Wolfgang Neuss’ Gedicht „Gereimte Destruktion“

WOLFGANG NEUSS

Gereimte Destruktion

Ich kenne einen erfolgreichen Unternehmer
aus Lüdenscheid mit Namen Cremer
der erfand eine Faser
absolut reiß- und witterungsfest
die sich nicht einmal
zerschneiden oder zersägen läßt.
Die Faser wurde in aller Welt
in Riesenmengen vorausbestellt
und Cremer begann in Kürze schon
im neuen Betrieb mit der Produktion.
Aber dann stellte er
als es soweit war
fest
daß die Faser sich nicht zerschneiden
läßt
und so konnte er sie weder
in kleinen noch in großen Stücken
geschweige sie irgendwohin verschicken
und sein Betrieb ging noch vor der Zeit
zugrunde an solcher Vollkommenheit.

1960er Jahre

aus: Wolfgang Neuss: Der totale Neuss. Gesammelte Werke. Rogner & Bernhard, Frankfurt a.M. 1997

 

Konnotation

Seine Renitenz gegenüber den politisch Mächtigen hatte der eigensinnige Schauspieler und Kabarettist Wolfgang Neuss (1923–1989) schon früh eingeübt: Um sich an der Ostfront dem massenhaften Töten zu entziehen, zog er die Selbstverstümmelung vor. Bereits im Internierungslager begann er mit seiner zeitkritischen Clownerie, die er später als „Berliner Großschnauze“ professionalisierte.
In seiner querulatorischen Moritat, die wahrscheinlich Anfang der 1960er Jahre entstand, mokiert sich Neuss über eine schöne Paradoxie des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders: Ein Unternehmer erfindet das perfekte Produkt. Aber diese Perfektion ist von der kaufmännischen Seite her kontraproduktiv. So dass das Wirtschaftswunder gleichsam an sich selbst erstickt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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