen würde und hierzulande von den „etablierten“ Autoren. Ausnahmen sind drei Lyriker, die im Kapitel „Neue Autoren“ vorgestellt werden.

VI
„Warum“, fragt der Lyriker und Mitherausgeber des ersten Lyrikjahrbuchs, Harald Hartung, „verwenden so wenige Lyriker Phantasie auf die Verwendung neuer Formen?“ Und warum, so könnte weiter gefragt werden, bleiben so viele Gedichte hinter dem, was möglich und erreicht ist, so weit zurück? Die große Mehrzahl der eingesandten Gedichte gibt dem Frager recht – nur: was fördern die Fragen zutage außer dem beipflichtenden Nicken der Kritiker, Leser, Anthologisten und Jahrbuch-Herausgeber? Wir fürchten, und die im Anhang der letzten Jahrbücher abgedruckten Wortmeldungen zeigen es: zu wenig. Der Konsens über die vielen schlechten Gedichte und Gedichtbände ist schnell hergestellt, führt aber in der Regel nur wieder zu erneutem heftigem Nicken.
Was aber führt weiter und über die allgemeine Bestandsaufnahme und das poetologische Statement hinaus? Sicherlich nur die Gedichte selbst, Gedichte, die beispielhaft Möglichkeiten eines anderen poetischen Sprechensvorführen, das Gegenwart, Erkenntnis und Widerspruch ins Wort setzt. Drei Beispiele (es wären auch andere möglich) aus diesem Buch: „Das innerste Afrika“ von Volker Braun schlägt dem politischen Gedicht eine weite Schneise; die Dialektik des Fortschritts ist in Michael Krügers „Naturforscher“ aus dem wissenschaftlichen Diskurs in laufende Bilder übersetzt und damit buchstäblich sichtbar gemacht; Oskar Pastiors „Antiphlox“ setzt Naturverhältnisse und -zustände ins richtige Licht, indem das Gedicht den Blick zurücklenkt auf den Leser. Die Antworten auf die Frage „Wie machen die das?“ brächten so viel über die Möglichkeiten des Gedichts ans Licht, daß darüber die modische Konfektionsware schnell in Vergessenheit geriete.

VII
Die nächsten Jahrbücher werden in einem gesonderten Kapitel Lyriker eines Nachbarlandes vorstellen, 1985 aus Holland. Alle, die mit Hinweis oder Übersetzung beitragen wollen, sind dazu nachdrücklich eingeladen.

VIII
Wer kauft eigentlich Anthologien? Ich möchte ganz grob, fragen: Sind sie eigentlich ein Geschäft? Ich frage nicht aus Neugierde, sondern weil die Antwort Einblicke in Stimmung und Wesen unseres zeitgenössischen Publikums brächte, das sich doch gegen den einzelnen Gedichtband reichlich ablehnend verhält. Werden sie verkauft oder sind sie idealistische und mäzenatische Investitionen der Verleger, gewissermaßen als Ausgleich für die vielen (sogenannten) epischen, politischen, geisteswissenschaftlichen Werke, dargeboten aus einer Art Trauer über das Schicksal der Dichter, zartfühlend und a fonds perdu?“ (Gottfried Benn)

Christoph Buchwald und Gregor Laschen, Nachwort, August 1984

Das Luchterhand Jahrbuch der Lyrik

will Entwicklungen und Tendenzen deutschsprachiger Gedichte zeigen, poetische Schreibweisen vorführen und zu Widerspruch und Dialog herausfordern, zugleich unterhaltsames Lese- und Blätterbuch und ein Arbeitsbuch der Poesie sein.
Gedichte aus dem Nachlaß von Ernst Meister leiten das Jahrbuch 1984 ein. Das Kapitel „Retrospektive“ versammelt Gedichte, die seit 1981 in Gedichtbänden, Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht wurden und als Beispiele für die Sprachverfassung gegenwärtiger Lyrik gelesen werden können. Als Maßstäbe machen sie Positionen und Kriterien des Jahrbuchs sichtbar und Debatte und Kritik möglich. Das Kapitel „Auswahl 1984“ enthält unveröffentlichte Gedichte, die die Herausgeber den verlangt und unverlangt eingesandten Manuskripten entnommen und thematisch so geordnet haben, daß sie miteinander reden, streiten und sich widersprechen können. Das Kapitel „Neue Autoren“ stellt Gedichte von jungen Autoren vor, die noch keinen eigenen Lyrik-Band veröffentlichen konnten.
Was aber führt über die allgemeine Bestandsaufnahme und das poetologische Statement hinaus? Vermutlich nur die Gedichte selbst, die beispielhaft Möglichkeiten eines anderen poetischen Sprechens vorführen, das Gegenwart, Erkenntnis und Widerspruch ins Wort setzt. Drei Beispiele: „Das innerste Afrika“ von Volker Braun schlägt dem politischen Gedicht eine weite Schneise; die Dialektik des Fortschritts ist in Michael Krügers „Naturforscher“ aus dem wissenschaftlichen Diskurs in laufende Bilder übersetzt und damit buchstäblich sichtbar gemacht; Oskar Pastiors „Antiphlox“ setzt Naturverhältnisse und –zustände ins richtige Licht, indem das Gedicht den Blick zurücklenkt auf den Leser.
Die Antworten auf die Frage „Wie machen die das?“ brächten so viel über die Möglichkeiten des Gedichts ans Licht, daß darüber die modische Konfektionsware schnell in Vergessenheit geriete.

Luchterhand Literaturverlag, Klappentext, 1984

Jahrbuch der Lyrik-Register aller Bände, Autoren und Gedichte 1979-2009

Fakten und Vermutungen zum Jahrbuch der Lyrik
Fakten und Vermutungen zu Christoph Buchwald
Fakten und Vermutungen zu Gregor Laschen
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