Uwe Greßmann: Lebenskünstler

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Uwe Greßmann: Lebenskünstler

Greßmann/Greßmann-Lebenskünstler

NÄHE UND FERNE

Aber die Sterne sind ja nur Teilchen
Und Staub im Leeren
Winken wir auch mit dem Staubtuch
Als wollten wir die Welt so säubern
Da wir durch die Räume ziehn
Und in der Tür stehn
Sind wir auf Erden
Eines Fußbodens kühl
Ja ganz auf Abstand bedacht
Doch ist All das wirklich so weit
In diesem Raum?
Wie wäre es sonst möglich
Daß nun als Lampe Mond
Und Sonne brennt
Rund ist
Was in der Ferne uns noch schien
Ein Staub im Leeren
Dem wir schon mit dem Staubtuch winkten
Als wollten wir gleich säubern

 

 

Nachbemerkung

Es gibt Menschen, die für ihre Umwelt zu einer Herausforderung werden und dies durch nichts als ihr Anderssein: Der Normbürger, der warm im Schoß von seinesgleichen ruhte, fühlt sich gestört, unterschwellig in Frage gestellt durch diese andere Möglichkeit (die für ihn keine ist) und neigt dazu, sie, findet sich keine andere Handhabe, der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein derart Exponierter war der Dichter Uwe Greßmann, der in den sechziger Jahren in Berlin zwischen Mitte und Pankow auffällig wurde: eine Heiligengestalt im Lodenmantel, die, von Krankheit gezeichnet, unverletzlich unter den Sterblichen wandelte. Wer Greßmann kennenlernte, trägt die Erinnerung an eine merkwürdige Begegnung mit sich herum und ist gern bereit, diese mitzuteilen; freilich ohne die Chance, sie damit loszuwerden.
Auf die Kraft solcher Spuren baut dieses Buch. Ich, sein schon der nächsten Generation zugehöriger Herausgeber und Bewohner des von seinem langjährigen Arbeits- und Nachhauseweg durchschnittenen Stadtteils Prenzlauer Berg, bewegte mich 1968/69 als zugezogener Psychologiestudent wohl mit dem bereits zu Lebzeiten Legendären in denselben Regionen, habe ihn aber nie wissentlich gesehen. Eigentlich erreichte mich sein Ruf erst, als die Nachrufe bereits verstummt waren. Mag sein, daß ich zu jener von Beate Bell erwähnten Schweigeminutenrunde im Lyrik-Club Pankow gehörte. Greßmann gelesen hatte ich damals noch nicht. Er wurde mir erst in der Folgezeit eine faszinierende Erscheinung, deren Sog über die Jahre noch wuchs. Als ich 1977 die Betreuung der Reihe POESIEALBUM übernahm, war Greßmann der erste hiesige Autor, für den ich mich einsetzte. Bei meinen Studien für sein Heft stieß ich auf Material, interessant und exemplarisch genug, es vielen zugänglich zu machen: Briefe, Zeichnungen, Gedichtanalysen, unbekannte Gedichte. Von da bis zur Idee, es zusammen mit Erinnerungen anderer herauszugeben, war es nicht mehr weit.
Fritz Mierau und Elke Erb waren es, die mich ermutigten, den Gedanken an die Veröffentlichung dieses gestaltbildenden Fundus nicht fallenzulassen. Das ursprünglich als komplexer Zeitschriftenbeitrag Gedachte wuchs sich, konzeptionell erweitert, zum Manuskript dieses Buches aus. Was uns Klassiker wie Becher und Majakowski näherrückte (ich meine die bei Reclam edierten Erinnerungsbände), könnte, ich behaupte es, mit dem zum Klassiker so ungeeigneten Greßmann geschehen. Noch kaum ins Rampenlicht gerückt, ist er nicht weniger legendär und vielen der Jüngeren mit seinen sprachwachen, wurzeltiefen und moralisch integren Gedichten bereits unentbehrlicher Geheimtip. Denn es gibt einen Hunger nach authentischen Gestalten. Wer nicht schon sein Greßmannbild hat, erhält nun die Möglichkeit, durch das Facettenauge vieler einen plastischen Eindruck zu bekommen; nicht zuletzt durch die beigegebenen zeichnerischen Selbstporträts, Briefe und anderen Dokumente aus dem Literaturarchiv der Akademie der Künste, deren irreguläres Mitglied Greßmann auf Betreiben der Freunde per Nachlaß geworden ist.

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Wer nach wenigen Lebenstagen die trostlose Belegschaft eines Waisenhauses vergrößert und fortan, von zwei Adoptivintermezzi abgesehen, die lange Liste der Schwesternhäuser einwohnend ablebt, scheint vom Schicksal nicht auserwählt, eines Tages die Kultur seines Volkes zu bereichern. Dies um so weniger, wenn sich zur psychischen Misere noch die physische gesellt: die Lungentuberkulose, die zu mehrjährigem Aufenthalt in den Heilstätten Beelitz bei Berlin zwingt. Und doch findet sich ausgerechnet hier der Schlüssel zu Greßmanns Künstlertum. Was bei anderen die Weichen in Richtung Kriminalität oder Siechtum stellt, hat in seinem Fall tiefverborgene Kräfte mobilisiert, die unter glücklicheren Umständen womöglich nie herausgefordert worden wären:

Die Krankheit kam mir wie eine Erlösung, die mir in fünf Jahren Kraft gab, mich zu finden. (…) Nur an den Nadelstichen und Eingriffen, die ich bekam, merkte ich die Krankheit und an den Tabletten, die ich einnehmen mußte (wie eine Festung). Sonst war sie die freundliche Schwester innerer Anlagen. Und wie sie mich unterhielt, mich hieß zu zeichnen und zu dichten; wie sie mir Freunde schickte, die wie Bücher waren (zu mir); die man liest.

Der unter den Menschen Entwurzelte suchte Heimatrecht im Größerem: in geschichtlichem und kosmischem Raum, in Natur und Sage. Sein zähes Streben nach Ordnung und Systematik ist im Sinn solcher Platzsuche zu verstehen. Und der Deklassierte lechzte nach Anerkennung, ja Ruhm. Greßmann spürte instinktiv, daß die Götter vor den Erfolg den Fleiß gesetzt haben. Da ihm Schulbildung durch seine Odyssee zwischen einem gut Dutzend Heimen und ähnlichen Asylen nur bis zur 8. Klasse zuteil wurde und sein geschwächter Leib ihn um den Besuch weiterführender Lehranstalten brachte, wurde Greßmann zum Musterbeispiel eines Autodidakten. Alle, wirklich alle Zeit, die ihm der bescheidene Broterwerb als Bote und später Postabfertiger der HO-Gaststätten Berlin-Mitte ließ, gehörte dem Lesen und Schreiben. Greßmann ging, wie mir sein väterlicher Freund Hans Lässig zu berichten wußte, mit einer Gedichtzeile schlafen und stand mit einer auf. Das Verzeichnis seiner (nur gemessen am lange bewohnten halben Zimmer – großen) Bibliothek umfaßt neben belletristischen vor allem mathematische, historische und philosophische Bücher, darunter so Ausgefallenes wie M.A. Castrens Ethnologische Vorlesungen über die altaischen Völker nebst samojedischen Märchen und tatarischen Heldensagen (St. Petersburg 1857, Buchdruckerei der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften), Nioradses Der Schamanismus bei den sibirischen Völkern, Pouchas Die geheime Geschichte der Mongolen, Stamms Ulfilas oder die erhaltenen Denkmäler der gothischen Sprache, A. von Humboldts Kosmos, Nibelungenlied, Rolandslied, Gilgamesch-Epos, Heliand und die Bruchstücke der Genesis, Wie das Volk spricht und An Volkes Herz und Mund. Da er all diese Bücher in strenger Einsamkeit regelrecht durcharbeitete (Dutzende Notizbücher voller Exzerpte und Lesegedanken zeugen davon!) und gleich besessene Gesprächspartner ihm in der Regel fehlten (wohl einzige Ausnahme: der siebzehnjährige ungarische Gymnasiast Stefan Dely, mit dem er 1962 Briefe wechselte), ging er natürlich auch bei der Verarbeitung des Gelesenen seine eigenen, oft wunderbaren bis wunderlichen Wege. Ich glaube, Greßmann hatte es schwer, sich verständlich zu machen. Eigentlich war es erst sein Ende 1966 erscheinender Gedichtband Der Vogel Frühling, der es ihm (mit Hilfe dieses ungewöhnlichen Botschafters) ermöglichte, die Fühler weltumspannend auszustrecken. Nun kennt er keine Hemmungen mehr. Tadeusz Różewicz und Nelly Sachs heißen seine Adressaten, Ilja, Ehrenburg und Max Frisch, Peter Weiß und Carl Friedrich von Weizsäcker sind es gewesen oder sollten es sein. Ernst genommen haben Greßmann nur wenige der Umworbenen, jedenfalls finden sich kaum derartige Zeugnisse in der Hinterlassenschaft. Anders die Kollegen hierzulande, die dem Beflissenen doch Weltfremden zur verdienten Aufmerksamkeit verhalfen: Paul Wiens und Jo Schulz, Elke Erb und Adolf Endler, Heinz Czechowski und Gerhard Wolf, Franz Fühmann und Stephan Hermlin. Paul Kárpati vermittelte Nachdichtungen aus dem Ungarischen. Dienste, welche die gleichfalls angegangene französische Militärmission in Potsdam oder der Pekinger Verlag für Fremdsprachen ihm nicht erweisen konnten.

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War Greßmann ein Lebenskünstler? Im landläufigen Sinn des Bonvivant, der das Leben stets von seiner angenehmsten Seite zu nehmen und zu genießen weiß, gewiß nicht. Dafür wohl in einem anderen, höheren Sinn. Wie er seine Misere umfunktionierte zum Quell einer erstaunlichen Kreativität. Wie er die tuberkulöse Lebensenge weitete zu sphärischen Ausmaßen. Wie er es verstand, seine schwachen Kräfte zu konzentrieren und sich durch nichts ablenken zu lassen. Das nötigt uns Bewunderung ab. Alle Verrichtungen vermochte er als Gleichnis zu empfinden: das Heizen des Ofens wie den Gang zu den Behörden. Nein, sein Speisezettel wäre eine Strafe für einen Feinschmecker. Auf der Rückseite von Briefumschlägen fand ich manchmal das Benötigte notiert, so 1961: 2 Schnittbrote, 1/4 Butter, 4 Doppelrahmkäse, Bienenhonig, 2 Joghurt, Vollmilch, Sahne, Weizenkeime, Traubenzucker, Haferschneeflocken, Johannisbeermuttersaft, 2 Nußmus. Das Diktat der Krankheit.
Abgesehen von seiner Lektüre war Greßmann bedürfnislos: was Kleidung, Wohnstandard, Zerstreuungen betraf. Das mit Büchem vollgestopfte spartanische Zimmer findet sich mehrfach beschrieben, desgleichen sein äußerer Aufputz. Vor dem Aufbrechen der schlechtvernarbten Mutter-Wunde schützte er sich durch Selbstisolation, wie der postlagernd abgewickelte briefliche Verkehr offenbart, der ihn vor der Wiederbegegnung bewahren sollte. Wieviel Lebenstragik wird allein hierin sichtbar… Das Grund-Weltproblem schien ihm folgerichtig das zwischen Erziehern und Zöglingen zu sein. Er stellte es in den Mittelpunkt seines „Faust“ (an dem, entgegen der damaligen Meinung Endlers und Fühmanns, doch Abstriche zu machen sind; in den Dialogen wirkt inzwischen manches läppisch, während die Monologe und anderen gedichtartigen Teile nach wie vor standhalten). Die Erziehung der Erzieher lag ihm am Herzen, die Einstellung des Krieges zwischen ihnen und den Kindern, in dem er die Wurzel der Völkerkonflikte entdeckt zu haben meinte. Sein Faust ist ein Künstler des Notenpapiers und der Staffelei, am Ende aufgerufen, das gewandelte Leben mit seinen Mitteln darzustellen.
Greßmann ist ein Dichter, einer der wenigen zählenden, die unter uns aufkeimten. Er ist es im Sinne des Sehers, der die Kraft besitzt, die Welt nach seiner Sicht umzudeuten und so neu zu erschaffen. Er erdet Kosmisches und gibt dem Alltag große Dimension. Schuf Figuren wie Volksmund und den Vogel Frühling und zeigte, daß Schilda mehr ist als eine sagenhafte Stadt: Es war ihm sozialer Kosmos vor der Haustür. Und es ist mehr als nur Ironie des Schicksals, daß der sich mit allen Fasern nach Harmonie Sehnende erkennen mußte, daß er sich diese, wenn je, nur um den Preis seines satirischen Scherfleins verdienen könnte; nicht billiger. Sein Schildbürgerbuch wäre sein „Schwitzbad“ geworden. Uns bleibt, neben einigen wenigen ausgeführten Texten, die lange Liste derer, die seine Geißel treffen sollte: Schildas Melkerin und Schildas Laubenpieper, Schildas Skatverein und Schildas Zensoren, sein Kindergarten und sein Zoll, die Ideale… Ein halbes Hundert Toren. So wollte Greßmann als Lebenskünstler, wie er ihn verstand, uns mit zähen Schwächen und kleinen Freuden auf Duzfuß bringen, daß wir, die Gesetze des Daseins verstehen lernend, uns diese befreunden. Unverändert geht er unter uns: erhobenen Hauptes; hinter ihm eine Wolke mantelaufgerührten Staubs.

Richard Pietraß, Nachwort, April 1981

Uwe Greßmann (1933–1969)

Als ich seine ersten Verse las und vorlas, hatte mich Uwe Greßmann in Verlegenheit gebracht. Man empfindet Verlegenheit vor jemand, den man nicht einer Richtung, einer Tradition zuordnen kann und dessen eigenständige Begabung man gleichzeit stark empfindet. Ich gehöre nicht zu den Etikettenklebern, aber es ist mir schon ganz recht, wie anderen auch, wenn ich mich in jemand ein wenig auskenne, wenn ich sagen kann, „das hier hat er von dem da“ und „dieses geht auf jenes zurück“. Nichts derartiges ließ sich von Greßmanns Gedichten sagen. Sie waren einfach da, merkwürdig, schrullig, manchmal komisch, ein bißchen unheimlich. Dabei waren es nicht etwa verstiegene Produkte, sie waren ohne Ambition, sie waren hiesig, heutig, plebejisch, Gedichte aus Berlin oder aus Berlins Umgebung. Mit einigen dieser Gedichte kann ich nichts anfangen, viele gefallen mir, manche sind wundervoll.

Stephan Hermlin, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1982

 

Nur kurze Zeit im Lebenszug

Die kleinen Freuden begleiten dich
In der Bahn; des Lebens Fahrender
Du siehst sie oft gar nicht sitzen,
Die einander geneigt sind,
Kopf an Kopf,
Sich in Worten widerspiegeln,
Schwarzen Fensterscheiben
Eines Tunnels,
Wo sie nicht merken,
Wie man ihre Schönheit bewundern kann.
Aber wer achtet schon darauf,
Wenn er so in Fahrt ist
Und seines Lebens Abteil besetzt hält.

Uwe Greßmann, von dem diese Verse stammen und der selbst nur kurze Zeit im Zug des Lebens mitfuhr, wäre gestern 50 Jahre alt geworden. Er bestieg seinen Lebenszug als ein Reisender 3. Klasse. Aber gerade die, die am Rande stehen, nie ganz dazu gehören, sind oft in der Lage, des Lebens Freuden intensiver zu erleben. Einige wenige, zu denen Greßmann gehörte, schrieben sie auf.
Hineingeboren in die Zeit des „Tausendjährigen Reiches“, begann er sein Leben in einem Berliner Waisenhaus — als uneheliches Kind einer kranken Mutter blieb ihm ohnehin keine Wahl. Und so waren die Weichen für seinen Lebenszug gestellt. Seine ersten Pflegeeltern empfand er mehr als Großeltern. Nach dem Selbstmord seiner Pflegemutter 1939 hießen weitere Stationen dann Waisenhäuser, Kinderheime und wieder Pflegeeltern, die ihn häufig schlugen. 1946 floh er und lernte Durchgangsheime und Umsiedlerlager kennen. Greßmann schloß 1948 die 8. Klasse ab und begann eine Lehre als Elektroinstallateur, die er 1949 abbrechen mußte. Es folgten fünf Jahre Krankenhausaufenthalt wegen Tbc, die ihn unter anderem zwangen, seine Studienpläne aufzugeben.
Greßmanns Lebens- und Arbeitswille blieb ungebrochen. Er schreibt dazu:

Die Krankheit kam zu mir wie eine Erlösung, die mir in fünf Jahren Kraft gab, mich zu finden. Nur an den Nadelstichen und Eingriffen, die ich bekam, merkte ich die Krankheit und an den Tabletten, die ich einnehmen mußte (wie eine Festung). Sonst war sie die freundliche Schwester innerer Anlagen. Und wie sie mich unterhielt, mich hieß zu zeichnen und zu dichten; wie sie mir Freunde schickte, die wie Bücher waren (zu mir); die man liest.

15 Jahre lebte und arbeitete Greßmann in einem halben Zimmer zur Untermiete in Pankow. Zehn Jahre Botendienst für HO-Gaststätten Berlin-Mitte und nebenher oder als das Eigentliche intensive Lesearbeit (Greßmann hatte an die 20 Bände Hegelscher Philosophie durchgearbeitet) und Schreiben an eigener Dichtung.
In einem Pankower Lyrikklub wurde Jo Schulz auf Greßmann aufmerksam. Er war es dann auch, der ihn freundschaftlich unterstützte und begleitete. 1966 erschien im Mitteldeutschen Verlag/Halle der erste Gedichtband Uwe Greßmanns unter dem Titel Der Vogel Frühling.
Die Aufnahme in den Schriftstellerverband folgte. Eine eigene Wohnung und ein Stipendium des Verbandes kamen für ihn allerdings zu spät. Uwe Greßmann starb am 30. Oktober 1969 in Berlin-Buch.
Im Jahr seines 50. Geburtstages gab der Reclam-Verlag Leipzig ein Buch mit Gedichten, dem Faust-Fragment, Lebenszeugnissen und Erinnerungen an Uwe Greßmann, darunter Erstveröffentlichungen, unter dem Titel Lebenskünstler heraus. Bisher unveröffentlichte Briefe Greßmanns zeigen einen selbstbewußten, ehrgeizigen, bescheidenen und einsamen Dichter. Dem Buch sind Selbstporträts und Fotos von Greßmann beigefügt. Sie ergänzen das Bild, das Freunde und Schriftsteller von Uwe Greßmann zeichnen. Eigens für dieses Bändchen schrieben unter anderem Elke Erb, Jo Schulz, Franz Fühmann und Adolf Endler ihre Erinnerungen an Greßmann auf.

Margret Toppe, Neue Zeit, 2.5.1983

Uwe

Uwe war einer, den die Kinder am Mantel zottelten: Viel zu groß, flach, sah er aus wie mit dem Nudelholz ausgewalzt: ihm fehlte das Runde. Mitten im Sommer ging er mit einem Schiffchen aus mäusefraßigem Pelz auf dem Kopf und einem Lodenmantel, der ihm in jeder Hinsicht zu groß, war. Die Ärmel waren zu lang, der Mantel war viel zu weit, umwehte ihn. Für den Normalbürger, der nicht wußte, daß da ein Heiliger ging, war er eine komische Figur. Faszinierend war die Leuchtkraft seiner Augen, wenn er sich gesund fühlte. Auch der Mantel hatte seinen tieferen Sinn. Jede Erkältungskrankheit, die bei einem normal Widerstandsfähigen drei Tage kommt, drei Tage geht, war für Uwe fast tödlich, brauchte bei ihm sechs bis acht Wochen. Er lebte in panischem Schrecken vor Erkältungen und ist in den Händen idiotischer Ärzte gewesen. Die einzigen, die ihn etwas aktivieren konnten, waren die Wasserpantscher, die Physiotherapeuten, mit Wasser und einem Diätplan (sieben kleine Mahlzeiten täglich). Er war fast Vegetarier, lebte von Milch, Honig, Haferflocken und Obstsäften; viel zu wenig Eiweiß. In dieser Behandlung, die sich ein halbes, ein dreiviertel Jahr hinzog, blühte er plötzlich auf und nahm er in kürzester Zeit fünfzehn Pfund zu.
Er wohnte in der Berliner Straße neben der kubanischen Botschaft im Hinterhaus, Parterre bei einer alten Frau. Dort bewohnte er ein winziges Zimmer. Es gingen hinein: ein Bett, ein Schrank, ein altes Gründersofa, aus dem die Sprungfedern unten herausguckten, ein Berliner Ofen mit weißen Kacheln, ein schwarzeisernes Bettgestell, in dem er wochenlang drinlag, was an Heines Matratzengruft erinnert. In dem Zimmer war nichts, wie man so sagt, gestaltet; alles blieb stehen an dem Ort, an den es ursprünglich hingestellt worden war. Und es muß nie saubergemacht worden sein, denn es waren riesige Spinnweben; die ihn zu skurrilen Überlegungen veranlaßten, desgleichen die Glasursprünge des weißen, altberliner Kachelofens. In dem Zimmer war ein fast unerträglicher Geruch nach ätherischen Ölen, Sanopin, Pulmotin, was man so nimmt, um Katharrhe der Luftwege zu beseitigen. Diesem Raum fehlte alles, was man als formale Ästhetik oder so etwas Ähnliches hätte bezeichnen können. Die Bücher, die er von seinen wenigen Einkünften als Postsachbearbeiter kaufte, waren in Stapeln übereinandergetürmt. Uwe wußte aber genau, wo jedes Buch lag. Er lebte in einer solchen Bedürfnislosigkeit, daß das Stipendium, das ihm der Schriftstellerverband in späterer Zeit ausgesetzt hatte, einen unwahrscheinlichen Reichtum für ihn bedeutete. Von dem Stipendium, ich glaube, es waren 400, Mark, lebte er weiter so, übersparsam, um für den Zeitpunkt, an dem es auslief, eine finanzielle Reserve zu haben. Das Stipendium ermöglichte es ihm, die Tätigkeit als Postsachbearbeiter aufzugeben und sich nur der Lyrik und seinen philosophischen Studien zu widmen.
Eine ganz große Freude in seinem Leben war die Zuweisung, einer eigenen Wohnung in der Gaillardstraße; bestehend aus einer schmalen Küche mit Speisekammer, einer Innentoilette, schmalem Flur und einem zweifenstrigen Zimmer mit Balkon im 3. oder 4. Stock. Der Blick aus dem Fenster ging nach Südwesten auf den Friedhof, auf dem er beigesetzt ist. Er war so froh über diese Wohnung, daß er versuchte, einen Teil der Malerarbeiten allein zu machen, z.B. das Streichen des Fußbodens. Das war natürlich Gift für ihn. Bei der Möblierung des Zimmers konnte ich ihm zum Teil behilflich sein. Die Möbel blieben weiterhin spartanisch. Es existierte ein Federboden mit schlechten Matratzen und primitiven Holzfüßen darunter. Der Luxus waren zwei wollene Decken. Ein heller Schreibsekretär der 50er Jahre, der war von uns, ein Gründertisch, drei Stühle mit Jugendstilelementen und eine vierschübige Kommode. Die Kücheneinrichtung beließ er, wie sie war. Es war die Wohnung einer älteren Frau, die nach dem Westen übersiedelte. Der Blickfang des Zimmers war die selbstgekaufte Reproduktion einer altägyptischen Reliefplatte, die ein Totengericht darstellt: „Osiris wägt die Seelen der Abgestorbenen“. In dieser Wohnung hat er ein knappes Jahr gelebt. Im November bekam er sie zugewiesen, kurz vor Weihnachten war sie bezugsfertig. Im Mai schon wurde er ernsthaft krank, und ich fand ihn in besorgniserregendem Zustand in dem Bett. So mußte er schon tagelang gelegen haben, ohne daß sich ein Mensch um ihn gekümmert hat. Meine damalige Schwiegertochter, seit einem Jahr approbierte Ärztin, hat seine Behandlung übernommen. Er kam dann wieder etwas auf die Beine, aber er war sehr geschwächt; sein Zustand war beängstigend, bis ich ihn überredete, entsprechende Fachärzte für Lungenkrankheiten aufzusuchen, deren Opfer er geworden ist. Rücksprachen mit den Ärzten, daß diese Persönlichkeit nicht mit normalem Maß gemessen werden kann, sind an Borniertheit gescheitert. Man hat lange gezögert, bis man ihn operierte. Prophylaktisch wurde eine Art Stärkungsbehandlung, Mastkur gemacht, damit er die nötige Widerstandskraft zur Operation haben sollte. Es kam zu zwei Operationen.
Uwe hatte eine Haßliebe zu seiner Mutter. Das ist eine Art Trauma für ihn gewesen, und ich habe für ihn zeitweilig eine Art Mutterersatz; Surrogat dargestellt. Beziehungen zu jüngeren und gleichaltrigen Frauen und Liebesbeziehungen scheiterten meiner Meinung nach an der Skurrilität seiner Persönlichkeit. Eine jüngere oder gleichaltrige Frau hätte ihn nur verlachen können. Einmal hat er ein Mädchen verehrt: Beate Bell. Da sie auch schrieb, gab es Kontakte dieser Art. Sie lebte zu dieser Zeit in einem Idyll in Pankow in der Parkstraße im Seitenflügel eines Hauses, in der sogenannten Apfelkammer. Wir konnten Uwe in der Früh treffen, wie er gewartet hat, daß sie erscheint. Beate war einer der wenigen Menschen, die zu diesem Zeitpunkt bereits die Bedeutung seiner Dichtung erahnte und vielleicht auch erkannte. Peter Hacks dagegen hat mir einmal gesagt, er könne Wirrköpfe nicht leiden. Für einen Dichter wie Uwe hatte er überhaupt kein Verständnis; lehnte er glattweg ab. Mein Mann hat Uwe kennengelernt in einer literarischen Gruppierung in Pankow, geleitet von Erich Fetter. Dort las Uwe zum ersten mal Gedichte vor, und alles Volk saß kopfschüttelnd und voll Unverständnis vor diesen Produktionen. Anschließend ging mein Mann mit Uwe eine anderthalb Stunde die Berliner Straße rauf und runter und hat ihm Mut gemacht und hat versucht, die Verbindung zu knüpfen zu den Leuten, die in der Lage waren, Uwe zu fördern: Paul Wiens und…
Er war gezeichnet von einem frühen Tod. Und man sah es und hat den Wunsch gehabt, daß er länger leben möchte; und das Bedürfnis, in der Zeitspanne ihm Freundlichkeit zukommen, zu lassen. So hat sich meine Beziehung zu ihm in dieser Zeit erschöpft ad 1: ihm zuzuhören und 2.: ihm etwas zu geben, was sonst Mütter oder liebende Frauen zu vergeben haben, nämlich Wärme und Aufmerksamkeit. Ich hatte das Bedürfnis, ihn abzuschirmen gegen Hohn und Spott. Dem war er ausgesetzt aufgrund seines Äußeren, das so entstellt war. Und wenn er leben würde, wäre das noch schlimmer, weil die Verrohung gewachsen ist. Ansonsten gab es, soviel ich weiß, keinen Menschen, der in sein Inneres bis ins Letzte hat hineinschauen können. Und Gespräche über normale Dinge des Lebens wie Essen, Trinken, Wohnen waren mit ihm so gut wie unmöglich.
Daß Uwe nur eine kurze Lebensspanne hatte, muß er geahnt haben, denn was an Kraft zu investieren war, hat er in seine dichterischen, philosophischen Arbeiten investiert, nämlich mit der Angst im Rücken, daß ihm seine Zeit zu kurz ist. Der aufmerksame Beobachter hat das gesehen und empfand äußerste Hochachtung vor ihm, und er sah hinweg über Lebensäußerungen, an denen die „normalen“ Menschen sich hätten stoßen können. Ich kann nur zutiefst bedauern, an diesen einzigartigen Menschen nicht noch mehr Freundlichkeit und Liebe gewendet zu haben.

Edith Lässig, 1978

Meine Begegnung mit Uwe Greßmann

Schon kurze Zeit, nachdem ich mit Greßmann bekannt geworden war, konnte ich nicht mehr sagen, wann und wo ich ihn getroffen hatte. Es kann sein bei einer Lesung im Erich-Weinert-Haus oder bei einer Grafik-Ausstellung eben dort und einem zufällig geführten Gespräch. Ich hielt ihn, es mag im Herbst 1965 gewesen sein, einfach nicht für wichtig. Hinzu kam, daß seine äußere Erscheinung abstrus wirkte und ich schon deswegen Abstand hielt: ein langer, sehr weit geschnittener Lodenmantel, der seine hohe, überaus hagere Figur wie Fledermausflügel umschloß. Erne mottenzerfressene Tschapka, die wie vom Wind hergeblasen auf seinem Schädel hing. Meist schlecht rasiert, mit eingefallenen Wangen, stark hervortretenden Jochbeinen und einem überaus beweglichen Adamsapfel. Er ging auch bei strenger Kälte und Schnee in ausgetretenen Jesuslatschen. Dazu trug er meist handgestrickte graue Socken. Solang ich ihn kannte, waren seine Augenränder entzündet und die Ränder seiner Fingernägel schwarz. Trotz allem werde ich damals gesagt haben: „Kommen Sie doch vorbei.“
Ich weiß nur noch von meinem Erstaunen, als er eines Tages wirklich vor mir stand. Und ich bin sicher, daß ich im ersten Moment nichts mit ihm anzufangen wußte. Aber ich rettete die Situation damit, daß ich sagte: „Wollen Sie Tee? Sie können auch Eier mit Speck haben.“ So begann eine merkwürdige Beziehung. Ich erinnere mich, daß ich im Laufe dieser Bekanntschaft meine Einschätzung korrigieren mußte. Als Greßmann sagte, daß er Gedichte schriebe und als Hilfsarbeiter in einem Gemüseladen arbeiten würde, hielt ich ihn im ersten Moment für einen, der einem Hirngespinst nachjagte und seinem Flair durch Ungepflegtheit und natürlich Armut aufhelfen mußte. Ich baute im Inneren eine Wand auf, weil ich von solchen „Dichtern“ wenig hielt. Aber er war wider Erwarten produktiv. Ob gut oder schlecht, ich mußte es anerkennen. Er saß bei mir herum und breitete Manuskript um Manuskript aus, eins kalligraphisch interessanter als das andere, in blauen Hieroglyphen mit dicken roten Korrekturen, ein Segen für jede Literaturmaus, die Dichterhandschriften sammelt. Obwohl er ernsthaft war und bestimmt ehrlich, wir diskutierten über eine Metapher oder die Stellung eines Wortes innerhalb eines Satzes oft stundenlang, wurde ich ein gewisses Mißtrauen gegenüber der Gestaltung seiner Ergüsse nie los. Ich bin auch heute noch überzeugt, daß Eitelkeit und eine fast religiöse Handhabung seiner Ideen nicht auszuschließen sind. Aber der Grund zu solcher Haltung wird seine große Einsamkeit gewesen sein. Im Laufe unserer Unterhaltungen erfuhr ich von seiner Krankheit, den unendlich langen Aufenthalten in Heilstätten, von der Trunksucht und angeblichen Hurerei der Mutter, von Schlägen und der Wanderung von Heim zu Heim, so daß sich vor mir ein Bild kalter Trostlosigkeit auftat, die bis zu dem Zeitpunkt, da wir uns kennenlernten, nie durch einen Lichtstrahl durchbrochen worden war. Er lebte wirklich in einem sehr engen, von Hunger, Einsamkeit und Bittgängen auf Ämter bestimmten Welt. Und seine Ungeschicktheit im Umgang mit Menschen, seine Verklemmtheit, die sich auch äußerlich kundtat, wenn er bei mir auf der Bettkante saß mit eng aneinandergepreßten mageren Beinen, den Oberkörper hoch aufgerichtet, als hätte er einen Stock verschluckt, und oft die Hände zwischen die Oberschenkel gepreßt, mag ihm nicht dabei geholfen haben, Freunde zu finden. So war er ganz auf sich selbst konzentriert und schon aus diesem Grund fanatischer Autodidakt. Seine gesamte Freiheit füllte Lesen und Schreiben aus. Das Schreiben fiel ihm schwer. Er grübelte stunden- und tagelang. Er verwarf, stellte um, was ich sehr an ihm bewunderte. Er sezierte regelrecht seine eigenen Gedichte. Und schon aus diesem Arbeitsgang heraus läßt sich die beinahe Heiligsprechung des eigenen Erzeugnisses erklären. Mir schien, daß, außer wahrscheinlich den Stunden bei mir, das Gedicht die einzige Möglichkeit für ihn war, sich auszusprechen. Es war sein Sprachrohr und seine Messe.
Einmal habe ich ihn zu Hause besucht. Das war kurz bevor er sozusagen als Dichter der jungen Generation „entdeckt“ wurde. Es war ein langes, schmales Zimmer. Eher Kammer als Zimmer. Parterre. Etwas feucht. Ein Ofen, der von der Wirtin geheizt wurde. Ein Schrank. Ein Eisenbett. Ein Stuhl Auf dem Stuhl türmten sich Bücher, auf dem Bett. Bevor ich mich setzen konnte, begann eine regelrechte Räumaktion. Es war ihm sehr peinlich. Und trotzdem schien es ihm ungeheuer wichtig, daß ich seine Wohnung kennenlernte. Er freute sich einfach, daß ich da war. Dann kam die Zeit seiner ersten Erfolge. Ich weiß es noch wie heute: Es war ein sonniger, warmer Tag. Er saß auf meinem winzigen Stilsofa wie ein klappriges Gespenst. Aber sein Gesicht strahlte wie das Hauptgestirn selbst. Er wirkte wesentlich sicherer und lebhafter als sonst. Seine Gestik war lockerer, obwohl er eigentlich in seiner üblichen Grundhaltung blieb. Für einen Augenblick wurde er sogar für mich schön, Tatsache war:
daß der Verband ihm drei Tonnen Kohle geliefert hatte
daß der Verband sich für ihn um eine Wohnung kümmerte und die Aussichten sehr gut standen
daß ein Verlag von ihm einen Band herausbringen würde.
Er freute sich wie ein Kind und wurde großzügig wie ein Kind.
„Ich gebe dir die Kohlen“, sagte er. „Was soll ich mit drei Tonnen bei nur einem Ofen, Nur mußt du noch überlegen, wie du die transportierst.“
Doch bevor wir die Aktion starten konnten, kamen wir auseinander. Und der einzige Grund war seine Zuneigung zu mir. Ich arbeitete zu der Zeit in drei Schichten als Radbote für den Berliner Verlag. Zusätzlich war ich Gasthörer an der Humboldt-Universitiit für Griechisch, griechisch-römische Antike und klassische Archäologie. Das bedeutete, daß meine Tage voll belegt waren. Den einen Tag Früh-, den nächsten Mittel- und den dritten Tag Abendschicht. In der dritten Schicht kam ich nicht früher als 23.30 Uhr nach Hause. Greßmann hatte Zeit. Er arbeitete damals, wie mir schien, nur drei Tage, in der Woche und häufig, wahrscheinlich aus Krankheitsgründer, überhaupt nicht. So geschah es, daß, wenn ich Freizeit hatte, Greßmann unweigerlich bei mir auftauchte. Er hatte in kürzester Frist, meinen Zeitplan voll im Griff. Ich nahm an, daß seine Angst etwas zu verlieren, was ein Zufall ihm gegeben hatte, ihn das Maß der Freundschaft vergessen ließ, so daß er dem anderen unbewußt den Freiraum zu leben und die Luft zum Atmen nahm. Als ich ihn zum letztenmal sah, stand er im Garten. Es war Nacht. Der Himmel hing voller Sterne. Die Bäume warfen tiefschwarze Schatten. Aber ich hatte kein Auge dafür. Er mußte schon lange auf mich gewartet haben und freute sich sehr, als ich ankam. Aber ich dachte wie schon öfter: Um Gottes willen. Wieder eine Nacht weg. Der Mann muß doch begreifen, daß ein Mensen auch schlafen muß! Er aber begriff nicht. Wir saßen wie üblich nebeneinander auf dem Bett. Die Müdigkeit lag, schon eine Krankheit, in meinen Gliedern. Ich hielt mit größter Mühe meine Augen offen. Greßmann war ekstatisch. Er redete und redete. Es war nun schon morgens um vier. Er beugte sich zu mir. Der Abstand zwischen ihm und mir verringerte sich. Ich rutschte weg. Er rutschte nach: Mit einmal stieß seine Hand vorsichtig an mein Knie, was noch niemals geschehen war. Nein, dachte ich erschreckt, das kann ich wirklich nicht. Du hast nichts gegen ihn. Aber das, das geht zu weit. Ich sprang über meine Höflichkeit, stand auf und sagte: „Entschuldige bitte, Du mußt jetzt gehn. Ich brauch, noch ein paar Stunden Schlaf.“
Man möge mir verzeihen, aber ich hielt die nächste Verabredung nicht ein. Ich schlief längere Zeit bei einer Freundin.
Dann war Greßmann für mich verschwunden.
Später hörte ich von einem Bekannte, daß er mich wirklich geliebt hatte. Irgendein Gedicht aus diesem Anlaß ist wohl auch entstanden. Im Blick des Bekannten lag etwas von Anklage. Aber von meiner Seite waren nie mehr als MitIeid und Achtung dagewesen und das Interesse an einem Gesprächspartner. War er zu dem Zeitpunkt, als wir uns trennten, wirklich so bedauernswert, wenn man wagt, seine unheilbare Krankheit einen Augenblick lang nicht in Betracht zu ziehen? Der Vogel Frühling lag als Geschenk vor mit auf dem Tisch. Ich war sicher: Er würde meine Person nicht mehr unbedingt brauchen. Über sein Talent und seinen zähen Fleiß hatte er andere Freunde gefunden und einflußreichere als mich. 1968 stieß ich als neues Mitglied zum Lyrik-Club Pankow, dem Greßmann damals nominell noch angehörte. Man sagte mir, daß er wieder im Krankenhaus wäre. Eines Abends kam ich zu spät zum Zirkel. Ich platzte laut und ungezwungen in die schweigend stehende Runde. Irritiert fragte ich: „Was ist?“
Greßmann ist gestorben“, sagte einer, „wir machen ihm zu Ehren eine Schweigeminute.“

Beate Stanislaus (geb. Bell), 1981

Uwe Greßmann: Werke

Es gibt Autoren, die ihr ungewöhnliches, nicht selten am seidenen Faden hängendes Leben zu ihrem buchwerdenden Thema machen. Der Ausdruck „Spinner“ liegt nahe. Es handelt sich bei dieser Spezies Mensch häufig um sogenannte Autodidakten, die ihre sozial determinierten Bildungslücken durch ihre Lebenserfahrung, aber auch vermittels überdurchschnittlicher Wißbegierde sowie fremder und eigener Überschätzung auszufüllen und somit ihre Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren suchen. Was Autodidakten einmal gefunden haben, halten sie ihr Leben lang fest. Sie halten es selten genug mit Sokrates: Sie wissen, daß sie (fast alles) wissen und werden, stellt man ihre Erkenntnisse in Frage, unleidlich, ja monomanisch.
Versehen mit den Ingredienzen aus der Literaturgeschichte und der Philosophie, die in der Regel naiv, unakademisch-intuitiv und dennoch äußerst bewußt gehandhabt werden, entsteht ein im wahrsten Sinne des Wortes eigentümliches Werk. Solche Sonderfälle der Literatur, deren „exhibitionistische“ Verfasser zumeist durch ihr weltfremdes Anderssein auffällig und als Botschafter ihrer Selbst verkannt, wenn nicht gar verlacht werden, hat es immer wieder gegeben. Es sei nur an Paul Scheerbart erinnert. Die deutschen Literatur-Kritiker, geübt im Schachtel-Denken, wissen, und das ist die Regel, mit derart singulären, scheinbar traditionslosen und somit inkommensurablen Autoren nicht umzugehen. Bestenfalls nehmen sie deren „Abnormität“ zur Kenntnis. Bestenfalls, denn es gab in deutschen Landen Zeiten, wo nicht nur Bücher brannten.
Einen solchen Sonderfall der neueren deutschen Literatur verkörpert auch Uwe Greßmann. Uwe Greßmann – wer ist denn das? Die Frage ist berechtigt, wenn sie auch nur im Westen Deutschlands aufkommen kann. In der DDR hingegen hält sich hartnäckig die Legende, Greßmann, „eine Heiligengestalt im Lodenmantel, die unverletzlich unter den Sterblichen wandelte“ und dennoch im Alter von 36 Jahren an den Folgen eines lieblosen Lebens in einer Krankenhausbaracke des Ostberliner Stadtteils Buch zu Tode kam, dieser Greßmann sei wie Christus nicht von dieser Welt gewesen. Dem ist nicht so, oder vielleicht doch? Jedenfalls hatte auch er sagenhafte Eltern:

Meine Mutter war
Eine Rose

Von Dornen hatte
Ich eine Wiege;
Und: verwelkte…

Mit sagenhaften Eltern ist schlecht leben. Noch einmal: Wenn ein schweres, von Anbeginn mit Krankheit und Tod bedrohtes Leben, phantastisch verdichtet, zum Überlebens-Thema wird, muß das Biographische, und Greßmann ist selbst dieser Ansicht, als Grund-Bedingung des Schreibens verstanden werden, um den mit allerlei Bildungsgut verstellten Zugang zum Werk finden zu können. Über dessen Schöpfer Franz Fühmann sagte:

Greßmann ist einer der bedeutendsten Dichter, die wir hervorgebracht haben, das wird täglich klarer, einer der ganz wenigen. In der Nähe Bobrowskis (natürlich ihm unvergleichbar im was und wie, aber nicht im Rang).

„Ich, Mensch, ein kleiner Kosmos, wie Philosophen sagten, / Trug die Erde am Schuh und in mir die Idee der Schöpfung; / Da ging ich auf der Straße des Himmels bummeln…“, behauptete Greßmann von sich. Ja, die Erde trug er am Schuh, dieser seltsame Mensch, und er hat sie sich, wie sollte er auch, in der Begrenztheit des DDR-Ländchens nicht ablaufen können. Sie wurde ihm, und das durchaus doppelbödig, zum allzu frühen Grab. Als unehelicher Sohn eines seit 1943 in Stalingrad vermißten Autosattlers, der seine Geliebte, ein Dienstmädchen, noch vor der Geburt ihres Sohnes verließ, erblickte Greßmann am 1. Mai 1933 das braunstichig gewordene Licht der Welt:

Nun hebt die zwölfjährige Nacht an, in der ich laut Geburtsurkunde, der Eintrittskarte, um 21.45 Uhr das Reich des Lebens betrat, das Kino Berlins. Die Platzanweiserin im grünen Kostüm sagte: „Setzen Sie sich zu diesen Leuten!“ und fügte hinzu: „Ihre Mutter kommt später“.

Legendär wurde sein Satz:

Den Vater sah ich nie, die Mutter etwa drei Wochen; sonst lebte ich unter Fremden.

Koketterie? Tatsache ist, daß seine Mutter bei seiner Geburt einen Nervenzusammenbruch erlitt und ihn in ein Waisenhaus geben mußte. Damit aber begann eine Irrfahrt, die ihresgleichen sucht: Ein Asyl in Waisen- und Kinderheimen, abgesehen von zwei Adoptivintermezzi, jagte das andere. Das Ende des Krieges erlebte der Zwölfjährige in diversen Umsiedlerlagern. Schließlich flüchtet er aus Süddeutschland vor seinem ihn immer wieder schlagenden SA-Pflegevater:

Bis nach Hamburg auf dem Schienenstrang, wie bei Jack London etwa.

Wieder in Berlin, bleibt ihm die Mutter fern. 1949 muß er, nach wie vor in Notunterkünften hausend, seine Lehre als Elektroinstallateur abbrechen: Eine Lungentuberkulose fesselt ihn fünf Jahre ans Bett. Greßmann empfindet die Krankheit als eine Erlösung, sie ist ihm „die freundliche Schwester innerer Anlage“. Endlich kommt er zur Ruhe, beginnt bewußt zu lesen, zeichnet und macht seine ersten Gedichte. In diesen fünf Jahren findet er zu sich und zugleich aus sich heraus:

Krumbholz hat, an Goethe schließend… die Krankheit als das eigentliche Wesen der sogenannten Naturdichter bestimmt: sie verschafft ihnen Zeit, wenngleich nicht die Mittel, gestattet ihnen die Beobachtung und verwehrt ihnen den Versuch, reift treibhausmäßig die Seele und schrumpft den Leib zum Kerker, vor dessen Fenster Platos Schatten umgehen. (Karl Mickel)

Greßmann verzichtet aus gesundheitlichen Gründen auf Studienpläne. Ab 1958 arbeitet er als Bote bei den HO-Gaststätten Berlin-Mitte. Er wird Mitglied eines Pankower Lyrikclubs und beginnt zielstrebig seine poetische Welt zu erschaffen: Schilda (DDR) und Lebendenland (Bundesrepublik) sowie das Reich der Urmunen (abgeleitet von Urmutter) – imaginäre und doch sehr konkrete Landschaften, durch die Greßmann in Gestalt von Figuren wie Volksmund und Vogel Frühling zieht. Greßmann wird zum Paradebeispiel eines Autodidakten. Mit zähem Fleiß liest er sich nicht nur durch die Weltliteratur, er ist befaßt mit zum Teil absonderlichen mathematischen, historischen und philosophischen Problemen. Er sucht und findet, vom Leben hin- und hergestoßen, nach und nach Asyl im geschichtlichen und kosmischen Raum, in Natur und Sage. Arnold Zweig bekennt er:

Psychologisch gesehen sind die Alten für mich deswegen so wichtig, weil das Elternmotiv bei ihnen am ursprünglichsten erhalten ist; da ich aber keine Eltern im ursprünglichen Sinne kenne, sondern: mein Elternhaus kompliziert ist, werden Sie verstehen, daß ich bei den Alten, nur bei ihnen finde, was ich in all meinen Träumen und Sehnsüchten suche: die Eltern.

1960 steigt Greßmann bei den HO-Gaststätten zum Postabfertiger auf. Ein Jahr später erscheinen seine ersten Gedichte in der Ostberliner Neuen Deutschen Literatur. Greßmann findet nun Aufnahme in Zeitungen, Anthologien und im Rundfunk.

Als ich seine ersten Verse las und vorlas, hatte mich Uwe Greßmann in Verlegenheit gebracht. Man empfindet Verlegenheit vor jemand, den man nicht einer Richtung, einer Tradition zuordnen kann und dessen eigenständige Begabung man gleichzeitig stark empfindet… Mit einigen dieser Gedichte kann ich nichts anfangen, viele gefallen mir, manche sind wundervoll. (Stephan Herrnlin)

Schließlich landet er im Schriftstellerverband.

Da saß er dann im berühmten Lodenmantel oder im Hemd von undefinierbarer Farbe… und lauschte den Reden, die so gehalten werden. (Eckart Krumbholz)

Diese oft genug poststalinistischen „Reden“ hielten ihn nicht davon ab, seiner eigenen Stimme immer mehr Gehör zu verschaffen: Adolf Endler, Sarah Kirsch, Heinz Czechowski und andere kümmern sich um den Sonderling, dem es zunehmend, gegen gesellschaftliche und krankheitsbedingte Widerstände, gelingt, die Bitternis seines Lebens konstruktiv-heiter zu verdichten. Ein wesentlicher Grundzug seiner Dichtung, die ihm regelrecht zum Lebens-Mittel wird. Und im alltäglichen Leben ist ihm nichts zu schade, als Gleichnis für seine wunderbaren, gelegentlich wunderlichen Gedankengänge zu dienen. So gerät ihm ein simpler Behördengang ganz von selbst zu einer kafkaesken Exkursion ins Kosmische und gleichzeitig, ganz irdisch, zu einer Anatomie, der DDR-Bürokratie:

Alles zieht sich lang hin
In Strecken, Simsen, Perspektiven, Sprechstunden…
Die reinsten Korridore sind das.
Und Bänke, darauf zu sitzen, gibt es da.
Und wohin du kommst, auch Wände –
Zwischen denen Leere ist und Nichts –
Und Winkel, Flächen; und Räume, Türen, Räume…
Und Sterne, Sonnen, die an geweißten Himmeln strahlen…

1966, Greßmann war inzwischen freischaffend und besorgte Nachdichtungen aus dem Ungarischen und Russischen, erscheint nach jahrelangen, zensurbedingten Umarbeitungen im Mitteldeutschen Verlag Halle sein erster eigener Band. Johannes Bobrowski wollte das obligatorische Gutachten für das Ministerium schreiben, doch Adolf Endler wurde damit betraut. Der Vogel Frühling („Frühling, du lieblicher. / Du richtest den Kopf hoch. / Davon ist der Himmel so blau…“) macht ihn mit einem Schlag in der DDR bekannt. Greßmann, jahrelang verkannt, dürstet nun nach Anerkennung. Er schickt den „Vogel Frühling“ als seinen Botschafter in alle Welt: Max Frisch, Peter Weiß, Carl Friedrich von Weizsäcker, Nelly Sachs und Rolf Hochhuth sind neben der Volksrepublik China seine Adressaten. Doch nur wenige der Umworbenen nehmen ihn ernst. Dafür findet er immer häufiger Aufnahme in ausländischen Anthologien. Vor allem aber arbeitet er an seinem „Faust“: ein weitgefächertes Unternehmen, das das eigentliche Weltproblem, bei seiner Herkunft kein Wunder, in dem Verhältnis von Erziehern und Zöglingen sieht. Sein „Faust“, ungespielt und wohl auch unspielbar, ist nach Meinung Adolf Endlers „eine Untermieterkosmogonie… ein Hinterhof-Faust… Uwe Greßmann, Aftermieter und Demiurg, unterprivilegiert und allmächtig!“ Tatsächlich, den Weltenschöpfer Greßmann, der eine Art Gesamtkunstwerk beabsichtigte, zeichnet alles andere als eine naive Welt-Sicht aus.
Und doch ist es dieses Etikett, das ihm bereits zu Lebzeiten von der Kritik verpaßt wurde.

Es ist der Stempel ,Naiver Dichter‘, der sein Andenken verzerrt und der doch nur seine Verwender bloßstellt, weil in der so verwandten Bezeichnung vorausgesetzt wird, Naivität wäre eo ipso etwas Minderes, selbstsicherer Weitläufigkeit unterlegen, und der solchermaßen Bezeichnete ein Produzent auf niedrigerer Ebene, in eine Reihe gestellt mit Holzfigurenschnitzern und Sonntagsmalern: dem ist aber nicht so. (Günter Kunert)

Und mancher, der postlagernd Briefe schicken ließ,
Weil es zu Hause keiner wissen sollte,
Ging selber zur Post
Und wartete sein Leben
An den Schaltern

Niemand anders als Greßmann, der 1967 mit seiner „Rabenmutter“ – an Schopenhauer erinnernd – eine beängstigende, dem Reich des Todes zugeordnete Korrespondenz in der Hoffnung abwickelt, ein wenig Licht in das Dunkel seiner Herkunft bringen zu können. Doch das postlagernde, vor neuen seelischen Verwundungen schützen sollende Verhältnis zur „Fremde an sich“ macht es ihm nicht leichter, „den Weg zu Familie, Frau und Kind“ zu finden. Greßmann hat vermutlich nur einmal eine Frau geliebt, bezeichnenderweise platonisch.
Als er am 30. Oktober 1969 in Berlin-Buch stirbt – die Perlonplombe in seiner Lunge, in den fünfziger Jahren in der DDR als das Mittel gegen die Tbc gepriesen, wird ihm zum Verhängnis-, sorgen Adolf Endler, Elke Erb und andere dafür, daß sein tausend Seiten umfassender Nachlaß dem Literaturarchiv der Akademie der Künste der DDR überantwortet und somit der alleinerbenden Mutter entzogen wird.
Die 1972 und 1978 erschienenen Nachlaßbände Das Sonnenauto und Sagenhafte Geschöpfe können jedoch den Kenner nicht befriedigen.

Was hatte Greßmann nicht alles im (auf dem) Kasten! Als sehr frühe Dokumente seiner künstlerischen Welteroberung findet man im Nachlaß z.B. eine Weltgeschichte in Geräuschen phantasiert… aber auch eine Arische Träumerei, Klavierstück in C zu vier Händen mit Harnbegleitung… Was wir da vor uns haben, sind die Splitter zerhämmerter Blöcke, zu Kurz-Lyrik zertrümmerte dichterische Riesenquader. (Adolf Endler)

Es wäre Greßmann, von dem Günter Kunert sagt, daß er „die seelische Substanz besaß, die zu einem Spitzenplatz in der Hierarchie der Literatur berechtigt“, anläßlich seines 53. Geburtstages zu wünschen, endlich im Westen Deutschlands einen Verleger zu finden: Der 1982 im Leipziger Reclam Verlag erschienene, von Richard Pietraß zusammengestellte Erinnerungsband Lebenskünstler bietet sich als Lizenzausgabe geradezu an.

Peter Joachim Holz, Neue Deutsche Hefte, Heft 199, 3. Quartal 1988

 

 

Und so empfingen [uns] Schildas Witze
Die Autoren Andreas Koziol und Richard Pietraß im Gespräch über Uwe Greßmann
(Kurzer Ausschnitt der Veranstaltung vom 18.4.2013 in der Galerie Pankow)
Moderation: Martin Jankowski (Berliner Literarische Aktion)

 

UWE GRESSMANN
Moderndes Märchen

Im Häusermeer treiben zwei bekloppte Kinder
Fahrstuhlschächte fressen ihre letzten Gäste
Schreie gurgeln im Hinterhof
Ein Mann bindet seinen Binder
den Dachbodenbalken aller Abschiedsfeste
Wer nicht schwimmen kann ist tot
He du Idiot. Das es mir niemand vergißt.
Hier hat Greßmann Greßmann an die Wand gepißt?
Und?
Freundlich nickt der Polizist

Peter Wawerzinek 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Jan Wagner: Lob des Spreewals
Der Tagesspiegel, 11.6.2016

Stefan Sprenger: Dass der Mensch der Stil sein möge
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 218, Juni 2016

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + KLG 1 & 2
Porträtgalerie:  Galerie Foto Gezett
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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Pietraß“.

 

Richard Pietraß liest am 4.5.2018 für planetlyrik.de die 3 Gedichte „Hundewiese“, „Klausur“ und „Amok“.

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