Günter Kunert: Zu Rolf Haufs’ Gedicht „Beim Betrachten alter Fotografien“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Rolf Haufs’ Gedicht „Beim Betrachten alter Fotografien“ aus Rolf Haufs: Felderland. –

 

 

 

 

ROLF HAUFS

Beim Betrachten alter Fotografien

Warum Gelächter Über unsere Posen
Kinderstrümpfe Baum im Hintergrund Gras
Tor das nie repariert wurde

So eine Frisur So eine Haltung die
Toten Gesichter sind jetzt tot die
Spiele sind beendet die Augen
Haben andere Schatten

Wo liegt noch jene Landschaft
Verwechselbar Bräute Väter Kinder
Sie alle der Ebene verfallen
Glänzend! Matt

Hebt sich frühes Licht
Tanz Verlobung Den Kranken sah
Niemand was an sie

Stürzten später
Andere erhoben sich verschwanden
Laut und leise Auch ich
Seh mich schon

 

Ein Blättchen Karton

Kein Trödelladen, kein Flohmarkt ohne eine Kiste mit alten Fotografien: Da liegen ganze Kleinstädte, personalisiert, aufgehäuft, zur gleichmütigen Betrachtung freigegeben, für billiges Geld erwerbbar. Wie Rolf Haufs, dieser Dichter des Eingedenkens, konnte auch ich nie an diesen Ansammlungen von Schattenwelten bedenkenlos vorbeigehen. „Beim Betrachten alter Fotografien“ entspricht exakt diesem Moment der Kenntnisnahme eines säkularen Jenseits.
Wir schauen die Gewesenen an, und sie schauen auf uns zurück mit blinden Augen. Für die Minuten einer metaphysischen Begegnung beleben wir sie, indem wir nach ihren Lebensbedingungen, nach ihrer Umwelt, nach ihrer Epoche fragen. Aber die Antworten müssen wir selber finden, sie aus unserem eigenen Erinnerungsvermögen hervorkramen. Wir wenden uns um in der Zeit und blicken zurück, ohne zur Salzsäule zu erstarren, obschon das angebracht wäre.
Rolf Haufs, geboren 1935, ist, wie manche seines Jahrgangs, noch von den Kriegsereignissen traumatisiert worden. So heißt es in einer Schlusszeile des Gedichts „Schnee“ – „Überlebende solange wir leben“: Dieser Satz erweist sich als Grundsatz aller Haufs’schen Gedichte. Davon künden Zeilen wie „Noch sind wir in unseren Wohnungen“ oder „Erinner dich wie oft hat wer gewarnt“.
Die Vergangenheit stirbt nie, sie ist auf heimliche, unheimliche Weise vorhanden und meldet sich durch Zeichen, wie eben durch die alten Fotografien. Die Menschen auf den Bildern sind „verwechselbar“, ja, austauschbar. Sie lächeln meist, als wollten sie uns einen nachträglichen Trost spenden, als wäre es leicht gewesen, das mit dem Dasein. Die Zehntelsekunde, während derer sie porträtiert wurden, ist ein beängstigend winziger Teil ihrer Existenz, die für uns spurlos verging – spurlos bis auf die Aufnahmen, denen Haufs sein schönes und inständiges Gedicht verdankt. Ein Gedicht, das uns auch zu erschrecken vermag, weil es uns auf unsere eigene Anwesenheit auf Erden verweist. Auch wir werden zu Schnappschüssen und Albumbewohnern ob wir es wollen oder nicht. Mit unserem Blick werden die nach uns Kommenden uns wahrnehmen:

Auch ich
Seh mich schon

Ein Resümee, das uns, die Leser, zwingt, indem wir uns ins Bild bringen, von uns selber abzusehen.
Unser kameratechnisches Nachleben ist, hier sagt es ein Gedicht, äußerst dürftig. Vielleicht behalten uns Nachgeborene durch unsere heitere Miene, durch unser Fröhlichkeit vortäuschendes Aussehen etwas länger im Gedächtnis, doch auch sie dürfen sich – „Beim Betrachten alter Fotografien“ – gewiss sein, dass ihnen kein anderes Schicksal blüht.
Solche Überlegung mag nicht erfreulich sein, hat jedoch einen großen Vorzug: Sie dient dem Selbstverständnis und der Selbsterkenntnis. Und darin liegt eigentlich der Sinn und Zweck, der „Nutzen“ von Lyrik beschlossen: uns nicht, wie der Roman, wie die Erzählung, in fremdes Leben einzubeziehen, sondern unmittelbar und gnadenlos uns mit uns selber in Beziehung zu setzen, für die Zeit des Lesens das tägliche, das alltägliche Selbstbildnis zu suspendieren, um das darunter verborgene Selbst zumindest ahnen zu lassen.
Wer bin ich? Ein handtellergroßes Blättchen Karton? Wenn ein Gedicht zur Selbstbefragung den Anlass bietet, dann ist es ein gelungenes Gedicht. Wie das von Rolf Haufs.

Günter Kunertaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Vierunddreißigster Band, Insel Verlag, 2011

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