22. November

Hans Magnus Enzensberger ist in diesen Tagen achtzig geworden. Der Schlaumeier der Nation wird vom Feuilleton und sonstigen Medien gefeiert. Sein heutiges TV-Gespräch mit dem Dichter Durs Grünbein soll die symbolische Stabsübergabe eines poetischen Meisterdenkers an seinen Nachfolger dokumentieren. Das Trendsetting muss weitergehn. Was Enzensberger zum Vorteil gereicht, nämlich dass er vom Publikum eher als Hans denn als Magnus wahrgenommen wird, muss Grünbein erst noch erarbeiten. Die gediegene öffentliche Anbiederung, die es dazu braucht, gelingt ihm ja schon ganz ordentlich. Doch intellektuelle Eskapaden wie die Totsagung der Literatur oder das Exil auf Kuba, mit denen Enzensberger einst Furore machte, stehen seinerseits noch aus. Dazu fehlen ihm vielleicht der spielerische Witz und die tagespolitische Geistesgegenwart. Das Talent zur Selbstinszenierung haben beide. Dass es neben Hans auch noch einen Christian Enzensberger (ohne Magnus) gibt, hat man kaum je wahrgenommen und womöglich, nach seinem vorzeitigen Tod, bereits vergessen. Doch unter den Dreien ist, finde ich, Christian der größere Dichter, und dies ist er auch als Prosaiker, als Übersetzer und Essayist. – Von mir aus dürften … von mir aus sollten die Nächte immer ungefähr so lang und so tief sein wie jetzt im späten November. Das sanfte Regime der Nacht begünstigt durch Dunkelheit und relative Ruhe die Konzentration, die Geistesgegenwart, dies im Unterschied zur brutalen Tageshelle, die die Dingwelt so bedrohlich herausstellt und gleichzeitig so unübersichtlich macht. Das Kunstlicht hingegen lässt sich beliebig ausrichten, schafft das gewünschte Verhältnis zwischen Helligkeit und Schatten, und da es sich nicht wie das Tageslicht ständig bewegt und verändert, kann man sich … kann ich mich darin gewissermaßen einrichten. – Vorbereitung auf morgen … für den Auftritt »im Namen der Poesie« bei der Buch 09 in Basel. Die jährliche Messe und vollends der Betrieb um den Schweizerischen Buchpreis ist naturgemäß ganz auf Prosa ausgerichtet, und ich soll nun … ich darf nun als Träger des Basler Lyrikpreises die Versdichtung repräsentieren. Kathy Zarnegin wird die dazu geplante Veranstaltung moderieren. Als Alibiautor für das Gedicht aufzutreten, das heute kaum noch ein Publikum und nur noch einen marginalen Platz im Feuilleton hat, behagt mir keineswegs – ich gerate damit in eine für mich unhaltbare Situation, da die Poesie mein zentraler Interessen- und Arbeitsbereich ist, und mehr als dies: Die Poesie ist das Register in der literarischen Armatur, das ich am besten beherrsche – nein! – das ich am liebsten und am sichersten handhabe; das einzige, in dem ich mich wirklich souverän fühle und von dem ich weiß, dass ich es optimal nutze. Die betriebliche Einschätzung der Lyrik gegenüber der Prosa wird hier eindeutig dadurch klargemacht, dass der Buchpreis für Erzählliteratur mit fünfzigtausend, der gleichzeitig vergebene Lyrikpreis mit dreitausend Franken dotiert ist. Ich werde dies, obwohl es aus der Presse längst bekannt ist, nicht unerwähnt lassen. Nichts dokumentiert die Missachtung der Poesie deutlicher als dieser Zahlenvergleich. Für das morgige Podium notiere ich mir ein paar wenige Stichworte: Dass man Lyrik meidet, weil sie angeblich schwierig … weil sie zu schwierig ist, halte ich für eine ziemlich faule Ausrede, und ich finde es bemühend, dass die paar wenigen Lyrikrezensenten, die dem Feuilleton erhalten geblieben sind, ihre Leser mit unschöner Regelmäßigkeit und kritischem Unterton darauf hinweisen, dass dieser oder jener Dichter es ihnen nicht leicht macht. Das widerspricht allem, was der starke Dichter will und was das starke Gedicht kann. Denn das Gedicht wie der Dichter muss schwierig sein, um sich von Gebrauchstexten aller Art und von der literarischen Massenware zu unterscheiden, sich gegen das Überangebot dessen zu behaupten, was nicht Gedicht ist. Das ist keine neue … es ist eine längst obsolet gewordene Forderung: Poesie als Kontrastprogramm zur Alltagssprache und zur literarischen Prosa. Poesie an und für sich. Vielleicht erklärt sich dadurch der vermehrte Rückgriff einiger Autoren auf den Reim, auf strenge Vers- und Strophenformen, auf fernliegende – mythologische, antike, mittelalterliche – Motive und Themen? – Dass Leidenschaft Leiden schafft und dass die Eifersucht mit Eifer sucht, weiß der Kalauer am besten. Aber kann er, darüber hinaus, auch die Wahrheit wissen? Um ein Haarbreit! Denn es ist nie nicht ein Unterschied, der die Wahrheit ausmacht. – Ob es außerhalb der Sprache … ob es noch vor der Sprache Lüge gibt? Blicke, Gesten können täuschen; die Lüge ist angewiesen auf den Manövrierraum zwischen Wort, Bedeutung, Ding. – Es ist neun Uhr vierundzwanzig. Wieder ein platter grauer Tag. Der See liegt da wie eine Schiefertafel, auf der die Möwen ihre schwungvolle, sofort wieder verlöschende Sprühschrift krakeln. Der Üetliberg ist von der Kuppe abwärts bis zur Hälfte mit dreckiger Watte überzogen. Die totale Windstille macht es schwer, die sonntäglichen Geräusche zu orten – Kirchenglocken, Polizeisirenen, spitze Kinderstimmen, das Schränzen und Quietschen von Autoreifen. – Am späten Vormittag absolviere ich meine Lyriklesung (›Acht Oktaven‹) vor aufmerksamem Publikum, danach ein Podiumsgespräch mit Kathy Zarnegin über das Schreiben und Lesen von Gedichten. Mein Plädoyer für »das Gedicht als optimale Textsorte in einer Zeit der Zeitnot« wird mit einer gewissen Erleichterung, wenn auch eher ungläubig aufgenommen: Das Gedicht kann überall gelesen werden – im Bett nach dem Aufwachen, in der Straßenbahn, während einer Sitzung, in der Warteschlange vor der Disco, im Wartezimmer des Arztes, des Anwalts, im Auto bei Rotlicht, in der Konzertpause, im Bett vor dem Einschlafen, und … aber jedes Mal hat man ein ganzes, in sich abgeschlossenes Werk gelesen, also nicht bloß – wie beim Roman – einen Absatz, ein Kapitel. Auch lässt sich ein Gedicht mehrfach lesen, ohne dass die Wiederholung in Langeweile umschlägt; im Gegenteil – jede Lektüre kann dem Leser zusätzliche Sinn- und Bedeutungsperspektiven eröffnen. Das Gedicht lässt sich meistens leicht memorieren und bleibt somit auch immateriell zur Verfügung. – Bei meinem Rundgang durch die Ausstellungshallen kommt mir die Buchmesse atmosphärisch wie ein Gemüsemarkt vor. Erschöpfte und resignierte Kleinverleger warten in ihren Kojen auf Kundschaft, es gibt Stände, in denen ein einziger Autor angepriesen, ein einziges Buch angeboten wird. Klaus G. Renner und Thomas Howeg verdämmern mit ihren luxuriösen Editionen in einer gemeinsam gemieteten Nische. Auf diesem desolaten Marktgelände treffe ich auf einige frühere Basler Bekanntschaften – Heinz Szadrowsky, Peter Burri, Jürg Laederach, Aurel Schmidt, die meisten jünger als ich … die meisten so alt inzwischen, dass ich sie kaum noch erkenne. Am Nachmittag folgen die Lesungen von Ilma Rakusa (»Kindheitsgeschichte einer großen Europäerin«) und Eleonore Frey, die sehr beherrscht und zurückhaltend aus ihrer literarischen Biografie eines Autisten vorträgt, ehe sie kurz vorm Ende den Faden verliert, in ihrem Buch zu blättern beginnt, einen Anschluss sucht, dann lächelnd der Moderatorin zunickt, die sichtlich irritiert ist und die Lesung kurzerhand abbricht. – Bin in einem riesigen baufälligen Gebäude einquartiert. Der bröckelnde Putz hängt … der Putz hält hier nur noch provisorisch mit dem ebenfalls uralten, bis in die Astlöcher verrotteten Gebälk zusammen. Durchs Erdgeschoss erstreckt sich eine karge, unaufgeräumte Wohnlandschaft. Nach oben hin ist in einem mit krasser Himmelsbläue ausgemalten Schacht mein Archiv untergebracht. Tausende von Büchern und Schachteln und Ordnern verstauben hier auf durchgebogenen Regalen, und aus der Luke am Ende … am Anfang des Himmels kracht strömender Regen herab. Zusehends wird die Himmelsbläue von dem nassen herbstlichen Laub verdreckt und zugedeckt, das der Regen durch den Schacht herabschwemmt. Viele Menschen sind bei mir ungeladen zu Gast, alle reden fuchtelnd durcheinander. Die kaukasischen Immigranten kicken sich gegenseitig zerknüllte Zeitungen und zerfetzte Klassikerausgaben zu, sie tun’s bedächtig, fast verträumt, bis sie plötzlich innehalten, die Knüllkugeln aufheben und sie mir vors Gesicht halten mit der Bemerkung: Wir sind nämlich anständige Leute. Derweil führen sich die Vertreter der Kommune so auf, als wären sie die Besitzer oder zumindest die Vermieter der Halle, und machen mir unmissverständlich klar, dass es für die Renovation des Gebäudes – auch die notdürftigste – keinerlei Geldmittel gibt. Ich expliziere dem Kulturbeauftragten meine Idee, die Decke des viel zu hohen Raums herabzusetzen, um darüber eine zusätzliche Etage für die Bibliothek zu gewinnen. Wir steigen in den Turm hinauf. Der Experte stellt fest, dass die Luke eigentlich geschlossen sein müsste. Von hier oben sieht es aus, als stürzte ein Bergbach hinab in die Bücherwelt. Mein verlorener Sohn wird nach langer Fahndung bei mir abgeliefert, ein frecher, quicklebendiger, sehr intelligenter Junge, der unbedingt Bankberater werden will. Ich schlage einen gemeinsamen Theaterbesuch in St. Gallen vor, reserviere zwei Plätze zuhinterst im Parkett rechts, mit kurzem Fluchtweg zum Ausgang. Die Bühne ist bereits offen, die Oper ›Hiob‹ von Luca Martin angekündigt, doch die Vorstellung will und will nicht beginnen. Die Hauptdarstellerin, eine Blondine mittleren Alters mit Doppelkinn und Doppelnamen, gibt im Foyer ein Interview nach dem andern, beantwortet Fragen privater, auch intimster Art, während hinter der Bühne noch immer gebaut wird. Unsere Sitzreihe wird auf knirschenden Rollen verschoben, man zieht sie nach vorn, fixiert sie links neben der Bühne. Von daher haben wir nun freie Sicht auf eine magere, von verrosteten Drahtzäunen durchkreuzte Grünfläche und weiter in die Tiefe der Kulissen, wo in einem verwilderten Garten bereits der Neubau ausgesteckt ist. Der heimgekehrte Simon gestikuliert und lamentiert, als zwei auswärtige Interessenten, ein elegantes Paar mittleren Alters, Einlass begehren, um das Grundstück zu besichtigen. Es kommt zu einem wüsten Gerangel, bis Simon, ein hier naturalisierter Syrer, sich ans zahlreich erschienene Publikum wendet und mit seiner Anklagerede beginnt: Euer Ehren, meine Damen und Herren …

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