Dimitris Lyacos: Poena Damni – Der Erste Tod

Lyacos-Poena Damni – Der Erste Tod

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Weil du nicht länger bleiben kannst
weil dein Blick die Götzenbilder sich winden lässt
bis dass der See gerinnt und deine Hand aufhört
in den Innereien zu stochern und in der Glut
suchend eine nutzlose Axt
und lass das Meer das verkrustete Blut kratzen;
Entlassung.
Weil du den Berg suchst und die Nägel unter den Sternen
schwarze Kreuze, die sich zum Triumph hin neigen
und wieder schleppst du dich und
kletterst in den Wunden des Erdbodens
spuckst Schwefel aus, der deine Glieder verätzt
keuchend wie einst auf den Huren
tränkst du die wollüstigen Klippen
und das Krächzen der Aasvögel folgt der
Verunreinigung; höhenwahnsinnig.
Und die feuchten Stachel der Skorpione
zeigen den Weg
und der Verstand eine Landkarte getunkt in Wein
und die Seele im Maulkorb
stillt
den vorderen Horizont des Schmerzes.

 

 

Nachwort

DER ERSTE TOD kann als Ausgangspunkt und zugleich als Ziel einer insgesamt fünfzehnjährigen Arbeit von Dimitris Lyacos betrachtet werden: als das zuerst geschriebene, jedoch kompositorisch an letzter Stelle angesiedelte Buch der Trilogie POENA DAMNI – als causa causarum des langjährigen Schreibprozesses also.
Doch DER ERSTE TOD ist noch mehr als das: Es ist ein Buch, das in Teil I der Trilogie, Z 213: EXIT, vom Protagonisten gefunden wird, und forthin – mit der Bibel – von diesem als Kopfkissen genutzt wird:

A nudge, you slip all but fall, you put out your hand, below the palm crumpled paper, a dog-eared book open. Turn over the cover: The First Death. You would smile. This too for a pillow, on top of the Bible.

Womit befasst sich nun DER ERSTE TOD? Auch im Zusammenhang der beiden kompositorisch ersten Teile der Trilogie muss geantwortet werden: Es handelt sich um ein Gedichtband, das sich ganz und gar mit den Möglichkeiten der menschlichen Existenz befasst. Das klingt nun sehr bekannt – leider. Denn dieser Satz wird häufig und oftmals dort bemüht, wo es angebrachter wäre, nicht von Existenz, sondern vielmehr von Lebensgestaltung und -entfaltung zu sprechen. Gleich im ersten dieser vierzehn Gedichte aber sehen wir, auf welch dicht gezogene Rahmen dieses Leben seine Existenzmöglichkeiten begrenzt sieht: auf den äußerst schmalen Bereich des Überlebens im Angesicht eines als unausweichlich erscheinenden Todes.
Wir finden einen gescheiterten und im Verlauf der vierzehn in diesem Band versammelten Gedichte immer wieder scheiternden Menschen vor: Einen Menschen, der immer aufs Neue an ein und demselben Wetzstein Schiffbruch erleidet. Diesen Wetzstein bildet in DER ERSTE TOD ein Timē-System, ein Ehresystem darwinistischer Färbung. Timē-Systeme sind in der Literatur vielgekannt – besonders, dies sei ein Vorgriff, aus Erzählungen der griechischen Mythologie, ja aus der ganzen „Literatur der klassischen Antike“: Systeme, die eine Maxime (im La Rochefoucauldschen Sinne) als höchste Timē postulieren und alles übrige ausblenden, ohne die Maxime selbst kritisch zu reflektieren, dies gar zu erlauben.
Ein Beispiel eines solchen Systems ist in Sophokles’ OIDÍPOUS TÝRANNOS zu finden – und hier ist es nicht zwangsläufig das Lösen der Frage nach den Umständen des Todes seines Vaters Laïos, das von Ödipus zur höchsten Maxime seines Timē-Systems erhoben wird, sondern vielmehr eine, die Züge der Hybris annehmende Auffassung seiner eigenen Stärke, die es dem tragikomischen Choleriker erlaubt, sich zeitweilig ÖDIPUS DEN GROSSEN zu nennen. Scheitern muss Ödipus an seinem Timē-System nach der Erkenntnis seiner Herkunft und seiner Taten – letztere rühren allesamt von der eklatanten Fehlauffassung her, die Resultat der Blendung von der höchsten Maxime seines Timē-Systems ist. Ödipus ist verdammt, jetzt in ganz anderem Sinne geblendet zu sein, und sein restliches Leben in der Verbannung zu verbringen. In der darwinistischen Entfaltung des Timē-Systems, die Lyacos in DER ERSTE TOD präsentiert, ist es von Gedicht eins hinfort offenkundig, dass die Persona an jenem System aufgelaufen ist: Es gibt keine Gestaltungsmöglichkeit im Scheitern am Überleben des Stärkeren – es gibt nur noch die Frage nach den Existenzmöglichkeiten im Angesicht des Todes. Entscheidend ausgerichtet wird eine Antwort auf diese Frage durch die Isolation, in der sich die Persona befindet. Sie ist in ihrem Scheitern ganz und gar allein – gefangen mit sich selbst im Warten auf den unausweichlichen Tod. Es gibt nur zwei Orte auf dieser Welt, an denen ein Mensch nicht vor sich selbst fliehen kann: auf einem Schlachtfeld und in einer Gefängniszelle. Das sagte der ägyptische Staatsmann Muhammad Anwar as-Sādāt, als ihm 1944 die Flucht aus der Gefangenschaft in Minieh gelang.
Dieser Gedanke scheint für DER ERSTE TOD eine sinnvolle Lesart vorzuschlagen – was nämlich stellt die Isolation im Scheitern am Timē-System des Überlebens anderes dar als eine Gefängniszelle. Doch während dies als Aussicht auf Trost aufgefasst werden könnte, ist in diesem Band nichts davon zu finden. Das Selbst, mit dem die Persona hier gefangen ist, ist eines, das aufgrund seiner Gefangenschaft nicht mehr zwischen Realem und (Fieber-)Fantasien zu unterscheiden weiß – ein Trost kann von diesem Selbst nicht ausgehen. Und so kommt es, dass die Persona im Angesicht ihres Todes, trotz des immer wieder aufstrebenden, die letzten Kräfte verzehrenden Kampfes gegen ihr Sterben, zu den Fragen nach dem Eschaton, nach den letzten Dingen gelangt.
Hier spielt die christliche Tradition wiederum eine interessante Rolle. Das Exodus-Geschehen, auf das in der Struktur von DER ERSTE TOD stets in neuen Formen Bezug genommen wird, findet dort eben die Erweiterung um das Hinausführen aus dem Leben.
Zuletzt erscheint dann das Schlusswort, das im Deutschen durch KINDERWAGEN wiedergegeben ist, was, wie die Anmerkung aufzeigt, im Griechischen auch als ROLLSTUHL gelesen werden kann. Und auch hier ist der Verweis auf die gesamte Trilogie sinnvoll: Im kompositorisch an zweite Stelle gesetztem NYKTIVOE gibt sich die Persona LEGION dem Tod in der Hoffnung auf Erlösung ganz hin – in DER ERSTE TOD, zum Abschluss der gesamten Trilogie also, muss die Hoffnungsfrage in ihrer Zweideutigkeit eine offene Frage bleiben.
Mit letztem Verweis ist eine Frage, die sich insbesondere an Gedichte in deutscher Übersetzung stellt, zum Teil beantwortet: Gibt es eine eindeutig festzumachende, für die neue Leserschaft interessante Verwurzelung des Autors in seiner Herkunftskultur? Gibt es in DER ERSTE TOD ein definit griechisches Element? Durchaus. Zum Einen natürlich in der Sprache, das zeigen auch die Anmerkungen an – ein Bedeutungsreichtum, vom Innern der Sprache her kommend, der Ausdrucks- und Spielmöglichkeiten zur Verfügung hat, die die poetische Form im Deutschen sprengten, wären sie nicht in den Schutzbereich der Anmerkungen gebannt. Das ist nun womöglich die Crux einer jeden noch so guten Transferleistung: dass die Überführung nicht ohne Gepäckverlust vonstatten geht.
Doch innerhalb des Sprachlichen ist auch auf eine erste Besonderheit in Lyacos’ Werk zu verweisen. Im griechischen Original finden sich neben alltagssprachlichem, dem Koine der antiken Sprachstufe des Griechischen entwachsenem Neugriechisch, auch Worte aus der vorhellenistischen altgriechischen Sprache.
Erinnerungen an den Sprachenstreit werden da wach, und spätestens jetzt sind der Gretchenfrage neugriechischer Dichtung Tür und Tor geöffnet: Wie hält es Lyacos mit der Tradition?
Für Dichter aller Sprachen ist die Frage nach der Tradition heikel, doch nirgends, so scheint es, gewinnt diese Frage mehr an Dringlichkeit als im Zusammenhang des Griechischen.
Der Allgegenwart der „klassischen antiken Literatur“ kommt wohl auch das zweifelhafte Verdienst zu, dieser nachfolgenden Dichtern eine besondere Last auf die Schreibhand zu legen. So finden wir immer wieder Dichter, die diese Last nur zu tragen glauben, wenn sie auf das Papier mit so wenig Eigenem wie möglich weitergereicht wird – Karyotakis ist hier vermutlich mit einer polemischen Überspitzung zu nennen. Diese Last scheint sich auch auf die Köpfe der Leserschaft so stark niedergelegt zu haben, dass von dort aus jeder griechische Dichter gewogen wird.
Es scheint, als seien griechische Dichter vom Beginn der Neuzeit bis heute immer noch nicht ganz in dem angekommen, was als KANON DER EUROPÄISCHEN LITERATUR bezeichnet werden kann. Gewiss, die Generation der 30er Jahre, und unter ihnen vielleicht Giorgos Seferis, Giannis Ritsos als gekannteste Dichter, sind denen ein Begriff, die sich gerne als BEFLISSENE LESER bezeichnen.
Und doch scheint das Wiegen zwischen altbekannten, in das kulturelle Gedächtnis des Okzidents eingebrannten Dichtern und neuen Dichtern immer zu Ungunsten letzterer auszufallen.
Und wie steht es nun mit Lyacos? Seine Gedichte, das zeigen dieser Band und auch der Anfang dieses Nachwortes sehr deutlich, sind keineswegs traditionsfern, oder – unendlich schlimmer allein aufgrund der ihrem Treiben inhärenten Neigung zum Langweiligen – sich gegen eine Über-Ich-Instanz aufbäumend.
Und dennoch ist die Tradition von Lyacos nicht zu einem Timē-System stilisiert. Im Gegenteil: Die Tradition wird in den Dienst genommen, und dies mit einer Leichtigkeit, die nichts mit der Last auf der – ja inzwischen fast schon aufgrund ihrer Vielbemühung arg geschundenen – Dichterhand zu tun hat. Figuren und Motive aus der KLASSISCHEN ANTIKEN LITERATUR werden in diesem Band angesprochen, es wird auf sie verwiesen, sie werden zitiert – doch das alles spielend. Hierin liegt ein weiterer besonderer Reiz in Lyacos’ Schreiben. Bei der Stärke seiner Sprache, die zuweilen brutal – immer jedoch roh – auf den Leser einwirkt, ist die Hand des Dichters stets unter seiner eigenen Führung. Es ist diese Sprache, die einen genuin eigenen Ton findet, die nicht nur das Wiegen absurd erscheinen lässt, sondern die Waage selbst.

Antonjin Frey, Nachwort

1992

begann Lyacos die Trilogie POENA DAMNI. Der Titel bezieht sich auf die Strafe der verdammten Seelen in der Hölle: Sie dürfen Gott nicht schauen. Die Trilogie beginnt mit dem Schluss und schreitet von dort aus zurück an den Anfang. Der chronologisch letzte Teil erschien somit als erster: O PROTOS THANATOS (DER ERSTE TOD). Er liegt inzwischen neben dem griechischen Original auch in englischer, deutscher, spanischer und italienischer Übersetzung vor.
Die Trilogie gehört einem Kontext von tragischer Dichtung und epischem Drama an. Homer, Aischylos, Dante und dunklere Aspekte der romantischen Dichtung zeigen ebenso ihren Einfluss wie der Symbolismus, Expressionismus sowie religiöses und philosophisches Gedankengut. DER ERSTE TOD beginnt mit einem auf einer felsigen Insel ausgesetzten Mann und schildert in weiterer Folge dessen Überlebenskampf, begleitet vom Zerfall seines Körpers und der unaufhaltsamen Auflösung seines Gedächtnisses.

Verlagshaus J. Frank, Klappentext, 2014

 

Rezension zu diesem Buch:

Mónika Koncz: Der Tod als Schauspiel
fixpoetry.de, 17.7.2014

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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