Marina Zwetajewa: Ausgewählte Werke, Band 1 – Lyrik

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Marina Zwetajewa: Ausgewählte Werke, Band 1 – Lyrik

Zwetajewa-Ausgewählte Werke, Band 1 – Lyrik

DER KOMET

Stern, geschweift, gezottelt
Aus des Nirgend Grotten
In ein Nirgend trottend.
Schaf unter Schafen verlaufen
Bestürmend den Herdenhaufen
Den goldgevliesten; wie Eifersucht ungehalten −
Haariger Stern der Alten!

Übersetzt von Richard Pietraß

 

 

Marina Zwetajewa – Leben und Werk

Die Werke der großen russischen Dichterin Marina Zwetajewa (1892-1941) waren zu ihren Lebzeiten wenig bekannt. Ähnlich wie Michail Bulgakow wurde Marina Zwetajewa erst seit Ende der fünfziger Jahre populär, als man mit der Erschließung ihres Schaffens in ihrer Heimat begann, über sie schrieb und ihre Bücher in andere Sprachen übertrug.
Der DDR-Leser kennt ihren Namen seit Anfang der sechziger Jahre von Veröffentlichungen in Anthologien, von zwei Gedichtausgaben und dem Prosabändchen Mein Puschkin. Einer der wenigen persönlichen Freunde, die ihre „Wiedergeburt“ noch erlebten, war Ilja Ehrenburg. In seinen Memoiren Menschen, Jahre, Leben erinnert er sich: „Als ich Marina Iwanowna Zwetajewa kennenlernte, war sie fünfundzwanzig. An ihr verblüffte das Nebeneinander von Arroganz und Unsicherheit. Ihre Haltung war herausfordernd stolz – sie legte den Kopf mit der sehr hohen Stirn weit zurück. Aber die Augen verrieten Unsicherheit: große, hilflose Augen, ihr Blick schien abwesend – sie war kurzsichtig. Das Haar trug sie kurz. Sie war grande dame und Dorfjunge in einem.
In einem Gedicht erinnert sich die Zwetajewa an ihre Großmütter. Die eine war eine einfache Russin, die Frau eines Dorfpopen, die andere eine polnische Aristokratin. In Marina verbanden sich altmodische Lebensart mit Rebellentum, Hochmut mit Schüchternheit, weltfremde Romantik mit Herzenseinfalt.“
Widerspruchsvoll wie ihr Äußeres und ihr Charakter ist auch ihr Schaffen. Sie begann mit einer intimen, leisen Lyrik, aber bald schon offenbarte sich ihre volltönende dichterische Stimme, ihre große Spannweite, und nicht zufällig wird sie heute mit Majakowski verglichen. Sie bezog Front gegenüber ihren Zeitgenossen, gegenüber ihrem Jahrhundert, beklagte sich, daß sie zu spät geboren sei, sie schwärmte als junges Mädchen für Napoleon – und doch werden ihre Gedichte heute, ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod, von der Jugend wie moderne Gedichte gelesen. Obwohl sie anfangs die Oktoberrevolution ablehnte, hat sie in ihren Gedichten den Atem und den Rhythmus der Revolutionsepoche eindrucksvoller erfaßt als viele ihrer Zeitgenossen. In dieser extremen Widersprüchlichkeit äußerten sich nicht allein ihr individueller Charakter, sondern auch die schreienden Gegensätze ihrer Zeit.
In einem Gedicht aus dem Jahre I920 schrieb sie:

Einen schuf er aus Lehm – aus der Rippe den andern.
Ein Sarg grenzt, ein Grab ihre Welt…
Doch ich bin getauft im Taufstein des Meeres
Und im Flug unaufhörlich zerschellt!

Und keinerlei Herz fängt und keinerlei Reuse
Meinen trotzigen Eigensinn ein.
Nie werde – so sieh meine wildwirren Locken,
Das Salz der Erde ich sein.

Marina Zwetajewa wuchs in der Familie des bekannten russischen Kunsthistorikers Professor Iwan Zwetajew auf. Als Sohn eines armen Geistlichen zählte er zu jenen russischen intellektuellen Rasnotschinzen, die sich für Demokratie einsetzten und ihrer Sache fanatisch ergeben waren. Sein Lebenswerk war die Schaffung eines Museums der schönen Künste, heute das Puschkin-Museum in Moskau.
Als Gymnasiastin gab M. Zwetajewa 1910 ihren ersten Gedichtband Abendalbum heraus. Die Eigenständigkeit und Vollkommenheit ihrer Gedichte verblüffte die Kenner der Poesie, die Literaturkritik ließ den Band nicht unbeachtet. Valeri Brjussow, ein Maître der russischen Dichtkunst, schrieb eine überaus wohlwollende Rezension.
In den ersten zwei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts durchlebte die russische Poesie nach Ossip Mandelstams Worten zweimal eine „Sturm-und-Drangzeit“ – den Symbolismus und den Futurismus. M. Zwetajewa gehörte weder der einen noch der anderen literarischen Richtung an, sie stand abseits von den stürmischen Auseinandersetzungen.
Ihre Jugend verbrachte sie im engen Kreis der Familie und einiger Freunde. Intime Erlebnisse, Phantasien, Fiktives, historische und literarische Gestalten kennzeichnen ihre frühe Lyrik.
Das wirkliche Leben drang erst mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges stärker in ihre geistige Welt und ihre Poesie ein, als ihr Mann als Sanitäter an die Front ging, als die russischen Frauen den Rekruten nachweinten, als chauvinistische Stimmungen zum Widerspruch herausforderten.
Nicht weil sie ein bewußter Internationalist war, sondern weil sie sich selbst treu blieb, schrieb sie in einer Zeit, als viele ihrer Zeitgenossen von einem chauvinistischen Taumel erfaßt wurden:

Wie – schwörn mit Allerweltsvernunft
Auf „Aug’ um Auge, Kehl’ um Kehle“?
Deutschland – meine Unvernunft!
Deutschland – Liebe meiner Seele!

In den Jahren des Krieges und der Revolution reifte ihre Dichtkunst zusehends, prägten sich die für ihre Gedichte charakteristischen Züge – unverhüllte Emotionalität, stürmisches Temperament, die Fähigkeit, mit nur wenigen Strichen, mit ein, zwei Details ein ganzes Bild zu entwerfen. Ein ausgeprägtes Gefühl für die Heimat, für die russische Natur fand Eingang in ihre Lyrik, die Tonart näherte sich dem Volkslied.
Dennoch identifizierte sich M. Zwetajewa noch nicht voll mit dem Denken und Fühlen des Volkes, mit ihrer Zeit.
Später bekannte sie: „Damit ein Dichter ein Volkslied schaffen kann, muß er das Volk in sich aufnehmen. Ein Volkslied ist kein Verzicht auf das ,Ich‘, sondern seine organische Verschmelzung, sein Gleichklang mit dem ,Ich‘ des Volkes. (In der heutigen Zeit ist das nicht Jessenin, sondern Block.)“
Alexander Blocks Poem Die Zwölf, das sie im Sommer 1919 erstmals hörte, war ein solcher „Gleichklang“, eine solche „Verschmelzung“. „Ich erinnere mich“, schrieb M. Zwetajewas Tochter Ariadne Efron, „wie Pawlik Antokolski Die Zwölf von Block mitbrachte und sie Marina schenkte, ein großformatiges Buch, weiß mit schwarz… wie er von der Schwelle weg mit Rezitieren begann und dabei mit den kohlschwarzen Augen funkelte, wie er mit der Faust den Takt dazu hieb, wie er auf uns zuschritt, blind die Hindernisse umgehend, bis er schließlich gegen den Tisch stieß, an dem Marina saß und sich dann erhob, wie er bis zu Ende las, und wie Marina ihm schweigend, ohne den Blick zu heben, das Buch aus den Händen nahm. In Augenblicken der Erschütterung senkte sie die Lider, biß die Zähne zusammen, verschloß, äußerlich erstarrend, was in ihr brodelte… Das Phänomen der Zwölf erschütterte sie nicht nur, es beschämte sie in etwas Grundlegendem.“
Sie empfand Blocks Poem wie die Ausführung eines Gebots der Zeit, der Revolution, und so etwas hatte ein – wie sie Block nannte – „überirdischer“ Dichter vollbracht, er hatte sich in den Dschungel des Lebens, in das Zentrum der Ereignisse gestürzt, dem eigenen Untergang entgegen.
Im Herbst 1920 schuf M. Zwetajewa nach dem Sujet eines alten russischen Volksmärchens das große Poem „Die Zaren-Jungfrau“. Es unterscheidet sich von ihrem bisherigen Schaffen durch die Verwendung einer natürlichen Volkssprache, durch seine Nähe zur Folklore. Der wirbelnde Rhythmus gibt den Rhythmus der Revolutionsjahre wieder, das revolutionäre Finale weicht von der Vorlage des Märchens ab: das aufständische Volk stürzt den Zaren und Blutsauger.
In dem anschließend geschriebenen Poem „Auf rotem Roß“ finden wir den gleichen katastrophenschwangeren, aufputschenden Rhythmus und das Dahinjagen in die schneesturmgepeitschte Ferne wie bei Blocks Die Zwölf.
Ihrem Charakter nach eine Rebellin, konnte M. Zwetajewa die Revolution nicht anders empfinden als eine Elementargewalt. Dennoch schrieb sie in den Jahren des Bürgerkrieges Gedichte über die Weiße Armee, der ihr Mann angehörte, sie verklärte romantisch die „russische Vendée“, obwohl sie spürte, daß die Konterrevolution dem Untergang geweiht war. Sich selber treu bleibend, warf sie erneut ihrer Zeit den Fehdehandschuh hin, spielte den „Frondeur“. Zu ihrem Glück war sie keinen Verfolgungen ausgesetzt. Die maßgeblichen Leute, von denen in jenen Jahren ihr Schicksal abhing, sahen es ihr nach, weil sie sie als Dichterin schätzten. Ebenso wie andere Dichter hatte sie die Möglichkeit, auf den in den Revolutionsjahren zahlreichen Rezitationsabenden aufzutreten. In den Jahren 1921 und 1922 erschienen von ihr in Moskau vier Gedichtbändchen. Wie alle anderen erhielt sie ihre kärgliche Lebensmittelration, wie alle anderen litt sie an Hunger und Kälte.
Zu den Alltagsnöten, der Trennung vom Mann und der Ungewißheit, ob er noch lebte, kam ein furchtbares Leid hinzu: im Jahre 1920 starb ihre jüngste Tochter.

Im Mai 1922 erhielt M. Zwetajewa die Erlaubnis, mit ihrer achtjährigen Tochter zu ihrem Mann auszureisen, der sich nach der Zerschlagung der Weißen Armee in der Tschechoslowakei ansiedelte und an der Prager Universität studierte. Sie reiste nach Berlin, wo die Wiederbegegnung mit ihrem Mann stattfand, anschließend lebten sie in Prag, und im Jahre 1925 siedelte die Familie nach Paris über. Schwere, freudlose Jahre brachen an. Bald schon fühlte sie sich als Fremde unter den Emigranten, deren Haß auf das neue Rußland, das russische Volk, sie ebensowenig teilen mochte wie ihr Mann. 1934 schreibt sie: „Seit 1922 bin ich im Ausland, mein Leser aber ist in Rußland geblieben, wohin meine Gedichte von 1922 bis 1933 nicht gelangen. In der Emigration druckte man mich anfangs (unbesehen), dann zog man mich, zur Besinnung gekommen, aus dem Verkehr, weil man in mir etwas Fremdes – Dortiges! – spürte. Der Inhalt schien zu ihnen zu gehören, aber die Stimme war die der anderen“, d.h. sowjetisch.
Aus ihren Gedichten verschwindet die romantische HeIdin – die grünäugige, goldhaarige Marina, deren Porträt nicht ganz mit der Realität, mit der Beschreibung ihres Äußeren in den Erinnerungen derer, die sie kannten, übereinstimmte. Gedichte sollten ja auch ihrer Auffassung nach nicht das äußere Ebenbild wiedergeben, sondern die „Struktur der Seele“. „Ich weiß nicht“, schrieb sie, „ob bei Gedichten Anmerkungen zu den Lebensrealien überhaupt nötig sind: wer – wann – wo – mit wem – unter welchen Umständen usw. Gedichte haben die Lebensumstände umgemahlen und abgestreift.“
Mit den Jahren tritt sie in ihren Versen immer klarer als ein Mensch aus Fleisch und Blut hervor, als eine früh ergraute, rastlos arbeitende Frau, die es sich – besonders in der Dichtkunst – nie leicht macht, die immer mehr Lüge und Heuchelei haßt, immer ungebärdiger nach Wahrheit strebt. Ihr unausgeglichener, leidenschaftlicher Charakter, ihre extremen und häufig vorgefaßten Urteile sind geblieben, nach wie vor wechseln bei ihr heftige Empörung mit flammender Begeisterung. Sie selbst hat ihr Wesen am besten erfaßt und interpretiert: „Bei Block gibt es ein magisches Wort: die ,geheime Glut‘“, schrieb sie 1937. „Als ich es zum erstenmal las, ging mir ein Licht auf. Das Wort ist ein Schlüssel zu meiner Seele – und zu meiner ganzen Lyrik… und jetzt nun, rückblickend auf mein Leben, kann ich sagen: Alles, worin diese geheime Glut war, habe ich geliebt, und alles, was diese geheime Glut nicht hatte, konnte ich nicht liebgewinnen.“
In der Poesie wie im Leben war die Zwetajewa eine Romantikerin. Nicht im Sinne der Zugehörigkeit zu einer literarischen Schule, sondern in ihrer Lebensempfindung, in ihrem Verhältnis zur Prosa, zur Alltäglichkeit des Lebens. Romantisch war ihre Vorstellung von der Persönlichkeit des Dichters. Das hieß nicht, daß sie den schöpferischen Akt mit einer geheimnisvollen Aureole umgab; Dichten war für sie reelle, schwere Arbeit und nicht Warten auf Inspiration. Wie ihre Tochter bezeugt, vermochte sie in solchen Momenten von der Außenwelt abzuschalten und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, für die sie jede freie Stunde nutzte.
Dennoch gab es Momente in ihrem Leben, die sie wie eine Erleuchtung empfand, wo ihr schien, sie wäre eins mit einem einheitlichen Weltganzen, mit dem Weltall, und ihr Erdendasein sei nur ein Teil dieses Ganzen. Sie fühlte sich hinaufgezogen in die Vertikale des Himmels, fort von der irdischen Horizontale. Schon als Siebzehnjährige träumte sie, „… mit Feuern die Dunkelheit zu necken, sich an stiebenden Funken zu freuen und – gleich den Funken – im Flug zu verglühn…“
Ihr ganzes Leben war gezeichnet von dem Gegeneinander der Vertikale ihres Geisteslebens und der Horizontale des irdischen Daseins, aus dessen Fesseln sie sich zu befreien suchte. „Heraus aus dem Körper will ich!“
Worüber sie auch schrieb, stets war das Gegeneinander von Sein und Dasein, das heißt die Bejahung des Seins und die Verneinung des profanen Daseins gegenwärtig. Das hinderte sie nicht, wirkliche Begegnungen und Leidenschaften zum Ausgangspunkt ihrer Dichtung zu machen, doch wandelte sie die Realität in eine höhere, künstlerische Wahrheit um und das wirkliche Leben in ein Leben, wie es sein soll.
Von Kindheit an kannte M. Zwetajewa das bittersüße Gefühl unerfüllter Liebe und Trennung. Ich „liebte und durchliebte… alle Dinge meines Lebens durch die Trennung, nie durch die Begegnung, im Auseinander und nicht im Ineinander…“.
Diese Liebe konnte einem Verstorbenen gelten – etwa Nadja Ilowaiskaja im Haus am Alten Pimen – oder selbst einem fiktiven Wesen wie Tatjana Larina in Mein Puschkin. Die geheime Glut gönnte ihr in keinem Augenblick ihres Lebens Ruhe, denn das wäre gleichbedeutend gewesen mit Gleichgültigkeit, die sie selber nicht kannte und niemandem verzieh. Der Drang, andere zu verteidigen, Hilfe zu gewähren, war ihr wesenseigen; blind und ohne zu überlegen ergriff sie für den Leidtragenden Partei, wer immer er war, und sei es ein Feind. Doch sobald sich der Feind als Sieger erwies, wurde sie sein unversöhnlicher Gegner. Von den Siegern wandte sie sich stets ab, stand in Opposition zu ihnen, was nicht nur einmal verhängnisvolle Folgen für sie hatte, unter denen sie selbst am meisten litt.

In der Emigration war sie von Not und Elend verfolgt, ihr Mann litt an Lungentuberkulose, über Monate hinweg war er arbeitslos. Ihre Gedichte wurden fast nicht gedruckt. Eine Zeitlang war die Tochter, Ariadne, die einzige Ernährerin in der Familie, die mit Stricken ein paar Groschen verdiente. Doch allen Umständen zum Trotz arbeitete die Zwetajewa hingebungsvoll. Sie war verliebt in die Arbeit am Wort, in die mitunter sehr lange währende Suche nach dem einzig passenden Epitheton, nach dem einzig richtigen Rhythmus.
M. Zwetajewa hat ein großes Erbe hinterlassen: Hunderte von Gedichten, acht Versdramen, mehr als zehn Poeme und an die fünfzig Prosaarbeiten. Außerdem eine Unmenge Briefe, von denen viele wahre Musterbeispiele dieses heute fast in Vergessenheit geratenen Genres sind. Sie hat an ihnen genauso gearbeitet wie an ihrer Prosa: Zuerst schrieb sie die Entwürfe in ein Heft und anschließend ins reine. In ihren Arbeitsheften sind zum Beispiel fast alle Briefentwürfe an Boris Pasternak und Anna Achmatowa erhalten geblieben. Die Briefe enthalten Informationen über Ereignisse in ihrem eigenen Leben und dem ihrer Mitmenschen, über Begegnungen, doch das Wichtigste in ihnen ist sie selbst, die vor dem Briefpartner ihr Innerstes eröffnete.
Für sie selbst wurde der Briefaustausch zu einer Quelle der Kraft und Inspiration. „Ich kenne keine literarischen Einflüsse, ich kenne nur menschliche“, schrieb sie. In der Tat entflammte sie sich immer aufs neue, wenn jemand sie schöpferisch inspirierte. Ihr ganzes Leben lang zog es sie mit einer maßlosen Vertrauensseligkeit und der Bereitschaft, sich vorbehaltlos hinzugeben, zu den Menschen, doch war sie dabei unmäßig in ihren Erwartungen. Hatte sie sich einmal für jemanden begeistert und danach ihren Irrtum erkannt, verzieh sie dem Betreffenden nicht die Gewöhnlichkeit seiner Gefühle und Gedanken. Nach den Worten ihrer Tochter „forderte sie von menschlichen Beziehungen absolute Beständigkeit auf einer für die anderen unerreichbaren Höhe… Die Luft ihrer Gefühle war glühend und dünn, sie begriff nicht, daß man sie nicht atmen, sondern höchstens einen Zug davon nehmen konnte!… Sie begriff nicht, daß derartige Höhen ermüdeten; die Menschen wurden von ihr bergkrank…“ Dieses verzehrende seelische Feuer brachte Gedichte und Poeme hervor, die die Adressaten ihrer Briefe und die Ereignisse überdauerten.
Die Briefe ersetzten M. Zwetajewa die unmittelbaren Begegnungen mit Freunden, die für sie lebensnotwendigen Kontakte, den Gedankenaustausch, sie halfen ihr über die qualvolle Einsamkeit hinweg. Es entstanden neue Beziehungen. So wurde aus der flüchtigen Bekanntschaft mit Boris Pasternak in Moskau noch vor ihrer Ausreise eine große Freundschaft. Pasternak schrieb in seinen autobiographischen Aufzeichnungen Menschen und Verhältnisse (1967) darüber: „Im Frühjahr 1922, als sie schon im Ausland war, kaufte ich in Moskau ihr kleines Bändchen Werstpfähle. Mich bezwang sofort die lyrische Macht ihrer Form, einer leibhaftig erlebten, nicht schwachbrüstigen, einer schroff gestrafften und verdichteten, die, ohne bei einzelnen Zeilen den Atem zu verlieren, ohne Brüche im Rhythmus, ganze Strophenfolgen in der Entwicklung ihrer Perioden umfaßte.
Eine gewisse Nähe barg sich hinter diesen Besonderheiten, vielleicht eine Gemeinsamkeit erfahrener Einflüsse oder die nämlichen Anreger bei der Charakterformung, eine ähnliche Rolle von Familie und Musik, eine gleiche Herkunft der Ansätze, Ziele und Bevorzugungen.
Ich schrieb Zwetajewa nach Prag einen Brief, voller Entzücken und Erstaunen angesichts dessen, daß ich sie so lange verschlafen hatte und nicht erkannt. Sie antwortete mir. Zwischen uns entspann sich ein Briefwechsel, der in der Mitte der zwanziger Jahre besonders rege wurde…“
In einem seiner Briefe an Rainer Maria Rilke schrieb Pasternak von Marina Zwetajewa. Daraufhin entspann sich 1926 zwischen M. Zwetajewa und ihrem Lieblingsdichter Rilke ein hochinteressanter Briefwechsel, in dem die augenblicklich entflammte freundschaftliche Liebe ihren Niederschlag fand. Zu einer persönlichen Begegnung kam es nicht mehr. Rilkes Tod war für M. Zwetajewa ein schmerzlicher Schlag, ihr schien, daß mit ihm etwas zu existieren aufgehört hatte, was für sie unendlich teuer war. „… Rilke war mein letztes Stück Deutschland, meine geliebte Sprache, mein geliebtes Land… er war mir das, was ihm Rußland, die Wolgawelt war“, schrieb sie an die tschechische Freundin Tesková.
Die Liebe zu Rilke und der Schmerz um seinen Tod schlug sich im Briefwechsel zwischen M. Zwetajewa und Boris Pasternak nieder. Siebzehn Jahre lang schickten sie einander Briefe, Manuskripte und Bücher, das Leben beider war ein ununterbrochener schöpferischer Austausch. Ihre Beziehungen waren kompliziert, „überirdisch“, schwer in gewöhnliche Worte zu fassen. Beide lebten in der gespannten Erwartung großer Gefühle und Offenbarungen, in dem Wunsch, sich im anderen wiederzufinden. All das kommt nicht nur in den Briefen, sondern auch in vielen Gedichten M. Zwetajewas zum Ausdruck, die Pasternak gewidmet waren.

Die Anforderungen, die M. Zwetajewa an einen Dichter stellte, erfahren wir auch aus zahlreichen Briefen an andere Schriftstellerkollegen. 1938 schrieb sie an den Emigranten Don Aminado (A. Schpoljanski), der ihrer Meinung nach nicht wenig Talent besaß, daß aus ihm nie ein richtiger Dichter werden würde, weil er „die höheren Werte nicht genügend liebt, die niedrigen nicht genügend haßt.“ Ohne diese Spannweite von Liebe und Haß, meinte M. Zwetajewa, könne es keine Persönlichkeit geben und infolgedessen auch keinen Dichter. In den Briefen an junge Dichter lehrte sie nicht poetische Form, sondern Moral: „… wenn man aus seinem seelischen Hauswesen und Wortschatz solche Worte (und Begriffe) wie Gewissen, Sühne, Armut, Spital, Gefängnis, Brüderlichkeit, Liebe, Mühsal… verbannt – was bleibt dann von der Welt und vom Herzen noch übrig?“ schrieb sie an ihren jungen Freund A. Steiger.
Die Arbeit des Poeten bezeichnete sie nach den Worten der russischen Dichterin Karolina Pawlowa als „heiliges Handwerk“.
Darüber schrieb sie Briefe, Gedichte, Artikel. Gedichte schreiben heißt „die Adern öffnen“, das Gedicht „sprudelt“ wie Blut aus einer Wunde. Derartige expressive Metaphern stehen neben ganz realen Bildern, neben Versen vom Arbeitstisch, der weder Sinnbild noch Symbol ist und auch nicht anstelle des Begriffs „heiliges Handwerk“ steht, sondern ein richtiger, aus Holz gefertigter, mit Knie und Ellbogen fühlbarer Freund und Helfer ist. Der Schreibtisch lebt in den Gedichten der Zwetajewa ebenso wie die Bäume, die sie liebt, wie die Eisenbahnschienen, die Telegraphendrähte, die einfachen Dinge, die der Mensch braucht. Die Gegenstände beleben sich, der Dichter ist gleichsam in ihre Haut geschlüpft, in ihr innerstes Wesen vorgedrungen. Ebenso vermochte sie sich in die historischen Gestalten vergangener Epochen, in literarische Helden, in Jeanne d’Arc, in Ophelia, zu versetzen.
Ab Mitte der zwanziger Jahre schrieb M. Zwetajewa immer seltener Gedichte. Sie vertiefte sich noch mehr in sich selbst, in das „ureigene Reich der Gefühle“, isolierte sich zunehmend von ihrer Umgebung. Ebenso wie ihre russischen Schriftstellerkollegen im Exil Bunin und Kuprin fühlte sie sich als ungebetener Gast in einem fremden Haus, den man jederzeit erniedrigen und beleidigen konnte. Mit Wehmut dachte sie daran zurück, wie sie in Rußland jeder auch nur halbwegs gebildete Zuhörer auf Anhieb verstand, wenn sie vor großen Auditorien ihre Gedichte las. Hier, in der Fremde, ersetzten kleine Säle die Tribünen, anstelle des namenlosen russischen Publikums hörte ihr eine Handvoll überheblicher Emigranten zu, für die der Auftritt einer Dichterin langweilige Zerstreuung war. Hier verlangten die Emigrantenzeitschriften den bequemen Lesern zuliebe einfache, kurze Sachen, keinesfalls aber komplizierte Zwetajewasche Poeme.

Mit der ihr eigenen Ausschließlichkeit sah sie in den Forderungen der Emigrantenredakteure den einzigen Grund dafür, daß sie zur Prosa überwechselte. 1935 schrieb sie an Vera Muromzewa, die Frau Bunins: „In den letzten Jahren habe ich sehr wenig Gedichte geschrieben. Weil man sie mir nicht abnahm, zwang man mich, Prosa zu schreiben… Und so entstand die Prosa, die ich sehr liebe, ich bereue es nicht. Dennoch ist es etwas Erzwungenes: das Verdammtsein zum prosaischen Wort. Natürlich flogen mir auch Gedichtzeilen zu, aber mehr wie im Traum. Manchmal – meistens – verschwanden sie auch wieder so. Gedichte schreiben sich ja nicht von selbst. All meine wenige Freizeit – Mur zur Schule bringen, der Haushalt, Heizen, ewige wirtschaftliche Misere – ging für die Prosa drauf…“
Die Gründe waren auch psychologischer Natur: sie kam seelisch immer weniger zur Ruhe, es fehlte die Zeit für Gefühle. In Briefen an Nahestehende bekannte sie, daß sie ständig gegen Not und Sorgen ankämpfe und dabei immer „trockener“ werde. Zweifellos gab es auch einen schöpferischen Impuls, dessen sie sich anfangs nicht bewußt war: das Verlangen, Erlebtes zu durchdenken. Aus dem inneren Bedürfnis, die Kindheit wiederzuentdecken, entstand die autobiographische Prosa.
„… wir alle sind unserer Kindheit etwas schuldig“, schrieb sie 1934 in einem Essay, „denn niemand – außer Goethe vielleicht – hat verwirklicht, was er sich in der Kindheit vorgenommen hat, und die einzige Möglichkeit der Wiedergutmachung ist, seine Kindheit wieder heraufzubeschwören. Und was noch wichtiger ist als die Schuld: Die Kindheit ist ein ewiger Quell der lyrischen Inspiration, die Rückkehr des Dichters zu seinen paradiesischen Ursprüngen.“
Aus dem Drang heraus, den Dichterkollegen vor postumer Verleumdung zu schützen, entstanden die Erinnerungen an Ossip Mandelstam („Die Geschichte einer Widmung“), an Andrej Bely („Der gefangene Geist“) und an Michail Kusmin („Ein Abend nicht von dieser Welt“).
M. Zwetajewas Prosa ist die Prosa eines Dichters, für den Leidenschaftlichkeit, Übertreibung, ja sogar Elemente der Mythenbildung charakteristisch sind. Ungeachtet dessen, daß M. Zwetajewa immer die authentischen Namen beibehielt, darf ihre Prosa nicht als eine verbürgte Quelle gewertet werden, nach der die Wirklichkeit rekonstruiert werden kann. Obgleich sie über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügte, wenn sie es brauchte, mißachtete sie bewußt die wahren Tatsachen, durchbrach die Chronologie um einer maximalen poetischen Überzeugungskraft willen. So dehnte sie in „Die Geschichte einer Widmung“ den Aufenthalt Mandelstams in Alexandrow im Jahre 1916 um einige Tage aus. Aus Briefen von ihr ist bekannt, daß Mandelstam nicht einmal vierundzwanzig Stunden zu Gast war und außerdem zu einem früheren Zeitpunkt – an den von ihr geschilderten Tagen weilte er in Koktebel. M. Zwetajewa wollte damit das Wesen der beiden Hauptgestalten deutlicher herausarbeiten: sich selbst in ihrer ganzen Lebenszugewandtheit und jugendlichen Kraft und im Kontrast dazu ihn, den zaghaften, lebensfremden Petersburger Gast. Wenn sie in der Erzählung „Die Mutter und die Musik“ die Mutter als eine der älteren Tochter gegenüber kühl distanzierte Frau darstellt, die vor dem Kind das Papier versteckt, damit es keine Gedichte schreiben kann, so will sie damit eine literarische Gestalt schaffen und nicht die in Wirklichkeit weiche und treusorgende Maria Alexandrowna beschreiben. Andererseits hielt sie sich genauestens an die Fakten, wenn sie darin eine Notwendigkeit sah. „Ich vergöttere die Legende und hasse die Ungenauigkeit“, schrieb sie. In vielen Briefen bat sie ihre Briefpartner darum, bestimmte Fakten, Daten und Namen, die sie für ihre Arbeit brauchte, zu präzisieren.
In der Prosa wie in den Gedichten waren für M. Zwetajewa der Wohlklang, der Rhythmus und die Harmonie des Ganzen gleichermaßen von Bedeutung. So schrieb sie an einen Redakteur, der im Haus am Alten Pimen Kürzungen verlangte: „Die Prosa eines Dichters ist etwas anderes als die eines Prosaikers, in ihr ist nicht ein Satz eine Einheit, sondern ein Wort, und oft sogar nur eine Silbe… Ich kann die künstlerische und lebendige Einheit nicht zerstören, ebenso wie ich aus äußerlichen Erwägungen auch nicht eine einzige Zeile an etwas Abgeschlossenes anfügen kann. Dann soll es lieber bis zu einer anderen, glücklicheren Gelegenheit liegen bleiben oder postum veröffentlicht werden… Sie lösen nicht eine Seite heraus, sondern ein Bild… Mein ,Pimen‘ könnte Stoff für einen ganzen Roman ergeben, ich aber liefere eine lyrische Lebensbeschreibung: ein POEM. Die Sache ist bereits durch eine höhere Kraft als die des Redakteurs gekürzt: durch die Kraft der inneren Notwendigkeit, des künstlerischen Gefühls.“
Während die reife Zwetajewa in den Gedichten nach einer komprimierten, lakonischen Form sucht, liebt sie in der Prosa ihre Gedanken auszuführen, sie zu erläutern, zu variieren, das Wort in seinen Synonymen wiederzugeben und dem Leser ein übriges Mal einen Gedanken oder ein Bild begreiflich zu machen. Besonders hervorzuheben ist die gekonnte Verwendung der direkten Rede in ihrer Prosa. Die individuelle Ausdrucksweise ist so genau getroffen, daß der Leser die kleine, kapriziöse Assja, die Kinderfrau aus Wladimir oder Andrej Bely nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen meint. Ihre Redeweise ist ein wesentliches Gestaltungsmittel.
Die Prosa M. Zwetajewas ist zutiefst subjektiv, emotional, der Erzählfluß wird ständig von Autorenrede unterbrochen, der Erzähler ist mit der Autorin stets identisch, und immer ist sie auch eine der Hauptfiguren. Hierin steht ihre Erzählkunst der zeitgenössischen Prosa nahe. Das der Zwetajewa eigene Gefühl für Geschichte entspricht ebenfalls unserer Zeit: hinter dem individuellen Einzelfall sieht sie das Epochale. Der Großvater Ilowaiski, ein halsstarriger Greis im Biberpelz, ist ähnlich dem legendären Pimen in Puschkins Boris Godunow – der letzte Annalenschreiber des alten Rußland. Sein finsteres Haus in der Pimengasse, von dem Verwesung und Tod ausgehen, ist ein überlebtes Denkmal der Geschichte, ein Anachronismus, der dem Untergang geweiht ist. Andrej Bely in „Der gefangene Geist“ ist nicht nur ein origineller Dichter und Mensch, den sie voller Pietät und Zuneigung schildert, er ist auch ein typischer russischer Intellektueller an der Scheidegrenze zweier Jahrhunderte, der die Gebrechen seiner Zeit verkörperte.

Die Essays über Alexander Puschkin entstanden im Zusammenhang mit dem hundertsten Todestag des Dichters im Jahre 1937. M. Zwetajewa empfand Puschkin wie einen Gleichgesinnten, wie einen Dichterkollegen, und hatte ein völlig unbefangenes Verhältnis zu ihm. Ihre Puschkinsicht polemisiert mit dem entstellenden Puschkinbild der russischen Emigranten, für die der Dichter eine unanfechtbare Autorität, ein Sänger der Schönheit und schlimmstenfalls ein Snob, ein leichtsinniger Lebemann ist. Parallel mit den sowjetischen Puschkininterpreten entwirft sie gleich Majakowski in seinem Gedicht „Jubiläumsverse“ das Bild des wahren, lebendigen Puschkin. In den 1931 verfaßten und teilweise zum Puschkinjubiläum veröffentlichten Gedichten empört sie sich über die Versuche, Puschkin zu einem steinernen Denkmal werden zu lassen:

Die Geißel der Gendarmen, Gottheit der Studenten,
Der Ehemänner Greuel, ihrer Frauen Begehr.
Wie, Puschkin als das Schreckbild eines Monumentes,
Der Gast aus Stein vom Grabe – er.
Der zähnefletschend dreist mit aller Welt verfuhr,
Er, dieser Puschkin – ein Komtur?

Und wie ein Gegenstück lebt in dem Essay „Mein Puschkin“, das auf den ersten Blick nur eine Erzählung über ein Kind ist, das zur Dichterin berufen ist und sich in die Welt der Puschkinschen Poesie versetzt, ein zweiter, Held, das Puschkindenkmal. Der schwarze, unbewegliche, von schmiedeeisernen Ketten eingegrenzte Puschkin gleicht ganz dem Denkmal, in das die „Puschkinisten“ den Dichter zu verwandeln suchten. Doch für das Kind wird das Puschkindenkmal zu einer nahestehenden, lebendigen Bezugsperson. Das Kind sieht die leidenschaftlichen, freiheitsliebenden Helden des Dichters vor sich, es verspürt eine unerklärliche Sehnsucht nach dem Meer, der Puschkinschen freien Gewalt. In der Person Puschkins, der Natur seines Genies, sah M. Zwetajewa den vollkommenen Triumph der freien und sich befreienden Gewalten.
1932 schrieb sie den Essay „Epos und Lyrik des zeitgenössischen Rußland – Wladimir Majakowski und Boris Pasternak“. Die scharfsinnige Analyse des dichterischen Werkes Majakowskis, sein Porträt, ist ein bemerkenswerter Beitrag zur Majakowski-Forschung und hat seine Bedeutung bis heute nicht verloren. M. Zwetajewa nannte Majakowski einen Dichter der Zukunft und den ersten Dichter der Volksrnassen auf der Welt, den ersten russischen Dichter-Tribun. Als Majakowski auf einer Literaturveranstaltung der Emigranten wegen angeblichen Liebäugelns mit der Revolution feindselig angegriffen wurde, entgegnete M. Zwetajewa: „Majakowski hat nicht nur mit der Revolution geliebäugelt, sondern hat für sie als sechzehnjähriger Gymnasiast im Gefängnis gesessen.“
In einem ihrer Briefe erklärte sie: „Mir ist der ganze Majakowski mehr wert als alle Verfechter der alten Welt… Die Emigration hatte recht, wenn sie mich nicht in ihrem Schoß aufnahm. Sie hat wie ein schwaches, verendendes Tier den Feind in mir gewittert.“
Auf einer Majakowskiveranstaltung im November 1928 äußerte sie in ihrer Begrüßungsansprache ihre Wertschätzung des Dichters. Nach seiner Abreise aus Paris schrieb sie ihm: „Lieber Majakowski! Wissen Sie, was das Ende davon war, daß ich Sie in der ,Eurasia‘ begrüßte? Daß man mich aus den ,Poslednije nowosti‘ hinausgeworfen hat, der einzigen Zeitung, die mich druckte…“ In der Person Majakowskis hatte sie nicht nur den Dichter, sondern das neue Rußland begrüßt. „Da haben Sie Miljukow – da haben Sie mich – da haben Sie sich. Schätzen Sie selbst die Sprengkraft Ihres Namens ein, und berichten Sie besagte Episode Pasternak und wem Sie es noch für nötig befinden. Sie können es auch öffentlich verkünden. Auf Wiedersehen! Ich liebe Sie. Marina Zwetajewa.“
Majakowski bezog diesen Brief in seine Ausstellung „Zwanzig Schaffensjahre“ ein und demonstrierte damit, daß M. Zwetajewa in der Emigration zu einer Gleichgesinnten geworden war.

Die Erlebnisse in der Emigration, die moralische Zersetzung unter den russischen Emigranten, die wegen ständiger Geldnot dürftigen Wohnquartiere in den Vororten von Prag und Paris, versetzten M. Zwetajewa in eine „heilige Wut“ (A. Block). In einem Brief aus der Tschechoslowakei heißt es: „Ich schreibe in einem Arbeitervorort von Prag bei einer armseligen Wirtshausmusik, die zusammen mit dem Rauch zum Fenster hereindringt. Das ist – das nackte Dasein, selbst Belustigung hat hier nichts mit dem Leben zu tun, sondern mit dem Tod.“
In den Gedichten tauchten nun Bilder vom Leben der Armen auf („Das Poem der Vorstadt“), es entstanden Satiren auf die verspießerte Bourgeoisie („Ode an den Fußgänger“). Mit Ironie gedachte sie jetzt ihrer früheren, vom Leben des Volkes weit entfernten Gedichte: „Ich erinnere mich, wie ein Offiziersbursche zu mir sagte: ,Ich habe Ihr Büchlein gelesen, Fräulein. Andauernd über Alleen und über Liebe. Über uns müßten Sie schreiben, unser Leben. Das von Soldaten. Bauern!‘
,Bloß ich bin kein Soldat und kein Bauer. Ich schreibe, was ich kenne, und Sie schreiben, was Sie kennen. Sie leben selber, schreiben Sie auch selber!‘ – Ich habe damals eine Dummheit gesagt – Nekrassow war auch kein Bauer, und man singt ,Korobuschka‘ bis heute.“
In den dreißiger Jahren dachte sie anders, sie nahm interessiert Anteil daran, wie diese „Soldaten und Bauern“ das neue Rußland errichteten, immer häufiger wandte sie sich in den Gedichten der Heimat zu:

Die Ferne, aller Nähe feind,
Die Ferne, die mir sagt: kehr heim.
Von allen – bis zum Himmelsstern −
Von allen Orten mich entfernt!

1927 schrieb sie an B. Pasternak: „Boris, ich habe Sehnsucht nach der russischen Landschaft, nach Kletten, nach Wäldern ohne Efeu, nach mir – dort. Wenn man noch einmal geboren werden könnte…“
In dem Gedichtzyklus „Strophen an den Sohn“ (1923) rief sie die Kinder der Emigranten auf, in die Heimat zurückzukehren:

Fahr du, Sohn, in dein Land
(Ins aller Länder Gegenland!) −

Der Schmerz und das Leid fremder Menschen und ferner Länder rückten ihr näher. 1937 schrieb sie: „Jetzt, wo Spanien uns nähergekommen ist und das Pseudo-Spanien von uns abgerückt ist, wo wir Tag für Tag die toten und die lebendigen Frauen- und Kindergesichter sehen…“ Ihre Gedichte über die von den Faschisten 1938 okkupierten tschechischen Gebiete sind voller Bitterkeit und Zorn. Nachträglich bedauert sie, daß sie während ihres Prager Lebens nicht dazu gekommen ist, mehr zu erfahren und liebzugewinnen. „Ich denke“, schrieb sie am 24. November 1938 an A. Tesková, „Böhmen – das ist mein erster derartiger Kummer. Rußland war zu groß und ich zu jung. Ich trauere auch darum, daß ich für Böhmen damals noch zu jung war.“
Aus den zornigen Zeilen ihres tschechischen Gedichtzyklus klingt ausweglose Verzweiflung. Sie möchte noch glauben: „Du stirbst nicht, Volk!“, doch ist sie gleichzeitig entsetzt vom blutigen Wahnsinn des Faschismus, der sich in Europa ausgebreitet hat:

Klage des Zorns und der Liebe!
Salz, das auf Augen ruht!
Oh, und Böhmen in Tränen!
Oh, und Spanien im Blut!

O schwarzer Berg, der du das
Licht verdunkelt hast!
Zeit ist, Zeit, dem Schöpfer
Hinzuwerfen den Paß.

Diese Zeilen klingen an Dostojewski an, an die wahnwitzige Herausforderung Gottes durch Iwan Karamasow.

M. Zwetajewa kehrte, noch bevor Hitlerdeutschland Frankreich okkupierte, im Juni 1939 in die Heimat zurück. Ihre Tochter und ihr Mann waren schon früher von Paris abgereist, und sie folgte ihnen mit dem vierzehnjährigen Sohn. Doch die Rückkehr brachte keine Erleichterung. Neues Leid brach über sie herein. Mann und Tochter fielen Verleumdungen zum Opfer und waren ungerechtfertigten Repressalien ausgesetzt. M. Zwetajewa fand dennoch genügend Kraft in sich, die wenigen Verbindungen zu literarischen Kreisen wieder anzuknüpfen, einige neue Freundschaften zu schließen. Zum erstenmal begegnete sie in Moskau Anna Achmatowa. Sie entflammte sich für neue Freunde und schrieb infolgedessen wieder Gedichte, doch beschäftigte sie sich in der Hauptsache mit Nachdichtungen. Es wollte ihr nicht gelingen, für sich und den Sohn normale Lebensbedingungen zu schaffen, Überdies brach der Krieg aus. Die faschistische Pest, von deren Ausbreitung sie voller Entsetzen in ihren tschechischen Gedichten schrieb, hatte sie eingeholt…
Zusammen mit ihrem Sohn ließ sie sich nach Jelabuga evakuieren, einer kleinen Stadt am Ufer der Kama in der Tatarischen SSR, zweihundert Kilometer von Kasan entfernt. In jenen Jahren war die Stadt nur in den Sommermonaten per Schiff zu erreichen. M. Zwetajewa hatte das Gefühl, in eine Sackgasse geraten zu sein: in Jelabuga hatte sie keine Bekannten, bis nach Tschistopol, der nächstgelegenen Stadt, in der eine Gruppe evakuierter Moskauer Schriftsteller lebte, mußte man acht Stunden per Schiff fahren, und am Ende der Schiffahrtssaison würde sie von der ganzen Welt abgeschnitten sein…
Überwältigt von einer noch größeren Einsamkeit, als sie sie je zuvor erlebt hatte, zermürbt von allem Mißgeschick, setzte sie ihrem Leben am 31. August 1941 ein Ende. Von ihrer letzten Stunde gibt es keine Zeugen. Ihr Sohn Georgi wurde 1943 zur Armee einberufen und fiel 1944 an der Front.
In jungen Jahren hatte M. Zwetajewa prophetisch geschrieben:

Für meine Verse, Klang von Tod und Jugend, −
Und niemand las sie je −,
Die in der Läden Staub verloren scheinen
(Wo niemand sie gekauft hat, niemand kauft),
Für meine Verse wie für alte Weine
Kommt noch die Zeit herauf.

Später, in den dreißiger Jahren, als sie den Gipfel ihrer dichterischen Meisterschaft erreicht hatte und von bitterer Lebenserfahrung gereift war, hatte sie viel über ihr Verhältnis zur Gegenwart, über ihre Sympathie für die Vergangenheit, das 19. Jahrhundert, nachgedacht und geschrieben und war zu dem Schluß gelangt, daß der Dichter dazu erkoren ist, seiner Zeit Ausdruck zu verleihen unabhängig von seinem Willen, wenn er ein wahrer Dichter ist. „Meine Zeit kann mir zuwider sein“, schrieb sie 1932 in dem Artikel „Der Dichter und die Zeit“, „ich selbst kann mir – weil ich sie verkörpere zuwider sein, mehr noch, etwas Fremdes aus einem fremden Jahrhundert kann für mich erstrebenswerter sein als das Eigene… eine Mutter kann ein fremdes Kind mehr lieben als das eigene, das dem Vater gleicht, das heißt dem Jahrhundert, ich aber bin meinem Kind – dem Kind des Jahrhunderts verhaftet, ein anderes kann ich nicht gebären, so sehr ich auch möchte. Schicksal. Mein Jahrhundert mehr lieben als das vergangene kann ich nicht, ein anderes als meines erschaffen aber vermag ich auch nicht: Etwas Vorhandenes erschafft man nicht neu, man schafft nur für Künftiges… Ich kann ideell und künstlerisch zurückbleiben, ich bleibe zurück, das Vergangene, das dort am Ende der Welt geblieben ist, verteidige ich, meine Gedichte aber werden mich ohne mein Wissen und meinen Willen an die vordersten Linien tragen.“
M. Zwetajewa behauptet in der Tat ihren Platz „in den vordersten Linien“, und sie hat ihre Zeit nicht nur überdauert, sondern ist ihr voraus und spricht heute, fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod, zu uns, als wäre sie unsere Zeitgenossin. Die wirbelnden, drängenden Rhythmen ihrer Gedichte sind die Rhythmen einer Epoche gewaltiger sozialer Umwälzungen und revolutionärer Veränderungen. Aus ihren Versen hören wir den erregten Dialog mit dem unsichtbaren Gesprächspartner, mit uns, mit den nachfolgenden Generationen. M. Zwetajewas Gedichte gleichen einer gespannten Feder, sie sind – ebenso wie ihre Prosa und ihre Briefe voller geballter Gefühle, die den Leser nicht gleichgültig lassen. Das Geheimnis ihrer mitreißenden Kraft erklärt M. Zwetajewa selbst in einem ihrer letzten Briefe: „… allein darauf kommt es an, daß wir lieben, daß unser Herz schlägt, selbst wenn es dabei in Stücke zerspringt! Ich bin immer in Stücke zersprungen, und alle meine Gedichte sind eben jene silbernen Herzsplitter.“

Edel Mirowa-Florin und Anna Saakjanz, Vorwort

 

Marina Zwetajewa,

eine der größten russischen Dichterinnen, Meisterin und Reformatorin des russischen Verses, erlebt zur Zeit eine weltweite Renaissance. Sie wurde 1892 als Tochter eines Kunsthistorikers geboren. 1910 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband. Den idealen, der Kultur des 19. Jahrhunderts verhaftet, wird sie in den Strudel der revolutionären Ereignisse gerissen, emigriert und gerät als Dichter und Mensch in die Isolation.
„… außer in Rußland fühlte sie sich überall fremd“, schreibt Ilja Ehrenburg über sie. „Ihre Dichtung lebt ganz aus der Landschaft ihrer Heimat, von der ,brennenden Eberesche‘ ihrer Jugendjahre bis zum blutenden Holunder der späten Zeit. Die Hauptthemen ihrer Dichtung sind Liebe, Tod, Kunst.“
In der Pariser Emigration stoßen die neuen Formen und sprachlichen Ausdrucksmittel ihrer Poesie auf Ablehnung, zudem gibt sie sich als Sympathisantin des neuen Rußland zu erkennen. Ihre Gedichte werden bald nicht mehr gedruckt. Sie beginnt autobiographische Erzählungen über Kindheit und Familiengeschichte zu schreiben, Essays und Porträts bekannter Zeitgenossen, in denen Dichtung und Wahrheit eng verwoben sind. Es entsteht ein erzählerisches Werk von äußerster Subjektivität, Emotionalität und gleichzeitig historischer Dimension, von seltener Sprachschönheit und Tiefgründigkeit.
Über die fehlenden menschlichen Kontakte hilft ihr der intensive Briefwechsel mit Freunden und Dichterkollegen wie Boris Pasternak, Rainer Maria Rilke und anderen hinweg. Ebenso wie in ihrer Lyrik und Prosa kehrt sie in den Briefen ihr Innerstes hervor, schöpft sie aus einem unergründlichen Gedanken- und Gefühlsreichtum. 1939 entschließt sich Marina Zwetajewa zur Rückkehr in die Sowjetunion, 1941 scheidet sie in Jelabuga aus dem Leben.
Die repräsentative Auswahl ihres lyrischen, erzählerischen und epistoralischen Werkes, versehen mit zahlreichen Fotos, macht das Leben einer Frau und Künstlerin sinnfällig, die es vermocht hat, wesentliche Konflikte der Zeit in sich selbst auszutragen.

Verlag Volk und Welt, Klappentext, 1989

 

Klagen des Zorns und der Liebe

Wer war Marina Iwanowna Zwetajewa? Zwei Besprechungen dieser ersten umfangreicheren Ausgabe ihrer Werke, die ich las bzw. hörte, begannen mit diesem Satz. Mit den ersten Bändchen, Poesiealbum 1974, Mein Puschkin, Puschkin und Pugatschow, Zwei Essays Volk und Welt Spektrum 1978, Maßlos in einer Welt nach Maß, Volk und Welt Weiße Reihe 1980, und Gedichte, Prosa Reclam 1987, wie früher in Anthologien haben wir sie wahrgenommen. Edel Mirowa-Florin schrieb im Gedichtband 1980 ein Nachwort zum Verständnis, Fritz Mierau hat dem Reclam-Band Lebensdaten und einen kurzen Text mit dem Titel „Marina Zwetajewa lesen“ hinzugefügt, Versuche einer Antwort auf die Frage: Wer war sie?
Jetzt kommt Elke Erb im jüngst erschienenen Buch Das Haus am Alten Pimen mit einem umfangreichen Essay über „Marina Zwetajewas Gedicht-Werkstatt“, intensiver intellektueller Nachvollzug der geistigen (Werkstatt-)Arbeit Marina Zwetajewas, die Dichtung bisweilen Tag für Tag nachvollziehend, sich „einen Weg durch das Gedicht-Werk“ – bis hin zu Identifikationen – „zu bahnen“. Eine mühsame und ergebnisreiche Arbeit ist dieser Nachvollzug und nur durch jahrelange Übersetzungsarbeit und Beschäftigung mit Leben und Werk Marina Zwetajewas möglich. Nach dem Lesen all dieses und nach dem Lesen der dreibändigen Werk-Ausgabe weiß ich noch immer zuwenig über die russische Dichterin, die und das allerdings ist deutlich – wie ein ausbrechender Vulkan von Gefühl und Intellekt jene mit Liebesangeboten und Forderungen überfiel, die ihr der Zuneigung würdig erschienen und die sie eigentlich alle, wie auch uns, die Leser, die späteren, reich, beunruhigt und ratlos zurückließ. Aus den rund 1.100 Seiten mit Texten Marina Zwetajewas erfährt man vieles über sie, ihr Leben, ihre Familie, ihre Freunde, das große literarische Umfeld, ihr Denken, Fühlen, über dieses Dichterinnen-Leben, dessen Schicksalsstern; nicht Leitstern, sondern Dreh- und Angelpunkt, der rote Stern des Oktober mit allen Konsequenzen gewesen ist – Umbruch der Epoche, in den dieses Leben gerissen wurde: Im Jahre 1892, fünfundzwanzig Jahre vor der Revolution, wurde Marina Zwetajewa in Moskau geboren, 1941, vierundzwanzig Jahre danach, schied sie in Jelabuga in der Tatarischen ASSR freiwillig aus dem Leben.
Wichtige Lebensdaten sind in Fritz Mieraus Reclam-Ausgabe wie auch im Vorwort jetzt nachzulesen, die wichtigsten seien hier genannt: Kindheit in Moskau als Tochter Iwan Wladimirowitsch Zwetajews aus altem russischem Geschlecht, Professor der Kunstgeschichte und Begründer des Museums Alexanders III., des heutigen Puschkin-Museums, und seiner Frau Marija Alexandrowna, aus deutsch-serbisch-polnischer Verbindung, hochbegabte Pianistin und Malerin, die ihre Karriere der Ehe und Kindererziehung wegen aufgab, Lehrerin der Tochter, Marinas und der jüngeren Anastassija, deren „Erinnerungen“ der Kiepenheuer Verlag 1979 veröffentlichte, wie zweier Kinder aus erster Ehe des wesentlich älteren Mannes. 1906: Tod der tuberkulosekranken Mutter. Die Kindheit – Wurzeln des Lebens und Dichterwerkes wird Marina Zwetajewa später in ihrer Prosa beschreiben (Werkausgabe im 2. Band). Die gebildete großbürgerliche Welt ist ihr Erlebnis- und Bildungsquell. „Sowohl ihre Musik“, so schreibt sie über die Mutter, „als auch meine Gedichte, unser ganzes gemeinsames lyrisches unabänderliches Leid…“
Die Farben der Kindheit, das Gold und das Schwarz (der schwarze Flügel), das Silber („silberne Taube“) und das Weiß (weiß wurde schwarz, schwarz wurde weiß, usf.) – dies alles hat sie beschrieben, verdichtet, sich das Kind neu gedichtet, „das Kind muß – beschworen werden. Und je dunkler die Beschwörungsworte sind, desto tiefer Wurzeln schlagen sie im Kind.“ Leuchtend wie Musik ist ihre Dichtung. „Die Klavierübung war Pflicht, das Schreiben Lust und Eifer.“
Dann wäre zu nennen: Koktebel, zweiter Ort der Jugend. Es wären zu nennen die Dichter, die Freunde, die Verehrten, Blok, die Achmatowa vor allem.
Aber zuerst weiter die Lebensstationen: Heirat 1912 mit Sergej Efron, Vater der drei Kinder, selten ganz nah, Kämpfer in der Weißen Armee, nicht immer Schicksalsgefährte, aber schicksalsbestimmend. Von den Kindern stirbt eine Tochter 1920 im Kinderheim, die älteste, Ariadne, wird nach ihrem Tod Jahre in einem Lager verbringen müssen und bemüht sich später um das Werk der Mutter.
1922: (Sergej Efron geht nach der Niederlage der Weißen Armee nach Prag), Emigration, Übersiedlung für kurze Zeit nach Berlin, dann nach Prag, 1926 nach Frankreich. 1938 Umzug in ein Pariser Hotel, völlige Isolation unter den Emigranten und durch die Emigrantenzeitschriften. 1939 kehrt sie in die Sowjetunion zurück, 1940 bezieht sie eine Moskauer Wohnung unter ärmlichsten Bedingung. Nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion Evakuierung in die Taterische ASSR.
Dies alles sind äußere Stationen. Von den Freundschaften zeugen besonders die Briefe, aus deren Vielzahl, ja Überfülle, der Auswahlband (Band 2) nur einen kleinen Ausschnitt bringen kann, Briefe u.a. an Brjussow, Achmatowa, Bulgakow, Pasternak, Rilke.
Wer war sie? Ich betrachte die Bilder. Eine kräftige Figur, feingliedrige Arme und Hände, nichts Auffälliges, geschweige denn Extravagantes, weder in Kleidung noch im Habitus, ein sensibler Mund, kluge, wache, beunruhigte Augen. Das Vorwort zitiert Ilja Ehrenburg („einer der wenigen persönlichen Freunde, die ihre ,Wiedergeburt‘ noch erlebten“):

An ihr verblüffte das Nebeneinander von Arroganz und Unsicherheit. Ihre Haltung war herausfordernd stolz… Sie war grande dame und Dorfjunge in einem.

Das Hellwache der Jugendbilder ist im Alter von 49 Jahren verschwunden, das letzte Bild zeigt eine alte Frau. „Ich denke, die größte Revision und die größte Anerkennung erwarten die Zwetajewa“, schrieb Boris Pasternak 1957. Ossip Mandelstam hatte ihre Dichtung zu Beginn der zwanziger Jahre „Muttergottesstrickerei“ genannt. Rainer Maria Rilke schrieb ihr eine Elegie: „O die Verluste ins All, Marina, die stürzenden Sterne!…“
So viele große Dichter jener Zeit begegneten ihr, sie begegnet ihnen, und sie überfiel Frauen und Männer mit ihrer Leidenschaft, einer unbändigen Besitzes- und Liebeslust. Über Majakowski und Pasternak schrieb sie einen großen Essay (im Band Prosa abgedruckt) „Epos und Lyrik des zeitgenössischen Rußland“ („Majakowski ernüchtert. Pasternak verzaubert“). Puschkin (und Goethe) sind ihre Quellen, ihr Ursprung ist der „Gesangsquell Rußland“ – anfänglich und letztendlich. In der Emigration schreibt sie über die Sowjetunion „Die Kraft ist dort“. Marina Zwetajewa ging zu allen und allem hin, aber sie kam nie an. Älter, geht sie zurück in ihre Kindheit und zur Mutter, in ihrer Dichtung, in den Kindern, zur Natur der Heimat (die Pariser Trambahnen sind ihr entsetzlich). Sie hat ihre Quellen auch im Religiösen, lebt mit ihrer Ikone im Exil. „,Mit Gott!‘ oder ,Geb’s Gott!‘- damit hat bei mir jede Sache begonnen, damit beginnt jede meiner Nachdichtungen, selbst die erbärmlichste. Das ist kein Gebet, schon deshalb nicht, weil es eine Forderung ist. Ich habe nie ,von oben‘ einen Reim erbeten (das ist meine Sache!), ich erbat (forderte!) die Kraft für diese Qual“, schreibt sie 1941 an ihre Tochter Ariadne. Sie ist das Schicksal russischer Dichtung jener Jahre, und das Schicksal dieser Dichtung ist ihrs. Sie ist ihre Zeit, hineingenommen in die Geschichte, die ihr den Boden nimmt, nehmen muß.
Maßlos in einer Welt nach Maß. Nicht maßlos ist, was sie schreibt, ins Maßlose, ins Weite, Unendliche zielt es. „Antworten brauchst du nicht – weiterküssen“, schreibt sie Rilke, den sie nie trifft. Und: „Du bist, was ich heut träumen werde, was mich heut nacht träumen wird. Ich erwarte Dich nie, ich erkenne Dich immer.“
Nach der Besetzung der Tschechoslowakei schreibt sie die „Gedichte an das Tschechenland“:

Klage des Zorns und der Liebe!
Salz, das auf Augen ruht!
Oh, und Böhmen in Tränen!
Oh, und Spanien im Blut!…
Ich weigre mich zu leben
Im Tollhaus, unter Vieh.
Ich weigre mich, ich heule
Mit den Wölfen nie.
Ablehn ich, daß ich höre,
Ablehn ich, daß ich seh.
Auf diese Welt des Irrsinns.
Gibt es nur eins: ich geh.

(März bis Mai 1939)

Wie reich der dichterische Strom floß, ist aus bisher Veröffentlichtem nur zu ahnen, auch die dreibändige Ausgabe kann nur eine schmale Auswahl bringen. Die besorgte Edel Mirowa-Florin zusammen mit Anna Saakjanz, der Herausgeberin der Moskauer Ausgabe, und so ist sie als repräsentative Auswahl anzunehmen. Ein Teil der Texte findet sich wieder in der Auswahl von Elke Erb. Deren Essay verdeutlicht, daß zu Zeiten der lyrische Strom unaufhörlich, täglich floß. Die Beschränkung war notwendig, auch wenn man sich mehr, mehr… wünschte. Im französischen Exil ist dieser lyrische Strom fast versickert. An seine Stelle kam die Prosa, auch aus finanziellen Gründen, in dieser (seit 1933) ersteht die reiche, zu Ende gelebte Kultur-Welt des alten Rußland, des alten Moskau, „Das Haus am Alten Pimen“, das Haus des Großvaters: „Das war ein Haus stillschweigender Gebote und Verbote. Es war das Morgengrauen des zwanzigsten Jahrhunderts, der nahe Vorabend des Jahres fünf. Man hörte, vorerst noch wie ein Bachrauschen, von Studentenunruhen… Solchen“ (wie dem Großvater-Olympier) „ist kein Urteil zu sprechen. Und sie werden auch nicht mehr sein. Sie waren.“
Die Gedichte sind größenteils den Zyklen, von denen sie so viele hinterließ, entnommen, „Verse über Moskau“, „Gedicht an Blok“, „Für Achmatowa“, „Trennung“, „Schneewehen“, „Irdische Zeichen“, „Für Majakowski“, „Gedichte an Puschkin“, „Der Tisch“, „Den Vätern“, „Gedichte an das Tschechenland“. Es ist viel mehr. Man liest, so viel, Eigensinniges (die unzähligen Gedankenstriche). „Heimat“:

Die Ferne, aller Nähe feind,
Die Ferne, die mir sagt: Kehr heim.
Von allen – bis zum Himmelsstern −
Von allen Orten mich entfernt!…

 „Der Tisch“:

Mein Schreibtisch, ich danke dir, treuer!
Du gingst für mich mit mir durchs Feuer,
Des Daseins, durch Garbe um Garbe,
Du schütztest mich – wie eine Narbe

Und früher, ganz früh schon, zwei Jahre nach der Heirat: das Sonett: „S. E.“:

Ich trage trotzig seinen Ring.
Im Ewigen – Gattin, nicht auf dem Papier!
Verschärft ist des Gesichtes Schnitt
Schmal wie ein Rapier.
… Mit ihm steh ich einem Ritter zur Seite −
Euch allen, wer lebte und lachte dem Tod! −
Solche – kommen harte Zeiten −
Schreiben Stanzen und gehn aufs Schafott.

(Koktebel 1914)

Welche Vorausschau!
Vielleicht noch dies: „Holunder“ in der Nachdichtung von Sarah Kirsch:

Der Holunder hat den ganzen Garten übergossen!
Der Holunder ist grün, grün durch die Zäune geflossen!
Grüner als die Haut auf den Wassertonnen!
So grün hat der Sommer gerade begonnen!
Grün himmlische Bläue verspricht!
Grüner Holunder: Grüner sind meine Augen nicht!

(alle Zeilen mit Ausrufezeichen!)

„Ganz übergossen“: Wenn die Zwetajewa schrieb, übergoß sie mit ihrem Wesen. Einzig in der Werk-Ausgabe findet sich der Briefwechsel mit Rilke (40 Druckseiten) vom Mai bis November 1926, Rilke starb wenig später. Sie verehrte Rilke heiß. „Sie sind nicht mein liebster Dichter (,liebster‘ – Stufe) Sie sind eine Naturerscheinung…“ Rilkes Sätze für sie sind im Vergleich zu ihren bemüht, nur ein Säuseln.
Als Marina Zwetajewa sich erhängt hatte, wurde sie in einem Massengrab beigesetzt. Heute hat ihr Grab ein schlichtes orthodoxes Kreuz. Heute erleben wir ihre Wiedergeburt.

Sabine Neubert, Neue Zeit, 16.10.1989

Marina Zwetajewa: Ausgewählte Werke in drei Bänden

Neben Anna Achmatowa gilt Marina Zwetajewa als die bedeutendste russische Lyrikerin. Ihr Werk hat ähnlichen Rang wie die Werke von Pasternak und Blok, Chlebnikov und Jessenin, Majakowski und Mandelstam, und Josef Brodsky, der Literatur-Nobelpreisträger von 1987, hat von ihr gesagt:

Eine leidenschaftlichere Stimme ist in der russischen Dichtung des 20. Jahrhunderts nicht erklungen.

Und doch war ihr Werk bis in die Mitte der fünfziger Jahre, als Ilja Ehrenburg ihr einen verständnisvollen Aufsatz widmete, so gut wie vergessen. Nicht zu Unrecht hat Simon Karlinsky, der Autor der ersten Monographie über die Poetin geschrieben:

Exil, Geringschätzung, Verfolgung und Selbstmord sind das Schicksal der russischen Dichter nach der Revolution gewesen, aber Marina Zwetajewa ist vielleicht die einzige, die dies alles durchmachen mußte.

Marina Zwetajewa wurde am 26. September 1892 in Moskau geboren und lernte als Kind auf Reisen mehrere europäische Länder kennen. In den nachrevolutionären Wirren wurde sie jahrelang von ihrem Ehemann Sergej Efron, einem Offizier der Weißen Armee, getrennt, die jüngste ihrer Töchter starb an Unterernährung. In der Emigration (ab 1922 in Berlin, Prag und Paris) ging es ihr anfangs besser, Arbeiten von ihr wurden gedruckt und fanden Beachtung. Aber schon bald wurde sie von den Emigranten gemieden, weil sie vorurteilslos und bewundernd über den kommunistischen Dichter Majakowski gesprochen hatte, und sie geriet in größte materielle Not.
1939 folgte sie ihrem Mann, der zu einem Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes geworden war, und ging in die UdSSR zurück. Doch als sie dort eintraf, war ihr Mann bereits erschossen, ihre Tochter Ariadna war verbannt, ihr Sohn Georgij fiel später als Soldat. Vor den heranrückenden deutschen Truppen wurde Marina Zwetajewa mit vielen anderen in die Tartarische Volksrepublik evakuiert. Zehn Tage nach ihrer Ankunft in der Stadt Elabuga machte sie am 31. August 1941 ihrem Leben ein Ende.
Zur deutschen Literatur hat Marina Zwetajewa immer besonders enge Beziehungen gehabt. Ihre ersten Gedichte schrieb die Sechsjährige auf deutsch, Heine, Hölderlin und Goethe, die zu ihren Lieblingsdichtern zählten, las sie im Original, und sie war befreundet mit Rilke, mit dem sie korrespondierte und der ihr Gedichte gewidmet hat. Doch erst 27 Jahre nach ihrem Tode war erstmals 1968 ein Gedichtband von ihr in deutscher Sprache erschienen, eine kleine Auswahl in der Reihe der Quarthefte des Verlages Klaus Wagenbach. Inzwischen liegen etliche Bücher der Zwetajewa in deutschen Verlagen vor, darunter Prosa in mehreren Bänden der Bibliothek Suhrkamp.
In diesem Sommer nun brachte der Münchner Hanser Verlag zusammen mit dem Ostberliner Verlag Volk und Welt eine dreibändige Werkauswahl heraus: Band 1 enthält in Nachdichtungen verschiedener Autoren vor allem aus der DDR eine Lyrikauswahl, Band 2 zehn Prosatexte, und Band 3 schließlich ausgewählte Briefe.
Als 1981 Maria Razumovskys Zwetajewa-Biographie erschienen war – sie liegt seit kurzem als Suhrkamp-Taschenbuch vor –, da sagte Antonin Brousek in eine Rezension, wer auf die deutschen Übersetzungen angewiesen sei, dem falle es schwer zu begreifen, „warum eigentlich diese allem Anschein nach doch ziemlich konventionelle, mitunter gar peinlich-exaltierte Poetin immer in einer Reihe mit Pasternak, Mandelstam, Chlebnikov, Achmatowa oder Majakowski als ein Eckpfeiler der modernen russischen Dichtung genannt wird“. Und Brousek beantwortet diese Frage, die sich auch dem Leser der neuen Ausgabe aufdrängt, nicht allein mit dem Hinweis auf die prinzipielle Unübersetzbarkeit von Poesie. Er verweist vielmehr auf den schwierigen Charakter des Originals, auf das ganz persönliche, kühn-neuartige Russisch der Zwetajewa, das alle Übertragungen notwendig zu schwachen, ungenauen Abbildern degradiert.
Schon für die russischen Zeitgenossen war diese keiner der üblichen Stilrichtungen zuzurechnende Dichtung schwierig und oftmals dunkel. Verblüffend neu und einzigartig war etwa der Versuch, das Heterogenste miteinander im Gedicht zu verbinden, in der Thematik wie auch in der Form. Ähnlich wie Else Lasker-Schüler, mit der man sie gelegentlich verglichen hat, wurde sie von Gegensätzen zerrissen, konnte sie sich nicht im bürgerlichen Leben arrangieren und mythisierte Realitäten und Personen, die ihrem hohen Anspruch jedoch nie gerecht werden konnten.
Ihren Mann verehrte sie in Gedichten als den Einzigen – aber auch anderen Männern und Frauen war sie in leidenschaftlicher Liebe zugetan. Sie lebte in und aus der Tradition – und sie bewunderte die Revolution. Sie suchte in der Poesie eine Freiheit der Metrik (wie Majakowski) und zugleich eine Klassik der Form (wie Pasternak). Und am Ende der dreißiger Jahre schrieb sie ein Poem über die Zarenfamilie, das die Weißen, die Feinde der Bolschewiken, verherrlicht – und kehrte in die Sowjetunion Stalins zurück.
„Ich passe in keine Form – nicht einmal in die einfachste meiner Gedichte! Ich kann nicht leben“ hat sie in einem Brief geschrieben, und an anderer Stelle heißt es:

Jeder Dichter ist dem Wesen nach Emigrant.

Und einer der nachdenkenswertesten Sätze der Marina Zwetajewa lautet:

In dieser christlichsten aller Welten sind die Dichter – Juden.

Jürgen P. Wallmann, Neue Deutsche Hefte, Heft 4/1989/90

 

Marina Zwetajewas grundsätzliches Nein

Doch ich bin getauft im Taufstein des Meeres
Und im Flug unaufhörlich zerschellt.

„Als der Vogelbeerbaum / Die Blätter verloren / Flammte er rot: / Ich wurde geboren.“ Am 8. Oktober (26. September) 1892, dem Tag Johannes’ des Evangelisten, kam Marina Iwanowna Zwetajewa in Moskau zur Welt. Nach dem Wunsch ihrer Mutter, der Pianistin Maria Meyn, hätte sie ein Junge sein sollen – und später Pianist. Aus dem Mädchen ist schließlich eine Dichterin geworden. (Wobei Zwetajewa sich selbst immer „poet“, also Dichter nannte, nicht „poetessa“, Dichterin.) Vater Iwan Zwetajew, Kunsthistoriker und Museumsdirektor, hält sich erzieherisch im Hintergrund. Die Ehe mit der sehr viel jüngeren Maria Meyn ist seine zweite. Aus erster Ehe hat er zwei Kinder mitgebracht. – Über ihr elterliches Erbe hat sich Zwetajewa (in einem Fragebogen) so geäußert: „Wichtigste Einflüsse: die Mutter (Musik, Natur, Gedichte, Deutschland, Passion fürs Judentum. Einer gegen alle. Eroica). Weniger bewußt, aber nicht weniger stark: Einfluß des Vaters (leidenschaftliche Arbeitsliebe, kein Karriere-Ehrgeiz, Schlichtheit, Weltfremdheit). Vaters und Mutters Einfluß zusammengenommen: Spartanertum.“
Die Kindheit spielt sich „auf hohem Niveau“ ab, in kunstgesättigter Atmosphäre. Marina und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Anastassija lernen früh Deutsch und Französisch, werden in die Weltliteratur eingeführt. Als die Mutter an Tuberkulose erkrankt und zu Kuraufenthalten ins Ausland muß, verbringen die Kinder mehrere Monate in Pensionaten in der Schweiz und im Schwarzwald, reisen an die italienische Riviera und ans Schwarze Meer. 1906 stirbt Maria Meyn, 37 Jahre alt. Für die beiden Töchter beginnt ein neues Leben. In der Obhut des sanften, zerstreuten, etwas weltfremden Vaters wachsen sie freizügig-ungezwungen auf. Marina lebt ganz in den Büchern, entwickelt eine fanatische Leidenschaft für Napoleon und dessen Devise: „L’imagination gouverne le monde!“ Sie richtet ihr Zimmer im napoleonischen Stil ein, fährt mit sechzehn allein nach Paris – auf den Spuren Napoleons und Sarah Bernhardts −, und übersetzt nach ihrer Rückkehr Edmond Rostands L’Aiglon (über Napoleon II.). „Ich war heldisch, d.h. unmenschlich“, notiert sie rückblickend. Mit siebzehn lehnt sie den ersten Heiratsantrag ab, fängt zu rauchen an und hegt, wie ihre Schwester Anastassija in ihren Memoiren andeutet, Selbstmordpläne: „Erst 34 Jahre später, schon nach Marinas Tod, erfuhr ich von diesen Tagen. Sie sagte, der Revolver habe eine Ladehemmung gehabt. Es sei ihre Absicht gewesen, es im Theater zu tun, während einer Vorstellung des Aiglon mit Sarah Bernhardt. 1943, nach Marinas Tod, schickte man mir ihren an mich adressierten Abschiedsbrief aus dem Jahr 1909.“ Noch als Gymnasiastin gibt Zwetajewa – im Selbstverlag, auf eigene Kosten ihren ersten Gedichtband heraus: Abendalbum. Das literarische Moskau wird hellhörig. Der Dichter Maximilian Woloschin, von ihrem Talent begeistert, lädt sie in seine Künstlerkolonie auf der Krim ein. Dort lernt sie an einem menschenleeren Strand der Carneol-Bucht einen jungen Mann kennen. Sie tut einen Schwur: Wenn dieser errät, welches ihr Lieblingsstein ist und einen solchen findet, wird sie ihn heiraten. Alles geschieht wie im Märchen. 1912 heiratet die neunzehnjährige Marina Zwetajewa – gegen den Willen ihres Vaters – den achtzehnjährigen Sergej Efron. Neun Monate später kommt die Tochter Ariadna zur Welt. Von jetzt an wird Marina die Kunst, die ihr alles bedeutet, dem Leben, das meist verrückt spielt, abtrotzen müssen. Der Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Traum und Alltag ist unlösbar, denn Zwetajewa ist maximalistisch und kompromißlos. „Sie weigerte sich, Kompromisse zu schließen“, schrieb einer ihrer späteren Briefpartner, Alexander Bachrach. „Und alles, was sie tat, geschah irgendwie herausfordernd. Wen forderte sie heraus! In erster Linie sich selbst.“
Die Wahrheit ist: Zwetajewa forderte sich selbst und das Schicksal heraus, aber das Schicksal tat das seine und schonte sie nicht. 1913 stirbt Iwan Zwetajew, im Herbst 1914 geht Zwetajewa eine leidenschaftliche Beziehung zur Dichterin Sofija Parnok ein. (Efron meldet sich 1915 als Sanitäter freiwillig an die Front, um einer Ehekrise zu entfliehen.) Im Revolutionsjahr 1917 kommt Marinas zweite Tochter, Irina, zur Welt. Die Ereignisse überstürzen sich. Sergej wird eingezogen, kämpft als Offizier der Weißen Armee gegen die Bolschewiken und verschwindet in den Bürgerkriegswirren. Zwetajewa führt in Moskau eine armselige Boheme-Existenz, von der ihre Tagebücher beredtes Zeugnis ablegen. Die jüngere Tochter verhungert in einem Kinderheim, die ältere wird durch die Umstände zur frühreifen Partnerin und Leidensgenossin. Spartanertum ist angesagt, doch findet Marina in Theaterkreisen und in der Literatur eine Gegenwelt, die ihr Halt gibt. Pawel Antokolskij, ein Freund aus diesen Tagen, beschreibt Marinas androgyne Erscheinung so:

Marina Zwetajewa ist eine stattliche, breitschultrige Frau mit graugrünen, weit auseinanderliegenden Augen. Ihr kurzgeschnittenes hellbraunes Haar fällt in eine hohe Stirn. Das dunkelblaue Kleid, weder modisch noch altmodisch, sondern eben von allereinfachstem Schnitt, etwa wie der eines Priesterhemds, ist mit einem breiten gelben Riemen straffgezogen. Über ihrer Schulter hängt ein gelber Lederbehälter in der Art einer Karten- oder Jagdtasche, und in diesem unweiblichen Zubehör stecken an die zweihundert Papirossy und ein Schulheft mit Gedichten. Wo diese Frau auch auftaucht, gleicht sie Wallfahrern oder Wanderern. Mit großen Männerschritten geht sie über den Arbat und durch die umliegenden Gassen, und ihre rechte Schulter rudert gegen Wind, Regen und Schneegestöber an. Eine Klosterschülerin oder eine eben mobilgemachte Schwester der Barmherzigkeit. Ihr ganzes Wesen brennt aus der Flamme der Poesie, die sich in der ersten Stunde der Bekanntschaft zu erkennen gibt.

Marina heizt ihren Ofen mit Möbeln, arbeitet sich durch den Kriegsalltag, im Innersten aber lebt sie für die Kunst. Sie ist Idealistin, ihre „romantische Strähne“ (wie sie es nennt) hindert sie daran, „die Dinge so zu sehen, wie sie sind.“ Hindert sie auch daran, die Menschen so zu sehen, wie sie sind. Ihr Anspruch an die Freundschaft – an die Liebe ist absolut: totale Hingabe. „Besser einen Menschen mit meinem ganzen Selbst verlieren als ihn mit einem Hundertstel meiner selbst zurückhalten.“ Und subtil präzisiert sie, worauf ihr Absolutheitsanspruch wirklich zielt: „Ich bin keine Heroin der Liebe, ich verliere mich niemals an den Geliebten, immer – an die Liebe.“ Der Kunst und der Liebe also gilt Zwetajewas ungeheure Energie, ihre uneingeschränkte Leidenschaft. Die Last des Alltags meistert sie nebenbei. Wenige Wochen nur ist sie 1919 bei einer Moskauer Behörde („Informationsabteilung des Kommissariats für Nationalitätenfragen“) angestellt, dann entscheidet sie, lieber zu hungern als Kartothekkarten zu beschriften. Auch politisch läßt sie sich nicht vereinnahmen. „Mit aufrührerischem Pathos, mit einer Kühnheit, die aller großen Häretiker, Träumer und Rebellen würdig wäre“ (so Ilja Ehrenburg), besteht sie darauf, keiner politischen Partei anzugehören. Den Sieg der Roten quittiert sie mit einem Poem (Das Lager der Schwäne), das die Weiße Armee besingt. „Gegen den Strom“, lautet Zwetajewas Devise. Und: „Einer gegen alle.“
Im Juli 1921 überbringt ihr Pasternak einen Brief von Ehrenburg, in dem es heißt, Sergej Efron sei am Leben und habe sich nach der Niederlage der Weißen Armee über Konstantinopel nach Prag abgesetzt. Zwetajewa, die ihrem Mann schon 1917 versprach, ihm „zu folgen wie ein Hund“, wenn Gott ihn am Leben lasse, beantragt für sich und ihre Tochter die Ausreise. Am 15. Mai 1922 kommt sie in Berlin an, am 31. Juli geht es weiter nach Prag. In verschiedenen Prager Vororten beginnt nun jene wechselvolle, zunehmend leidvolle Zeit der Emigration, die bis 1939, bis zu Zwetajewas Rückkehr in die Sowjetunion, dauern sollte.
Zwetajewa schreibt zwar – es entstehen Gedichte, Poeme, Versepen, Theaterstücke −, doch fühlt sie sich in der neuen Umgebung isoliert. Davon berichten ihre Briefe, die zu einer Art Lebensform für sie werden: zur paradoxen Verbindung von verhaßtem Alltag und idealisiertem Traum, von schlechter Realität und Mythos. „Meine liebste Form des Umgangs ist eine unirdische: der Traum: träumen“, bekennt Zwetajewa in einem Brief an Boris Pasternak vom 19. November 1922, „und die zweitliebste – der Briefwechsel. Der Brief als eine Form unirdischen Umgangs ist weniger vollkommen als der Traum, doch die Gesetze sind die gleichen.“ Im Brief, der die Person abstrahiert, entmaterialisiert, im Brief, der die Abwesenheit feiert und Ausdruck genuiner Sehnsucht ist („mein stärkstes Gefühl“), findet Zwetajewa ihr ideales Betätigungsfeld. Hier bewegt sie sich in der dialektischen Sphäre von Hingabe und Verweigerung, von Passion und Protest, hier bezieht sie, deren Grundimpuls die Verwandlung des Lebens in Literatur war, den Partner wie selbstverständlich in ihre Mythenbildungen ein. Der Andere, der „Abwesende im Land der Seele“, nimmt durch ihre Imagination Gestalt an, sieht sich als Geschöpf einer ebenso einsamen wie besessenen Einbildungskraft.
Zwetajewas Briefwechsel sind in den meisten Fällen Briefromane: epistolare Liebesgeschichten, aber einseitige. Denn die Adressaten, zu denen Alexander Bachrach und Boris Pasternak, Rainer Maria Rilke und Anatolij Steiger gehören, fühlen sich nicht nur überwältigt, sondern überfordert und mißverstanden. Zwetajewa projiziert, statt zu kommunizieren. Und das Resultat ist jedesmal herbe Enttäuschung. Die Verzweiflung, die Zwetajewa nach dem Rückzug ihres jungen Briefpartners, des Literaturkritikers Alexander Bachrach, empfand, spiegelt sich im Gedicht „Der Brief“:

Harrt man so der Post?
So harrt man – des Briefs.
Stück lappiger Stoff
Die Borte beschmiert
Mit Leim. Drinnen – ein Gruß −
Und Glück. Und – aus.

Harrt man so des Glücks?
So harrt man des Endes:
Die Salve blitzt
Die Brust – geblendet
Vom Blei. Die Augen – ein Blutstau.
Nur das. Und – aus.

Kein Glück – bin alt!
Die Blüte – im Wind!
Des Hofs Quadrat.
Und die Mündung schwarz.

(Des Briefs Quadrat:
Voll Tinte und Schalk!)
Den Tod zu ahnen
Ist keiner zu alt!

Des Briefs Quadrat.

Hinter der Einsamkeit, hinter der Verzweiflung steht der Tod. Wer so bedingungslos wie Zwetajewa ist, verbietet sich Illusionen, verbietet sich Selbstmitleid. „Ich habe im Grunde – NICHTS. Alles fällt ab wie eine Haut, und unter der Haut ist nur zuckendes Fleisch oder Feuer: ich: Psyche. Ich passe in keine Form, nicht einmal in die weiträumigste meiner Gedichte! Ich bin nicht imstande zu leben… Ich kann nur im Traum leben.“
Zwetajewa weiß, daß sie kein Glück mit der irdischen Liebe hat. Was sie allerdings nicht hindert, sich in Prag – die Briefaffäre mit Bachrach ist noch kaum ausgestanden – heftig in Konstantin Rodsewitsch, einen ehemaligen Offizier der Weißen Armee und Studienkollegen ihres Mannes, zu verlieben. Es muß sich vor allem um eine körperliche Leidenschaft gehandelt haben. Doch was sie in Zwetajewa auslöste, war – liest man ihr Poem vom Berg und Poem vom Ende – überwältigend. Überwältigend die Erschütterung des Verlustes, der „Schmerz, der älter als die Liebe ist“:

Schluß mit dem Leben – es ist Verrat
Am Opfer, am Lamm!
Aufenthaltsrecht! Wer es hat: Renegat!
I-ich stampf’s in den Schlamm.

In einer (erstmals 1997 publizierten) Briefnotiz aus dem Jahre 1923 gibt sich der Schmerz im Klartext resignativ: „Also das andere Leben: im Schaffen. Ein kaltes, fruchtloses, unpersönliches, weltentfremdetes – das Leben des 80-jährigen Goethe. Die Hand und das Heft. Und so bis zum Tod. (Wann!) (…) Freunde! Die wenigen sind fad, nicht wie ich, nicht für mich. (…) Die Idee meines Lebens war: als 17-Jährige von Casanova geliebt, von ihm verlassen zu werden und seinen Sohn großzuziehen. Und zu lieben – alle… Im nächsten Leben schaffe ich das vielleicht: irgendwo in Deutschland. Aber wohin jetzt, mit dem Rest dieses Lebens (ich fürchte, noch mit der Hälfte) – ich weiß nicht. Mir reicht’s.“
Zwetajewa ist 31 Jahre alt. Die Affäre mit Rodsewitsch hat auch die Familie erschüttert. Doch Efron zeigt sich versöhnlich. Wenig später wird Zwetajewa schwanger, im Februar 1925 kommt der ersehnte Sohn Georgij (Mur) zur Welt, im Herbst zieht die ganze Familie nach Paris. Das Leben in den Pariser Vororten Vanves, Meudon, Clamart ist äußerst ärmlich. Zwetajewa bemüht sich um Lesungen, bietet ihre Texte verschiedenen Zeitschriften an, korrespondiert – unter anderem mit Boris Pasternak und Rainer Maria Rilke, dessen unerwarteter Tod sie zu großartigen Texten inspiriert. 1928 erscheint ihr letzter Gedichtband zu Lebzeiten, unter dem Titel „Nach Rußland“. Wegen einer positiven Bemerkung über Wladimir Majakowskij wird sie zur Kommunistin gestempelt, ein Teil der russischen Emigration will mit ihr nichts mehr zu tun haben. 1931 sieht sie ihre Situation so: „Hier bin ich überflüssig. Dort bin ich unmöglich.“ Die Einkünfte werden immer spärlicher. Man wirft Zwetajewa nicht nur ihre (und ihres Mannes) politische Einstellung vor, man findet ihre Dichtung zu schwierig. Aus Not beginnt Zwetajewa autobiographische Prosa zu schreiben: Erinnerungen an die Kindheit, an Freunde und Wahlverwandte, Essays über Literatur und Kunst. Es ist eine elegische Bestandsaufnahme bzw. Standortbestimmung.
„Jeder Dichter ist dem Wesen nach Emigrant, sogar in Rußland“, heißt es im Essay „Der Dichter und die Zeit“. „Ein Emigrant des Himmelreichs und des irdischen Paradieses der Natur. Der Dichter (…) trägt das besondere Zeichen der Ungeborgenheit an sich, an dem man sogar in seinem eigenen Hause den Dichter erkennt. Ein Emigrant aus der Unsterblichkeit in die Zeit…“ Wie sagte sie doch zehn Jahre zuvor: „In dieser christlichsten aller Welten sind die Dichter – Juden“, und schloß ihr Gedicht „Der Dichter“ mit diesem fast verzweifelten Aufschrei:

Sagt schon, was bleibt mir Stiefbalg und Blinden
In einer Welt, die Augen und Väter bescheint,
Wo über Flüche, wie Straßen, hinweggeht
Das Grauen! Erkältet gilt, der weint!

Sagt schon, was bleibt durch Rippe und Schicksal!
Mir Sängerin! Ströme! Sibirien! Brand!
Brücken sind meine Gesichte! Gewichtlos,
Wo Wägstücke lauern in jeder Hand.

Sagt schon, was bleibt mir Sängerin und Ersten
In einer Welt, die grau das Schwarze vergaß!
Wo Einfälle in Thermosflaschen krepieren!
Maßlosigkeit in einer Welt nach Maß!

So schrieb Zwetajewa 1923. Im Gedicht „Heimweh, jedesmal“ von 1934 klingt die Verzweiflung leiser, weniger aufrührerisch:

Heimweh, jedesmal
Entlarvte Illusion!
Mir ist es ganz egal
Wo ich allein bin.

Allein auf welchem Stein
Steh mit dem Einkaufsnetz.
Ich weiß nicht, was ist mein,
Wie in Kasernen oder Krankenhaus.

Gleich, vor welchem Gesicht
Sich mir das Fell sträuben muß.
Die Menschen drängeln dicht,
Ich bin herausgedrängt, allein.

Für mich sein. Ein Kamtschatkabär
Ohne das Eis. Kann nicht dabeisein,
Kann nicht (wills auch nicht mehr),
Wo man sich beugen muß, mir gleich.

(…)
Gewesener als alles, bin gewesen,
All meine Daten, meine Zeichen,
Wie von der Hand gelöscht, nicht mehr zu lesen,
Seele, geboren, irgendwo.

Mein Land beschützt mich auch nicht mehr.
So gehn die wachsamsten Spione
Mir durch die Seele kreuz und quer
Finden den Ort nicht mehr, das Muttermal.

Das Haus ist Fremde, der Tempel Leere
Und alles ganz und alles gleich.
Vielleicht von einer Vogelbeere
Ein Ast sich unterwegs entgegenstreckt.

Ohne Larmoyanz zieht Zwetajewa das Fazit ihrer Lage. Und diese ist desolat. In einem Brief an Jurij Ivask (3. April 1934) heißt es: „Ich bin ein einsamer Geist. Der nichts zum Atmen hat. (…) Mir ist weder in der Gegenwart noch in der Zukunft ein Platz beschieden. Mir, mit allem, was ich bin, kein Fußbreit Erdoberfläche, meiner WENIGKEIT – MIR – auf der ganzen riesigen Welt – kein Fußbreit. (Jetzt stehe ich auf der letzten, uneroberten Scholle, und nur weil ich auf ihr stehe: fest stehe, wie ein Standbild durch das eigene Gewicht, wie ein Säulenheiliger auf der Säule.)“
Der Knoten strafft sich, als Efron zum Leiter des (vom sowjetischen Geheimdienst finanzierten) Verbands der Heimkehrer in die UdSSR wird und Ariadna in die Heimat zurückkehrt. Nun distanzieren sich selbst die Freunde, und die Isolation wächst. In einem Brief an ihre tschechische Freundin Anna Teskova vom 15. Februar 1936 erkundigt sich die ansonsten entscheidungsstarke Zwetajewa nach einer Wahrsagerin. „Denn ohne Wahrsagerin komme ich, glaube ich, nicht zurecht. Alles reduziert sich auf das eine: fahren oder nicht fahren (Wenn fahren – dann für immer.)“ Doch wird ihr die Entscheidung auf unerwartete Weise abgenommen: als Efron in den Mord an einem ehemaligen NKWD-Offizier, Ignaz Reiss, verwickelt wird und Frankreich fluchtartig verlassen muß. (Er setzt sich über das republikanische Spanien in die Sowjetunion ab.) Nun gibt es keine Wahl, das Schicksal hat gesprochen Zwetajewa bemüht sich um ein sowjetisches Visum, die Sache zieht sich in die Länge. An Ariadna Berg schreibt sie am 26. November 1938: „Seit die Regenfälle eingesetzt haben und die Abreise sich ständig verzögert – als wären alle Schiffe abgefahren! alle Züge abgefahren! −, möchte ich von morgens bis abends nur eines: schlafen, nicht sein.“ Statt zu schlafen leidet sie an Schlaflosigkeit, fertigt Abschriften ihrer Werke an, verschickt diese an verschiedene Vertrauenspersonen in der Schweiz und in Belgien. Den Sowjets traut sie nicht. Aber auch die politische Entwicklung in Hitler-Deutschland erfüllt sie mit Entsetzen. Die durch das Münchner Abkommen vom September 1938 sanktionierten Forderungen Hitlers an die tschechische Regierung, vollends aber die Annektion Böhmens und Mährens im März 1939 machen sie zur kombattanten Protestlyrikerin. Sie verfaßt – „zur Tapferkeit, Selbständigkeit, Furchtlosigkeit verurteilt“ – einen ganzen Zyklus von „Gedichten an das Tschechenland“, in denen sie ihr ehemals geliebtes Deutschland scharf verurteilt und sich mit der Tschechoslowakei, die ihr Zuflucht geboten hatte, solidarisiert. Die Dringlichkeit ihrer Parteinahme gehört für Zwetajewa ebenso zur Weltgeschichte wie zu ihrer persönlichen Lebensgeschichte: sie macht das historische Drama zu ihrem eigenen. Das zeigt die schmerzliche Aufwallung vor allem im Schlußgedicht:

Klage des Zorns und der Liebe!
Salz, das auf Augen ruht!
Oh, und Böhmen in Tränen!
Oh, und Spanien im Blut!

O schwarzer Berg, der du das
Licht verdunkelt hast!
Zeit ist es, Zeit, dem Schöpfer
Hinzuwerfen den Paß.

Ich weigre mich zu leben
Im Tollhaus, unter Vieh.
Ich weigre mich, ich heule
Mit den Wölfen nie.

Ich weigre mich zu schwimmen
Als Hai des Lands, stromab
Den Strom gebeugter Rücken −
Ich weigre mich, lehn ab.

Ablehn ich, daß ich höre,
Ablehn ich, daß ich seh.
Auf diese Welt des Irrsinns
Gibt es nur eins, ich geh.

Zwetajewa spricht in der ersten Person, wirft sich – subjektiv bis zur Weißglut – selbst in die Waagschale. Das Gedicht ist Anklage und Rebellion, Abrechnung und Konfession. Adressiert nicht nur an die blutrünstigen Tyrannen, sondern auch an deren katzbuckelnde Helfer, an die laute Horde politischer Propagandisten. Mit ihrem Nein beharrt Zwetajewa nicht mehr auf der ultraromantischen Maßlosigkeit ihrer jungen Dichterjahre, mit diesem Nein behauptet sie ein tragisch-trotziges Einzelgängertum als denkender, fühlender Mensch tout court. In deutlicher Anspielung auf Dostojewskijs rebellischen Helden Iwan Karamasow, der – seinerseits Schillers Gedicht „Resignation“ zitierend – Gott „ergebenst die Eintrittskarte zurückgibt“, fordert Zwetajewa, „dem Schöpfer hinzuwerfen den Paß“. Es ist ihre höchst persönliche, höchst emotionale Antwort auf den Wahnsinn der Zeit und auf ihre eigene ausweglose Lage. Es ist Vorahnung ihres nahen Endes. Denn die Verse wissen oft mehr als derjenige, der sie schreibt.
Wenige Monate später, am 18. Juni 1939, kehrt Zwetajewa mit ihrem Sohn in die Sowjetunion zurück. Ein Desaster. Die Familie ist nur kurze Zeit vereint, da wird die Tochter verhaftet, anschließend Efron. Es gibt keinen Wohnraum, kein Auskommen, nichts. In ihrer Vaterstadt fühlt sich die Moskauerin definitiv als „Kamtschatkabär ohne Eis“, als Outcast. Und zum Schreiben fehlt die Kraft. „Hier bin ich fremder als dort“, gesteht sie einem Bekannten in Moskau. „Den Mann haben sie mir weggenommen, die Tochter haben sie mir weggenommen, alle gehen mir aus dem Weg. Ich verstehe nichts von dem, was hier vorgeht, und mich versteht niemand. Als ich noch dort war, hatte ich wenigstens in den Träumen eine Heimat. Jetzt bin ich hierher gekommen, und man hat mir meinen Traum weggenommen.“ Die Briefzeugnisse der letzten Jahre sind von erschütternder Deutlichkeit. Gegenüber der inhaftierten Tochter zeigt sich Zwetajewa tapfer und tatkräftig, sie besorgt ihr Lebensmittel, Kleider, Desinfektionsmittel. An Wera Merkurjewa aber schreibt sie am 31. August 1940, genau ein Jahr vor ihrem Freitod:

Mit dem Wechsel der Orte verliere ich allmählich das Gefühl für die Wirklichkeit. Ich werde immer weniger und weniger, wie jene Herde, die an jedem Zaun ein Büschel Wolle ließ… Bleibt nur mein grundsätzliches Nein. – Noch etwas. Ich bin von Natur aus sehr fröhlich. (Vielleicht ist es etwas anderes, aber es gibt kein anderes Wort dafür.) Ich brauchte sehr wenig, um glücklich zu sein. Meinen Tisch. Die Gesundheit meiner Familie. Beliebiges Wetter. Völlige Freiheit. – Nichts weiter. – Und daß ich nun um dieses unglückliche Glück so ringen muß, das ist nicht nur grausam, sondern auch dumm. Das Leben sollte sich über einen glücklichen Menschen freuen, sollte seine seltene Gabe unterstützen. Denn vom Glücklichen geht Glück aus. Von mir ging es aus. In Hülle und Fülle. Ich habe mit fremden (mir aufgebürdeten) Lasten gespielt, wie ein Athlet mit Gewichten. Von mir ging Freiheit aus. Der Mensch wußte im Innersten, wenn er sich aus dem Fenster stürzt, fällt er hinauf. Die Menschen lebten durch mich auf, wie der Bernstein. Sie begannen selber zu strahlen. Es ist nicht meine Rolle, ein Fels unterm Wasserfall zu sein: ein Fels, der zusammen mit dem Wasserfall auf den Menschen (sein Gewissen) fällt… Die Versuche meiner Freunde rühren und verstimmen mich. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich noch am Leben bin.

Auch die wenigen erhaltenen Gedichte der Moskauer Zeit (der Zwetajewa-Nachlaß wird offiziell im Jahre 2000 eröffnet) deuten das Ende an:

Bist fort: ich schneide
Das Brot mir nicht mehr.
Alles ist Kreide,
Was ich berühr.

… Warst, duftend heiß,
Mein Brot. Warst mein Schnee.
Und der Schnee ist nicht weiß,
Und das Brot tut weh.

Und diese Abschiedsverse vom Februar 1941 :

Zeit, sich vom Bernstein zu trennen,
Zeit, die Dinge neu zu benennen;
Laß die Laterne nicht brennen
Über der Tür…

Im Juni 1941, als der deutsche Angriff auf die Sowjetunion beginnt, wird Zwetajewa mit ihrem Sohn in die tatarische Kleinstadt Jelabuga evakuiert. Freunde wie Pasternak und Lidia Tschukowskaja kommen nach Tschistopol. Zwetajewa ist die einzige Dichterin mit der Destination Jelabuga. Sie ist verzweifelt, ohne Arbeit. Bewirbt sich als Übersetzerin („weil ich außer dem literarischen Beruf keinen andern habe“), bewirbt sich schließlich als Tellerwäscherin. Die Freunde in Tschistopol versuchen zu helfen. Zwetajewa, so berichtet Tschukowskaja in ihrem Tagebuch, sei nach Tschistopol gekommen, doch sei sie abwesend und unansprechbar gewesen. Nach neueren Berichten soll Zwetajewa, die lange im Ausland gelebt hatte und perfekt Französisch und Deutsch sprach, vom NKWD (Stalins Geheimdienst) zur Mitarbeit aufgefordert worden sein. Möglicherweise versuchte man sie zu erpressen, denn ihr Mann und ihre Tochter waren inhaftiert. (Efron wurde am 16. Oktober 1941 im Gefängnis erschossen, die Tochter überlebte acht Jahre Arbeitslager sowie anschließende Verbannung und kümmerte sich nach ihrer Freilassung um die Herausgabe von Marinas Werken.) Wie auch immer, Zwetajewa hätte sich auf eine Kollaboration mit dem Geheimdienst niemals einlassen können. Sie war von größter moralischer Integrität und von absoluter Luzidität. Als Ausweg aus der Sackgasse sah sie an jenem 31. August 1941 nur noch den Freitod. An ihren Sohn schrieb sie: „Murlyga! Verzeih mir, doch weiterzumachen wäre schlimmer. Ich bin schwer krank, das bin nicht mehr ich. Ich liebe Dich wahnsinnig. Versteh, daß ich nicht mehr leben kann. Sag Papa und Alja, wenn Du sie siehst, daß ich sie bis zur letzten Minute geliebt habe, und erklär ihnen, daß ich in eine Sackgasse geraten bin.“
Zwei weitere Briefe schrieb sie an die Hausbesitzer und an den Dichter Nikolaj Assejew. In beiden ging es um das Schicksal ihres Sohnes, an dem ihr mehr als an allem anderen gelegen war. Doch dürfte Mur zu Zwetajewas letzter „Panik“ das Seine beigetragen haben. Verwöhnt, blind geliebt, Marinas einzige „Geborgenheit und securite“ (wie es 1939 in den Notizheften heißt), begann er in Moskau als Teenager gegen seine Mutter zu rebellieren, die seine Grobheiten stillschweigend ertragen haben soll. Die Zerwürfnisse häuften sich. Mur soll sich anfänglich auch geweigert haben, mit in die Evakuation zu gehen, während Zwetajewa gegenüber N.G. Jakowlewa äußerte: „Wenn ich erfahren würde, daß er im Bombenhagel getötet wurde ich würde mich augenblicklich aus dem Fenster stürzen.“
An diesem 31. August 1941 aber vermag auch die Mutterliebe nichts mehr gegen den Drang, der ausweglosen Situation endgültig zu entkommen. Oder wenn man den Worten von Zwetajewas Schwester Anastassija glauben will: Gerade die Mutterliebe hat zur Selbstaufopferung geführt. Es ist Sonntag. Mur und die übrigen Bewohner sind der Einladung gefolgt, für einen Laib Brot den Flughafenlandungsplatz zu reinigen. Zwetajewa ist allein im Haus. Mit einem Strick, den ihr Pasternak zum Verschnüren des Koffers mitgegeben hatte, erhängt sie sich am Haken des Dielenbalkens, 49 Jahre alt. „Niemand sieht – weiß, daß ich schon seit einem Jahr (ungefähr) mit den Augen – nach dem Haken suche… Ein Jahr schon messe ich den Tod ab“, schrieb sie im Herbst 1940 in ihr Heft. Der Countdown begann im Moskauer Vorort Bolschewo, als zuerst Ariadna, dann Sergej Efron verhaftet wurden. Vollendet wird er in Jelabuga.
„Der Tod ist nur für den Körper schrecklich. Die Seele denkt ihn nicht. Deshalb ist beim Selbstmord der Körper der einzige Held.“ Und: „Heroismus der Seele ist es – zu leben, Heroismus des Körpers – zu sterben.“
Am 2. September wird Marina Zwetajewa beerdigt. Das Grab ist verlorengegangen .

Stellt sich die Frage, ob Zwetajewa durch die Lebensumstände, die sich zur Tragödie zuspitzten, in den Tod getrieben wurde, oder ob sie als stolzer, maßlos-radikaler, an hohen Idealen orientierter Mensch früher oder später an sich selbst zerbrochen wäre. Meiner Ansicht nach war eine gewisse Disposition dazu vorhanden, doch glaube ich nicht, daß diese ohne massive Einflüsse von außen Folgen gezeitigt hätte. Die erzwungene Rückkehr in die Sowjetunion gab Zwetajewa den Rest, brach ihr das Rückgrat: die Inhaftierung von Mann und Tochter, die Angst vor der eigenen Verfolgung, die Armut, die Unbehaustheit, die vollkommene lsolation, der Krieg und – ganz wesentlich – das Versiegen der schöpferischen Kräfte. Mit Hilfe der Literatur hätte sie es geschafft. Denn in der Literatur konnte sie alles ausdrücken und ausleben: ihre Widersprüche, ihre Sehnsüchte, ihre Leidenschaft, ihre Kraft, ihre (bewußte) Randständigkeit und ihre Radikalität – vergessen wir nicht: Zwetajewa gilt bis heute als die künstlerisch radikalste russische Dichterin des Jahrhunderts. Die Literatur war für sie Medium der Selbstbehauptung, Halt, Religion. Ohne die Literatur war sie der äußeren Welt, die sie mehr und mehr als feindlich empfand, restlos ausgeliefert. Ohne die Literatur gab es kein Ideal, erlosch ihr Wille zum Sein. Nicht zufällig hatte sie 1940 in ihr Heft notiert: „Habe aufgehört zu schreiben – habe aufgehört zu sein.“
Persönlich sehe ich in Zwetajewas Selbstmord nicht einen Akt schwächlicher Resignation, sondern luzider Stärke. Einen Akt tragischer Vitalität, die sich gegen das eigene Leben richtete – aus Unausweichlichkeit. Zwetajewa war von Natur aus diszipliniert, pflichtbewußt, spartanisch, kämpferisch; Widerstände und Hindernisse scheute sie nicht, solange sie es mit ihnen aufnehmen konnte. Erst als sie keine Chance mehr sah, die Oberhand zu gewinnen, entschied sie sich für jenen Abgang, der ihr angesichts der Lage als der würdigste erschien. Denn eine Heulsuse, ein Klageweib, ein Nervenbündel in den Fängen des Geheimdienstes wollte sie nicht sein. Das konnte sie auch ihrem Sohn nicht zumuten. Sie war es gewohnt, zu geben, nicht zu nehmen, Lasten zu tragen, nicht Lasten aufzubürden. Sie liebte es, das Leben rebellisch herauszufordern.
Hinter solchem Rebellentum steckte freilich – untersucht man die innere Biographie und das Werk – eine Vielzahl von Widersprüchen und Transgressionen, „a floating between the surface and the depths, between life and art, life and death, between genders and genres.“ Das von Zwetajewa entworfene dichterische Frauenbild umfaßt ebenso Lilith wie Eva, die Amazone wie Ophelia, Phädra wie Ariadne, die Zarenmaid wie die reizende Kindfrau Sonetschka. Mit allen ihren – zumeist tragischen – HeIdinnen konnte sich Zwetajewa identifizieren. Auch ihr Selbstbild läßt sich auf das einer tragisch-einsamen, doch rebellischen Heroin reduzieren: Dichter und Mutter in einem.
Vom Tod ist in ihrem Werk so oft die Rede, daß er einen eigentlichen „inneren Mythos“ darstellt. Der Selbstmord dagegen erscheint tabuisiert, figuriert nur selten als Motiv. Etwa im fünften Teil des Poems vom Ende: „Gift, Schienen, Blei – zur Auswahl!“ Oder im Gedicht „Der Zug des Lebens“: „Der Bahnsteig. – Die Schwellen. – Und der letzte Strauch / In der Hand. – Ich lasse los. – Zu spät / Sich festzuklammern. – Die Schwellen.“ Anderswo wird der Selbstmord zur Allegorie für das verzehrende künstlerische Schaffen:

Die Adern geöffnet – nicht aufzuhalten,
Unheilbar sprudelt es, Leben.
Teller stellt, Schüsseln nur unter, lachhaft!
Jeder Teller wird – ein flacher.
Eure Schüsseln sind Platten.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaÜbermaß, daneben,
Die Binsen zu nähren, die Schwarzerde färbts.
Unwiederbringlich, nicht aufzuhalten.
Unheilbar sprudelt es, Vers.

aaaaaaaaaaaaaaaaaaa6. Januar 1934

Dieses Gedicht verweist auf eine markante Stelle in Zwetajewas autobiographischem Prosatext „Mutter und die Musik“ (1935): „Die Mutter nährte uns aus der verborgenen Ader der Lyrik, so wie wir später unsre Ader schonungslos freilegten und unsre Kinder mit dem Blut unserer Sehnsucht nährten. (…) Nach einer solchen Mutter blieb mir nur eines übrig – Dichter zu werden.“ Mutterschaft und Künstlertum sind gleichermaßen durch die Lust der Hervorbringung wie durch die Gefahr des Exzesses, der Selbstaufopferung gekennzeichnet. Zwetajewas innere und äußere Biographie belegen, wie der Aspekt der Selbstaufgabe schließlich zum Verhängnis geriet.
Doch zurück zum dichterischen Mythos. Während bei Zwetajewa das lyrische Ich kaum von Selbstmord spricht, spielt dieser bei ihren tragischen Heldinnen eine eminente und explizite Rolle: allen voran bei Ophelia und Phädra. Faszinierend dabei ist, wie Zwetajewa – in ihrem Gedicht „Ophelia – zur Verteidigung der Königin“ – die „wahnsinnige Jungfrau“ zur Verbündeten von Hamlets Mutter und zu einer Stieftochter Phädras macht. „In this way female suicide is reinterpreted“, schreibt Svetlana-Boym. „It is not simply a tragedy of love, but a tragedy of maternity.“
Besonders aufschlußreich ist Zwetajewas Umgang mit dem Phädra-Stoff: einerseits in Gedichten (Diptychon „Phädra“), andererseits in ihrem Drama „Phädra“ (1928). Hier gestaltet Zwetajewa nicht nur die Tragödie der Mutterliebe, sondern zugleich den Konflikt zwischen verschiedenen weiblichen Kräften: Phädra erscheint als eine Art Liebesgöttin, die Amazone Hyppolita als hybride Verkörperung von Kämpferin und Mutter. Schicksalhaft verliebt sich Phädra, zweite Gemahlin des Theseus, in ihren Stiefsohn Hyppolit (Sohn der Amazone Hyppolita), der ihre Liebe verschmäht, worauf sich Phädra erhängt. In der Antike galt der Tod durch den Strick als ausschließlich weibliche Art des Selbstmords. Zwetajewa rekurriert auf die von Euripides erwähnte Todesart, nicht auf den Gifttod, wie wir ihn später bei Racine finden. Ihr eigener Selbstmord folgt dem Vorbild Phädras.
Vielfach hat Zwetajewa in ihrer Dichtung Realität vorweggenommen, visionär erschaut. So imaginiert sie in den frühen Versen „Freu dich, Seele“ (1916) ein Grab „zwischen vier Wegen“, so wie Selbstmörder bestattet werden:

Freu dich, Seele, iß und trink!
Und kommt der Tag −
So macht mir zwischen
Vier Wegen ein Grab…

Auf freiem Feld
Zwischen Wolf und Rabe −
Der Werstpfahl
Sei mir Kreuz!

Damit ich des Nachts
Den verfluchten Ort nicht scheu’.
Hoch über mir rage
Er namenlos…

Antizipierend sind aber auch diese triumphalen Verszeilen, geschrieben im Dezember 1920, als Zwetajewa noch ungebrochen über ihren provokanten Wagemut, über ihr poetisches Selbstbewußtsein verfügte:

… Ich weiß, himmelrot ist mein Tod. – Keine Habichtsnacht
Auf meine Schwanenseele wird Gott mir schicken.

Sanft weise ich das Kreuz ungeküßt zurück,
In den Himmel zu stürzen, noch einmal zu grüßen den Spender.
Seinem roten Riß – eines Antwort-Lächelns Schnitt…
− Poet bleibe ich noch im letzten Röcheln vorm Ende!

Ilma Rakusa, in: Ursula Keller: „Nun breche ich in Stücke…“, Verlag Vorwerk 8, 2000

 

 

Zum 70. Todestag von Marina Zwetajewa:

Bettina Wöhrmann: Der Granatapfelkern Persephones
Ostragehege, Heft 64, 2011

Fakten und Vermutungen zur Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.