Richard Dehmels Gedicht „Die stille Stadt“

RICHARD DEHMEL

Die stille Stadt

Liegt eine Stadt im Tale,
Ein blasser Tag vergeht;
Es wird nicht lange dauern mehr,
Bis weder Mond noch Sterne,
Nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
Kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
Kaum Türme noch und Brücken.

Doch als den Wandrer graute,
Da ging ein Lichtlein auf im Grund;
Und durch den Rauch und Nebel
Begann ein leiser Lobgesang,
Aus Kindermund.

1896

 

Konnotation

In der Berliner Bohème galt er an der Schwelle zum 20. Jahrhundert als Aktivist des wilden Trinklieds: Richard Dehmel (1863–1920), der sich zunächst von den Programmen des Naturalismus inspirieren ließ, wurde in einem zeitgenössischen „Steckbrief“ als „ein Spiritus“ charakterisiert, „an dem sich alle die Jünglinge und Jungfrauen Deutschlands bis zum Lallen betrunken haben“. Sein früher Gedichtband Aber die Liebe (1896) zeigt aber einen Dehmel, der weder durch naturalistischen Detaileifer noch durch vitalistische Trinkfreudigkeit auffällt, sondern eher durch impressionistische Stimmungskunst.
Dehmels „stille Stadt“ – ein Gedicht aus dem Band Aber die Liebe – scheint im undurchdringlichen Dämmer zu liegen, der Nebel verschluckt alle Lebensregungen. Aber die dritte Strophe präsentiert ein kleines Wahrnehmungswunder. Wo nur erstarrtes Leben zu schlummern schien, strahlt plötzlich ein „Lichtlein“ und tönt ein Sphärengesang aus „Kindermund“ herüber. Solche religiös gestimmten Offenbarungssensationen wurden später von namhaften Komponisten vertont, u.a. von Kurt Weill und Alma Mahler-Werfel.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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