Pier Paolo Pasolini: Poesiealbum 272

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Pier Paolo Pasolini: Poesiealbum 272

Pasolini/Gille-Poesiealbum 272

AN DIE ZEITGENÖSSISCHEN LITERATEN

Ich sehe euch : es gibt euch, wir bleiben Freunde,
aaaaagern sehen und begrüßen wir uns im Café
oder in den Häusern der ironischen römischen
aaaaaDamen…
aaaaaDoch unsre Grüße, unser Lächeln, die
aaaaaPassionen, die uns verbinden,
gehören einem Niemandsland an : einem… waste
aaaaaland,
aaaaafür euch : für mich der Abstand zwischen der einen
aaaaaGeschichte und der anderen.
Wir können nicht mehr wirklich einig sein : es macht mich zittern,
aaaaaaber in uns liegt es, daß die Welt feind ist der Welt.

 

 

 

Bevor Pier Paolo Pasolini

als Romancier und Regisseur von Weltrang bekannt wurde, hatte er Gedichte veröffentlicht. Und Zeitlebens suchte er die Verständigung in diesem und über dieses Medium, begriff es als Teil einer politischen Kultur. So entstand jene seltene Synthese, in der das Gedicht als Ort der Selbstaussage ebenso funktional wurde wie als Mittel eines polemischen Angriffs gegen eine Werthierarchie, in derem Kanon Kreativität und Aktionsräume des Individuums erstickt wurden.

Verlag Neues Leben, Ankündigung

Pasolini

war ein notorischer Aufrührer, der seine Finger auf die Wunden der Gesellschaft legte und sich dabei oft selbst verwundete, ein Querulant, der sich in die eigenen Widersprüche verstrickte, ein kleinbürgerlicher Intellektueller, der mit dem Mut der Verzweiflung gegen seine Ohnmacht kämpfte. Als Homosexueller von der Gesellschaft ins Abseits gestellt, ist er gerade in seiner Außenseiterrolle zur Symbolfigur des intellektuellen Protestes gegen die bürgerliche Gesellschaft geworden.

Heidi Brang, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1990

Die italienischen Dichter

des vergangenen Jahrhunderts hatten die politische Lyrik immer in einem zelebrativen, rhetorischen, triumphalistischen Sinne verstanden. Pasolini hingegen gab uns eine politische Lyrik, die die ganze Intimität, die Subtilität, die Ambiguität und die Sinnlichkeit der Décadence hatte wie auch den idealen Elan der sozialistischen Utopie.

Alberto Moravia, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1990

 

Etwas Anderes

Das, was auf einen Großteil unserer Generation von Literaten den stärksten Eindruck machte, was sie am meisten beunruhigte, als der junge Pasolini die Szene betrat, war sein offensichtlichtes Bedürfnis, Literatur hervorbringend etwas anderes als Literatur hervorzubringen, sprich: daß ihm die Literatur nicht genügte. Doch gibt es jemanden, dem die Literatur wirklich genügt? Und reicht es, zur näheren Erläuterung, zu behaupten. daß diese Unzufriedenheit im Falle Pasolinis bis an ihre äußerste Grenze gespannt war und Verweigerung wurde, oder besser eine Form der Verweigerung, die nicht nur gegen die Literatur gerichtet war (zumindest gegen jene, die wir in Betracht zu ziehen und wertzuschätzen gewohnt waren), sondern gegen das Wie unserer Existenz schlechthin? Von seinem Debüt an hätte Pasolini die Worte Apollinaires, ihm sonst so wenig verwandt, zu den eigenen machen können: Décidemment je ne respecte aucune gloire… Und zwar in dem Sinne, daß der Respekt (und in gewisser Hinsicht auch die Liebe) sehr gut ohne die Anerkennung des „Ruhms“ auskommen konnten. (…)
Wir, ich selbst und die anderen, befanden uns, ohne es zu ahnen und trotz all unserer Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Ängste, auf einem Weg, der anscheinend ruhig war, doch im Grunde mit einem täglichen Sterben gleichzusetzen war. Eben das, was Pasolini in unterschiedlichen Formen bekämpfte. Sein Auftauchen war also in gewisser Weise ein Peitschenhieb, ich weiß nicht inwieweit heilsam. Denn Pasolini war vom Stoff derjenigen, ganz wenigen, die Knoten nicht langsam aufzudröseln versuchen, sondern kurzerhand durchzuschneiden pflegen. Von Anfang an schienen seine Instrumente, seine Form-Entscheidungen ungewöhnlich und anders. Dabei ging er so weit, auch solche wieder aufzugreifen, die wir vielleicht für dauerhaft ad acta gelegt hielten: wie einer, der ein paar Schritte zurückmacht, um mit mehr Schwung nach vorne zu preschen. Auch das war irritierend.
Als ich zum ersten Mal Die Nachtigall der katholischen Kirche las, habe ich sofort, wie andere, an eine Art zweiten Rimbaud gedacht. Ich werde hier nicht zu belegen oder zu begründen versuchen, was damals nur ein reiner Eindruck war – zum Teil literarischer Natur, zum Teil nicht – und was heute nicht mehr als die Erinnerung eines Eindrucks ist. Andere haben, als Pasolini starb, ihrerseits den Namen Rimbaud genannt. Mit dem Unterschied, daß Rimbaud zumindest einen Augenblick lang gedacht hatte, es sei mit der Dichtung, in der Dichtung möglich, das Leben m verändern: changer la vie. Und daran, sofern er überhaupt jemals daran geglaubt hatte, glaubte Pasolini schon lange nicht mehr. Daß er jedoch, auch innerhalb dieses Nicht-Glaubens, mit all seinen Kräften und jenseits der Dichtung, um den Preis der Dichtung, „das Leben ändern“ wollte, scheint mir unbestreitbar. So ist sein Tod die späte Antwort auf den ersten „choc“ seines Erscheinens von damals. Und er ruft in uns Scham und Gewissensbisse hervor: in uns, die wir seinen Tod, den Umständen zum Trotz, in gewisser Weise beneidet haben, ebenso sehr wie den letzten Sinn seiner Existenz, trotz aller Wirren und Zwischenfälle.

Vittorio Sereni, 1976, aus dem Italienischen von Theresia Prammer, Schreibheft, Nr. 73, September 2009

Sämtliche Werke

Pasolini scheint ein Autor „Sämtlicher Werke“ zu sein. Er überläßt seinem Gesamtwerk die Aufgabe, dessen besondere Momente zu deuten. Sein antiasketisches Programm erlaubt ihm, keine Zweifel zu hegen und widersprüchliche Formen und Erfahrungen auszuprobieren. Nur in diesem Sinne ist seine Dichtung nicht von seiner Prosa zu trennen.
Er ist nicht nur ein außergewöhnlich kluger Kopf, sondern auch ein Dichter mit einem fulminanten Sinn für die Struktur und das Detail, für die Intonation und den Reichtum der Metrik. Anders als nahezu die gesamte Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts und der italienischen Avantgarde hat er Reinheit, Homogenität und Absolutheit stets gemieden: Er hat den Trick, die Maske, die Umschreibung und die Kontamination von Stilen, Techniken und Sprachen akzeptiert, hat Authentizität anhand ihres Gegenteils verfolgt. Seine Gedichte müssen als Übungen im Stil von Picasso und Strawinsky gelesen werden, Bearbeitungen einer endlosen Fülle archäologischen Materials. Darin ist er immer erzliterarisch und ein Feind der Unmittelbarkeit, die ohnehin nicht existiert.
Das alles entfernt ihn nicht – wie er ehrlich glaubt – von der Dekadenz oder Avantgarde, es ist keine erneute Behauptung von Rationalität, keine demokratische Revolution in der dichterischen Rede. Es ist die verspätete Blüte eines Zweigs der Avantgarde, den unser Land aus allzu vielen Gründen hatte vertrocknen lassen. Der diskursiv-kommunikative Anschein von Pasolinis Kurzepen wurde schon seit Jahren verfolgt und zum psychologischen Ausdruck des Zusammenhangs zwischen Kindheit und erwachsenem Unglück usw. umgedeutet: auf stilistischer Ebene essayistischer Erörterungscharakter und mimetische Ausdruckskraft; auf sprachlicher Ebene hochliterarische Lexik und Dialekte oder Jargons. Diese antithetischen Paarungen sind unwahr, ja mythologisch für das moderne Denken der marxistischen Kultur, aber wahr und lebendig für das Bewußtsein der neuen, vom Neokapitalismus erfaßten Bourgeoisie Italiens. Pasolini, der biographisch gespalten ist zwischen intellektueller Aristokratie und proletarischem „Leben“, hat eine Reihe imaginärer Porträts und typischer Situationen des Intellektuellen aus und in dieser neuen Bourgeoisie geschaffen. Gegen seine bewußten Überzeugungen auf eine unbewegliche Schichtung der italienischen Gesellschaft setzend, hat er uns mit Gramsci’s Asche die ethisch-lyrische Geschichte eines fortwährenden Übergangs zwischen äußersten Polen gegeben, und diese Geschichte war im Grunde nicht dazu bestimmt, die Extreme zu überwinden, außer für Sekunden, in den elektrischen Ladungen der Gegensätze. Er hat sich in der Antithese eingerichtet, aber er riskiert, sie nicht mehr zu leben, sondern nur noch zu wiederholen. Mit seinen drei Gedichtbänden – die man seine „rosa Phase“ (La meglio gioventù), die „violette“ (Die Nachtigall der katholischen Kirche) und die Neo-Jugendstilphase nennen könnte (Gramsci’s Asche) – hat er uns außergewöhnliche, großartige Orchestrierungen von Themen, Landschaften und Geschöpfen, von Spaltungen und Ekelgefühlen gegeben.
Unvorhersehbar seine Zukunft, unnachahmlich seine Art, zu siegen und zu irren. In Bezug auf sein Ethos lese man, was R. Serra für D’Annunzio in Le lettere von 1913 schrieb. Schule macht er nicht, Nachahmer sind bedeutungslos, man fängt nicht bei ihm an, sondern vor ihm oder über ihn hinaus. Was bleibt, sind das Erreichte und ein kämpferischer Wille, der umso liebenswerter und nützlicher sein könnte, je weniger er bereit wäre, sich in Stil zu verwandeln.

Franco Fortini, 1959, aus Schreibheft, Nr. 73, September 2009
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

Theresia Prammer: Nichts ist, was es ist
Schreibheft, Nr. 73, September 2009

Mit Büchern fing alles an

Der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini war ein Vielleser. Mehr als 40 Jahre nach seinem Tod wird nun seine Privatbibliothek erforscht. Thomas Migge bespricht La Biblioteca di Pier Paolo Pasolini.

Hans Ulrich Reck: Mythische Verweigerung und totale Person. Zu Werk, Leben und Rezeption Pier Paolo Pasolinis, Merkur, Heft 424, Februar 1984

Eine Veranstaltung in der Münchner Paulskirche mit Lesungen aus dem Werk des italienischen Künstlers und Erinnerungen des Schriftstellers Alberto Moravia. Musikbeiträge des Ensembles TrioLog. Durch die Sendung führt Antonio Pellegrino.

 

 

Konstantin Wecker mit Michael Dangl: „Elegie für Pasolini“. Live aufgenommen im Theater im Park in Wien am 4.9.2020

 

PIER PAOLO PASOLINI

Durch ein Labyrinth aus Fenstern
rennst du durch einen Wald
aus Leibern um dein Leben
fliehst in die Hölle
aus Widersprüchen der Reichtum
haßt die du liebst
sprichst in dich hinein
der Atem ist schwer
hinter dir Schritte
ein nahendes Auto
der Asphalt ist leer
du läufst den Strand
entlang der Sand
ist aus Messern
jemand ruft deinen Namen
über dem Meer kein Mond
nichts spiegelt sich
in deinen Augen der Mörder
dreh dich nicht um
verloren scheint deine Welt
jenes Verlangen hungrig
zwischen den Resten
aus Muscheln und Müll
bleibst du stehen
geblendet vom Scheinwerferlicht
nimmst schützend die Hände
vor das Gesicht bis es
zerplatzt.

Christoph Klimke

 

FÜR PASOLINI

Ich sage nur Guten Morgen und schon habe ich Angst vor deinem Echo,
aaadu, verzweifeltes Schauspiel, grandiose Ruine.
Und doch war er, mein Vers, dir etwas wie ein Dorn.
aaaAber du, geh nur weiter, vollkommen und blind.

Franco Fortini

 

 

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