16. Januar

Unerquickliche Träume (bei schlechtem Schlaf, zwischen längeren Wachphasen); bin ständig verspätet, unvorbereitet, desorientiert, frage mich, warum und wozu das sein muss, warum der Traum mir vorführt, was ich in Wirklichkeit gerade nicht bin. Doch was ich in Wirklichkeit nicht bin, das ist zumindest eine Möglichkeit von mir … eine Möglichkeit für mich. – »Wenn ich zwei Vöglein wär …« Der abgründig komische Konditionalsatz kommt mir noch jedes Mal in den Sinn, wenn ich im kahlen Geäst vor meinem Küchenfenster die immer wieder gleichen, mollig aufgeplusterten Meisen hocken oder hüpfen sehe … sehe, wie sie die schwarzen Köpfchen recken oder um die dicken kurzen Hälse drehn, wie kläglich sie piepsen, wie wenig sie zu tun und zu melden haben. Nie treten die beiden nicht als Paar auf, stets richten sie sich an der gleichen Stelle, in denselben Astgabelungen ein, und doch ist nicht zu erkennen, warum und wozu sie’s tun, worauf sie warten, weshalb – überhaupt – sie da sind. Ehe und Demokratie sind wohl tatsächlich die am wenigsten schlechten Formen menschlichen Zusammenlebens und Zusammenwirkens; leider sind sie aber doch auch schlecht genug. – Noch eine Variante (SMS): »nicht du sollst mich lieben du sollst dich durch mich lieben deine Krys«. Also wäre das Begehren immer Sache des Andern! Und warum aber nicht meine, der ich doch immer auch der andre bin? – Schon wieder Sonntag, die ganze verflossene Woche ein Flickwerk, Vollmond dominant, ständiges Gezerre zwischen Winter und Frühling, entsprechend die Stimmungslage, Ärger, Unzufriedenheit wegen all der Schlamperei in der Runde, Verlangsamung, Verunsicherung durch drohende Migräne. Draußen steht und liegt alles in Weiß. Die Geräusche sind gedämpft, ebenso die Farben. Der Himmel ist in seiner untern Hälfte mit nuancenreichem Rosa eingefärbt, die zarten Rottöne lassen den funkelnden Schnee leicht bläulich erscheinen. Rosa ist eine freundliche, harmlose, kitschige Färbung, doch wenn – wie in diesen Minuten – auch der hundertfach aus den Kaminen steigende Rauch diese Färbung annimmt, wirkt das nicht mehr ganz so harmlos. Verpufftes Gift! – Trotz der derzeitigen Terrorhysterie gibt es heute am Flughafen in Berlin-Tegel keine merklichen Kontrollen – weder bei der Ein- noch bei der Ausreise habe ich meinen Pass gezeigt; alles verläuft ruhig, fast beschaulich, dennoch effizient. In der Stadt liegt – weitgehend unaufgeräumt – viel Schnee, rußverdreckte eisige Wälle säumen die Straßen. Die Geschäfte am Kurfürstendamm sind verwaist, vereinzelte Passanten schlendern desinteressiert daran vorbei; in keiner Buchhandlung treffe ich auch nur einen einzigen Kunden, die Restaurants sind schwach besetzt, überall freundliche Bedienung, jeder Taxifahrer ein beredter Gesprächspartner. Schöner intensiver Nachmittag bei Nanne Meyer und Walter Zimmermann, gediegene Bewirtung, ergiebiger Atelierbesuch, gute Gespräche. Abends bei Hans-Jürgen Heinrichs, er stellt mir in seiner neuen, schon gut beatmeten Wohnung an der Wielandstraße Oya Erdogan vor, eine Frau – Dichterin und Philosophin – von ungemein anmutiger Intelligenz, liebenswürdig, einfühlsam, man könnte sagen … sie könnte sich wohl als die Poesie in Person behaupten, doch das Stück für einen solchen Auftritt ist noch nicht geschrieben. Spontan entschließen wir uns für eine Lesung zu dritt: Oya spricht auswendig eigene Gedichte, die sie leichthin aus tiefer Ferne heraufholt, H.-J. H. liest ein Kapitel aus seinem Felix-Roman, ich den Zyklus »Wassern« aus dem Band »Wortnahme«, den H.-J. H. griffbereit hat: Wasser – ob Tropfen
aaaaaob Schloßen – ist nie nicht
aaaaader Fall und lautet
aaaaawenn’s plaudert auf diverse
aaaaaWeisen. Beweis
aaaaadass es da war sind Rost
aaaaaoder Morast und Zweifel an Planken.
aaaaaSchwanken tut jeder
aaaaaSchreibtisch wenn er festgemacht
aaaaaist an der Kante der See.
aaaaaKannte je ein Wort das andre und
aaaaawelches Ding weiß
aaaaaseinen Namen. Es sei denn
aaaaader Strom der wieder
aaaaaund wieder ins gleiche Wasser steigt. – Usf. Eine gute Stunde! Wir reden dann noch, bei zunehmender Müdigkeit und Trunkenheit, von den Plagiatsvorwürfen gegen Uwe Tellkamp, der in seinem epochal genannten Großroman ›Der Turm‹ seitenweise fast wörtlich bei einem Kollegen abgeschrieben haben soll. Nun verteidigt sich Tellkamp mit dem Hinweis darauf, er habe nur einfach dieselben offen zugänglichen Quellen wie der Kollege benutzt, nicht aber dessen Texte, was doch erlaubt sein müsse. Interessanter Fall. Was ist tatsächlich der Gegenstand des Plagiats und wer der Plagiierte? Wohl können Quellen – als Rohmaterial – literarisch genutzt, nicht aber plagiiert werden. Woraus Tellkamp geschöpft hat, ist nicht eindeutig auszumachen. Klar ist nur, dass sein Opponent aus den bekannten Quellen als Erster einen selbständigen Text erarbeitet hat. Hätte der Verfasser des ›Turm‹-Romans diesen Text abgekupfert, wäre der Plagiatsvorwurf berechtigt und sicherlich auch nachzuweisen. Können außer literarischen Texten auch literarische Verfahren plagiiert werden? Literarisches Handwerk, literarische Techniken entwickeln sich nicht von selbst, sie sind ebenso auf Erfindung angewiesen wie die daraus entstehenden Texte, lassen sich aber, da sie eher aus kollektiver Schreiberfahrung erwachsen, nur ausnahmsweise auf einen individuellen Urheber zurückführen. Zu schreiben wie Jorge Luis Borges oder Vladimir Nabokov ist qualitativ etwas völlig anderes, als das abzuschreiben, was bei Nabokov oder Borges geschrieben steht. – Übernachtung in der Pension Funk an der Fasanenstraße schräg gegenüber dem Literaturhaus. Die Räume auf der Beletage hat einst Asta Nielsen bewohnt, von der hier noch Möbel, Nippsachen, Kinoplakate, zahlreiche Fotos vorhanden sind. Noch heute gibt es in der Pension kein TV, kein Weckradio, auch keine Dusche auf dem Zimmer, man lässt sich die eigene Sentimentalität etwas kosten, man zahlt für die Atmosphäre, das Knacken des alten Parketts, den muffigen Geruch der Polstersessel, das leise Klirren der verstaubten Kristallleuchter. Lese unterm spärlichen Deckenlicht meines rückwärtigen Zimmers in Johann Wolfgang von Goethes Sprüchen und Maximen. Da herrscht ein autoritatives, rasch ermüdendes Sprechen vor, machtvoll, definitorisch, nicht ohne Selbstgefälligkeit; im Unterschied zur klassischen Aphoristik oder zu den viel freieren Notaten Jean Pauls vermeidet Goethe nach Möglichkeit das Paradoxon, sogar die Pointe; gesagt wird, was Sache ist, alles tendiert zum Endgültigen, zu dem also, was am Ende gültig bleiben soll, mithin das, was der Autor als »Wahrheit« erkennt und auch als solche deklariert. Doch der angeblichen Wahrheit werden zu viele Möglichkeiten geopfert. – Nochmals Nofretete – ein erhabenes, auch erhebendes Bildwerk, das mir aber vor allem andern meine Wenigkeit und Unscheinbarkeit bewusst macht. Ideales Menschenbild? Ein Menschenbild, das Weibliches und Männliches gleichermaßen in sich schließt? Ein Götterbild, in dem das Menschenmögliche – das Bestmögliche am Menschen – vergegenwärtigt wird? Vielleicht die schönste Gesichtsarchitektur überhaupt! Aber kann sie … könnte sie als solche vorbildlich sein? Kopf und Nacken bilden ja bloß als Teilstück des Körpers ein Ganzes – Rumpf, Bauch, Beine fehlen. Fragt sich, ob der restliche Körper in Verbindung mit dem Antlitz zu ebensolcher Schönheit und zur integralen Gestalt geraten könnte. Vielleicht hat die Schönheit, nicht anders als Gott, ihren Sitz im Detail und kann sich einzig im Teilstück … als Teilstück behaupten. Ein aus Versatzstücken gefügtes Ganzes – ob Frauenkörper, Kathedrale, Gedicht oder Landschaft – vermag sich niemals einwandfrei als schön zu behaupten. – Immer wieder überkommt mich die abstruse Vorstellung … überkommt mich der perverse Wunsch, meine letzte Liebe für eine blinde Frau aufzubringen; für jemanden, dem ich die sichtbare Welt erzählen könnte, dem ich meine Welt als die wirkliche Welt in Worten vorspiegeln könnte, für jemanden, dessen Welt meiner Vorstellung entspräche und der – oder die – in dieser Welt tatsächlich zugange wäre.

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