Jürgen Engler: Zu Heinz Czechowskis Gedicht „Spaziergang“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Heinz Czechowskis Gedicht „Spaziergang“ aus dem Band Heinz Czechowski: Kein näheres Zeichen. –

 

 

 

 

HEINZ CZECHOWSKI

Spaziergang

Als ich durchs Rosental ging,
Standen die Bäume Parade.
Die Erde, ein freundlicher Stern,
War das, was ich suchte.
Doch die vertriebenen Paradiese
Blühn jetzt anderswo:
Ich sah übern Zaun in den Zoo,
Wo die zu Paaren getriebenen Tiere
Die Köpfe senkten, Drachen
Trieben im Winde,
Hinter dem Scherbelberg
Grüßte der Froschteich,
Doch als ich näher kam,
Erkannt ich den schwarzen
Stinkenden Tümpel, ein Wind
Von der Kläranlage ergänzte
Vortrefflich die Szene. Dort,
Wo die Kleingärtner hausen,
Zwischen Kürbis und Sellerie, Rettich und Aster,
Brach keuchend aus Buschwerk hervor
Eine Rüsselmaske im Tarnanzug, ihr
folgten andere Gemusterte, sie
Übten das Überleben.
Über die Dächer von Wahren
Rollte die schreckliche Sonne.

 

Gelegenheit und Lebenszeit

lnsofern sich das Gedicht „Spaziergang“ alltäglichen Gelegenheiten verdankt, von ihnen ausgeht, freilich nicht in ihrem Bannkreis bleibt, ist es ein für Heinz Czechowski charakteristisches Gedicht. „Meine Chance gegenüber anderen, Freunden und Zeitgenossen, besteht darin“, bemerkte der Lyriker im Gespräch mit Christel und Walfried Hartinger (Ich, beispielsweise, Reclam 1982), „mich vom Gelegenheitsmoment ergreifen zu lassen und dieses Gelegenheitsmoment im Gedicht zu erhalten und vermitteln zu wollen…“
Der Titel des Gedichts, es entstammt dem Band Kein näheres Zeichen (Mitteldeutscher Verlag 1987), gibt zugleich dessen Gangart an, eben die gemächliche eines Spaziergangs, der Erholung bereiten soll. Den Sinnen des Dahinschlendernden bietet sich Zu-Fälliges und Auffälliges – Ansichten freilich, die das Für-sich-Hingehen erheblich stören und an Entspannung keineswegs denken lassen. Dem „Spaziergang“ – noch das Erschrecken ist verhalten – eignet Kontemplation; ein Grundgefühl wird wiederum ausgesagt, das Czechowskis Gedichte prägt. Der Lyriker, der als Zehnjähriger in Dresden den 13. Februar 1945 erlebte, bekundet im erwähnten Gespräch:

Ich habe nicht Geschichte gemacht, Geschichte hat mich gemacht, ich bin Objekt gewesen. Das ist eine Grunderfahrung, auf die ich leider nicht verzichten kann.

Doch noch das kontemplative Gedicht ist Selbstbehauptung, insofern ein Ich sich seiner Erfahrungen vergewissert, sich als Ich, wenn auch leidend, konstituiert, seinen Zusammenhang mit der Welt und so selbst als Zusammenhang erfährt.
Das Gedicht weckt den Eindruck des Unwillkürlichen; was wahrgenommen wird, präsentiert sich zwanglos in übersichtlichem Nacheinander. Auf Gliederung durch Reim und Strophe wird verzichtet, komplizierte syntaktische Konstruktionen werden vermieden, und wie „Anschauung und Abstraktion in ständigem Wechsel“ die Bildersprache formen, scheint unmittelbare Verständlichkeit zu versprechen. Diese zu behaupten ist auch für eine erste Ebene des Gedichts nicht falsch. Doch das Unwillkürliche ist eine Kunstleistung; um die Fiktion eines Spaziergangs handelt es sich, die dichterische, verdichtete. Recht betrachtet, wird der Spaziergang erinnert: „Als ich durchs Rosental ging.“ Man erinnert, was einem wichtig ist. Bedeutsames also, das sich schon im vorherrschenden Daktylos ankündigt.
Das Gelegentliche, soll das Gedicht nicht belanglos bleiben, muß Gleichnishaftes freigeben. Der „Spaziergang“ im Rosental ist einer in heutiger Welt. Daß die Bäume „Parade“ stehen, kann zunächst noch als Freudenbezeigung der Natur aufgefaßt werden. Im Kontext des Gedichts signalisiert das Bild anderes: die Unmöglichkeit gelösten Einsseins von Mensch und Natur. So stehen Gemächlichkeit des Spaziergangs und Ungemach („vertriebene Paradiese“, „stinkende Tümpel“, „Rüsselmaske im Tarnanzug“), das der Welt droht, in spannungsreichem Widerspruch. Bedrohung steigert sich im apokalyptischen Schlußbild – „Über die Dächer von Wahren / Rollte die schreckliche Sonne“ –, im Gegenbild zu den noch hoffnungsvollen Versen am Anfang: „Die Erde, ein freundlicher Stern, / War das, was ich suchte.“ Globales und Provinzielles also. Zunächst ist das Rosental – eine Park- und Auenlandschaft inmitten Leipzigs – eine konkrete Lokalität, wie die Erwähnung des dort gelegenen Zoos, des „Scherbelbergs“ und von Leipzig-Wahren ausweist. Zugleich ist das Rosental – Nomen est omen – die poetische Landschaft, der Ort der Poesie par excellence.
Jedes Gedicht birgt seine Tradition in sich. Zwar öffnet der „Spaziergang“ auch dem Leser, der um diese nicht weiß, die Augen. Aber auch hier gilt: Je mehr man weiß, desto mehr sieht man. Das poetische Motiv des Spaziergangs, der vor die Tore der Stadt führt, dorthin, wo man freier atmen kann, ist häufig in deutscher Lyrik. Es sei an Martin Optiz’ Gedicht „Der Spaziergang“ erinnert – Czechowski hat es in seine Anthologie Zwischen Wäldern und Flüssen. Natur und Landschaft in vier Jahrhunderten deutscher Dichtung (1965) aufgenommen – oder an das mehr als anderthalb Jahrhunderte später entstandene „Lied im Freien“ von Johann Gaudenz von Salis-Seewis. Freilich wird im literarurgeschichtlichen Fortschreiten die Wahrheit der lyrischen Bilder von schöner Natur zum Problem. Nicht nur, daß das ursprüngliche Naturerlebnis, das die Gedichte preisen, zumeist Scheincharakter trägt, insofern die uns umgebende Natur eine weitestgehend menschlich gestaltete und geordnete ist; darüber hinaus wird es in Wunsch- und Andachtsbildern von Bürgern beschworen, die in der als lieblich besungenen Natur nicht im Schweiße ihres Angesichts tätig sein müssen. Dieser Zusammenhang sei hier nur angerissen, der interessierte Leser kann sich in Ursula Heukenkamps material- und gedankenreicher Untersuchung Die Sprache der schönen Natur (Aufbau-Verlag 1982) ausführlich über ihn unterrichten. Menschliche Arbeit rückt in Friedrich Schillers großem geschichtsphilosophischem Gedicht „Der Spaziergang“ in den Blick; der Mikrokosmos des Gedichts gibt ein Bild des Makrokosmos. Eine engere Beziehung Czechowskis freilich ist zu Hölderlins spätem Gedicht „Der Spaziergang“ anzunehmen; schon an Gestalt und Rhythmus seines Textes scheint dies wahrnehmbar. Dem Ich in Hölderlins Gedicht „Glänzt… das herrliche Bild / Der Landschaft…“, in ihr sucht und findet es „süße Ruhe“ vor den Schmerzen des Sinnens, und noch das „Blitzen und Rollen des Donners“ ist dem „Bild“ der Schönheit zuträglich.
An der Sicht klassischer Ästhetik – die kosmische Einbildung konkreter Lokalität in den Anfangs- und Schlußversen gibt den deutlichsten Beleg dafür – partizipiert noch Czechowskis Text. Diese Tradition, die er – wenngleich das Bild schöner Natur und glücklicher Anwesenheit in ihr verabschiedend – fortsetzt, ist eine über Georg Maurer vermittelte. Das Rosental war für Maurer der Mikrokosmos – Czechowski hat es in dem 1971 entstandenen Essay „Mikrokosmos Rosental“ erörtert –, in welchem er sich des harmonischen Zusammenhangs von Mensch (als sinnliches und sinnlich-praktisches Wesen) und Universum versicherte. „Froh darüber, wieder ein ungebrochenes Lebensgefühl aussagen zu können, ist seine Sicht nicht kleinlich“, würdigt Czechowski historischer Sicht das neue Verhältnis zur Wirklichkeit, zu dem Georg Maurer, sich von idealistischer Weltsicht befreiend, in seinem poetischen Schaffen gelangte. Doch deutet der Jüngere schon Distanz an, er beginnt andere Erfahrung, wie sie das zitierte Gedicht durchdringt, zu artikulieren:

Die Natur scheint ungetrübt wie das Wasser der Bäche, das in diesen Gedichten rauscht.

Maurer preist, an den Enkel denkend, die ihn überlebenden „Bäume im Rosental“.

… dann, dann ihr Bäume,
sieht er mich sitzen unter eurem milden Feuer
und sagt: wo stürzten die Kriege hin?

Diese Hoffnung auf ewigen Frieden schien zu der Zeit, als Czechowskis Gedicht entstand, uneinlösbar; in verkehrter Weise stehen nun selbst Maurers „Bäume“ Parade.
Die Gelegenheit, von der sich das Gedicht herschreibt, ist nicht schlechthin die des Alltagslebens; sie mag zuerst die erneuter intensiver Beschäftigung mit Maurers Werk gewesen sein. 1987 gab Czechowski eine Auswahl der Gedichte Maurers unter dem Titel Bäume im Rosental im Reclam-Verlag heraus. Sprechen wir vom Gelegenheitsgedicht, ist also keinesfalls zu vergessen, daß sich seine momentane Zeit zur Lebenszeit öffnet, der Lyriker es sich gelegen sein läßt, seine Erfahrungen mit Welt und Poesie zum gleichnishaften Vorgang zu komprimieren.

neue deutsche literatur, Heft 429, September 1988

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