Erich Mühsams Gedicht „Das Nichts“

ERICH MÜHSAM

Das Nichts

Ich sah durch ein hohes, großes Loch.
Ist Nichts darin? – Doch! scholl es. – Doch!
Und ich suchte und suchte und grub nach dem Nichts. –
Da quoll aus dem Loch eine Garbe Lichts. –
Ich habe das Nichts gefunden, –
Und mir um die Stirn gewunden.

1904

 

Konnotation

Als philosophisches Thema der Metaphysik und der Ontologie hat das „Nichts“ eine steile Karriere hinter sich. Die frühe naturwissenschaftliche Vorstellung, man könne das „Nichts“ als Vakuum – im Sinne eines materiefreien Raumes – darstellen, gilt in der Philosophie als naiv. Bei Martin Heidegger oder Jean Paul Sartre wird das „Nichts“ in Zusammenhang mit seinem Gegenstück, dem „Sein“ analysiert. Für den poetisch inspirierten Anarcho-Kommunisten Erich Mühsam (1878–1934) ist das „Nichts“ doch sehr leicht auffindbar.
Das leichthändige Jonglieren mit dem „Nichts“ verdankt sich dem vergnüglichen Spiel mit dem Reim und heiteren Paradoxien. Erstmals 1904 im Gedichtband Die Wüste gedruckt, strebt Mühsams „Nichts“ nicht nach philosophischer Dignität, sondern nach einer eher komödiantischen Existenz. Diese kleine lyrische Abhandlung kann durchaus mit ähnlichen Grotesken des unübertroffenen Komik-Meisters Christian Morgenstern (1871–1914) konkurrieren.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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