12. November

Weiter mit Schopenhauer, starke Seiten über das Leiden, den Gottesglauben, das Schöne, daneben die schwachsinnige Fundamentalkritik am Weibe, polemisch, menschenverachtend, intellektuell desolat (wie Nietzsches Abrechnung mit den Kleinen und Schwachen, den Christen und den Weibern ja auch), unbegreiflich, wie und weshalb und wozu solcher Stuss zu Lebzeiten in eine Werkausgabe eingehen kann, ohne den Autor nachhaltig zu diskriminieren. Doch Arthur Schopenhauer ist ein vielstimmiger Autor, ist ein Stimmenimitator, er probiert die unterschiedlichsten Register aus, auch die seiner Gegner, um die Unmöglichkeit monologischer Wahrheitspredigt darzutun. Im Unterschied zum pathetischen Rechthaber Friedrich Nietzsche bleibt Schopenhauer auch in seinen peinlichsten Momenten zumindest virtuell der Ironie verpflichtet – oft scheint er selbst nicht wahrhaben zu wollen, was er als Wahrheit ausspricht. – Die Migräne regt sich wieder, verschärft sich deutlich, nachdem ich nun fast drei Wochen Ruhe hatte und dabei in geradezu festliche Stimmung geraten war. Seit Tagen finde ich kaum noch Schlaf, auch die langweiligsten Lektüren helfen nicht. Habe mit höchster … mit schmerzhafter Konzentration zwei-, dreihundert Seiten Peter Weiß gelesen, ›Ästhetik des Widerstands‹, bin einigermaßen erstaunt, dass dieser einst gefeierte Autor mit soviel Stilgefühl und Konsequenz über so viele Seiten hin Weltgeschichte nachschreiben kann, ohne sich dabei von seinen altkommunistischen Scheuklappen und seiner sozialistisch-realistischen Schönrednerei kritisch zu emanzipieren. Weiß arbeitet sich hier an einer Art von Sadomasoprosa ab – als Leser wohne ich der trotzigen Selbstvergeudung eines großen Talents bei, dessen Disziplin und Intelligenz ich nach wie vor bewundere, an dessen Künstlertum ich aber meine Zweifel habe. Weiß selbst hatte solche Zweifel ja auch. Wie ganz anders die Tagebücher von Gerard Manley Hopkins, die zu meiner bevorzugten Begleitlektüre geworden sind. Man kann … ich kann von diesen kompakten Texten nie genug bekommen, werde sie deshalb auch nie durchlesen, sondern immer wieder wie in einem Nachschlagewerk darin stöbern, da und dort einhalten, um zwei, drei Sätze, einen Neologismus, eine kühne Metapher wie einen hochkonzentrierten Medikamentencocktail (der Vergleich hinkt, doch er stimmt) auf mich einwirken zu lassen. Nur in geringsten Dosen ist Hopkins für mich zu genießen, dafür aber immer wieder und nie nicht mit heilsamer Wirkung. Hopkins hat, im Unterschied zu den meisten seiner (wie auch meiner) Zeitgenossen, keine Botschaft, doch er hat das Sagen; er spricht, er schreibt, um gesagt zu haben. Das Sagen steht bei ihm für die Aussage, ist Ausdruck seines Beschreibungs- und Benennungsfurors, treibt staunenswerte Sprachblüten, die gleichermaßen betäuben und erleuchten können.

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