Fernando Pessoa: Ich legte die Maske ab

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Fernando Pessoa: Ich legte die Maske ab

Pessoa-Ich legte die Maske ab

DER TOD IST DIE KURVE AN EINER STRASSE

Der Tod ist die Kurve an einer Straße.
Das Sterben entrückt nur dem sehenden Sinn.
Lausch ich, hör ich deine Schritte
Dasein wie ich selber bin.

Die Erde ist aus Himmel geschaffen.
Die Lüge hat kein Geheg.
Niemand ging jemals verloren.
Alles ist Wahrheit und Weg.

 

 

Nachwort

Es geschah in der Nacht des 8. März 1914, so könnte in der Tat ein Nachwort über das Werk dieses größten portugiesischen Dichters seit Camões beginnen. Fernando Pessoa ist der Begründer der modernen Dichtung seines Landes und eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der zeitgenössischen Dichtung überhaupt, die in Apollinaire, Majakowski und eben Pessoa um jenes Jahr 1914 ihre wichtigsten Vertreter gefunden hatte.
Ob man will oder nicht, es gibt einen „Fall“ Pessoa; einen Fall und Grenzfall innerhalb der modernen Dichtung, die von der radikalen Feststellung Rimbauds ausgeht: „Denn ich bin ein anderer.“ Das Geheimnis des Werkes und seiner poetischen Verfahrens- und Wirkungsweise liegt bildlich sogar in den Buchstaben des Namens seines Autors verschlüsselt: „Pessoa“ bedeutet Person, Maske, Fiktion, Niemand. Eine an äußeren Ereignissen arme Dichterbiographie verbindet sich im Fall Pessoas mit der konkreten Existenz personifizierter Fiktionen. Diese wurden mit Eigennamen bedacht, haben ihre eigene biographische und literarische Geschichte, verkörpern verschiedene Auffassungen von Dichtung, die kontrapunktisch gegeneinander abgesetzt in ihren Werken zum Ausdruck kommen. Diese klar umrissenen Dichtergestalten, in die sich der Schriftsteller Pessoa eines Tages gespalten hat, tragen die Namen Alvaro de Campos, Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Fernando Pessoa. So erklärt es sich, daß der erstaunte Leser in einem Lyrikband von Fernando Pessoa die Gedichte im Grunde von vier Autoren findet.
Pessoa selbst hat uns in dem Bemühen, Klarheit über sein poetisches Tun und Lassen zu gewinnen, Rechenschaft über diese poetologische Persönlichkeitsspaltung abgelegt. Es gibt im Fall Pessoa wie in jedem richtigen Kriminalfall einen Augenzeugen, der aus eigener Erinnerung die Szene des Verbrechens rekonstruieren kann, und in diesem Fall heißt der Zeuge ebenfalls Pessoa. In einem Brief von 1935 an, Adolfo Casais Monteiro, einen der jungen Kritikerfreunde, die sich um die Zeitschrift Presença geschart hatten, beschreibt er aus ferner Erinnerung die Geschichte und Vorgeschichte jenes Tages, der ein literarisches Meisterwerk in seiner eigentümlichen Besonderheit begründen wollte. „Gegen 1912, wenn ich nicht irre (groß kann der Irrtum auf keinen Fall sein), kam ich auf den Gedanken, einige Gedichte heidnischer Art zu schreiben. Ich skizzierte einiges in freien Versen (nicht im Stil Alvaro de Campos’, sondern in einem Stil halber Regelmäßigkeit) und gab dann die Sache auf. Gleichwohl war mir in einem schlecht gewobenen Halbschatten ein ungefähres Bild der Person erschienen, die diese Verse schrieb. (Ohne mein Wissen war Ricardo Reis geboren.)
Anderthalb oder zwei Jahre später verfiel ich eines Tages auf den Gedanken, dem Sá-Carneiro einen Streich zu spielen – einen bukolischen Dichter komplizierter Natur zu erfinden und ihn, wie weiß ich nicht mehr, mit einem Anstrich von Wirklichkeit vorzustellen. Ich verbrachte einige Tage damit, diesen Dichter auszuarbeiten, aber es wurde nichts daraus. An dem Tage, an dem ich es endlich aufgegeben hatte – es war der 8. März 1914 -, stellte ich mich an eine hohe Kommode, nahm ein Stück Papier und begann zu schreiben, stehend, wie ich immer wenn irgend möglich schreibe. Ich schrieb über dreißig Gedichte in einem Zuge in einer Art von Ekstase; deren Besonderheit ich nie werde definieren können. Es war der triumphale Tag meines Lebens; einen anderen dieser Art werde ich nicht erleben. Ich begann mit einem Titel: ,Der Hirte‘. Und dann erschien jemand in mir, dem ich sogleich den Namen Alberto Caeiro gab. Entschuldigen Sie das Absurde des Satzes: In mir war mein Meister erschienen. Dies war meine unmittelbare Empfindung. Und sie war derart mächtig, daß ich, kaum waren die über dreißig Gedichte geschrieben, sofort zu einem anderen Bogen griff und gleichfalls in einem Zuge die sechs Gedichte niederschrieb, die den ,Schrägen Regen‘ Fernando Pessoas bilden. Es war die Rückkehr von Fernando Pessoa Alberto Caeiro zu Fernando Pessoa allein. Oder besser: Es war die Reaktion Fernando Pessoas auf seine Nicht-Existenz als Alberto Caeiro.
Als Alberto Caeiro erschienen war, versuchte ich alsbald – instinktiv und unbewußt – Schüler für ihn zu entdecken. Ich entriß den latenten Ricardo Reis seinem falschen Heidentum; entdeckte seinen Namen und paßte ihn sich selbst an – denn in diesem Augenblick sah ich ihn schon. Und auf einmal stieg vor mir – entgegengesetzter Herkunft zu Ricardo Reis – ein neues Individuum auf. In einem Wurf kam, an der Schreibmaschine, ohne Unterbrechung oder Verbesserung, die ,Triumph-Ode‘ Alvaro de Campos’ ans Licht – die Ode mit diesem Namen und der Mensch mit, seinem Namen.
Dann schuf ich eine inexistente Coterie. Ich bestimmte alles nach den Regeln der Wirklichkeit. Ich stufte die Einflüsse ab, lernte die Freundschaften kennen; hörte in mir die Diskussionen und abweichenden Auffassungen, ‚und bei alledem scheint mir, ich selbst, der Schöpfer all dessen, sei dabei am wenigsten beteiligt gewesen. Alles scheint sich unabhängig von mir begeben zu haben. Und anscheinend begibt es sich noch heute so. Wenn ich eines Tages die ästhetische Diskussion zwischen Ricardo Reis und Alvaro de Campos publizieren kann, werden Sie sehen, wie verschieden sie sind und daß ich für diese Angelegenheit ohne jede Bedeutung bin.“ (Übersetzt von Georg Rudolf Lind.)
Dieses verblüffende Dokument führt uns direkt ins Zentrum des Problems, das die Dichtung Pessoas in sich darstellt. Die Dichtung der Heteronyme bedeutet die Unmöglichkeit der Existenz von Reis, Campos und Caeiro ohne Pessoa, andererseits aber auch die fast identische Unmöglichkeit, daß Pessoa ohne sie existiert. Hier geht nichts weiter vor, als daß mit der Zerstörung des Mythos von der Einheit des Werkes die Erfahrung der Dichter und Künstler unseres Jahrhunderts, die eine ständige Metamorphose durchgemacht haben und dabei ein zyklisches Werk schufen. – denken wir nur an Picasso oder an Neruda -, zu einem Exempel statuiert wird. Daher auch der paradigmatische Wert. Pessoa hat. diese Metamorphose blitzartig vollzogen: Er ist von Stund an vier Dichter auf einmal, deren Werk höchstens durch die Grenzen der poetischen Praxis selbst eine Einheit verliehen wird. Es ist ein, Grenzfall, der zur Voraussetzung hatt, daß man sich der poetischen Mittel und Verfahrensweisen als solcher neu bewußt wird, was dank der Bemühungen der künstlerischen Avantgarde jener Jahre gelang, die den festgefügten historisch-sozialen literarischen Kanon auf seine Brüchigkeit hin überprüften, die künstlerischen Mittel neu erprobten und zur Verfügung stellten, das heißt, den Anschluß an die Erneuerungsbestrebungen in Kunst und Dichtung im Europa jener Jahre fanden.
Fernando António Nogueira Pessoa wurde am 13. Juni 1888 in Lissabon geboren. Sein Vater, ein Ministerialbeamter, starb früh (1892), und die Mutter verheiratete sich in zweiter Ehe mit dem portugiesischen Konsul von Durban in Südafrika. Fernando erhielt in Durban eine englische Erziehung, er besuchte ein englisches Gymnasium und ist so zweisprachig aufgewachsen. Es war jene Zeit um die Jahrhundertwende, als der portugiesische Kolonialismus, der im 19. Jahrhundert das historische Paradoxon schuf, von Brasilien nicht vom Mutterland aus die ausgedehnten Überseebesitzungen zu regieren, seine Macht erneut zu festigen begann, diesmal von der Metropole Lissabon aus, und zwar auf so lange Dauer und in einer solchen totalen Abhängigkeit von den Kolonien, daß erst nach einem halben Jahrhundert die Volksbefreiungsbewegungen in Afrika selbst die Herrschaft sprengen konnten.
Pessoa kehrte 1905 plötzlich nach Lissabon zurück, als er gerade ein Studium an der Kap-Universität beginnen wollte. In Lissabon schreibt er sich an der Philosophischen Fakultät ein, unterbricht jedoch nach zwei Jahren das Studium, weil es ihm in einem schrecklichen provinziellen Akademismus befangen schien. Seit dieser Zeit sollte er seine Geburtsstadt Lissabon kaum mehr verlassen, wo er nach einem gescheiterten Versuch, eine Druckerei zu gründden (1907), von mehr oder minder einträglichen Arbeiten als Handelskorrespondent für verschiedene Lissabonner Firmen lebte. Das zog er einer Dozentur, die ihm einmal angeboten worden war, an der konservativen Universität vor. Der einzige Posten der ihm erstrebenswert erschien, der Posten eines Bibliotheksarchivars, um den er sich 1932 bewarb, wurde ihm mit einer Begründung abgelehnt, die auf seine Beherrschung der portugiesischen Sprache anspielte. Am 30. November 1935 starb Pessoa siebenundvierzigjährig an den Folgen einer Leberkolik.
Die ersten Gedichte stammen aus den Jahren 1905 bis 1908,: sie waren noch in englisch verfaßt und führten einen vertrauten Dialog mit Keats und Poe, zu denen sich später auch Baudelaire gesellte. in portugiesisch zu schreiben begann Pessoa 1912 als Kritiker der Zeitschrift A Aguia, dem Sprachrohr der „Renascença Portuguesa“ (Portugiesischen Wiedergeburt), die ideologisch gesehen einen kritischen Standpunkt zur feudalen und kolonialistischen Gegenwart Portugals einnahm. Sie strebte eine neue Blütezeit der portugiesischen Dichtung nach dem Vorbild des Symbolismus an. 1914, ein Jahr, nachdem in Paris Apollinaires Les peintres cubistes (Die kubistischen Maler) erschien, lernte Pessoa zwei junge Künstler kennen, die seine Weggefährten im Kampf um die Erneuerung der portugiesischen Kunst und Dichtung und um ihren Anschluß an die europäische Avantgarde werden sollten. Es sind dies der Dichter Mario de Sá-Carneiro (1890-1916), der gerade aus Paris zurückgekommen war, und der Maler Almada-Negreiros, dem wir einige bemerkenswerte Porträts von Pessoa verdanken, auf denen wir ihn im dunklen Anzug sehen, schüchtern, zurückhaltend, kurzsichtig, mit der ewigen Zigarette in der Hand. Die theoretischen Diskussionen mit ihren um die Erneuerung der Kunst in Portugal finden bei Pessoa ihren Niederschlag in einem Entwicklungsprozeß, der über die Rezeption und gleichzeitige Neuerarbeitung der künstlerischen Problematik der Avantgarde bis zu jenem 8. März 1914 reicht, an dem der Meister Alberto Caeiro geboren wurde sowie seine Schüler: der neoklassische, traditionsgebundene Formkünstler Ricardo Reis und der herausfordernde futuristische Dichter, der Dichter der Wahrnehmungen und Empfindungen, der verbalen Exzesse und der antibürgerlichen Haltung, Alvaro de Campos. „Sei, vielgestaltig wie das Weltall“, diese Devise von Pessoa hat in seinen Dichterpersönlichkeiten ein eigenes Leben angenommen. Jetzt ist nur noch ein Schritt bis zu einem Markierungspunkt in der modernen portugiesischen Poesie, der Veröffentlichung der Zeitschrift Orpheu im Jahre 1915, die heute von der marxistischen portugiesischen Kritik zu Recht als eine „wirkliche historische Explosion“ bezeichnet wird.
In der zweiten Nummer des Orpheu veröffentlichte Pessoa seine „Meeres-Ode“, die jetzt bereits einen festen Platz in der Dichtung des 20. Jahrhunderts innehat, damals aber erst einmal ein Wegweiser in den grundlegenden Anstrengungen zur Überwindung des Symbolismus war. Dieses Ziel ist auch immer eines der zentralen Themen in den literaturkritischen Artikeln von Pessoa, die zum Teil mit Alvaro de Campos gezeichnet und gegen Fernando Pessoa gerichtet waren und in denen die Überwindung der vorherrschenden, sich am Symbolismus orientierenden Dichtung die Perspektive für eine neue große portugiesische Poesie eröffnen sollte, deren baldige Schaffung der Futurist Alvaro de Campos prophezeite.
Jedoch erregte das Erscheinen der beiden revolutionierenden Nummern des Orpheu einen solchen Literaturskandal, daß es bei diesen beiden Nummern bleiben sollte. Sá-Carneiro verließ Lissabon und kehrte nach Paris zurück, wo er ein Jahr darauf Selbstmord beging. Fernando Pessoa aber hatte in dieser Zeit sein dichterisches Prinzip gefunden und machte mit dem absolut, klarsten Bewußtsein aus seiner Spaltung in verschiedene Dichterpersönlichkeiten – Ich bin ein anderer -, aus dem Widerspruch das Grundmodell, das System seiner Dichtung.
Andere Versuche, die portugiesische Avantgarde zu beleben, so etwa durch die Zeitschrift Portugal futurista, mußten scheitern. In der – allerdings einzigen – Nummer von Portugal futurista erschien eine anthologisch zu nennende, Sammlung von Diatriben des Alvaro de Campos mit dem Titel „Ultimatum“, die aufgrund ihrer poetischen Imagination und Gewalt als einzigartig zu bezeichnen sind und sich gegen jede etablierte Form der Kunst im damaligen Europa richteten. Die portugiesische Avantgarde wurde im Keim von einem kulturellen Leben und der Politik einer Gesellschaft erstickt, die sich mit überstürzten Schritten zum lang andauernden Faschismus des Oliveira Salazar hin bewegte.
Bereits in den zwanziger Jahren hatte Pessoa angesichts der Moral sexueller Repression, die von der faschistischen Gesellschaft propagiert wurde, Stellung bezogen und hatte die Aktivitäten von Studentengruppen der extremen Rechten verurteilt, der sogenannten „Liga der Aktion der Studenten“, deren Ziel die Unterdrückung jeder literarischen Äußerung war, die die Positionen der herrschenden Ideologie irgendwie antastete und eine kritische Distanz zum Machtapparat, zur herrschenden Moral und zu den Institutionen wie Kirche oder Heer zum Ausdruck brachte.
Es war die Zeit, in der Pessoa nach der Publikation von zwei kleinen in Englisch verfaßten Gedichtbänden Antinous und 35 Sonnets, die von der Londoner Times sehr kühl begrüßt wurden, „0 Banqueiro anarquista“ in der Zeitschrift Contemporanea veröffentlichte. Die Avantgarde sah sich in ihrem Kampf für eine sich befreiende Kunst jedesmal heftiger gezwungen, um die – bürgerliche – Freiheit der Kunst und des Ausdrucks zu kämpfen, und Pessoa bezog sogar entgegen einer persönlichen Stellungnahme zum Nationalismus Positionen der Heterodoxie und der Opposition gegen eine kolonialistische Gesellschaft, die sich bereits dem Delirium einer faschistischen Ordnung ausgeliefert hatte.
Nach einem neuerlich, gescheiterten Versuch, eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, findet Pessoa schließlich zu Beginn der dreißiger Jahre Gesprächspartner und Weggefährten in der jüngeren Generation, die sich seit 1927 um die Zeitschrift Presença scharte. Hier erschienen Gedichte aus den Werken von Reis und von Caeiro. Die Zeitschrift verteidigte als einziges Modell diese Dichtung Pessoas die zur grundlegenden Erneuerung der portugiesischen Literatursprache fähig war, fähig, ihre Syntax zu durchbrechen und neu zu erschaffen, und die aus dem Widerspruch die Quelle ihrer Schöpferkraft machte, aber auch gleichzeitig eine absolute rationale Transparenz erreichte; eine Dichtung, die poetische Codes abbaut und dadurch eine neue Sachlichkeit erreicht, aber gleichermaßen auch in die vom Symbolismus geerbte Musik verliebt ist. Mit den Begriffen wie „magischer Formenreichtum“, „faszinierende Vielfalt“ oder „lebendige Synthese aller Gattungen und Stile der portugiesischen Dichtung der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft“ feierte die junge Dichtergeneration von: 1927 die Poesie des damals fast noch gänzlich unbekannten Dichters Pessoa. Doch wie alle Anerkennungen solcher Art kam auch diese spät genug. Es blieben Pessoa noch wenige Jahre zum Leben, und auch in diesen Jahren wurde so gut wie nichts von ihm veröffentlicht. Und wenn, wie 1934 sein Buch Mensagem {Botschaft), dann mit einem höchst grotesken Schicksal. Es erhielt nämlich vom damaligen Sekretariat für nationale Propaganda, das zu einem Dichterwettstreit aufgerufen hatte, den Preis, der dem Nationalpreis für Dichtung anderer Länder entsprach, und zwar „zweiter Klasse“. Anstatt einen Lobgesang auf das portugiesische Imperium anzustimmen, lieferte Pessoa. in seiner „Botschaft“ eine symbolische Interpretation der portugiesischen Geschichte, den Versuch eines modernen Epos mit Mitteln der Lyrik.
Erst nach seinem Tode begannen die Dichtungen Pessoas bekannt zu werden und seinen Weltruhm zu begründen. 1944 wurde mit einer achtbändigen Werkausgabe in Portugal begonnen, doch noch immer bleiben viele seiner literaturkritischen Arbeiten; aber auch seiner Gedichte unveröffentlicht. Langsam aber ist sein Werk in fast alle Sprachen übersetzt, und im befreiten Lissabon der Jahre 1974/75 wurde Pessoa als der Nationaldichter Portugals gefeiert.
Die Veröffentlichung der fünfhundertzwanzig Fragmente aus dem Nachlaß eines „Livro do desassossiego“ (Buch der Unruhe) im Jahr 1982 bestätigte das Bild von Pessoa nicht nur als größtem portugiesischen Dichter seit Camões, sondern auch als einem der größten schöpferischen Zeitgenossen. „Ich bin die lebendige Bühne, auf der verschiedene Schauspieler auftreten, die verschiedene Stücke aufführen“, ist das Fazit, das der Hilfsbuchhalter Bernardo Soarez – ein Ich, das, im Sinne Rimbauds, ein anderes ist als Pessoa – aus einem Leben zieht, in dem es nur möglich ist, „die Bekenntnisse des Fühlens“ ernstzunehmen, als letztem Weg, um zum verlorenen „Fundament des Lebens“, zu gelangen (und sei es auch nur fiktiv).
Die Wirkungsmacht der Dichtung der Heteronyme hat die Worte ihres Schöpfers selbst bewahrheitet: „Dergestalt werde ich im Mindestfall zum Narren, der hohe Träume hegt, im Höchstfall nicht nur zu einem einzelnen Schriftsteller, sondern zu einer ganzen Literatur, und selbst wenn ich nicht dazu beitrüge, mich zu unterhalten, was für mich schon völlig ausreichend wäre, trage ich vielleicht dazu bei, das Weltall zu vergrößern; denn wer bei seinem Tode einen schönen Vers hinterläßt, hat Himmel und Erde bereichert und den Grund für das Dasein von Sternen und Menschen in ein stärker gefühltes Geheimnis erhoben.“

Carlos Rincón, Nachwort, Berlin, September 1976/Dezember 1985

 

Fernando Pessoa (1888–1935),

Inbegriff moderner portugiesischer Poesie, hat Vielfalt, Wandelbarkeit, Widersprüchlichkeit zu seinen Schaffensprinzipien erhoben:
„ich vervielfache mich, um mich zu fühlen.“ Seine Dichtungen sind so verschiedenartig, daß er sie selbst verschiedenen ihm gleichsam zugeordnet hat: Alberto Cairo die Naturgedichte, die jede Reflexion von sich weisen und sich am Schauen berauschen.

Ich bin leicht auf eine Formel zu bringen.
Ich war besessen vom Schauen;

Alvaro de Campos die provokanten futuristischen Dichtungen mit den sich überstürzenden Metaphern und Bildern, den Gefühlsausbrüchen und Visionen; Ricardo Reis die traditionellen Oden, bei denen der deutsche Leser Anklänge an Klopstock oder Hölderlin erkennen mag; schließlich Fernando Pessoa selbst die persönlichsten Schöpfungen wie „Autopsychographie“ mit dem Geständnis:

Der Poet verstellt sich, täuscht
so vollkommen, so gewagt
daß er selbst den Schmerz vortäuscht,
der in wirklich plagt.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1986

 

Fernando Pessoa: die Aufspaltung des Ich in Heteronyme

Wohl finde ich Menschen, die meine literarische Tätigkeit bejahen, die doch nur einen Außenbezirk meines Lebensgefühls bildet…
So wird meinem allemal tieferen Empfindungsvermögen und meinem allemal größeren Bewußtsein von der schrecklichen, religiösen Mission, die jeder geniale Mensch von Gott empfängt, alles, was literarische Belanglosigkeit, was bloße Kunst ist, stufenweise immer hohler und abstoßender.
Fernando Pessoa am 19. Januar 1915 in einem Brief an Cortes-Rodriguez

Fernando Pessoa, der am 13. Juni 1888 in Lissabon geboren wurde und der – nach einigen in Südafrika verbrachten Jugendjahren ein zurückgezogenes Leben führte, publizierte (bevor er, ein Alkoholiker, im Alter von siebenundvierzig Jahren an einer Leberkolik starb) nur ein einziges Buch, eine eher unbedeutende Arbeit. Sein eigentliches, extrem modernes Werk, mit dem er posthum zu einem literarischen Ereignis ersten Ranges avancierte, schuf er für jene Truhe, in der er alle seine Notationen verstaute. Pessoa, ein Kenner der Weltliteratur und der Philosophie, der nach der Devise „Sei vielgestaltig wie das Weltall!“ verfuhr, sah sich nach dem Selbstmord seines Freundes Sá-Carneiro im Jahre 1916 gezwungen, Gesprächspartner, wie er sie im provinziellen Portugal nicht antraf, zu imaginieren.
Er spaltete sich in drei Dichter auf: in Poeten, die er nicht nur mit Namen (Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Alvaro de Campos) ausstattete, sondern die er auch mit exakten Lebensdaten versah, mit Charakteren und Temperamenten, mit genau konturierten künstlerischen Profilen. Das ging schließlich so weit, daß Pessoa nichts weiter mehr war als der Federführer seiner Masken:

Was kann ein genialer Mensch bei dem heute spürbaren Mangel an Literatur anderes tun als sich, ganz allein, in eine Literatur verwandeln? Was kann ein sensibler Mensch bei dem Mangel an Zeitgenossen, mit denen der Umgang lohnt, Besseres tun, als seine Freunde oder mindestens geistigen Gefährten selbst zu erfinden?

Unter den Rollengestalten, in deren Biographie und Mentalität Pessoa schlüpfte, war die unbedeutendste die des Ricardo Reis, eines Monarchisten und Odendichters, der sich wegen der in Portugal konstituierten Republik ins brasilianische Exil begeben hatte. Reis, ein Arzt, fungierte (genau wie der – in Glasgow als Schiffsingenieur ausgebildete – Alvaro de Campos) als ein Schüler des jung an Tbc gestorbenen Alberto Caeiro. Dieser Caeiro nun, den Pessoa, die Quellen der Intuition im einfachen Volk vermutend, Volksschüler sein ließ, vertrat einen prärationalen und quasi mutterrechtlichen Phänomenalismus, der in der Sentenz gipfelt: „Die Natur ist Teile ohne ein Ganzes.“ Über Caeiro, der mit seinem fiktiven Werk hinter die Problematik des Universalienstreites, ja der griechischen Ideenlehre zurückzugehen versucht, läßt Pessoa de Campos sagen:

Mein Meister Caeiro war kein Heide; er war das Heidentum. Ricardo Reis ist ein Heide, ich bin ein Heide; sogar Fernando Pessoa wäre ein Heide, wäre er nicht ein nach innen gewickeltes Garnknäuel. Aber Ricardo Reis ist Heide aus Charakter, ich selbst bin ein Heide aus Rebellion, also aus Temperament. Bei Caeiro gab es keine Erklärung für sein Heidentum; es war eine Wesensentsprechung.

Mehr als dreißig von den Gedichten, die Pessoa als das Werk Caeiros deklarierte, kamen in einem einzigen Eingebungsschub zustande. Ein solches Überwältigtsein, eine derartige Überschwemmung durch Unbewußtes hat es bei dem Dichter später nie wieder gegeben: „Die Welt ward nicht geschaffen, damit wir nachdächten über sie, / (denken heißt mit kranken Augen sehen)“, „Ich habe keine Philosophie, ich habe Sinne…“, „Die mystischen Dichter sind kranke Dichter / … Denn die mystischen Dichter sagen, die Blumen fühlen …“, „Erinnerung ist ein Verrat an der Natur, / denn die Natur von gestern ist nicht Natur“. Caeiro, der bereits das Schreiben von Poesie für etwas dem Leben inadäquat Gekünsteltes hielt und der behauptete, die Hirten Vergils seien nichts weiter als Vergil, kannte keinerlei ästhetische und formale Probleme: „Ich sorge mich nicht um Reime. Selten / stehen doch zwei gleiche Bäume nebeneinander.“
Wie Caeiro, so zeigte sich auch sein Schüler Alvaro de Campos, der Begründer einer „nicht-aristotelischen Ästhetik“, die essentiell ein immoralischer, ein auf der „Idee der Kraft“ beruhender Sensitivismus war, uninteressiert an der Lösung gesellschaftlicher Fragen:

Ich kann nicht einmal Zuflucht nehmen zu Meinungen über soziale Verhältnisse.
Ich habe gar keine Zuflucht: ich bin bei Verstand.«

De Campos, der von sich sagte, er sei zwar ein Techniker, aber er finde Technik nur in der Technik, entwickelte sich – nachdem er in der Nachfolge Walt Whitmans und der Futuristen einige der Moderne und der Maschinenwelt huldigende Riesenpoeme geschaffen hatte – innerhalb seines literarischen Werdegangs zu einem neurasthenischen, ja schizoiden Intellektualisten, der die Symptome und die Intensität der eigenen Neurose in dem Umfange multiplizierte, in dem er, sich psychisch auffächernd, dem problematischen Selbst zu entkommen trachtete. Zwar wurde de Campos von dem harmonischen Caeiro zu seiner „pantheistischen Kavalkade quer durch das Innere aller Dinge“ inspiriert. Er kam aber durch seine spezifische Natur zu völlig anderen emotionalen und poetischen Ergebnissen als Caeiro. Und so konnte er bald, und zwar mit vollem Recht, darüber klagen, daß die Begegnung mit seinem Meister für ihn eigentlich ein Unglück war. Denn de Campos mußte seine (qualitativ und quantitativ nur für ein Individuum berechnete) Substanz aufteilen unter die vielen, die er war, unter all die Schemen, in die er sich fortwährend verwandelte. De Campos, der seinen Körper und seine Seele wie eine Ruine bewohnte und der klagte „Welch idyllisches Leben, wenn es ein anderer führte…“, litt an einer sich steigernden Ich-Müdigkeit, die noch verstärkt wurde durch historisch-politische Determinanten:

Ich gehöre der Gattung von Portugiesen an, die nach der Entdeckung Indiens arbeitslos geworden sind.

Zunächst – solange sich de Campos noch in der Nähe des optimistischen Freiluftdemokraten Whitman aufhielt – konnte sein Lebenshunger als Artikulation purer Gesundheit erscheinen. Bald allerdings brachen die Dämme, die das Ich vor der Welt, die Psyche vor dem Chaos schützten. Und die vielen fremden Schicksale und Wesen, in denen sich die vitalen Ansprüche jetzt manifestierten, erwiesen sich als unzureichende Surrogate für fehlendes eigenes Leben:

Ich machte aus mir, was ich nicht verstand,
und was ich machen konnte aus mir, das ließ ich bleiben.
Der Domino, den ich anzog, verfing nicht.
Man erkannte mich gleich als den, der ich nicht war;
ich wehrte mich nicht und verlor mich.
Als ich die Maske abnehmen wollte,
blieb sie am Gesicht kleben.
Als ich sie abnahm und mich im Spiegel betrachtete,
war ich gealtert.

Caeiro, der Ding-Gläubige, der Detail-Orientierte, hatte keines Gottes und keiner Götter bedurft. Sein durch die Schule der Naturwissenschaften gegangener, von Kultur und Moral aufgeweichter Erbe de Campos hingegen sah sich genötigt, auszurufen:

Wenn ich doch irgendwie glauben könnte!
… Jupiter oder Jehova oder die Menschheit –
jeder wäre mir gut genug…

De Campos – das heißt Pessoa im Zustand seines existentiellen Elends – blieb unter solchen Gegebenheiten nichts als die Flucht nach außen. Er war geradezu gezwungen, das gesamte Weltall emotional zu annektieren: „Eigentlich geht man am besten auf Reisen, indem man fühlt.“ Und um sich seines Lebens überhaupt noch als einer Realität versichern zu können, wünschte er Umstände herbei, die noch schlimmer waren als die, die ihn quälten: „Legt mich in Ketten, damit ich sie sprengen kann.“
Nachdem Pessoa in Alberto Caeiro, dem neuheidnischen „Hirtendichter“, die ausgleichende, die polar-positive Kraft seines Naturells früh, aber mit großer immanenter Konsequenz, hatte sterben lassen, besaß er (der regressive, ja reaktionäre Dr. Reis implizierte letztlich keine akzeptablen Möglichkeiten) in Alvaro de Campos nur noch ein Heteronym, das mit ihm selbst weitgehend identisch war. Wie Pessoa selbst, so neigte auch sein treuestes Geschöpf de Campos dazu, das Ich als eine unwirtliche Behausung anzusehen, die man, wann immer es ging, verließ, um in fremde Gemüts- und Bewußtseinszustände zu schlüpfen.
Die vielen Äußerungen und Aspekte de Campos’ waren also ein Reflex, eine (nochmalige) Auffächerung des gespaltenen Ego Pessoas, der disponiert war, mit de Campos festzustellen:

Ich bin ein ungeheures Kraftfeld, ins Gleichgewicht
gezwungen durch meinen Körper, gezwungen, nicht überzuquellen aus meiner Seele.

Hans-Jürgen Heise, aus Hans-Jürgen Heise: Das Profil der Maske, Claassen Verlag, 1974

Ich bin Europa

– Das Lissabon des Poeten Pessoa. –

Was beschreibt die Identität eines modernen, durchschnittlichen, also unbescholtenen und erwerbstätigen Deutschen mittleren Alters auf Reisen? Ein gültiger Reisepaß, ein Führerschein, vielleicht ein Versicherungsnachweis, Kreditkarten und ein paar „peanuts“ im Portemonnaie?
All dies habe ich jedenfalls unmittelbar nach meiner Ankunft in der portugiesischen Hauptstadt verloren. Auch wenn ein überaus freundlicher Taxifahrer vermutlich ein bißchen nachgeholfen hat: Es muß Schicksal gewesen sein, wenn ich den Anlaß meiner Reise bedenke. So wie bestimmte Ereignisketten, im Guten wie im Bösen, sich nur dann zu dem summieren, was wir Schicksal nennen, wenn es eine oder mehrere helfende Hände gibt, die in das Chaos der Zufälle ein bißchen Ordnung bringen.
So dachte ich jedenfalls an meinem ersten Abend in Lissabon und überlegte, wieviel Zeit es mich kosten würde, wenigstens einen Teil meiner nun in alle Winde zerstreuten oder im Wasser des Tejo versunkenen Identität wiederzugewinnen.
Einen Tag später segnete ich in Gedanken die Einfachheit, mit der dank der europaweiten Vernetzung von Computern meine Verlustmeldung bei der deutschen Botschaft behandelt wurde. Dort hatte ich auf einem Formblatt lediglich Namen und Vornamen, Geburtsdatum, Geburtsort und Wohnort anzugeben. Die einfache Prozedur überraschte mich ein bißchen, denn ich hätte ja zum Beispiel in Wirklichkeit ebensogut Schneider heißen können, auf der Durchreise nach Miami, oder Schmidt, ganz ohne Toupet und auf der Flucht vor dem unsittlichen Angebot eines Privatsenders.
So aber war ich schon bald im Besitz einer Bescheinigung, mit begrenzter Gültigkeitsdauer, über meine Personalien. Ich durfte provisorisch wieder glaubhaft machen, daß ich kein anderer, sondern ich selbst war. Sogar die Kreditkartengesellschaft hatte Wort gehalten und mich binnen kurzem mit allem ausgestattet, was mir das Schuldenmachen in eigenem Namen ermöglichte. Ich begab mich also am Abend zu Bett und dilettierte vor dem Schlafengehen noch ein bißchen in verallgemeinerndem Denken. Es lag vielleicht an der Ersatzidentität, die mir zugebilligt worden war, daß ich den ersten Satz, der mir einfiel, ohne Angst vor Gesichtsverlust aufschrieb: Es gibt Zeiten, da man findet, und solche, da man verliert.
Den Anlaß meiner Reise nach Lissabon, die Gedichte des Portugiesen Fernando Pessoa, habe ich in einem kleinen, dunklen Antiquariat in Bukarest gefunden, irgendwann in den siebziger Jahren, jedenfalls kurz vor oder nach dem Erdbeben, das im März 1977 Teile der rumänischen Hauptstadt verwüstete.
Es herrschte eine merkwürdige Stimmung in dem Laden, in dessen Regalen die bekannten Scharteken aus den Urzeiten des Sozialismus schon seit Jahren ihrem Ende entgegendämmerten. Keiner wollte sie haben, aber aus irgendeinem mir unbekannten Grund wurden sie nie ausgemustert, sondern mitgefüttert wie Greise, die, vom Nichtstun gezeichnet, einander im Pflegeheim von den fragwürdigen Heldentaten ihrer Jugendzeit erzählen. An die stalingrauen Buchrücken, hinter denen etwa die Kraniche zogen oder der Stahl gehärtet wurde, schmiegten sich andere, eine Originalausgabe des Reigens von Schnitzler zum Beispiel oder ein versprengter Band der Goetheschen Werkausgabe letzter Hand aus dem Jahre 1827.
Merkwürdig, der enge Raum, in dem die bücherbeladenen Regale standen, war fensterlos, und dennoch ist er in meiner Erinnerung in helles Licht getaucht. Es gefällt mir zu denken, daß dieses Licht nicht von der trüben Glühbirne unter dem schmutzigen Blechschirm kam, sondern aus einem anderen Raum, Lichtjahre entfernt von Bukarest, von Europa, von dieser Welt. Das Licht, so möchte ich es sehen, das hübsche Bild, kam aus einer geistigen Welt, deren Fenster die Bücher waren – ganz im Sinne Goethes:

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!

Das Bändchen mit den Gedichten Pessoas, das ich damals aus dem Regal zog, war eine billige, sichtbar mitgenommene, in Leipzig bei Reclam erschienene Ausgabe. Ich weiß nicht mehr, welche Gedichte ich las, stehend, frierend, hungrig, gierig nach dem Fleisch der Zeichen, nach Lebenslesezeichen. Jedenfalls spürte ich einen Druck auf der Brust, als würde der schummrige Laden sich in eine Karavelle verwandeln, die unvermutet einen anderen Kontinent erreicht, auf dem die Dinge ihre Schatten mittels Wörter und Zeichen wiedergewinnen.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort las. Jedenfalls kaufte ich das Bändchen und nahm es mit nach Hause in die Plattenbausiedlung, wo es ebenso dunkel und unbeheizt wie im Antiquariat war, nur lebten in den Zementregalen hinter den grauen Fassaden keine Bücher, sondern ganz gewöhnliche Menschen:

Entzückendes Menschenvolk, das wie die Hunde lebt, unterhalb jeder Moral, für das keine Religion und kein Kunstwerk geschaffen und keine Politik bestimmt ist! Wie lieb ich euch alle, weil ihr so seid, zu niedrig, um unmoralisch zu sein, nicht gut, nicht böse, unerreichbar für jeden Fortschritt, prächtige Fauna vom Meeresgrunde des Lebens!

Ja, dachte ich damals, hier hat ein Dichter in Lissabon zu Anfang unseres Jahrhunderts über mein Leben und das meiner Nachbarn und Freunde geschrieben, nur hat seine Post uns auf dem Meeresgrund mit einer Verspätung von mehr als fünfzig Jahren erreicht. Dort, auf dem Meeresgrund des Lebens, lebten wir, unterhalb jeder Moral, und genossen die köstliche Schönheit politischer Korruption und sehnten entzückende Skandale herbei, politische Überfälle. Dort lebten wir unterm Kreuz des Ostens und suchten am Firmament den Kometen eines Königsmordes, der den üblen Himmel der täglichen Antizivilisation mit Wundern und mit Fanfaren illuminiert!
Mit dem Königsmord in Bukarest sollte es noch ein Weilchen dauern, der Komet an meinem geistigen Firmament trug einen anderen Namen: Fernando Pessoa, der Dichter ohne Eigenschaften und mit vielen Namen, mit einer Seele so groß wie ein Kontinent, dem einzigen dieses Jahrhunderts, dem ich glaubte, wenn er nicht etwa „Ich bin ein Europäer“ sagte, sondern:

Ich bin Europa

Und ich schwor mir, irgendwann würde ich die engen, eisernen Grenzen meines Landes überschreiten und Lissabon, die Hauptstadt Europas, sehen können:

Porque eu sou do tamanho do que vejo
E não do tamanho da minha altura…

Weil ich so groß bin wie das, was ich sehe, nicht so groß, wie ich bin…

Fast zwanzig Jahre später war es endlich soweit. Ich verließ das Hotel und ging die Avenida da Liberdade entlang zum Rossio, dem Herzen, dem Brennpunkt Lissabons, der das milde Herbstlicht in den Augen der Schuhputzer so lange bündelt, bis es die Füße ihrer Kunden in Brand setzt und diese zu den Blumenverkäuferinnen gehen oder sich auf einen der Stühle aus leicht geschwungenem Metall im Café Suiça setzen und ein Glas Dao oder eine Tasse Kaffee bestellen, während die blinde Bettlerin sie mit einem Glöckchen vergeblich zu sich ruft. Vom Rossio lenkte ich meine Schritte südwärts, in die Baixa, die Unterstadt, durch den Arco do Bandeira, nicht bevor ich kurz in der Tendinha haltgemacht hätte, einer der ältesten Tabernas Lissabons mit dem Porträt Pessoas über der Theke, um einen kleinen Ginginha zu trinken, den traditionellen Sauerkirschschnaps der Portugiesen. Und schließlich die Rua dos Sapateiros entlang, von dort noch einmal kurz nach rechts bis zur Rua do Ouro, der Straße des Goldes:

Holla, ihr Straßen, holla, ihr Plätze, hollaho, la foule! Alles, was vorübergeht, alles, was an den Schaufenstern stehenbleibt! Kaufleute, Müßiggänger, allzu gut angezogene Hochstapler, deutlich erkennbare Mitglieder aristokratischer Klubs, schmutzige zwielichtige Gestalten; Familienväter, halbwegs glücklich und väterlich noch in der goldenen Kette, die ihre Weste von Tasche zu Tasche überspannt! Alles, was da vorbeigeht, vorbeigeht und nie vorbeigeht! Allzu aufdringliche Gegenwart der Kokotten, aparte Banalität – wer weiß, was dahintersteckt?

Über diese Straßen und Plätze mit ihren Menschen, hinter denen das Leben steckt, erreichte ich den Praço do Comerçio am Ufer des Tejo. Hier, so sagte mir der Freund und Begleiter, sollte sich das Café befinden, das zu Weltruhm gelangt ist, nur weil ein Dichter sich gelegentlich dort aufgehalten hat, um in der Mittagspause mit Freunden und Kollegen eine Kleinigkeit zu essen und ein Gläschen oder zwei zu trinken.
Im Martinho da Arcada war eigentlich nichts von Pessoas Geist zu spüren. Kein Dichter in zu engem Jackett vor einem Teller mit Arroz marisco. Andere Zeiten, andere Kundschaft! An den Tischen saßen braungebrannte junge Männer mit blankgeputzten Schuhen, blütenweißen Hemden und legeren teuren Jacketts über den Stuhllehnen, Bankangestellte vielleicht oder, wie einst Pessoa, Handelskorrespondenten in irgendeinem der vielen Büros in der Baixa. Nur dachten sie wohl, wenn sie allein an einem Tisch saßen, nicht an „den inneren Sinn der Dinge“ (über den übrigens, laut Pessoa, zu grübeln „so müßig ist wie an die Gesundheit denken“), sondern an die Freundin oder an den Umsatz dieses Quartals. Natürlich gehört ihnen die Welt, denn „die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille.“
An dieser Triebkraft hat es Fernando Pessoa zeitlebens gemangelt. Zwar hat er vermutlich keinen einzigen Tag seines Erwachsenenlebens, ohne zu schreiben, verbracht, was, bei großzügiger Auslegung, vielleicht auch eine Art Handeln ist. Sogar für seinen Lebensunterhalt hat er bis zu seinem Tod als Handelskorrespondent in einem der Büros in der Baixa gesorgt. Hier, in einem dieser niedrigen, schlecht beleuchteten Räume, stand er am Pult und besorgte für seinen Chef die englischsprachige Korrespondenz, während der Marelli-Ventilator die stickige Luft mit eintönigem Surren in Bewegung hielt. Hier stand er am Fenster, einer der größten europäischen Dichter, und schrieb:

Ich sehe mit Gelassenheit, ohne mehr als ein mögliches Lächeln der Seele, voraus, daß mein Leben für immer auf diese Rua dos Douradores eingeschränkt sein wird, auf dieses Büro, auf diese Menschen und ihre Atmosphäre. Etwas zu verdienen, was mir mein Essen und Trinken sichert, eine Behausung verschafft und einen geringen Spielraum in der Zeit, um zu träumen, zu schreiben und – zu schlafen, was könnte ich mehr von den Göttern erbitten oder vom Schicksal erwarten?

Und ich? Vor dem Haus in der Rua dos Douradores denke ich, was könnte ich mehr von den Göttern erbitten als das, was mir „einen geringen Spielraum in der Zeit sichert“, damit zu verdienen, daß ich auf den Spuren Pessoas durch Lissabon gehe? Zu Mittag hat er wahrscheinlich in der Taberna gegessen, die heute Antiga Casa Pessoa heißt, ein paar Schritte weit vom Büro. Und zwischendurch hat er sich, zumindest eine Zeit lang, immer wieder von seinem Arbeitsplatz entfernt, um bei Abel Pereira da Fonseca in der Rua dos Correeiros in aller Contenance ein paar Schnäpschen zu sich zu nehmen. Nach der Arbeit ist er vielleicht noch einmal ins Martinho da Arcada gegangen, oder ins Brasileira do Chiado.
Dorthin werde ich ihm heute folgen, denn, obwohl keiner ihn sieht unterwegs, er geht mir voran. Der Elevador de Santa Justa, einer der riesigen Aufzüge, mit denen der Höhenunterschied zwischen der Unterstadt, der Baixa, und der Oberstadt, dem Bairro Alto, komfortabel überwunden werden kann, ist außer Betrieb, also folgte ich der schwarzgekleideten, etwas kurzatmigen Person zu Fuß bis in die Rua Garrett. Der Poet fand einen Platz, abseits vom Licht der Straßenlaterne, an einem der kleinen im Freien stehenden Tische. Vielleicht lag es an seiner Kurzsichtigkeit, daß er so abweisend aussah. Jedenfalls hielt ich Ausschau nach einem anderen Tisch. Und siehe da, eine kleine Gesellschaft schien ihre Plätze zu räumen, an zwei oder drei zusammengeschobenen Tischen in der Mitte des Platzes vor dem Café. Der Kellner stand bei ihnen, gut gelaunt, und schwadronierte, wahrscheinlich hatten sie ihm gerade ein saftiges Trinkgeld gegeben, oder er war von Natur aus so freundlich. Ich wartete also noch ein bißchen und setzte mich dann auf einen freien Stuhl, während die Herrschaften links und rechts von mir noch lärmend miteinander redeten. Wenigstens einige von ihnen. Andere wiederum waren still und in sich gekehrt, vielleicht auch nur müde von einem arbeitsreichen Tag. Nach wenigen Augenblicken stand ein Kaffee vor mir, ohne daß ich ihn bestellt hätte. Und mein Nachbar zur Linken, der eben noch so müde ausgesehen hatte, beugte sich zu mir: „Nur eine Tasse Kaffee am Abend, das ist nicht gut, da werden Sie heute nacht nur ein Auge zumachen können“, sagte er auf englisch zu mir. „Darf ich Sie zu einem Brandy einladen, dann werden Sie beide zumachen können.“ Und schon hielt ich ein Glas, wie von Geisterhand herbeigezaubert, in der Hand und leerte es auf einen Zug, während mein Nachbar sich vorstellte. „Mein Name ist Álvaro de Campos“, sagte er, „kommen Sie aus Europa?“ – „ja“, sage ich, „und Sie?“ – „Nicht im engeren Sinn“, erwiderte er und lachte, „ich bin Europa!“ Verdutzt schaute ich ihn an. Er war durchschnittlich groß, mager, hatte dunkles, glattes, seitlich gescheiteltes Haar und trug eine altmodisch aussehende Brille. „Sie glauben mir nicht!“ rief er und lächelte verschmitzt.

Sie denken wohl, ich bin betrunken oder verrückt. Kann sein, ich bin beides. Aber ich sage Ihnen, als Schiffsingenieur und als Portugiese, der in Glasgow studiert hat, kann man gar nicht anders als die europäische Idee noch ein bißchen mehr übertreiben, als dies in Lissabon heute ohnehin praktiziert wird. Darf ich fragen, was Sie nach Portugal bringt? Denn, verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit, ich glaube sehen zu können, daß Sie nicht nur unsere Fados zu hören oder das sogenannte Rätsel unserer ,soudade‘ zu lösen hierher gekommen sind…

Ich wunderte mich, daß der Mann, obwohl Schiffsingenieur und als solcher eher ein Mann fürs Praktische, ein wenig altmodisch sprach. „Ich bin nach Lissabon gekommen“, erwiderte ich, „um nach Pessoa zu suchen.“
„Nach einer Person, uma pessoa?“ fragte de Campos. „Das ist ein bißchen wenig, um sie zu finden. Wissen Sie nicht mehr über sie? Vielleicht einen Namen, eine Adresse, einen Beruf?“
Merkwürdig, dachte ich, ein Portugiese, der Pessoa nicht kennt. Doch nach den zwei Glas Brandy am Ende eines langen Tages, an dem ich wenig gegessen hatte, drehte sich mir der Kopf, deshalb ließ ich mich auf keine Diskussion ein und sagte:

Pessoa hat mehr als nur einen Namen gehabt und noch mehr Adressen. Vielleicht deshalb habe ich ihn so schnell finden können. Dort drüben sitzt er, der Meister, und tut, als könnte er kein Wässerchen trüben…

Und ich zeigte auf die dunkle Figur am Rand des kleinen, erleuchteten Platzes vor dem Café. Mein Nachbar beugte sich zu mir, um die Schattengestalt besser sehen zu können, dann wandte er mir das Gesicht zu und sagte:

Sie scherzen, you’re joking, sir, das ist zwar, da haben Sie ganz recht, eine Person, uma pessoa, aber sie hat einen einzigen Namen und auch einen einzigen Beruf. Ich kenne den Herrn da drüben sehr gut. Es ist Bernardo Soares, Hilfsbuchhalter im Büro eines von meinen Auftraggebern geschätzten Geschäftspartners namens Vasques, der sein Kontor unten in der Baixa hat, in der Rua dos Douradores. Ich habe ihn oft genug getroffen, wenn ich Vasques besucht habe. Es stimmt, manchmal ist er schrullig, und man sieht ihn, you know, auch ein bißchen zu oft in der Tendinha, aber das reicht doch wohl nicht zum Dichter. Übrigens sagt Vasques, er verrichtet seine Arbeit gewissenhaft und ist mit seinem bescheidenen Lohn zufrieden. Stimmt’s, Vasques?

rief de Campos laut, und ein beleibter, vom Erfolg der Tagesgeschäfte oder von Alkohol leicht berauschter, schwankender Herr mittleren Alters kam herüber und setzte sich auf den freien Stuhl neben de Campos. „Chef Vasques, was sagst du“, sagte de Campos, „dieser Herr aus dem Ausland“, sagte er und zeigte auf mich, „dieser Herr ist nach Lissabon gekommen, um nach einem Dichter zu suchen, und, stell dir vor, er ist der Überzeugung, sie gefunden zu haben, die Person und den Dichter in einer Person. Und, am I right, Sir“, sagte de Campos, zu mir gewandt, „diese Person soll“, rief er in Vasques’ Gesicht, „stell dir das vor, Soares sein, dein Hilfsbuchhalter Soares… Hollaho, Soares, her mit dir, aparte Banalität, wer weiß, was dahintersteckt…“
Ich spürte undeutlich, wie de Campos mir ein weiteres Glas in die Hand drückte, während er lauthals lachte, ohne wirkliche Malice, wie mir schien, einfach lachte, zusammen mit Chef Vasques, und beide erhoben ihre Gläser und forderten mich in ihrer Sprache auf, die ich verstand und nicht verstand, ebenso zu tun und das Glas zu leeren auf das Wohl des Hilfsbuchhalters Soares, der jetzt an seinem Tisch im Halbdunkel aufstand, sich uns langsam näherte und schließlich vor Vasques stehenblieb, unsicher, wie mir schien, weil die beiden, de Campos und Vasques, immer noch lachten, und auch ich lachte, weil ich nicht wußte, was ich sonst hätte tun sollen.
Kurzsichtig, höflich, scheu, schwarzgekleidet, zurückhaltend und schlicht erschien mir Herr Soares. Er stellte sich im weiteren Verlauf dieses Abends als eher wortkarg heraus. Ich wußte auch nicht, was wir miteinander hätten reden sollen. Aus der Verlegenheit, mit der ich trotzdem den Anfang eines möglichen Gesprächs mit dem Buchhalter vergeblich suchte, riß mich wiederum der temperamentvolle de Campos: „Hier“, rief er mit seiner gesunden dröhnenden Stimme, „hier, mein lieber Herr, der Sie auf der Suche nach einem portugiesischen Dichter sind, hier haben Sie einen Menschen vor sich, der zwar auch keiner ist, der aber der Vorstellung, die ich mir von einem Dichter mache, weit mehr entspricht als Herr Soares. Dies ist mein geschätzter Freund Alberto Caeiro da Silva, Landwirt im Ribatejo und Kosmopolit, trotz der spärlichen Gelder, mit denen Europa unsere Landwirtschaft unterstützt.“
Alberto Caeiro, erfuhr ich, war nach Lissabon wegen eines längst fälligen Arztbesuches gekommen. Und mit ihm unterhielt ich mich, nachdem ich noch zwei oder drei Glas Brandy gekippt hatte, die, ich weiß nicht wie, vor mir aufgetaucht waren, über den Ribatejo, über Portugal und darüber, ob Europa für Portugal ein Mehr oder ein Weniger an Lebensqualität bringen würde. „Ich weiß nicht“, sagte Caeiro, „ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was mehr oder weniger ist. Was gäbe es weiter zu sagen? Vielleicht nur dies: Europa ist keine Beglückungsmaschine…“ Und er schaute mich mit seinen blauen, furchtlosen Kinderaugen an, auf meine Fragen antwortend, als hätte er sie schon lange, bevor ich sie stellte, gehört. Und überm Tisch spürte ich Soares’, des Hilfsbuchhalters, Augen, der unserem Gespräch nicht zuhörte, sondern zusah, ob wir, die Sprechenden, also Nichthandelnden, auch überzeugend genug äußerten, was er in uns dachte oder wir in ihm oder wir alle ineinander – Marionetten und Puppenspieler, Drahtzieher und an Drähten Zappelnde in einem, die vor dem Brasileira wirr durcheinander redeten, wie auf Geheiß eines unsichtbaren Puppenspielers weit oben im Nachthimmel über Lissabon.
Es gesellten sich im Laufe des Abends noch einige Zecher zu uns, deren Namen ich vergessen habe. Nur ein Herr Reis, Ricardo Reis, ist mir erinnerlich, dem alle Anwesenden hohen Respekt zu zollen schienen. Dann ein junger Engländer, eben aus Südafrika angekommen, namens Alexander Search, reichlich überspannt, wie mir schien, ebenso trinkfreudig wie, ein Privileg der Jugend, trinkfest.
Ich begann langsam an meinem Verstand zu zweifeln. In was für eine Gesellschaft war ich geraten? In eine Runde von Schauspielern, die sich einen Scherz daraus machten, mich, einen naiven Besucher Lissabons, in die Irre zu führen, indem sie vorgaben, nichts von Pessoa zu wissen, dennoch allesamt in die Gestalten schlüpften, die durch Pessoa ins Leben getreten waren? Das konnte nicht sein, denn die Ähnlichkeiten der Männer, die ihren Aufbruch aus dem Brasileira nun endgültig vergessen zu haben schienen, mit Álvaro de Campos, Bernardo Soares oder Alberto Caeiro, wie ich sie aus Pessoas Schriften kannte, waren zu verblüffend. Solche Ähnlichkeiten konnte man nicht spielen – und auch die Macht des Zufalls durfte keinesfalls so weit reichen. Welche unsichtbare ordnende Hand hatte also in den Ablauf der banalen Ereignisse am ersten Tag meines Aufenthalts in Lissabon eingegriffen und diese zu einem Muster geformt, das mich amüsierte und gleichzeitig erschreckte? Es war wie eine Komödie, eine ziemlich triviale Verwechslungskomödie, und gleichzeitig wie der plötzliche Einbruch einer Zeit und einer Wirklichkeit, von der ich zwar wußte, daß es sie einmal gegeben hatte, von der ich aber erwartete, sie würde bleiben, was sie war: vergangen und ohne Anrecht auf ein Wiederaufleben in meiner Zeit und in meiner Wirklichkeit.
Oder gab es gar keine ordnende Hand, keine Komödie und keinen Sprung in der Zeit, und ich war ganz einfach betrunken von den mittlerweile sieben oder acht Brandys, die de Campos mir gereicht hatte? Aber hatte ich sie auch wirklich getrunken? Abgesehen von einer leichten Benommenheit spürte ich keine weiteren Anzeichen dafür. Vermutlich hatte ich Fieber und litt, ohne zu leiden, an den Ausgeburten, die meine Phantasie, angeregt von meiner Beschäftigung mit einem vernünftigen Thema, mir vorgaukelte. Undeutlich fiel mir der Satz ein, den ich am Abend zuvor aufgeschrieben hatte: Es gibt Zeiten, da man findet, und solche, da man verliert. Ich hatte heute allem Anschein nach zwar den Verstand verloren, dafür Fernando Pessoa und die in ihm vor nunmehr achtzig Jahren zum Leben erwachten Wesen, deren literarische Werke durch seine Hand zur Niederschrift gelangt waren, gefunden. Vielleicht konnte ich mich von meinem Schrecken befreien, wenn ich einen der Sätze Pessoas beim Wort nahm:

Es ist durchaus möglich, daß später noch andere Individuen von der gleichen Art wahrer Wirklichkeit zum Vorschein kommen. Ich weiß es nicht; doch meinem Innenleben werden sie stets willkommen sein, da ich mit ihnen besser als mit der äußeren Wirklichkeit zusammenzuleben vermag.

Also gut, dachte ich, seid mir willkommen, Álvaro de Campos, Bernardo Soares, Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Vicente Guedes, António Mora, Alexander Search und Chevalier de Pas und wie ihr alle heißen mögt, an diesem Tisch. Meinethalben konnten sie alle anwesend sein an diesem lauen Abend irgendwann in den neunziger Jahren vor dem Brasileira do Chiado. Wirklich und wahr wie Lissabon. Aber „mir ist kein Beweis bekannt, wonach Lissabon je existiert hat, oder ich, oder überhaupt etwas, wo auch immer“. Hatte nicht der Buchhalter Bernardo Soares mir vor einigen Minuten noch diese Antwort gegeben, als ich ihn höflichkeitshalber gefragt hatte, ob er denn meine, daß Lissabon im Zuge der Europäisierung sein Gesicht werde behalten können? Und hatte er dabei nicht, ungewöhnlich genug, den schroffen Ernst seiner Aussage mit einem leisen, spöttischen Lächeln abgemildert, als wollte er mir ein Zeichen geben?
Nachdem ich also meinem inneren Vorsatz gefolgt war und wenigstens für diesen Abend die Möglichkeit akzeptiert hatte, daß die Herrenrunde auf der Terrasse des Cafés tatsächlich aus Gestalten bestand, die vor Jahrzehnten im Inneren einer anderen Person zu leben begonnen hatten, ohne ihre Existenz (da diese doch nur in der inneren Realität Pessoas von ihren Biographien begrenzt war) jemals wirklich zu beenden, begann ich mich wohler zu fühlen. Und zum Schluß fand ich den Spuk nicht nur durchaus erträglich, sondern bei weitem angenehmer und anregender als den wirklichen Spuk mancher Literatenrunde, den ich nüchtern und bei klarem Verstand zu Hause in Deutschland erlebt hatte:

Was kann ein sensibler Mensch angesichts des Mangels an Zeitgenossen, mit denen sich der Umgang lohnt, Besseres tun, als seine Freunde oder zumindest geistigen Weggefährten selbst zu erfinden?

Vielleicht lag es daran, daß ich mich selbst für gar nicht so sensibel halte, daß ich spät nachts beschloß, die Herren zu verlassen und mich ins Hotel zu begeben. Auch wenn der Brandy, den ich getrunken zu haben meinte, vielleicht nur imaginär war, in diesen Mengen mochte er mich dennoch mit einem sehr realen Kater am nächsten Morgen an der Ausübung meiner Pflichten hindern. Ich verabschiedete mich also von meinen neuen Freunden, die es, wie sie mir versicherten, zutiefst bedauerten, daß sie mich nicht mehr sehen würden in Lissabon, da sie allesamt am nächsten Tag verreisen müßten, der eine dahin, der andere dorthin. Nur Herr Soares sagte leise, er sei jeden Abend hier im Brasileira, bei gutem Wetter auf der Terrasse, wir könnten ja noch eine Tasse Kaffee miteinander trinken. Sprach’s und setzte sich, mit Hut, Monokel und Spazierstock, an seinen Tisch vorm Eingang zum Café.
Je mehr ich mich die Rua Garrett hinunter zur Baixa vom Brasileira entfernte, desto mehr entwirrten sich meine Gedanken. Und als ich die Avenida da Liberdade zum Hotel ging, war ich vollends nüchtern. Eine Veränderung, so schien mir, war allerdings geblieben. Die Leute, die ich auf meinem Weg durch die Lissaboner Nacht traf, verliebte Paare, verspätete Zecher, ein junger Taxifahrer, der, auf Kundschaft wartend, eine Zigarette rauchte, während aus dem Autoradio die Stimme Michael Jacksons gellte, zwei ärmlich gekleidete Kinder, die vor einem Plakat standen, das mit dem Fortschritt für eine politische Partei warb – ich sah sie mit anderen Augen an. Es waren Menschen, die ich nicht kannte und nie kennen würde, aber es waren Menschen, wie alle anderen, die ich nicht kannte und nie kennen würde, deren Nähe ich mir wünschte. Sie waren banal und unaufdringlich apart wie die Sterne am Nachthimmel über Lissabon, einer europäischen Hauptstadt ohne jede Hybris. Vorm Einschlafen blätterte ich noch ein bißchen im Buch der Unruhe und las:

Ich erschuf in mir verschiedene Persönlichkeiten. Ich erschaffe ständig Personen. Jeder meiner Träume verkörpert sich, sobald er geträumt erscheint, in einer anderen Person; dann träumt sie, nicht ich. Um erschaffen zu können, habe ich mich zerstört; so sehr habe ich mich in mir selbst veräußerlicht, daß ich in mir nicht anders als äußerlich existiere. Ich bin die lebendige Bühne, auf der verschiedene Schauspieler auftreten, die verschiedene Stücke spielen.

Das letzte, woran ich mich erinnere, war mein Vorsatz, in dieser Nacht nicht zu träumen und am nächsten Morgen durch Lissabon mit den Augen des Realisten zu gehen – mit der Triebkraft des Willens, der einzigen, die zum Handeln führt.
Und siehe da, am nächsten Morgen erwachte ich in meinem Hotelzimmer erfrischt und ohne Kater, auch ohne unnötige Nachdenklichkeit über die merkwürdige Gesellschaft, mit der ich den Abend und die halbe Nacht verbracht hatte. Mit dem festen Willen zum Handeln trat ich auf die Straße, besuchte ich eine der winzigen Behausungen, in denen Pessoa gewohnt hatte, bestaunte ich in der Wohnung der Nichte des Dichters die berühmte Truhe, in der Pessoa seine Werke beziehungsweise die Werke der Spukgestalten, die ich kennengelernt hatte, bis zu seinem Tod aufbewahrt hatte.
Und ich wanderte durch die Stadt und sah, wie Europa ihr das geistige Erbe, das es von Portugal erhalten hatte, vergalt: mit dem Willen zum Handeln und, mehr noch, mit jenem zum Handel. Auf diesen ist das Land mehr als auf alles andere angewiesen. Aus den ehemaligen Kolonien kommen kaum noch Waren, die sich nicht auch anderswo besorgen lassen. Von dort kommen nur noch Menschen, fremde Menschen mit einer anderen Hautfarbe. Eine Million Einwanderer sind in den letzten Jahren nach Portugal gekommen – und das bei einer Gesamtbevölkerung von etwa zehn Millionen: Das stellt die traditionelle Toleranz der Portugiesen auf eine harte Probe.
So wie es die Toleranz eines modernen Kulturtouristen auf eine harte Probe stellt, wenn er sieht, wie die Bekleidungsgeschäfte auf der Rua do Ouro den Boutiquen auf der Düsseldorfer Kö oder der Maximilianstraße in München immer ähnlicher werden. Der sogenannte Patriot fürchtet sich halt davor, zu Hause etwas zu sehen, was ihm eindeutig fremd vorkommt – etwas, was nicht „hierher“ gehört. Der andere, der sogenannte Kosmopolit, ist enttäuscht, wenn er im Ausland etwas bemerkt, was ihn, austauschbar und diffus, an zu Hause erinnert – auch etwas, was nicht „hierher“ gehört. Beide, der sogenannte Patriot und der sogenannte Kosmopolit, haben oft Streit miteinander, weil sie Verwandte ersten Grades sind. Wie der Aufklärer und der Mystiker, die autistischen Antipoden unserer Zeit. Unter dem Vorwand, sie illuminierten die Welt, kreisen sie immer schneller, ohne sich im mindesten zu bewegen, um sich selbst. Der einzige Unterschied: Des einen Motor ist die Ultima ratio des Gefühls, der andere glaubt an das Sonnensegel der Vernunft auf seiner Reise über den Meeresgrund des Lebens.
Die Blumen- oder Fischhändler aus Lissabon, natürlich sind sie sowohl Patrioten als auch Kosmopoliten. Aber sie sind beides nur am Rande. Beide sagen, Blumen, oder eben Fische, würden immer gebraucht, nur das Geld, ja das Geld sei immer weniger wert. Und das Leben schwerer als früher.
Fortschritt durch Europa – das ist natürlich eine europäische Idee. Und Portugal liegt in Europa, wenn auch am äußersten Rand, dort, von wo es nur ein Affensprung ist bis zu den Felsen Gibraltars. Vielleicht liegt es an dieser Randlage, daß der Schriftsteller Jose Saramago in seinem Roman Das steinerne Floß eine Idee entwickelt hat, wie sein Land einen eigenen Fortschritt verwirklichen kann, ohne den Zwängen Europas, zu dem es gehört, gehorchen zu müssen:

Nun also, beenden wir endlich, was in der Schwebe harrte, verändern wir kraftgewaltig mit Hilfe des Wortes, was vielleicht nur durch das Wort veränderbar ist, gekommen, o ja, gekommen ist der Augenblick zu sagen, daß sich die Iberische Halbinsel plötzlich entfernte, in Gänze und überall gleichmäßig, zehn Meter jäh, wer wird es mir glauben, es rissen die Pyrenäen von oben bis untenhin auseinander, als wäre eine unsichtbare Axt aus den Höhen herabgesaust, hinein in den tiefen Riß, und hätte Stein und Erde bis auf die Sohle des Meeres gespalten (…)

„Allein und stolz“ – dies sollte nach dem Willen des Diktators Salazar die Devise des portugiesischen Volkes sein. Die Metapher des kommunistischen Schriftstellers Saramago erinnert an diese Devise. Losgelöst – ausgerechnet zusammen mit dem großen, ewigen Rivalen Spanien – von dem Ballast Europa, gelöst also und selbstbewußt, so soll Portugal seinen Weg finden, zunächst weg von Europa: Merkwürdig, daß ideologische Gegner, Leute also, die von einem Punkt in entgegengesetzte Richtungen gehen, einander wider Willen als Antipoden begegnen – mit vergleichbaren Ansichten.
Salazars nationalistische, rechts extreme Variante der britischen splendid isolation hat abgewirtschaftet. Und auch Saramagos tektonische Trennung Portugals von Europa – sie bleibt Gott sei Dank eine wortgewaltige Fiktion, die Erfindung eines Schriftstellers.
Lissabon ist also noch längst nicht die Hauptstadt Europas, so wie ich es mir auf jener antiquarischen Karavelle in Bukarest vorgestellt hatte, doch hat die Stadt es im vergangenen Jahr immerhin bis zur Kulturhauptstadt Europas gebracht.
Dies zu sein – das kommt heutzutage mancherorts einem Erdbeben gleich. Zwar habe ich in Lissabon keine Toten gesehen, keine Brände und keine einstürzenden Gebäude. Dafür riesige Krater, von Baggern und Kränen geschlagen, an deren Rand sich der Blick ins scheinbar Bodenlose öffnet. Der größte Krater öffnet sich zwischen den alten Häusern des Chiado. Den ganzen Tag über stehen die Schaulustigen an der Begrenzung dieser monströsen Baustelle und schaudern beim Blick in die Tiefe, als suchten sie dort immer noch die vom Feuer zerstörte Pastelaria Ferrari mit ihren Kirschbaumtäfelungen und den darin eingelassenen Klöppelarbeiten aus dem vorigen Jahrhundert. Als würden dort unten immer noch, wie früher, die älteren, reichen Damen Lissabons zum Tee vor der Theke aus Palisanderholz zusammenkommen und sich über die modernistischen Schriften eines gewissen Pessoa in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Orpheu echauffieren, während wir draußen warten, ihre Chauffeure, ihre Buchhalter oder Boten:

Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in einem Geschäft mit einem anderen Stoff in irgendeiner andern Altstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir summieren und gehen dahin; wir schließen die Bilanz und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns.

Am Abend vor meiner Abreise ging ich von der riesigen Baugrube, in der sich die Biographien Lissabons seit dem Erdbeben von 1755 wie in einem Antiquariat der Sedimente aneinanderschmiegen, noch einmal in die Rua Garrett zum Brasileira do Chiado. Wer weiß, vielleicht würde ich ja Herrn Soares noch einmal treffen und mit ihm bei einer Tasse Kaffee jenen merkwürdigen Abend Revue passieren lassen, an dem wir uns kennengelernt hatten. Und wirklich, schon von weitem sah ich ihn, immer noch mit Hut, Monokel und Spazierstock, an „seinem“ Tisch vor dem Eingang zum Café sitzen. Und als ich schon fast vor ihm stand, sah ich, wie eine Taube auf seinem Hut saß und Kuchenbrösel pickte, die eine Frau ihm auf die Krempe gestreut hatte. Als ich mich setzte, flog sie weg. Aber der Hilfsbuchhalter blieb nicht lange allein. Eine Gruppe Kinder kam, deren zwei sich auf seine Knie setzten, während die Frau, die die Kinder begleitete, lachte und einen Fotoapparat zückte.
Ich trank einen Kaffee mit Herrn Soares, der sich nicht im geringsten bewegte. Es war Pessoa, in Stein oder Bronze, ich weiß es nicht mehr. Er saß hier, nicht begraben, neben Rosenstöcken, im Kreuzgang des Jeronimo-Klosters, des portugiesischen Pantheons. Hier saß er, umgeben von Zechern und Kindern, tausendfach fotografiert von Leuten, die nichts von ihm wußten. Dann stand ich auf und dachte daran, mir für den nächsten Morgen rechtzeitig ein Taxi zum Flughafen zu bestellen.

Werner Söllner, Sinn und Form, Heft 1, Januar/Februar 1997

 

Hans-Jürgen Heise: Rangierbahnhof fremden Lebens

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG + Stadtbild

 

 

Fernando Pessoa – Dokumentation.

4 Antworten : Fernando Pessoa: Ich legte die Maske ab”

  1. Walter sagt:

    Beim Lesen von Fernando Pessoa (in Übersetzung): Immer wieder von neuem zutiefst beeindruckt von seiner traurigen Genialität. Ich kenne kaum einen Dichter, der – in poetischer Art – so tief in das Wesen der Dinge eindringt wie Pessoa – und der gleichzeitig so wenig darauf abzielt, in das Wesen der Dinge einzudringen. Ich kenne kaum einen Dichter, dem das Gewöhnliche, der Alltag Anlass für Gedankenflüge in atemberaubende Geisteshöhen ist uind der doch im Alltäglichen Zuflucht sucht, um in diesen sauerstoffarmen Höhen nicht vorzeitig das Leben zu verlieren.

  2. Melancholie angesichts der Vergänlichkeit bei Sehnsucht nach Größe. Ist das nicht ein Merkmal verdruckster Dichtung im Faschismus? Und zeigt die Frage nicht ebenso auf den Traum wie auf die Angst, Stellung für die Freiheit zu beziehen?

    Bewarb er sich nicht um eine Auszeichnung von Diktatoren?

    Wenn man im goldenen Käfig singt, warum singt man dann das Lied des Goldes statt das des Himmels?

    Es ist nicht die Welt, es ist nicht das Ich. Stets nur ein Teil davon – und versteckt hinter Marionetten eines Autors.

  3. Man singt die Lieder, die man singen muss, darf und kann.
    Melancholie angesichts der Vergänglichkeit, Sehnsucht nach Bleibendem und nach Größerem und auch, und warum nicht, nach Größe –
    kennt diese Sehnsüchte nicht jeder und werden sie nicht ausgedrückt und besungen von sehr vielen Dichtern?
    In dieser Sehnsucht und in ihrem Ausdruck durch Pessoa und seine Alter egos liegt nichts Faschistisches und schon gar nichts Verdruckstes, denke ich, es sind sehr persönliche und doch unviverselle Sehnsüchte.

  4. Mario sagt:

    Nur beschränkte Kleingeister lesen in alles und fast jeden Autor politisch-ideologische Absichten hinein. Und ganz ehrlich: Wenn das Werk frei von solchen Absichten ist, und das ist Pessoas Werk dann ist es mir vollkommen gleichgültig wie die persönlichen Überzeugungen eines Autors sind. Die Größe eines Dichters zeichnet sich dadurch aus ob er es vermocht angesichts seines Werkes unsichtbar zu werden und vollkommen hinter demselben zu verschwinden. Und das ist Pessoa gelungen. Mich interessieren keine Biographien und politische Literatur ekelt mich an. Dies ist auch der Grund warum das Werk Brecht’s mir ungenießbar ist. Literatur sollte extraordinär, formvollendet und elitär sein. Die Dichter welche diese Ideale auf noch beeindruckender Weise verkörpern als Pessoa sind, um nur drei zu nennen- Stefan George, Rudolf Pannwitz (Dichter & Philosoph) und vor allen Anderen Algernon Swinburne!

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