Christian Saalberg: Gehen Sie liebe Morgenröte

Saalberg-Gehen Sie liebe Morgenröte

IMMER DER REGEN dort draußen
Sein Wortschwall als ob er
Sich Gehör verschaffen
Etwas zum Schweigen
Bringen will

Immer der Regen in mir Komm
Sagt er ziehe deine Worte aus
Damit ich dich anschauen kann
Damit du siehst
Wie schön ich bin

Immer der Wind dort draußen
Als ob noch etwas offenstünde
Und die Luft nicht längst
Vertrocknet sei

Immer der Wind in mir
Er geht in meiner Stube umher
Bleibt vor einem Bildchen stehen
Das im Spiegel steckt
Einer alten Photographie

Der Regen Ich lasse ihn nicht
Sterben sein Herz paßt in kein
Grab

Der Wind Er nimmt das Bild zur
Hand streicht über den Teich
Ich seh die Wellen höre die
Ufer Rauschen

Ohne Ende der Regen
Ohne Ende der Wind
Ohne Ende meine Liebe

 

 

 

Vorwort

Wie dem auch sei, ich werde also mein Leben wiederaufnehmen, dessen Pulsschlag die schwarzen Lettern sind, Satz für Satz, mit denen ich diese Seiten gefüllt, strauchelnd von Wort zu Wort, jedes Wort ein Wort zu wenig, jedes ein Wort zu viel. Nur du allein, mein Wort, kannst bezeugen, daß ich bin, nur ein Wort – ein Wort, das ich nie finden werde – kann diese unlesbare Welt entziffern, ein Wort, mein Wort, kein Wort, verhaftet dem Unsagbaren, sichtbar und unsichtbar zugleich.

Ausgesetzt dem Gaukelspiel der Götter wagen wir die Fahrt zwischen einem Hier, das es nicht gibt, und einem Dort, das wir nie erreichen werden. Ich lehne am Mast und habe keine Fesseln nötig, träufele mir auch kein Wachs in die Ohren, wenn am Rand der Unendlichkeit der Fels auftaucht, die Inseln der Sirenen. Halte still, sagt der Wind, halte still und laß sie singen. Sie zerscherben dir den Tod. Nur wer dir gleichkommt, bringt dich um.

Erfüllt von der Hoffnung des Meeres und umgeben von der unwiderstehlichen Kraft der Stille, die nichts verplaudert, weil alles ihr Geheimnis ist, vertraut der Dichter einer Sprache, die er nicht kennt, läßt sich in den Abgrund fallen, den Engeln gleich, die wissen, daß sie getragen werden. Es ist nicht der Dichter, das Wort spricht sich selbst.

Christian Saalberg, Vorwort

 

DAS LÄCHELN
Für Christian Saalberg

der himmel gießt sein grünes licht
in jene birken, die zwischen den gleis
läufen stehen. sie führen das land
an sein ende. zu hause ist eine junge
amsel aus dem nest auf dem balkon

gefallen. sie erschrak über mich.
ich weiß nicht, ob sie ihre flügel
schon tragen. ich schlief in dieser nacht
schlecht. der zug kam oft zum stehen.
und holte die zeit nicht mehr auf. es ist

der zweite tag im juni. die flammen
des lichtes liegen noch in der schnee
asche, die auch du gesehen hättest.
blicke aus dem unruhigen fenster hängen
an weißen fäden, die jeden augenblick

reißen. du hattest recht. das lächeln
des windes ist selten zu sehen. vielleicht
nur an tagen, die ihr gesicht vor uns
verbergen. vielleicht nur dann. und
wenn es schon schläft.

Andreas Altmann

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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