28. September

Ich muss eine große Arbeit – einen Text – fertig stellen, dabei gibt es strenge formale Anweisungen, vor allem diese: Es dürfen nur einsilbige Namen vorkommen; ich bin verwirrt, unsicher, möchte unbedingt den Namen Habakuk drin haben, frage deshalb meinen anonymen Auftraggeber – nämlich mich selbst –, ob ich daraus drei einsilbige Namen machen dürfe: Hab, Ak, Uk? Ja? – Alias! Ich schreibe zur Zeit, sehr langsam und wenig motiviert, an der dritten Fassung des Romans, muss das ganze Skript, rund dreihundertfünfzig Seiten, Wort für Wort nochmals durchnehmen, habe dazu eigentlich schon gar nicht mehr den tauglichen Kopf, die Sache ist so komplex, dass ich das Personal, die Namen, die Örtlichkeiten, die episodischen Verknüpfungen immer wieder aus dem Sinn verliere und nachjustieren muss. Derweil bleibt die Poesie, die einzige mir noch adäquate und von mir einigermaßen beherrschte Textsorte, im unmittelbar benachbarten Jenseits des Schreibtischs befangen, und auch meine publizistischen Engagements stagnieren. Überhaupt ist Stagnation meine aktuelle Art und Weise zu schreiten, ohne voranzukommen, eine Lebensbewegung ohne Sinn, also ohne Richtung und ohne jede Richtigkeit. – Wenn’s irgendwie geht … wenn mich die hiesigen Ärzte nicht länger brauchen, will ich mich in den Jura absetzen, ich muss an die Luft, weg von Uhr und Agenda, weg von Verführung und Schwermut. – Im Konrad-Adenauer-Haus wird Helmut Kohl – wofür eigentlich? – gefeiert; großer Aufmarsch von Prominenz, Lobreden, Erinnerungen. Der alte Sitzriese hockt in seinem Rollstuhl, nimmt die Huldigungen reglos entgegen. Nach der Veranstaltung defilieren seine Verächter – unter ihnen die aktuelle Kanzlerin – katzbuckelnd an ihm vorbei, jeder beugt sich zu ihm hinunter, der eine legt die Hand auf seine Schulter, der andere nimmt ihn am Ellenbogen und flüstert ihm seinen Respekt ins Gesicht, wieder einer ergreift seine fleckige dünnhäutige Hand oder streicht wenigstens kurz darüber. Die Bodyguards stehen ziemlich ratlos in der Gegend, scheinen sich zu fragen, wen oder was sie denn da zu beschützen haben und wer für diesen Abgekanzelten eine Gefahr sein könnte. So geht die Geschichte über den Mann hinweg, an ihm vorbei – in der neuen Biografie von Hans Peter Schwarz hat Kohl mehr Gegenwart als hier und heute. – Ich lese heute in einer Bildbesprechung zu Edward Hoppers ›Seven a. m.‹ im Kulturteil der NZZ den erhellenden Satz: »Das Ladeninnere bleibt uns entzogen, es verbirgt sich und ertappt uns bei unserer voyeuristischen Sehnsucht.« Dass solche Sätze – unmittelbarer Ausdruck schwachen Denkens und fahrigen Formulierens – anstandslos akzeptiert werden und selbst in der Qualitätspresse unangetastet bleiben, müsste eigentlich ein Alarmzeichen sein, entspricht aber der Normalität heutiger Sprachverluderung. Diese Verluderung zu bemängeln, verbietet sich aus Gründen der politischen Korrektheit. Als politisch korrekt erweist sich immer häufiger das, was sachlich … was faktisch offenkundig falsch ist. Wo politische Korrektheit zum Maß wird, triumphiert – durchaus folgerichtig – das Mittelmaß. Nehme ich mir nun, eher zufällig, Erhart Kästners ›Byzantinische Aufzeichnungen‹ vor, ein Buch, das ich seit seinem Erscheinen 1973 bei mir für die Katastropheninsel verwahre, ein Buch, das kaum noch jemand kennt, nach dem niemand mehr fragt, so stoße ich – zum Beispiel – auf Sätze wie diese: »Du könntest, wenn dir das Glück der ersten Blicke entschwindet, meinen, du würbest nicht genug um die Welt …«; oder: »Außer mir und dir sind die Entstehungen, außer dich sollst du horchen.« Auch diese Sätze sind ungut gebaut und unbedarft formuliert. Doch von Sprachverluderung kann hier nicht die Rede sein. In der Verkrampfung manifestiert sich der Kampf des Autors um den adäquaten Ausdruck des Unaussprechlichen. Hier ist nichts Wegwerfendes, Fahrlässiges, Voreiliges auszumachen, vielmehr geht es um den spürbar schmerzliche Versuch, Unfassbares in Worte zu fassen, derweil noch beim Schreiben die Resignation die Syntax und den Willen zur Aussage lähmt. Hier bei Kästner liest man – wie bei andern starken Autoren auch – merklich angestrengte, schon im Entstehen gescheiterte Sätze, während in heutigen Texten gemeinhin die Nonchalance als Spielform des Scheiterns zum Zug kommt. – Bei Howeg soll demnächst, als Jubiläumsveranstaltung, eine Ausstellung mit Rahmenprogramm eröffnet werden. Vorgesehen sind Lesungen, eine Uraufführung von Boulez, eine Aktion mit Signer, als Künstler ist Silber eingeladen. Ich sehe zwar nicht, was ich zu diesem Jubiläum beitragen könnte, will aber dennoch nach Arlesheim fahren, um an einem Vorbereitungstreffen teilzunehmen. Krys, hochschwanger, aber guter Dinge, begleitet mich, sie trägt eine weite dünne fast durchsichtige Bluse, in die sie, wie in einen großen Insektenflügel, eingehüllt ist. Die Reise erweist sich als äußerst umständlich. Zwar kenne ich die Route, verfahre mich aber mehrmals, merke zu spät, dass ich weder ein Ticket noch genügend Geld dabei habe, klaube in meinem Portemonnaie nach den winzigen Messingmünzen. Unversehens treffe ich an einer mir unbekannten Endstation mit Schienenschlaufe ein, Krys erwartet mich schon, gemeinsam suchen wir nun nach der nächsten Metrostation, wir sind völlig desorientiert, bis man uns aus weiter Ferne von hinten beim Namen ruft: Krysipp! Krysipp! Es ist Bargetzi, der uns, von seinem Schäferhund an der Leine mitgerissen, nacheilt und auch dann noch Krysipp! Krysipp! schreit, als er mir schon die Hand auf die Schulter legt. Ich bin erleichtert, als ich erfahre, dass Bargetzi ebenfalls nach Arlesheim unterwegs ist, wir überlassen uns gern seiner Führung, er lässt den Schäfer ohne Leine vorauslaufen, hängt sich bei uns beiden ein, wir eilen zu dritt über die vielen Treppen, durch die vielen Korridore, über viele Bahnsteige, doch die Metro ist offenbar außer Betrieb. An einer völlig verwahrlosten Station steigen wir wieder ans Licht, der Ein- und Ausgangsbereich ist baufällig und verdreckt, auf einer alten Kirchenbank sitzt, in ihr fülliges Haar gehüllt, eine kleine Frau, sitzt da und wartet wohl auf milde Gaben. Wir verlassen die Station, sind nun mitten in einer unbekannten Großstadt, und ich überlege mir ernsthaft, ob ich nicht doch besser ein Fahrrad mieten sollte, versuche mir – aber von wo aus? – die Route nach Arlesheim vorzustellen, wo Krys mich erwartet und wo ich aber (das wird mir in diesem Augenblick klar) nie ankommen werde. Also geh ich zu Fuß weiter und verliere mich rasch unter all diesen schwarzen Passanten. – Weiter mit dem Roman, meine Skepsis wächst, der Spaß am Schreiben schwindet; lieber also lesen: Vladimir Nabokovs ›Venezianerin‹ zum dritten Mal, und wieder die ungetrübte Begeisterung über einen Text, den ich eigentlich hassen müsste, weil ich ihn doch am liebsten selbst geschrieben hätte; gleiches gilt für die Erzählung ›Zufall‹, die so gut wie alles übertrifft, was ich in diesem Genre kenne – da gibt es (wie meistens bei Nabokov) keinen dominanten Helden – es gibt lauter gleichrangige Unhelden, Durchschnittsmenschen, Heruntergekommene, Unbedarfte, und der Autor umgibt sie, allesamt, kraft seiner Wahrnehmungszuwendung mit einer Aura, die sonst (bei andern Autoren) nur den herausragenden – positiven oder negativen – Helden zuteil wird. Fast nichts lässt Nabokov in diesen Erzählungen passieren, die Plots sind denkbar flach, und doch wird alles in hoher Spannung gehalten. Seitenlange Gegenstandsbeschreibungen, Stimmungsbilder, Alltagsszenen sind aufgeladen mit einzigartigen Wahrnehmungsdaten, die nirgendwo sonst zu lesen sind und deren Einzigartigkeit bei der Lektüre permanentes Staunen aufkommen lässt. Spannung entsteht auch aus dem durchgehenden Kontrast zwischen Beschreibungskunst einerseits, Gewöhnlichkeit, Unbeholfenheit, Peinlichkeit, Lächerlichkeit, Verkommenheit, Eitelkeit der handelnden Personen anderseits – es gibt bei Nabokov im Personalbereich eigentlich nur Mediokritäten, Versager, also »Menschen wie du und ich«, selbst dann, wenn sie – wie Lushin, Knight usf. – mit einer gewissen Genialität ausgestattet sind. Selbst Shade oder Botkin (oder Kinbote) in ›Fahles Feuer‹ sind, ihrer raffinierten Intellektualität zum Trotz, unangenehme Durchschnittstypen. Durchschnittstypen (oder auch Alltagsgegenstände, Alltagssituationen, Routinehandlungen usf.) literarisch interessant zu machen, gehört zu den großen Herausforderungen aller Erzählkunst, und Nabokov wird dieser Herausforderung durchweg – schon im Frühwerk – auf höchstem Niveau gerecht. – Eva Wannenmacher befragt in einer TV-Reportage über das Zürcher Rotlichtmilieu im Kreis 4 mehrere schwangere Prostituierte über ihre Erfahrungen und ihre Befindlichkeit. Die Erfahrung ist offenbar die, dass manche Freier bereit sind, Schwangere über die vorgegebenen Tarife hinaus zu bezahlen oder sie mit großzügigen Trinkgeldern abzufinden. Das Begehren der Männer sei bei Schwangeren größer, ihre Performance deutlich rücksichtsloser, oft brutal. Eine schöne Chinesin mit weiß getünchtem Gesicht, großgewachsen, zart gebaut, kurz vor der Geburt, gibt freimütig radebrechend Auskunft über ihre – woher hat sie das Wort? – »Widerfahrnisse«. Die Reporterin stellt ihr am Ende des Interviews, mit Blick auf den bereits sehr prominenten Bauch, die Frage: »Und was wird’s denn?« Worauf die Dame antwortet: »Eine Übélaschung!« Mit Betonung auf él. – Merkwürdige Schreibökonomie – ich kann meine Schreibarbeit nicht organisieren, nicht planen, Termine spielen für mich keine Rolle, ich brauche keinen Druck, keine Deadline, um dranzubleiben. Bei mir reguliert sich das von selbst, es ist, als gebe es in mir ein Steuergerät oder einen Schrittmacher, der die Schreibbewegung bestimmt … der die Schreibarbeit befristet. Daher kommt’s, dass mein tägliches Schreibprogramm jedes Mal anders ausfällt – gestern anderthalb Stunden, heute zwei, morgen vier usf. Bin ich erst einmal am Schreiben, bemerke ich kaum noch, wie die Zeit vergeht … wie schnell die Zeit vergeht, und plötzlich bricht die Bewegung ab, obwohl ich genau wüsste, wie’s weiterginge. Aber es geht nicht weiter, ich muss abbrechen, es ist genug. Doch warum? Und wer oder was entscheidet darüber? Vielleicht geht diese Ökonomie auf eine energetische Prämisse zurück? Vielleicht steht für jeden Tag eine bestimmte, nicht überschreitbare Schreibzeit und Schreibkraft zur Verfügung, die automatisch abbricht, sobald sie optimal genutzt worden ist? Optimal!

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