7. April

Leo Strauss geht bei der Entfaltung seiner These so weit, dass er der »Verfolgung« zugutehält, kraft ihrer repressiven Gewalt einen spezifischen »Typ von Literatur« hervorgebracht zu haben und weiterhin hervorzubringen – eine »eigentümliche Schreibtechnik« eben, wie man sie von diversen »hermetischen« Autoren und Dichterschulen kennt, deren Anliegen bekanntlich darin besteht, eine heterodoxe Minderheit anzusprechen und gleichzeitig – mit den gleichen Worten! – an der orthodoxen Mehrheit vorbeizureden. »Der Umstand, der diese Literatur ermöglicht«, meint Strauss, »kann in dem Axiom ausgedrückt werden, dass gedankenlose Menschen unachtsame, nachdenkliche Menschen jedoch aufmerksame Leser sind. Deshalb muss ein Autor, der sich nur an nachdenkliche Menschen zu richten wünscht, nichts weiter tun, als so zu schreiben, dass nur ein sehr aufmerksamer Leser den Sinn seines Buches zu erfassen vermag.« Ob ein solches Literaturverständnis und die daraus erwachsende Schreibtechnik allein auf Repression (durch ideologische Direktiven, thematische Tabus, offizielle Zensur und sonstige Einschränkungen) zurückzuführen ist, bleibt fraglich; denn hermetische oder auch bloß elitäre Texte sind zu allen Zeiten, auch unter freiheitlichen Bedingungen, geschrieben worden. Noch heute gibt es, der vorherrschenden Toleranz und Transparenz zum Trotz, eine kleine Minderheit von Autoren, die sich – bei kleinen Verlagen, in kleinen Stückzahlen – mit hermetischen Texten vom Mainstream der Bekenntnis-, Erinnerungs- und Tratschliteratur absetzen, im Vertrauen darauf, was einst Jean-Baptiste d’Alembert (den auch Leo Strauss zitiert) souverän auf den Punkt gebracht hat: »Was dem gewöhnlichen Leser dunkel erscheinen mag, ist es für jene, die der Autor im Blick hat, nicht; im übrigen ist gewollte Dunkelheit keine.« Gewollte Dunkelheit, so könnte man hinzufügen, ist keineswegs bloß durch das Minusverfahren des »Zwischen-den-Zeilen-Schreibens« zu erreichen, das bei Strauss im Vordergrund steht; denn nicht allein das Fortlassen (das Verschweigen) beziehungsweise das Fortgelassene (das Verschwiegene) taugt für die subversive Rede, auch die Wörter und Sätze, die das Unausgesprochene (das Unaussprechliche) kontextualisieren, haben ihren Anteil daran – durch Verfremdung, Ironisierung, Parodie und andere Verfahren tragen sie gleichermaßen zur »gewollten Dunkelheit« bei, die eine verbotene Wahrheit erhellen soll. Gegen Strauss ist allerdings anzumerken, dass hermetische Rede nicht in jedem Fall als häretische Rede eingesetzt wird; dass »gewollte Dunkelheit« unterschiedliche Motivationen wie auch unterschiedliche formale Ausprägungen haben kann. Nicht nur verfolgte Autoren oder Minderheiten, auch herrschende Diktatoren – Stalin gibt dafür ein besonders eindrückliches Beispiel – bedienen sich hermetischer Ausdrucksweisen, und Verfolger wissen genau so gut wie Verfolgte, dass hermetisches Wissen beziehungsweise verborgene Wahrheiten stets auch Macht, zumindest einen Machtanspruch signalisieren. – Ich unterbreche an dieser Stelle meinen Lektürebericht, um doch noch eine Runde durch den Wald zu absolvieren, der jetzt wie ein gotisches Geviert im diffusen Dämmerlicht steht. In der Nähe des Schießstands gibt es – warum gerade hier?! – die einzige Sitzbank weit und breit; hier mache ich, auf halbem Weg, normalerweise Rast, erledige meine Telefonate, lese irgendetwas, das mit meiner aktuellen Arbeit nichts zu schaffen hat, spreche hin und wieder ein paar Sätze in mein altes Diktaphon. So auch jetzt. Ich habe von Louis-René des Forêts den späten Prosaband ›Ostinato‹ dabei, aus dem ich täglich ein paar Sätze ziehe, stets mit Ächzen … oft mit Ärger, denn des Forêts ist ein Autor, der nichts zu sagen hat und dennoch schreiben muss … der schreiben muss allein deshalb, damit Text, Prosa, schöne Literatur da sei; und eben dies ist der Anlass … ist das Thema – das einzige – seines Schreibens: dass man nichts Triftiges sagen und niemals adäquat kommunizieren könne, also lieber schweigen sollte. Unentwegt schwankt des Forêts in seinen weitläufigen Perioden zwischen Erhabenheit und Zerknirschung, oft grenzt sein Pathos ans Lächerliche, es ist eine Rede … seine Rede kommt wie aus einer andern Welt, die Sätze lesen sich, als wären sie nach einem lateinischen Rhetoriklehrbuch gebaut – sehr komplex, hyperkorrekt und dennoch bloßes … wundersames Wortgeklingel. Alles in diesem Buch ließe sich auch einfacher sagen, verlöre dann aber die seltsame Faszination, die auch ich beim Lesen bisweilen verspüre – soviel große Worte als Bausteine zu einer filigranen Textarchitektur, die nichts anderes zum Ausdruck bringt, als dass sie bloß aus Worten besteht. Der Autor, denke ich mir, hätte auch schweigen, also nicht schreiben können. Doch vielleicht verschweigt er ja etwas, verschweigt’s eben dadurch, dass er es mit all den groß tönenden Worten umstellt? Die Schreibbewegung als ein unaufhaltsamer Gang in der Weg- und Ziellosigkeit: »Gehen, um zu gehen mit einer Inbrunst, die durch nichts gemildert wird, auch nicht durch die Erschöpfung, auch nicht durch die Nutzlosigkeit dieser Schritte, die ebenso ziellos sind wie die eines Herumstreichers, dem es nicht darauf ankommt, wohin sie führen sollen.« Louis-René des Forêts Bücher gehören zu den überflüssigsten überhaupt, man kann sie lesen oder auch nicht lesen; es gibt sie, es könnte sie auch nicht geben. Eben diese Nutzlosigkeit, diese Überflüssigkeit macht ›Ostinato‹ zu einer raren, deshalb wertvollen Lektüre in einer literarischen Epoche, da die Belletristik kaum noch etwas zu lesen gibt, dafür umso mehr zu bieten hat – nämlich aktuelle, anrührende, spannende Unterhaltung. Womöglich ist es gerade die erhabene Lächerlichkeit … die abstruse Seriosität, die den Texten dieses Autors – Louis-René des Forêts gilt noch immer als Geheimtipp – eine unverwechselbare Aura verleiht. – Derweil hat sich der Himmel schwer bewölkt, es beginnt durch die noch unbelaubten Baumkronen herunterzuregnen, also Schluss mit ›Ostinato‹, ich stecke die empfindliche Broschur unter die Jacke, das Diktiergerät in die Hosentasche und weiß beim Ausschreiten ziemlich genau, wohin der Weg führt. Nach Hause. – Zurück zu Leo Strauss: Verdunkelte Wahrheit, gewollte Dunkelheit sind die Charakteristika einer dissidenten »Kunst des Schreibens«, die durch Zensur gleichermaßen erzwungen und ermöglicht wird, eine ganz und gar eigenartige, eigensinnige Kunst, deren Freiheit paradoxerweise auf konsequenter Selbstzensur beruht: Verbotene Wahrheiten werden einerseits unter dem Druck der Verfolgung bewusst verschwiegen, und (aber) das bewusst Verschwiegene kommt anderseits implizit als Wahrheit zum Tragen, freilich bloß für die, welche »zwischen den Zeilen« zu lesen wissen. Als triviale Spielart solcher Selbstzensur kann – außer der heutzutage weithin gepflegten Rhetorik der »politischen Korrektheit« – das vor allem von Regierungs- und Parteisprechern praktizierte Schön- oder Schlechtreden gelten, bei dem eigene Schwächen ebenso systematisch ausgeblendet werden wie die Stärken des jeweiligen Gegners. Auch die alltägliche Rhetorik des Schmeichelns, der Werbung, der Verführung sowie – allgemein – der durch Verschweigen bewerkstelligten Lüge gehört in diesen Zusammenhang. Von der »Kunst« des Verschweigens, wie Leo Strauss sie sich vorstellt, unterscheiden sich diese »Spielarten« jedoch wesentlich dadurch, dass sie problemlos auch ohne »Verfolgung« praktiziert werden können. – »Der April hat hat keine Gattung.« Ein Satz meiner Mutter – klingt wie ein Vorwurf. Mir soll’s recht sein. Ich mag die Flatterhaftigkeit dieses Monats. Der April personifiziert sich für mich im Verräter, im Schmeichler, im Verführer, im Schwindler. Ein theatralischer Monat! Ein Monat zwischen allen Jahreszeiten. Kann in raschem Wechsel kalt und freundlich und stürmisch und feucht und hitzig und ausgesprochen unfreundlich sein. Was mich daran frappiert, ist die Übergangslosigkeit, auch die Unvorhersehbarkeit der Wetter- beziehungsweise Stimmungslagen. Das Auf und Ab. Das Hin und Her. Der Schleuderkurs, der meinem Lebenslauf sehr ähnlich ist.

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