E

E

 

 

ENGLAND

 

 

 

ENGLÄNDER

 

 

 

(vgl. IOSSIF,
WEIBLICH-
KEIT)

 

Unter E wäre – man vergleiche etwa »Das Absurde bei Beckett«, »Das Politische bei Brecht« – über Das Englische bei Gogol zu dissertieren, über das Gogolsche Englandbild, über Gogols Verhältnis zur englischen Gothik, über eine bisher unbekannte englische Vorlage zu Gogols »Petersburger Novellen«, über Gogols Menschenbild (mit besonderer Berücksichtigung der in seinem Prosawerk rekurrenten englischen Exzentriker und Emigranten). Aus Platzgründen sei hier nun aber lediglich daraufhingewiesen, daß Gogol im Hochsommer 1836 auf einem »gar zu komischen Ball« – wohl in Aachen, vielleicht auch in Aarau – erstmals persönlich mit Vertretern der englischen Nation bekannt geworden ist und mit einem von ihnen (»wie ein Ziegenbock«) Walzer getanzt hat, denn »an Damen fehlte es, aber Männer hatten sich in ungewöhnlicher Menge eingefunden – Männer mit und ohne Schnurrbart. Die meisten waren Engländer. Ein Engländer ist ein Mensch von ziemlich hoher Statur, der sich immer ziemlich ungeniert hinsetzt, der Dame (mir!..) den Rücken zugekehrt und die Beine übereinandergeschlagen. Ach …« Wenn übrigens Mandelstam gesprochenes Englisch als »durchdringender denn eine Pfeife« (morr pyerrsink tänn ä wissel) empfindet, so gewiß nur deshalb, weil er Gogols »Tote Seelen« gelesen hat. In den »Toten Seelen« jedenfalls macht Gogol sich lustig über jene Russen, die sich, indem sie ein »Vogelgesicht« schneiden, um die korrekte Aussprache englischer Laute bemühen und es doch nie zur »artikulatorischen Finesse eines Raben« bringen. Gogol spricht an jener Stelle ausschließlich von den Lautqualitäten, nicht von der Bedeutung – oder gar vom Sinn – englischer Wörter. Denn in genanntem Poem findet sich auch ein Hinweis darauf, daß »die Sprache der Britischen« ausgezeichnet sei durch »subtile Herzenskenntnis (serdzewedenije) und weise Lebenserfahrung«; inhaltlich könne diese Sprache »durchaus tief«, lautlich jedoch »kaum menschlich« sein.1

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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