5. März

Die hauptsächliche kritische Einstellung gilt bei der Rezension dem Verhältnis zwischen Autor und Leserschaft, der Frage nämlich, ob und inwieweit der Autor, die Autorin den Publikumserwartungen, den Trends und Anforderungen des Literaturbetriebs zu entsprechen vermag; das zu begutachtende literarische Werk ist dafür lediglich ein Indikator und wird deshalb, als solches, nur beiläufig wahrgenommen. Ich verkenne nicht, dass der subjektive Faktor in der Tageskritik seine Berechtigung hat; denn die eigene Leseerfahrung ist als solche naturgemäß nicht falsifizierbar und kann durchaus auch für Außenstehende von Interesse sein – nur sollte sie nicht in Form von Privatmeinungen und Geschmacksurteilen als ästhetisches Kriterium zur Umgehung analytischer Anstrengung eingesetzt werden. »Unsre Aktivität«, so gibt’s der Genfer Kritiker Jean Rousset zu bedenken, »gehört zu denen, welche das zugreifende Subjekt schlecht zu trennen wissen vom zu ergreifenden Gegenstand.« Objektivität ist demgegenüber nur dann – zumindest in der Annäherung – zu erreichen, wenn der Kritiker, statt von sich als Person auszugehen, vom jeweils vorliegenden »Gegenstand« ausgeht, wobei dessen Eigenart (Konstruktion, Intention usf.) Vorrang haben sollte vor subjektivem Gefallen, Mitgefühl, Ärger und sonstigen Emotionen. »Das Eigenthümliche liegt dabei im Objekt«, heißt es schon bei Arthur Schopenhauer: »Daher das Buch wichtig sein kann, wer auch immer der Verfasser sei.« Was an dem zu besprechenden Werk objektiv fassbar ist, sind seine sprachliche Materialität und literarische Machart, das also, was im Unterschied zum Inhalt beziehungsweise zur Aussage unwandelbar gegeben ist. Dieses Unwandelbare muss vor allem … sollte nicht zuletzt Gegenstand der kritischen Bestandsaufnahme sein, die das Verständnis, die Würdigung, die Wertung des Werks überhaupt erst ermöglicht. – Bei aller Ernüchterung habe ich beim Wieder- und Gegenlesen der Poundschen ›Cantos‹ manches gelernt, bin auf Momente, auf Probleme aufmerksam geworden, die mir bisher entgangen waren, auch auf Schwächen, die in vielen Fällen aufschlussreicher sind als künstlerisches Gelingen. – Zu den großen Skandalen des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehörte in Russland die Rodung gigantischer Waldflächen – von Fjodor Dostojewskij bis hin zu Anton Tschechow haben sich Autoren jeglicher Ausrichtung an diesem Sachverhalt abgearbeitet, keiner hat aber, so weit ich sehe, auch nur eine Frage verschwendet an jene Arbeitssklaven, denen Großbauern und Industrielle diese mörderische Leistung des Abholzens zugemutet haben. Ohne Kettensägen, ohne Traktoren und andere technische Hilfsmittel, also von bloßer Hand wurde da Baumriese um Baumriese gefällt und über viele Kilometer mit Ackerpferden weggeschleppt, eine Fron, die nur mit dem Bau der altägyptischen Pyramiden zu vergleichen ist, mit dem Unterschied nur, dass die Pyramiden aufgerichtet, die russischen Wälder aber umgelegt wurden. Meist bleibt kollektiver Heroismus ein Gratisakt, und überhaupt bleibt für die Geschichte … bleibt für die geschichtliche Würdigung all das »gratis«, was gratis und anonym erbracht wird. Nur was sich lohnt … was »etwas bringt«, was gewinnträchtig verrechnet werden kann, scheint auch der Rede wert zu sein. – In E. M. Ciorans Tagebuch finde ich einen Eintrag, den ich hier als mögliches Motto für den Roman (Potocki) vormerke: »Nicht dass diese Welt nicht existierte, aber ihre Wirklichkeit ist keine.« Was auch als Motto zu meiner eigenen Biografie … als Motto zu meinem Leben tauglich wäre. – Heute ist hier Hausentrümpelung angesagt, zwei, drei, vielleicht auch vier Tonnen – darunter Teppiche, Farbkessel, ein Tisch, Meyers Handlexikon des Wissens, eine Kaffeemaschine, zwei Laptops, ein Weckerradio, ein Lazarettbett, ein Rasenmäher, eine Hermes Baby und eine alte schwere Facit-Schreibmaschine, ein rostiger Benzinkanister, mehrere Sitzkissen, ein Küchenboiler, zwei in Gold gerahmte Ölgemälde von Ota Šik, ein Militärfahrrad, ein Büchergestell mit Stahlgerüst und Glastablaren, ein Sonnenschirm mit Betonfuß, vier abgefahrene Autoreifen, ein Pilotenkoffer, ein Set Autowerkzeug (unbekannte Marke), ein Sack voller Alt- und Bruchglas – werden in Müllmulden abgeholt. Nach lärmigem Hin und Her und nachdem Staub und Ruß abgesunken sind, präsentiert sich der Keller als ein vernünftig angelegtes Ensemble von Räumen, die nun endlich auch vernünftig zu nutzen sind: Plötzlich diese Übersicht! – Kurzer Nachmittagsschlaf, intensiv von Kasack geträumt, der sich bitter über seinen ausgebliebenen Erfolg und die Undankbarkeit seiner Schüler beklagt. Beim Abendspaziergang kommen mir unweit der Schleuse drei schwarze, vom Gegenlicht scharf konturierte, völlig unterschiedliche Gestalten entgegen, »ein Trio, das bei Rabelais oder Goya entsprungen sein könnte« (denk ich mir), und da ich vom flachen Licht geblendet bin, erkenne ich erst im letzten Augenblick vor dem Zusammentreffen, was es mit dem Spuk auf sich hat – Erica Pedretti und Eleonore Frey, die mich wohl längst erkannt haben, geben sich nun ihrerseits zu erkennen, wir begrüßen uns, derweil am Wegrand Friederike Kretzen unwillig Halt macht und mit geknicktem Zeigefinger auf die Uhr an ihrem Handgelenk pocht: »Keine Zeit! Los, wir müssen!« Also verabschiedet man sich gleich wieder – die drei Kolleginnen eilen zu ihrem Workshop im Arc, wo sie mit einer Arbeitsgruppe eigene Texte lektorieren und zur Diskussion stellen. Da lob ich mir den Wald!

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