Albert von Schirnding: Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“ aus dem Band Peter Rühmkorf: Gesammelte Gedichte. –

 

 

 

 

PETER RÜHMKORF

Bleib erschütterbar und widersteh

Also heut: zum Ersten, Zweiten Letzten:
allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an- und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar – doch widersteh.

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
(Fortschritt marsch! mit Gas und Gottvertrauen)
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, daß die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh.

Schön, wie sich die Sterblichen berühren –
Knüppel zielen schon auf Herz und Nieren,
daß der Liebe gleich der Mut vergeh…
Wer geduckt steht, will auch andre biegen
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles was gefürchtet wird, wird wahr –)
Bleib erschütterbar
Bleib erschütterbar – und widersteh.

Widersteht! im Siegen Ungeübte;
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr
Leicht und jäh – –
Bleib erschütterbar –
Bleib erschütterbar – doch widersteh.

 

 

Leichtfüssig gegen Gewalt

Mit diesem Gedicht bleibt man ungern allein. Eine fortreißende Bewegung ist darin, die über die bloße Lektüre hinaustreibt, zur Mitteilung drängt. Wo ich es vorlas, in Schulklassen oder vor den Gästen einer Geburtstagsgesellschaft – mühelos bahnte es sich die Schneise der Stille, in der es lautwerden, Laut werden konnte. Es ist zart, es ist schwierig und verträgt doch, ja verlangt Öffentlichkeit. Die polaren Eigenschaften von Sensiblität und Widerstandskraft, zu denen es auffordert, sind auch Eigenschaften des Gedichts selbst.
Es ziert sich nicht. Unmittelbar wendet es sich an die zweite Person, die bald im Singular, bald im Plural steht – weil Erschütterbarkeit nur Sache dessen sein kann, der sich als einzelner bewahrt, und weil Widerstandskraft nur der Solidarität von Leidens-Genossen entspringt.
Widerstand wogegen? Die Sklavenhalter von gestern sind verschwunden. Spartakus hat keine Zukunft mehr. Was Zukunft hat in diesem Staat, ist freilich immer noch die Polizei – jedoch als Verwaltungsorgan. Liebende, Zögernde, Widerspenstige werden vernommen und einvernommen im Namen des Volkes, im Namen einer Welt, die blind vertrauend unterwegs ist in der einen Richtung, die der Fortschritt vorzeichnet. Die dich biegen wollen, stehen selbst unter seiner Knute geduckt.
Nicht nur im Gedicht also, auch in der Wirklichkeit, von der und gegen die es spricht, herrscht eine reißende Bewegung. Sie wird immer schneller und stärker und treibt einem Punkt zu, an dem es für niemanden mehr ein Entrinnen gibt. Zwischen dem Angeschaltetwerden von gestern und dem Abgeschaltetwerden von morgen droht das Heute zu verschwinden; hier setzt das Gedicht mit seinem Einspruch an. Leichtfüßig stellt es sich der Gewalt entgegen: die Trochäen seiner Strophen gegen die Jamben des marschierenden Fortschritts; Zorn, Trauer, Erinnerung einer Solostimme gegen die „Aktion“, die im vollen Gange ist – die Versteigerung des einzelnen „zum Ersten, Zweiten, Letzten“.
Aber die Knüppel des Zeitgeists, der die Liebe nicht duldet, weil sie ein Aufenthalt wäre im kurzgeschlossenen Kreis von Produktion und Verbrauch, sind nicht alles, dem es zu widerstehen gilt. Hinter den aktuellen Ungeheuern, mit denen Odysseus sich herumschlagen muß, tauchen die mythischen auf: die immer wiederkehrenden Zumutungen der Natur an das sterbliche Ich. Durch alle Strophen des Gedichts geht dieser Zwieklang von Jetzt und Immer. Im „Strudel“, der dich in den Abgrund ziehen wird, sind beide zu einem Bild verdichtet: Das ist die saugende Gewalt der Epoche und der stygische Fluß des Totenreichs in eins. Und noch einmal am Schluß in den „Genossen“: hier die politischen gegen die Finsternis der Stunde, dort die Gefährten, die schon mit Odysseus fuhren, gegen die Schatten des Nichts.
Such dir Genossen; mit diesem Gedicht wirst du sie finden.

Albert von Schirnding, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

Keine Antworten : Albert von Schirnding: Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Zum 8. Monat des Gedenkens in Hamburg-Eimsbüttel April/Mai 2021 – – Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - […] *) Peter Rühmkorf (1979) Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags, Hamburg. Zum Lesen und Hören im Netz: Rühmkorf…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00