Günter Kunert: Zu Werner Söllners Gedicht „Was bleibt“

Im Kern

Im Kern

– Zu Werner Söllners Gedicht „Was bleibt“ aus Werner Söllner: Der Schlaf des Trommlers. –

 

 

 

 

WERNER SÖLLNER

Was bleibt

Das Haus der Welt ist schlecht gebaut,
ich sitze krumm und schief darin.
Ach Sprache, meine stumme Braut,
sag mir, wo ich zuhause bin.

Hier steht ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch,
da ist noch Brot und dort ist Wein.
Was bleibt? Versteinertes Gemisch
aus Sätzen vom Lebendigsein.

Der Sinn der Wörter ist die Haut,
die langsam auseinanderfällt.
Ach Sprache, meine stumme Braut –
das Aug weint, was die Silbe hält.

 

Die stumme Braut

Gefragt, was den Dichter vor den Schriftstellern anderer Gattungen auszeichne, würde ich sagen: Sein Umgang mit der Sprache. Sein Verhältnis zu ihr ist intimer, ja, schmerzlicher, manchmal sogar rabiater (wozu die Intimität berechtigt) als das von, beispielsweise, Prosaautoren zu ihrem Medium. Auf den Dichter wie auf niemand sonst scheint die Phrase von der Goldwaage, auf die man jedes Wort legt, zuzutreffen. Also wäre das untrügliche Kennzeichen, woran man den Dichter, fast hätte ich gesagt: den wahren Dichter unter den Massen der scheinbaren herausfinden kann, sein erstaunlicher Instinkt für das einzig richtige Wort, für die allein mögliche Wortwahl, für das Stimmige der Metaphern, für das apodiktisch Unabänderliche des Gesagten.
Und doch. Den geborenen Dichter (und andere gibt es nicht) verläßt niemals eine gewisse Unzufriedenheit gegenüber seinen Ausdrucksmitteln, selbst wenn er sich ihrer mit Perfektion bedient. Und das Gefühl von Befriedigung nach Vollendung eines Gedichts ist der seltene Preis für die Mühe, die Sprache im gewünschten und ersehnten Sinne zum Reden gebracht zu haben. Darum die vielen Gedichte über die Sprache, über den Akt des lyrischen Sprechens selber. Der Dichter wirkt geradezu undankbar, da er mittels seines Werkzeuges just dessen Mangel und Schwäche beklagt. Werner Söllner macht da keine Ausnahme. Er, der kritischen Einsicht halber, personifiziert die Sprache und nennt sie dann seine Braut, als sei sie etwas Besseres als eine willfährige Prostituierte, die sich jedem Nebenbuhler, sprich: Konkurrenten hingibt.
Bloß: Wie kommt es, daß diese Braut, die Söllners Klage überhaupt erst ermöglicht, als „stumm“ bezeichnet wird? Und wie kann eine Stumme ihm mitteilen, wo er zu Hause sei? Weil gerade diese widersprüchliche Formulierung das Wesen der Sprache trifft, ihre Doppelexistenz: nichtssagend und doch verräterisch aufrichtig zu sein, zur Lüge wie zur Wahrheit prächtig disponiert. Bedeutsam jedoch wird sie erst im Gedicht, wie in dem Söllners, da ihm das erwähnte dialektische Moment der Sprache als Modell für seine zwölf Zeilen dient: Spannung entsteht von der „stummen Braut“ über das „versteinerte Gemisch aus Sätzen vom Lebendigsein“ bis zu „das Aug weint, was die Silbe hält“. Das Modell Sprache wird Daseinsbild.
Söllners besondere wortbezogene Empfindlichkeit stammt nicht zuletzt von seiner Herkunft: Für den Rumäniendeutschen, auf einer Sprachinsel im Reiche des modernen Dracula Ceausescu lebend, war wenig mehr als Sprache an Heimat vorhanden. Ohnehin ist ein Schriftsteller, in extremem Maße ein Dichter, eher in der Literatur daheim als im „Haus der Welt“, dessen Konstruktion für jedes poetische Bewußtsein sowieso dem eines Kerkers gleicht.
Die letzte Strophe vermittelt dem Leser die unauflösliche Einheit von „Sein und Schreiben“, da der Sinn der Wörter letzten Endes die Selbstversicherung des dichtenden Individuums zu besorgen hat und für die Ganzheit der Persönlichkeit geradestehen muß. Und die Schlußzeile gar in ihrer bemerkenswerten grammatikalischen Ambivalenz läßt offen, ob nun das Auge eigentlich über das weine, was die Silbe im Sinne von Vorgabe verspricht, oder ob die Silbe das bewahrt, was das Auge weint, ergo: was der Autor an Gefühl einzubringen hat.
Doch wie immer man das „… was die Silbe hält“ deuten mag: Jede Lesart zeigt an, daß die „Silbe“, als eines der Synonyme für Sprache, das letzte Wort behält, damit aber entgegen allem Lamento über Sprachverlust und Sprachverfall dennoch über die Melancholie der Verse triumphiert. Wir wollen nicht den Titel vergessen, der vorankündigt, worum es geht: Was bleibt, ist die Sprache, ist das Gedicht, ist die Mitteilungsfähigkeit des einzelnen, der, während er mit seiner stummen Braut verhandelt und hadert, zugleich mit uns, den Lesern, gedankenvoll parliert.

Günter Kunertaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebzehnter Band, Insel Verlag, 1994

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