15. September

Das hat’s hier seit Monaten nicht gegeben – Landregen, Dauerregen! Der Kalauer macht’s wahr: Regenfall als Regelfall – gleichmäßiges Durchregnen ab neun Uhr abends, und es regnet – jetzt ist zehn Uhr vormittags – unvermindert weiter, aus dem Tröpfeln und Trommeln, dem Aufschlagen des Regens auf dem Herbstlaub, dem Asphalt, dem Wellblechdach, dem Plattenboden auf dem Balkon und schräg an den Fenstern ergibt sich ein wundersam symphonisches Geräusch, in dem Klang und Farbe zu einem gemeinsamen Grauton verschmelzen; oder vertraulicher (und also unwahrscheinlicher): Farbe und Klang einigen sich auf ein gemeinsames Grau und dauern und wirken darin fort. – Beim Verlag NLO in Moskau erschien im Jahr 2000 ein umfangreicher Band mit ›Notaten und Exzerpten‹ von Michail Gasparow. Dabei handelte es sich nicht, wie sonst bei diesem anspruchsvollen humanwissenschaftlichen Verlag üblich, um ein Sachbuch zur Geschichte, zur Literatur oder zur Philosophie, sondern um eine Sammlung heterogener Texte, die der Autor, ein herausragender Gräzist und Verstheoretiker, im Lauf vieler Jahre beiläufig notiert hatte. Ein Gutteil dieser Texte besteht aus alphabetisch nach Stichworten geordneten Aufzeichnungen unterschiedlichster Thematik – von A bis Ziel – und unterschiedlichsten Charakters: Reminiszenzen, Zitate, Kommentare, Definitionen, private und öffentliche Aussagen von Zeitgenossen. Dazu kommen Gesprächs- und Sitzungsprotokolle, Lektüre- und Kongressberichte, mancherlei autobiografische, wissenschaftliche, essayistische Exkurse sowie eine Auslese eigener Gedichtübersetzungen des Autors aus dem Französischen, Englischen usf. In Russland ist Gasparows Buch wider Erwarten – es entspricht keinem literarischen Trend und bietet auch kein besonderes wissenschaftliches Interesse – zu einem Erfolg geworden. Weshalb? Wie ist es möglich, dass der private Zettelkasten eines Gelehrten, abgepackt in einen umfangreichen, schwer zu lesenden Band, eine so breite Leserschaft anzusprechen vermag, dass inzwischen mehrere Nachauflagen ausgeliefert werden konnten? Ich sehe dafür zwei Gründe … die ›Notate und Exzerpte‹ können unter zwei ganz verschiedenen Gesichtspunkten aufgenommen werden. Erstens bieten sie authentischen Einblick in die Spätzeit der Sowjetunion – Gasparow hält eine Vielzahl von Beobachtungen nicht nur aus dem offiziellen Wissenschaftsbetrieb fest, sondern auch aus der sowjetischen Alltagswelt, aus seinem privaten Bekanntenkreis, aus der von den intellektuellen Zentren weit abgeschiedenen Provinz. In dieser Hinsicht sind seine ungeschönten, bisweilen indiskreten Aufzeichnungen ein bedeutsames Zeitdokument, dies freilich nur für Kenner der Szene, die mit den damaligen gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Gegebenheiten einigermaßen vertraut sind. Zweitens kann man in den ›Notaten und Exzerpten‹ eine neue literarische Textsorte erkennen, die den noch immer bevorzugten großen Roman konterkariert durch ein inkohärentes Angebot von Fragmenten, die man weniger durch lineare Lektüre, als vielmehr durch nomadisches Explorieren erschließt. Gasparow legt – womöglich, ohne es beabsichtigt zu haben – ein literarisch höchst innovatives Buch vor, in dem eigene und fremde, dokumentarische und fiktionalisierte, narrative und diskursive, szenische und aphoristische Texte zumeist ganz unverbunden nebeneinander stehen – nicht zum Durchlesen eben, sondern zum Stöbern, Nachschlagen, Weiterdenken und … und zum Weiterschreiben. Eine Disposition also, die heutigen, vom Internet konditionierten Lesegewohnheiten und Lesebedürfnissen durchaus entsprechen kann. Vielleicht entsteht nun hier, am äußersten Rand des literarischen Felds, eine neue Textästhetik, die dem Buch wie dem Bildschirm gleichermaßen angepasst ist? Man kann … [bricht ab]

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