Der Prokurist: Oswald Egger (Hrsg.): Schläft ein Lied in allen Dingen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Der Prokurist: Oswald Egger (Hrsg.): Schläft ein Lied in allen Dingen

Der Prokurist: Egger (Hrsg.): Schläft ein Lied in allen Dingen

3. WAS EINE POETISCHE WELT IST.

Eine poetische Welt wäre der Versuch, im Sinnkontinuum Bezüge zu sehen, deren Bedeutung über die psychoanalytische, individuelle Sinnkonstitution hinaus Bedeutung hat. Bedeutung insofern, als wir hoffen, daß wir diese Bezüge nicht aus Kompensationselementen oder aus Elementen der Emanzipation oder der Begriffsherrschaft gemacht haben. Bedeutung wäre also die Hoffnung, daß in dem, was bei uns Spuren hinterläßt, etwas ist, über das wir keine Macht haben, das wir evozieren können, das wir aber nicht beherrschen.
Das ist die Voraussetzung für Gelassenheit, auch für poetische Gelassenheit. Da nämlich genau schläft das Lied in den Dingen. Das Lied, das in den Dingen schläft, ist dasjenige, das wir wachrufen können, wenn wir das Zauberwort treffen. Nur wissen wir nicht genau, was dieses Zauberwort ist. Wenn wir es genau wüßten, wären wir Herr dieses Zauberworts, aber dann wäre es kein Zauberwort mehr. Die Frage danach, was das Geheimnis von etwas ist, ist für poetische Welten entscheidend, denn poetische Welten sind nicht verfügbare Welten. Nicht verfügbare Welten haben in sich etwas von Geheimnis. Die Dialektik des Geheimnisses ist simpel: Es gibt in der Kindersendung „Sesamstraße“ einen Vers über die Überraschung, der diese Dialektik darstellt: „Überraschung ist schön / doch hast du sie erst gesehn / ist sie vorbei.“ Das Geheimnis muß selber die Notwendigkeit und die Möglichkeit des Überraschens behalten, denn nur wenn es immer wieder etwas Neues bieten kann, bleibt es ein Geheimnis. Eine poetische Welt muß in diesem Sinne unverfügbar etwas Neues bieten. Einen rationalen Begriff des Neuen gibt es nicht, denn wenn das Neue schon bekannt und also verfügbar wäre, wäre es eo ipso schon alt, ist es aber neu, kann es nicht, in radikalem Sinne, völlig in den Zusammenhängen sein, die wir schon haben. Das Geheimnis und das Neue sind offensichtlich miteinander verwandt, das ist ein Indiz dafür, daß wir über vielerlei nicht verfügen können und daß man etwas finden können muß. Was man finden können muß, ist der Sinn hinter dem gemachten Sinn. Daß man  einen gefundenen Sinn hinter einem gemachten Sinn suchen will, daß man gerne einen Sinn finden möchte, finden, nicht machen, das ist die These, die von der Poesie, auf volles Risiko hin, probiert werden sollte. Das ist der Sinn einer poetischen Welt.
Auf volles Risiko soll dieser Sinn zu finden sein, was heißt das? Das Risiko besteht darin, daß der Sinn des Gefundenen sich als unbekömmlich erweist. Es kann sein, daß dasjenige, was wir finden, für uns eine schreckliche Wahrheit ist. Das beste Muster dafür ist Nietzsches Geburt der Tragödie, wo behauptet wird, dasjenige, was man fände, sei für uns nicht erträglich. Die Unerträglichkeit provoziere deshalb so etwas wie ein trotziges Heldentum des Ertragens, wobei – und das gehört zu Nietzsches Biographie, aber auch zu seinem Habitus von Philosophie – das Kaputtgehen am Unerträglichen den eigentlichen Sinn der poetischen (= tragischen) Welt ausmache. Dieses Risiko muß poetisch in Kauf genommen werden: Was man findet, weiß man eben nicht. Noch schlimmer kann es sein, wenn sich der Held nur als Jämmerling im Sinnlosen wiederfindet. So läßt sich Kafkas Schloß lesen: Der Versuch etwas zu finden, das sich einem, indem man es findet, immer wieder entzieht, führt zur Vorstellung eines sinnlosen Sich-Entwerfens, eines sinnlosen Suchens, und noch die Kraft der Tragik fällt aus. Das, in der Tat, ist das Risiko eines solchen Suchens nach dem Lied in allen Dingen. Aber wenn ein Sinn zu finden wäre, wenn man auf den Heroismus, alles machen zu wollen, also auf den Heroismus der Psychoanalyse und der ewigen Interpretation verzichten könnte, gehört das in die Kategorie des „Zu-schön-um-wahr-zu-Sein“? Es fragt sich, ist eine solche Frage nicht selbst schon von der Angst gezeichnet, daß man nichts finden könnte? Wieso eigentlich? Woher wissen wir, daß das Wahre und das Schöne auseinanderfällt? Heißt zu schön, um wahr zu sein, wirklich auch zu wahr um schön zu sein?

Wilhelm Schmidt-Biggemann, aus: Schläft ein Lied in allen Dingen. Zur Topik einer poetischen Welt.

 

 

Jede einzelne Dislokation laufender Dinge

driftet vielleicht nicht allerort zum nächsten Dorf oder Wort, aber beider Umgebung und Ubiquität grenzt an Berührung. Ei, den andern: einem Sinn nachgehen, einem Sinn nahegehen, einem Sinn nachgeben – („diese drei“) sind nur jeweils Stegreif galoppierende Gedankengänge. Etwas passiert nicht im Parcours, ist Korridor und Laufbahn, schwenkt von sich heraus und, nicht weitab oder außerhalb, hierin vertraut spiegelt ja eigens fern, das andere aber spürt vielerlei nackt und naheliegend. Zur Rede gestellt („treibender Schreibtisch“), jetzo halten und beginnen Beziehungslinien von Ideen und Meinungen, wie Gehöriges, Gesichtetes und Feinfühliges einer Aisthetik des Realen oder („Skyline“) Spur der Steine beigesellt gerät.

Der Prokurist, Begleittext, 1991

Der Prokurist erscheint nicht, er taucht auf

Als Ereignis an immerhin [immer] anderen Orten, im Kontext von, sagen wir, bestimmten Organisationsformen für Öffentlichkeit. Im Konnex mit anderen [Publikationen]. Die Zweitschrift einer Zeitschrift, Nummer Null und Nummer Eins Null. Plötzlich vielleicht und unerwartet tritt Der Prokurist in den Zusammenhang einer Auseinandersetzung, die es ohne [Konjekturen] vielleicht gar nicht gegeben hätte. Der Prokurist aber (Turist im Korpus? Ruki im Orkus? – Pastiors Ubertragungsdoppelpunkt der Metapher ins Syntagma) ist immer schon weiter, voraus[sichtlich] nur um weniges, Wort für Wort [vorläufig] ohne Ort [und Jahr]. Der Verteter einer unbegrenzten [unermess-lichen] Vollmacht, seine Freiheitsgrade selbst[vergessen] zu bestimmen oder [auch] zu ver-lieren. Der Prokurist ist kein Sitz für Stimmen einer Sprache [Organ für Literatur], aber jeweils deren Versprechen [Leertasten] um einen attraktiven Punkt. Eine Erscheinungsform mit Mobilität zwischen den Medien: vorübergehend taucht von Mal zu Mal ein Prokurist auf und verschwindet wieder; gleichzeitig aber – und das ist immerhin paradox – wird er immer als derselbe und selbander bändig identifiziert. Ein Name, der nichts benennt als seinen Ruf. Der Prokurist ist als [chaing of?] Beam [Korruptele] ein Hasardeur, der wie alle Parasiten, Schulterhocker, Aufsitzer, tapferen Schneider, Zaunkönige und Zwerge auf Schultern von Riesen die Welt, die er lebt [doch ja, ein bißchen gewiß], schlecht verwaltet, privilegiert [und] bleibt, und jeden Händedruck [lectio difficilior:] Hand in Hand umdreht. [1988/1992]

Edition per procura, Ankündigung

Der Prokurist

Verein für Organisation und Austausch von Kunst und Kultur ist im Jahre 1989 in Wien gegründet worden. Ein Stammtisch von Schriftstellern, Künstlern und Kulturwissenschaftlern konnte kraft Organisation und Koordination von Literatur, Wissenschaft und Kunst im engeren kulturellen Wechsel mit Lana (der Verein ist aus der Tätigkeit und einigen Vorstandsmitgliedern des Vereins der Bücherwürmer Lana hervorgegangen) – aber auch mit weitem Europa überhaupt – eine eigene Informationsstruktur samt Redaktionskonzept aufbauen, gruppieren und weitertragen. Von Lana aus gesehen machte die real existierende und wachsende Vernetzung mit anderen Veranstaltungsorten und Ideenbereichen ein eigenlebiges Büro in Wien notwendig und ermöglichte im gleichen Zuge („transalpin“) die Zeitschrift Der Prokurist mit doppelter Buchführung („Und Tuchfühlung?“). Ein Scharniergelenk dieser Zwillingsbindung war 1989 die Rückführung des Kravoglschen Kraftrades aus dem Technischen Museum Wien ins Geburtshaus des Erfinders nach Lana.

Seit April 1990 hat sich der Verein in zuzüglich strukturierten Räumlichkeiten eingemietet, um von dort aus seine kulturelle Tätigkeit („ungleich“) intensiver aufzunehmen. Die Veranstaltungen der Secession Lana erbieten damit ihr entsprechendes, gleichsam größeren Aktionsradius ermöglichendes, betriebliches Pendant. Die kontinuierliche, propädeutische Vor- und unterstützend redaktionelle Nachbereitung in der Session Wien stillen gleichsam mehrere Verlangen nach erbittlich geltender, ebenso ersichtlich wie repräsentativ einräumender Vermittlungsstruktur, stellvertretend zwischen Wien und Südtirol („wer so will“). Beide zentrieren Sammel- und Verteilungsträger – Archiv und Vertrieb, springender Doppelpunkt – von aktuellen literarischen und offenbaren Beziehungslinien. Damit sind im Modell endlich jene Voraussetzungen zur Organisation von Selbstorganisation gekoppelt, aus denen heraus die procura selbstgewiß hervorragt und – déjà-vu anscheinend – punktet: Es entstand nachgerade das gemeinsame, in Wien und Lana erscheinende Publikationsprojekt edition per procura (Abteilung B) und die alljährlich stattfindenden Kulturtage Lana werden ebenfalls von hier aus konzipiert und bereitet. Von nun an können Lesungen, Veranstaltungsreihen, Symposien und Ausstellungen in Lana sowie Exkursionen und eigene oder nachbarschaftlich berührende Publikationen in einem konzeptionell weiterreichend eingebundenen Zusammenhang koordiniert und operativ, geographisch übergreifend, gewertet werden.
Die dazu erforderlichen Vorarbeiten sind inzwischen soweit abgeschlossen, um die Räumlichkeiten einer literarischen Öffentlichkeit zugänglich und keinen Staat zu machen. Die Session Wien jener ideellen Akademie umfaßt in Ergänzung („ein Herz und eine Seele“) zur erprobten Einrichtung ihres Voraussetzungssystems in Lana: erstens ein funktionales Büro mit entsprechender Geschäftsführung, das die erforderliche redaktionelle Mitarbeit in bezug auf jedwede Produktion in Lana erleichtert; zum andern einen Veranstaltungsraum mit kleinem Schanktisch, wo Werkstattgespräche und Sessionen mit („Sitz im Leben“) Lesungen, Vorträgen und Ausstellungen organisiert bzw. ermöglicht werden sollen; darüber hinaus eine Sammelstelle des Europäischen Archivs für Poesie, welches in Lana in Aufbau ist sowie eine Einlauf- und Vertriebsstelle von Informationen, Ideen und Interessen.
Auch im Jahre 1991 werden Bücherwürmer und Prokuristen als betriebsame Verbindung ihre Tätigkeit im Gefüge verschiedener Veranstaltungsformen, Beziehungslinien und Arbeitsbereichen fortsetzen. Nach erfolgter Verfestigung der infrastrukturellen Voraussetzungen und wechselseitiger Koordination von Sitz und Stimme, zeichnet nunmehr kräftiges Kolorit sichtbar Konturen, zeiht Parcours, Projekt und Produktion nach Jahr und rotem Faden, und noch und noch ergeben einander Ereignisse laufender Dinge, Zeit des Wartens. Der Kreis von Aktivitäten mag sich („Runde“), und mit beruhigter Gelassenheit sehen der Verein der Bücherwürmer und dessen Prokuristen auf alle eingelösten Ankündigungen zurück, sehen zu, daß im gegenwärtigen Jahr das erreichte Tableau gefestigt und wohl zum Teil auch erweitert werden kann. Rückblickend auf einen vervielfachten Realumsatz, welcher jene qualitative Schwelle überschreiten half und ein neuartiges, komplexes Geflecht literarischer Öffentlichkeit entstehen ließ, lokal bis kontinental, wissen mehr und mehr zu schätzen, worauf Tätigkeit jederzeit rückführbar erbaut werden will. Wohl trägt der Fortlauf der Geschehnisse einigen Keim zwar nicht zur Sorge, aber doch zu besonnener Aufmerksamkeit, und die nachdrückliche Bereitschaft zu breitflächig versponnener Aktivität ist dauernd. Einigen war die Akademie noch nie plausibel und, täuscht nicht alles, so rochieren jetzt Demarkationslinien. Schade, soviel Ungestüm. Procura erscheint republik, siebenmal im Jahre 1990 allein: das PR-Projekt mag nur die Stillen vom Land kongregieren, um, aber in ungleich weiterreichter Nachbarschaft wirken, eine Art Exportartikel geistigen Binnenmarktes wiederherzustellen und sich nicht irgendeinem Vergleich kraft ökonomischer Verkaufskraft messen, welcher zudem noch anzuzetteln wäre. Nur die Ruhe. Zum anderen, aber das fällt schon leichter, ist gewiß das Niveau der Veranstaltungen (Abteilung A) – samt dem Ausbau des Europäischen Archivs für Poesie (Abteilung C) – zu halten (aber in Bewegung), zu welchem bereits namhafte Schriftsteller ihre Zuträgerschaft beginnen. Als Akademie für Sprache (Abteilung D) wird die traditionelle Exkursion (Abteilung E) dann nach (und nah) dem Osten – in die Autonome Tschuwaschische Sowjetrepublik – unterwegs sein, so viele mögliche Welten in wie vielen ermöglichten Tagungen („Session aus Secession“). Selbstredend, aber nicht angekündigt, werden einzelne Autoren, Projekte oder Bücher vorgestellt. Dazu kommen Ausstellungen, die den Bereich des Literarischen berühren, etwa die erstmalig vollständige Präsentation der Gemälde Pier Paolo Pasolinis, welche vom Assessorat für Kultur der Provinz Pordenone zur Verfügung gestellt werden. Aus solchem Ungefähr heraus erfolgt, genüglich und wiederholt verjüngt, unablässige Dislokation. Vorausgesetzt, die Dinge laufen.

Seit 1990 erscheint die Zeitschrift Der Prokurist

in Wien und Lana mit mindestens drei Literaturnummern und einer nicht festgelegten Anzahl von Supplementbänden (edition per procura) pro Jahr. Südtiroler Eigentümer des mehrstelligen Publikationsprojekts ist der Verein der Bücherwürmer Lana, Herausgeber Oswald Egger. In Wien trägt die Publikationen als Zweitstelle der gleichnamige Inhaber – Der Prokurist. Verein für Organisation und Austausch von Kunst und Kultur – unter integrierend redaktioneller Mitarbeit bislang vor allem von Peter Waterhouse. Zuträger und Kommanditär Felix Philipp Ingold haftet in korrespondierender Teilhabe aus Zürich am PR-Projekt, Hermann Gummerer hält in der Secession Lana kulturwissenschaftliche Leitlinien inne – mit ermessendem Beirat – sowie jedwede Endredaktion in Zusammenarbeit mit Robert Huez und Arnold Mario Dall’O durch. Damit erfüllt sich das Desiderat einer unmittelbar anwendbaren, funktionalen, zugleich publizistisch präsenten Vermittlungsstruktur zwischen Wien und Lana: Zum einen, was die organisatorischen Voraussetzungen der kulturellen Übertragung betrifft – im Hinblick auf seine ebenenweite Vernetzung – zum anderen, was einen entsprechenden distribuierten medialen Träger bereitet, der Zentrum und Peripherie faktisch ineins setzt. Die Veranstaltungen des Vereins der Bücherwürmer einerseits und die entsprechenden Tätigkeiten des Wiener Büros – vorgestellt repräsentiert als Akademie für Sprache (Abteilung D) finden so endlich ihr geeignetes mediales Pendant.

Aus: Die Akademie ist der einzige hüpfende Punkt im Staate. Jahresbericht der Akademie für Sprache, 1991

 

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