Uwe Kolbes Gedicht „Sternsucher“

UWE KOLBE

Sternsucher

Der, hör ich, nachts aus dem Haus geht
und, seh ich, hoch in den Himmel schaut,
den, weiß ich, eine sehr gerne mal träfe,
doch, sagt sie, so wie es aussieht,
der, klagt sie, schaut doch immer nur hoch
und, denkt sie, niemals in mein Gesicht.
So, mein Freund, findest du nie deinen Stern.

1998

aus: Uwe Kolbe: Vineta. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1998

 

Konnotation

Ein Mann, der nachts aus dem Haus tritt und den Himmel nach einem verschwundenen Stern absucht: Ist das ein Aktivist der romantischen Utopie, der sich durch die Zumutungen der Alltagsempirie nicht von seinen Wünschen abbringen lässt? Oder ist es ein Trauernder wie in Matthias Claudius’ wahlverwandtem Gedicht „Christiane“ (vgl. Lyrikkalender vom 28.4.2008), in dem der verschwundene Stern nur ein symbolischer Platzhalter ist für den Tod eines geliebten Menschen? Nein, der weltabgewandte „Sternsucher“ wird vom Begehren einer hoffnungslos Liebenden nicht erreicht – das Glück wird der Träumer so nicht finden.
Das sagenhafte „Vineta“ war im gleichnamigen Band von 1998 eine Chiffre für Hoffnung und Verbrechen, ein poetischer Topos für die untergegangene DDR, in der zuletzt nur noch „das Schweigen der Macht“ hauste. Kolbes zarte Liebesgedichte, die wie hier mit subtilen Einschüben und rhythmisch retardierenden Momenten arbeiten, erhellt ein irisierendes Licht, das „aus den Träumen in den Tag herüberscheint“. Es ist ein unverhohlen romantisches Glücksversprechen, das in diesen Gedichten aufblitzt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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