Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Wer kennt Reverdy? (Teil 3)

Wer kennt Reverdy?

Teil 2 siehe hier

Inwieweit Pierre Reverdy der «Schritt hin zu Gott» gelungen ist, mag offenbleiben; seine Poesie jedenfalls mutierte nicht ins Religiöse, vielmehr öffnete er sie – bei fortdauernder formaler Meisterschaft – hin zur Natur und hin zu sich selbst. Gleichzeitig entwickelte er aus der Zusammenführung von Mikroessay, Prosagedicht und Aphorismus ein zusätzliches Textformat, das er in der Folge mehrfach erprobte und das hinter seiner Lyrik nicht zurücksteht.

Beispielhaft dafür ist sein «Bordbuch» (Le Livre de mon bord, 1948), ein Konvolut von kunstvoll ausgearbeiteten «Notizen», die literarisch und philosophisch gleichermassen relevant sind, vergleichbar mit den poetischen Gedankenbüchern von René Char, Pierre Chappuis oder Roger Munier – kein Wort ist hier zu viel oder zu leicht, nichts unterläuft, alles ist so gewollt, wie’s dasteht. Das wirkt bisweilen allzu rigid, fast schon pathetisch, es zwingt zu äusserster Konzentration beim Lesen und erbringt dennoch kaum je ein eindeutiges Verstehen, kann indes sehr viel zu denken geben. «Die Poesie ist weder im Leben noch in den Dingen», liest man im vielfach nachgedruckten «Bordbuch»: «Sie ist das, was man aus ihr macht, und das, was man hinzufügt.»

… Fortsetzung hier

 

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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